Sie dachte nach. »Ja,« sagte sie. »Aber Sie? Nein.«

»Auch mich, aber das ist nichts.« Er machte eine Handbewegung, als

schöbe er etwas weit weg, und immerzu noch lächelte er unter dem Glück,

daß sie wieder zu ihm gekommen. »Auch mich, aber Ihre Liebe gehört allen

und niemandem. Sie bleiben nirgends. Ihr Herz hat Flügel. Es saugt sich

dort an und da an und es wird süß werden wie Honig. Dies ist der Sinn

Ihres Lebens, Honig des Herzens zu geben und den Gesang Ihrer Seele. Sie

werden nicht Landschaften malen, nicht auf den Brettern agieren und

nicht studieren, es sei denn, Sie täten es einem Menschen zulieb. Sie

werden nicht sticken und Bücher lesen, und ich glaube, daß Sie niemals

ein Kind haben werden.«

Vögelchen hatte still zugehört. Jetzt kam Bewegung in sie. »Ich will

Kinder haben, sehr bald will ich kleine Kinder haben. Nächstes Jahr

vielleicht schon,« sagte sie.

Kruger lachte, aber plötzlich standen seine Augen voll Tränen. Er hatte

tagsüber in Ekstase gearbeitet und war sehr erregt. »Deine Wiege stand

im Wüstensand, im Land des Morgens,« sagte er mit weitausschauendem

Blick, als predigte er. »Ehelich gebunden bist du, ehe du zum Weibe

wardst. Du bist gebenedeit, denn zwischen dir und Gott ist kein Ich und

Du.« Und plötzlich beugte er sich herab, rasch hinknieend wie ein

Frommer, der eine Kirche verläßt, und küßte den Saum ihres Kleidchens.

Sie warf eine Blume, einen himmelblauen Enzian, auf ihn herab. Er barg

ihn in seiner Brust.

Am Kiesweg knirschte ein Tritt. Camill, der Kammerdiener, stand hinter

ihnen.

»Der gnädige Herr sind angekommen,« sagte er.

Student Kruger war nun abgesetzt. Er war jetzt ganz auf Camill

angewiesen, der eine starke Anziehungskraft für ihn hatte. Wenn

Vögelchen zur Ruhe gegangen war, pflegte er mit ihm, der gern trank, im

Schankzimmer des Gasthofes zu sitzen. Diese Freundschaft anzubahnen,

schien ihm wichtig. Durch Camill hoffte er Vögelchens Wege verfolgen zu

können. Der Diener sprach nicht wenig von schlüpfrigen Dingen und

Student Kruger, mißratener Hofratssohn und Hörer der Theologie, vernahm

sie mit Verständnis und Wohlbehagen. Er erfuhr auch einiges über

Mannsthal, den er als Vögelchens Besitzer bewunderte und haßte. Camill

ließ Andeutungen fallen von Abreibungen, elektrischen Kuren, von

Medikamenten und Bädern, von gymnastischen Übungen, die alle der

Erhaltung jugendlicher Manneskraft dienten. Konrad Kruger versuchte sich

heimlich in ähnlichen Prozeduren und sie hatten die Wirkung, daß Minna,

das Schankmädchen, ihm eine Ohrfeige gab. Eine Reihe von Gedichten

entstand aus dem neuentfachten Brand seiner Sinne. Sie verklärten sich

alle ins Mystische und alle waren an Ariel-Vögelchen gerichtet, das ihm

von ferne ernsthaft zulächelte. Mannsthal hatte die Versuche, ihm Kruger

näher zu bringen, mit leichtem Spott abgewiesen.

Da geschah es am Tage vor der Abreise, daß am späten Nachmittag eine

Dame vorfuhr und nach Mannsthal fragte. Suchend irrte ihr erregter Blick

umher. Sie war beinahe korpulent, was zu ihrem merkwürdig zarten, von

Leid gezeichneten Gesicht im Widerspruch stand. Vögelchen sah, wie

Mannsthal vorsprang und sich mit bleichem Gesicht kühl und wie abwehrend

verbeugte. Die Dame sah forschend auf Arabella und ein schmerzliches,

mit Neugier gepaartes Lächeln streifte sie. Dann folgte sie Mannsthal,

der ihr Vorwürfe zu machen schien, in das nahe Wäldchen.

