Ich meinte es gut. Trauere nicht über Leid. Schmerz erhöht.«

Vögelchen begann zu weinen, lautlos wie immer, wenn es weinte. Große

Tränen rollten aus leuchtenden Augen über ein bewegungsloses Antlitz. So

war Vögelchens Weinen. Mannsthal saß an ihrem Bett und küßte ihr Stirn

und Haar. Sein Taschentuch, dem ein seltener, ihr unbekannter Duft

entströmte, trocknete langsam die mählich versiegenden Tränen. Am

folgenden Morgen saß Arabella, vom Schlaf erquickt, am Strande beim

Frühstück. Die Leute schienen nun nicht mehr für sie vorhanden, obwohl

die prunkvolle Ankunft Mannsthals nicht ohne Wirkung auf ihr Benehmen

geblieben war. Vögelchen aber bemerkte es nicht, sie sah niemanden, sie

wartete auf Va. Adalbert Mannsthal erschien im indischen Seidenanzug und

erregte die Aufmerksamkeit der Sommergäste. Er küßte Vögelchens Stirn,

im Flüsterton unterhielt er sich mit ihr. »Wie ich höre, war es die

Maquard, die hier war. Ich werde mich nach ihrem Befinden erkundigen.«

»Du kennst sie?«

»Wer kennt sie nicht?«

Vögelchen errötete.

»Eine so schöne Erscheinung,« fügte er hinzu. »Eine scharmante Frau. Ich

werde sie bitten, dir bei ihren Kaufleuten einige neuartige Kleider und

was du sonst noch brauchst zu bestellen. Da sie dich kennt, wird sie das

Richtige treffen. Sie hat dich ja auch entkleidet gesehen und weiß

ungefähr deine Maße, nicht wahr?« Wieder errötete das Mädchen und

blickte auf ihren Teller herab. Mannsthal lächelte fast unmerklich.

»Wird es dir Freude machen, Ari, wie eine kleine Prinzessin gekleidet zu

gehen?« sagte er dann. »Sieh mich doch an.« Er zwang ihren Blick in den

seinen. »Denn wenn wir jetzt reisen, brauchst du schöne Dinge.«

Vögelchens Hände klammerten sich an seinen Arm und mit verzücktem

Ausdruck preßte sie die Lippen zusammen, als müßte sie ein Jauchzen in

ihrer Brust verschließen.

»Nun ja, wir wollen jetzt reisen, da du nun einmal unter die Menschen

gegangen und an ihnen klug geworden bist,« antwortete er. »Nun bleibst

du ja auch eine Weile bei mir?« Sie preßte seine Hand: ein glühendes

Versprechen.

Vögelchen sah mit Erstaunen, wie er, den sie lässig und oft müde

gekannt, die Segel meisterte. Sie war stolz darauf, daß er sich Normayr

zur Seite stellen konnte. Wie er nun zur Maquard fahren wollte, machte

sie sich eiligst bereit, ihn zu begleiten. Ihr Gesichtchen wurde

nachdenklich, als er erklärte, sie nicht mitnehmen zu können. »Nicht

etwa, weil ich sie aussätzig finde, wie diese Leute hier.« Da hob sie

den Kopf und sagte eigensinnig: »Du willst allein sein mit ihr.«

Vögelchen blickte Mannsthal an vom Kopf bis zu den Füßen. Sie schien

erst jetzt bewußt zu empfinden, daß er ein Mann sei, und so gut wie ein

anderer mit jener Frau in einer dieser geheimnisvollen Verknüpfungen

stehen konnte, von denen die Leute gemunkelt hatten. Sie gedachte der

seltsamen Nacht und Schauer von Ahnungen durchbebten sie. Zugleich

empfand sie Eifersucht und verfiel in Unmut. Mehr als Ärger war es, der

sich schon bis zu Zornausbrüchen bei ihr steigern konnte, wenn sie sich

vor Rätseln sah, die den Andern völlig klar waren. Er gab nach, verschob

den Besuch. Sie machten eine Spazierfahrt, stiegen aus und gingen durch

ein benachbartes Dorf. Sie trafen dort den jungen Normayr mit einem

älteren Offizier. Er erschrak, grüßte ehrerbietig. Vögelchen nickte ihm

zu. »Das war er,« sagte sie nach einer Weile.

»Ich dachte es mir,« sagte Mannsthal erschauernd. Dann schwiegen sie.

Aber auf der Rückfahrt nahm er plötzlich ihren Kopf zwischen seine Hände

und küßte sie. Vögelchen sah eine Träne in seinem Auge.

»Va,« rief sie und drückte seine Hände leidenschaftlich an die Lippen.

Als Vögelchen nach dem Essen auf ihr Zimmer gegangen war, schritt

Mannsthal etwa zehn Minuten den See entlang. Dort stand sein Wagen. Er

fuhr zur Maquard.

Des Morgens war er zurück. Nun wußte er mehr, als ihm lieb war. Die

Maquard hatte ihm vorgearbeitet. Vielleicht hatte sie seine Absichten

unbewußt gefördert. Er verschwieg Vögelchen den Besuch, ja er versuchte

diese Begegnung in ihrer Erinnerung zu verdunkeln. Andere Eindrücke

sollten sie verdrängen. Indessen kamen die Koffer mit den bestellten

Kleidern, Mänteln, Hüten, Schuhen, mit blütenfeiner Wäsche, neuen

Gepäckstücken und Toilettegegenstände mit Vögelchens Namenszug

»Arabella«. Das Kind freute sich und auch das Mädchen schon, das

gefallen wollte. Das Vögelchen von früher hätte manches abgelehnt von

den neuen Dingen, die allerdings die Maquard mit seltenem Gefühl der

Anpassung gewählt hatte. Ihre Jungfer hatte zurechtgemacht, was da und

dort noch fehlte, und Vögelchen meinte, sie wäre zu ihr von einer

Putzmacherin gesandt. Tags darauf veranlaßte Mannsthal die Übersiedlung

in einen Gasthof an einen der benachbarten Seen, wo er Vögelchen mit dem

Diener Camill allein ließ, um einige Geschäfte zu ordnen, ehe sie die

Auslandsreise antraten.

Vögelchen · 第 7 / 74 题