Vögelchen war sogleich von Argwohn erfüllt. Sie haßte es, von fremden

Leuten betrachtet zu werden. Blicke krochen ihr bis an die Haut und

verursachten ihr oft Unbehagen. So hatte sie sich auch unter diesem

Lorgnettieren abgewandt und den forschenden Blick durch eine rasche

Umdrehung der Schultern gleichsam abgeschüttelt. Eine vielleicht

geplante Annäherung der Dame schien dadurch augenblicklich unmöglich

geworden. Arabellas Mißtrauen war nach den Erlebnissen in K.

begreiflicherweise noch nicht geschwunden und, wäre sie nicht Kruger

begegnet, der ihrer innern Welt schon durch die Hemmungslosigkeit seiner

Rede näher stand, sie hätte den Zweifel an einen möglichen

Zusammenschluß mit Menschen nicht so bald überwunden. Aber noch

beherrschte er sie. Mit dieser Fremden wollte sie nicht sprechen. Va

schien über ihr Kommen erzürnt. Eine geplante Segelfahrt war nun

überdies versäumt. Obwohl Arabella zu einem Buch griff, war sie

innerlich aufgewühlt und las nicht. Sie ahnte wieder die Geheimnisse,

die um sie wuchsen, wie undurchdringliches Gestrüpp. Ein Gefühl, aus

Trotz und Scham gemengt, drängte jede Frage zurück. Dennoch zehrte

Neugier an ihr und Grübeln, ob sie mit Wissen ein Drohendes,

Unheimliches nicht würde bannen können.

Kruger lag im Walde, als Mannsthal mit der Dame herankam. In seiner

grünen Lodenjoppe war er vom Moosboden nicht zu unterscheiden. Er las.

Da hörte er eine Frauenstimme erregt sagen: »Bitte, setzen wir uns doch

endlich, ich bin müde.« Die nächste Bank war nicht in Hörweite. Student

Kruger kroch auf allen Vieren, bis er Brocken des Gespräches erhaschen

konnte.

»Was nützte dir der neuerliche Prozeß? Sie ginge ja doch nicht mit dir.

Willst du das Kind gegen seinen Willen zwingen?« Dann hörte er weiter

aus Mannsthals Munde das Wort »Erbin«. »Du willst ihr ein glänzendes

Leben verscherzen? Du, eine Fremde! Denn sie kennt dich ja nicht mehr.«

Die Frau antwortete: »Ein glänzendes Leben? Du wirst sie zugrunde

richten. Du hast eine Wilde aus ihr gemacht. Ich dulde das nicht

länger.«

»Man hat dich nicht gewarnt? -- Urbacher? Oder spionierst du?«

»Nein, verdächtige niemanden. Gewissen --«

»Warum schwieg es denn damals? Warum hast du das Kind deinem Mann

geopfert, der von mir bezahlt war? Muß ich dich wieder daran erinnern?«

Die Stimmen wurden lauter.

»Du lügst. Deine Spitzfindigkeiten boten uns keinen Ausweg.«

»Willst du endlich seine Unterschrift sehen? Ich habe diese kleine

Kostbarkeit immer bei mir. Für alle Fälle.«

»Aber ich dulde nicht, daß du im Ausland lebst. Daß du das Kind

verschleppst.«

»Sie haben keine Rechte zu verbieten.«

»Und wenn ich dich verdächtige, daß du nicht als Vater an ihr handelst?«

»So werde ich vor den gröbsten Mitteln nicht zurückscheuen. Noch einmal

solch ein Überfall und ich erzähle Arabella alles.«

»Willst du ihr verächtlich werden?«

»Willst du, daß sie die Erinnerung an dich, daß sie das Wort >Mutter<

für immer austilgt?«

»Erpresser,« sagte die Frau.

»Du reizt mich zum Äußersten. Du weißt, ich liebe sie unüberwindlich,

mehr als Recht und Ehre. Kehr' in dein Leben zurück, das du dir

freiwillig gewählt hast, und beunruhige das Kind nicht.«

Die Frau stand auf. »Treib' es nicht zu weit. Gott gebe, daß ich dir

Unrecht tue. Aber auch, wenn du reist, werde ich Mittel finden, das Kind

im Auge zu behalten.« Sie schluchzte. Sie entfernten sich. Kruger sprang

auf. Er lief durch den Wald bis zu jener Stelle, wo die Fahrstraße

ansteigt und Wagen im Schritt fahren. Dort wartete er. Als das Gefährt

herankam, grüßte er.

»Auf ein Wort, bitte.« Die Dame fuhr erschrocken auf und fragte:

»Was wollen Sie?« Ein Bettler war das nicht.

»Ihre Adresse,« sagte Kruger -- »für alle Fälle.«

Die Dame erbleichte. »Wer sind Sie,« stieß sie hervor.

»Wozu? Nebensache. Zu Ihrem Vorteil frage ich. Geben Sie zumindest eine

Deckadresse. Den Namen Ihrer Tochter Arabella zum Beispiel. Welches

Postamt?«

Die Dame sah den Menschen an. Sie besann sich mühselig. Zögernd nannte

sie das Verlangte. Kruger zog rasch den Hut und verschwand im Walde.

Vögelchen konnte nicht einschlafen. Sie saß auf ihrem Balkon im Dunkel

und kämmte ihr Haar. Sie tat das gern und immer länger, als es nötig

war. Vor dem Gartenhaus sah sie Kruger herumwandern. Er sah ernst und

vergrämt aus, schwer von Wissen. Mannsthal hatte sich zurückgezogen und

ihr jede Frage abgeschnitten. Er wollte sie nicht mehr belügen. Seitdem

er sie in ein neues Leben aufgenommen, versuchte er so ehrlich zu sein

als möglich. Später würde er ihr für alle Teile gleich schonungslos die

Wahrheit sagen. Später! Vögelchen starrte auf das Licht seines Zimmers.

Jetzt losch es. Zorn stieg in ihr auf. War sie denn immer noch das Kind,

dem versagt wird, was der bloße Anstand erforderte? Aufklärung von

Vorgängen, die sich vor ihr abspielten und dies alles mit

Selbstverständlichkeit. Ihre Freundschaft mit Urbacher, mit dem

Studenten, wortlos wurden sie ihr genommen. Warum war dies zwischen ihr

und Va, daß sie nachts sich nicht mehr zu ihm getraute, wenn ihr

ängstlich zu Mute war? Alles schien ihr nun unnatürlich. Wie

traumverloren stand sie auf, stieg mit ihren roten Pantöffelchen und

aufgelöstem Haar zu dem Menschen, den sie da unten bei der Arbeit wußte,

zu ihm, der die Tore seines Wesens für sie aufgeschlossen hatte. Morgen

würden sie ja reisen. Da mußte alles anders werden. Dann würde wohl auch

Va sie einnehmen in sein eigenes Leben. Aber, wenn das nicht geschah?

Wenn sie allein bliebe? Gab es einen Weg aus ihrem Bangen? Nun würde sie

Kruger Adieu sagen und seinen Predigersegen empfangen. Als sie so

plötzlich vor ihm aufstieg, weiß und lautlos, griff er in die Luft, als

gelte es eine Erscheinung zu fassen: »Wieder auferstanden?« sagte er

grinsend.

»Schweig,« flüsterte sie. »Va braucht uns nicht gleich zu hören und

Camill verrät uns.«

»Nein, der tut es nicht, und wenn auch? Morgen fährt Frau Arabella

Mannsthal in die Welt.«

»Ja, morgen fahren wir in die Welt.«

»Du Glückliche,« seufzte Kruger, »wenn du wüßtest, wie ich mich

hinaussehne, wie ich es erlechze, die weißen Firne im Spiegelbild der

blauen Seen zu erblicken, die berühmten Stätten der Kunst, die uralten

Baudenkmäler, deren lebendiges Geschehen mir gegenwärtig ist! Wie ich

mich nun doppelt sehnen werde, in diese schon von alter Kunstheiligkeit

schaurig gewordenen Kirchen zu treten. Wird er dir auch alles zeigen

können, wie ich es könnte? Wird er dich beten lehren und dichten, wenn

Bewunderung keine täglichen Worte mehr findet? Wird er jene

unzerreißbaren Fäden ziehen, die unsere Sterblichkeit an das göttliche

Ewige binden? Für dich müßten die Steine wieder ihre alten Worte finden.

Von den Wänden der Kapellen müßten Schwester und Brüder aus heiligen

Landen herabsteigen und Zwiesprache halten mit dir. Statt dessen, Ariel,

wird der große Brand über dich kommen. Sieh,« fuhr er in schlichter

Ergriffenheit fort, »dein Blut wird sich entzünden, es harrt schon des

Feuersteines. Aus der schmalen Schale deines Kinderleibes werden Flammen

brechen. Hüte ihre Heiligkeit. Möge es dich nicht vernichten, das

Feuer.«

Vögelchen sah das Feuer, das die Stätte ihrer Kindheit verheert hatte.

Es war eins mit dem Brande, vor dem er warnte. Welch Wunder, sie

verstand ihn! Endlich kam ein Licht über ihr dumpfes Ahnen. In jener

Nacht mit Mila Maquard, in jenen Stunden, da seltsame Liebkosungen

Fluten von Wärme und heißer Gier in ihr erweckt hatten, da hatte

zugleich ein Gefühl traurig beseligter Weltflucht, ein Enteilen ihres

Körpers über alles Irdische sie erhöht. Sie ahnte, seine Warnung hieß:

»Lass' dich gleiten, verweile nicht auf den Wogenkämmen der Eigenlust.

Ströme aus in unendlichem Geben.«

Daß sie ihn verstand, beglückte sie. Und nun war darüber kein Zweifel

mehr, als er sagte: »Tu es mit ganzer Seele.« Sie sah nicht, wie seine

bebende Hand sich ballte und wie zum Fluch sie sich aufrecken wollte zum

erloschenen Fenster Mannsthals.

»Ich werde dich wohl nie mehr sehen,« sagte sie traurig.

»Du wirst mich sehen. Ich werde dir nahe sein, immer, immer wirst du nur

zu rufen brauchen. Immer wird dein Bild vor mir schweben und mich zum

Äußersten stärken.« Er blickte auf sie mit halbgeschlossenen Augen und

leicht geöffnetem Mund wie einer, der einen lieblichen Traum erschaut.

Dann schlug er den Blick nieder zu ihren roten Pantöffelchen, ein

Märchen kam ihm in den Sinn. Sie tippte ihn leise an der Schulter.

»Schreib mir,« hauchte sie. Und dann verschwand sie, von seinen Worten

durchschauert.

Tags darauf fuhr der Wagen vor, die riesigen Koffer aufgeschnallt.

Vögelchen stieg ein wie eine Braut, ihr Schleier flatterte in der Brise

des Morgens. Mannsthal folgte ihr, bettete sie ein in weiche Decken.

Eine feierliche Entschlossenheit lag kalt wie Marmor auf seinem Antlitz.

Camill sprang auf und blinzelte zu einem Fenster. Dort stand Kruger. Der

Wagenlenker tat seine Arbeit. Ein leichtes Grüßen. Nun flog das Gefährt

in die Landschaft ...

Hunde, die man zu Hause läßt, brechen zuweilen ihre Fesseln, Wagen oder

Eisenbahn nachzujagen mit hängender Zunge. Also flog schweißtriefend

Konrad Krugers Seele neben Vögelchens Wagen und heulte auf zu ihr in

verschmachtendem Schmerz.

Vögelchen · 第 9 / 74 题