Das Zerwürfnis der beiden Freunde wäre unter anderen Umständen kaum so
einschneidend und unwiderruflich gewesen. Mannsthal aber mußte bei der
Ausführung eines Planes, der zu diesem Zeitpunkt einsetzte, vollständig
ungestört und unbeobachtet sein. Er war durch einen berufsmäßigen
Vertrauten, dessen Gewandtheit er schon mehrmals erprobt und der
seinerseits sich mit einer im Schlosse wohnenden Erzieherin in
Verbindung gesetzt hatte, über Vögelchens Leben daselbst aufs genaueste
unterrichtet gewesen. Der gefürchtete Augenblick, den er noch in weiter
Ferne wähnte, war gekommen. Vögelchen war einem Manne begegnet, einem
Jüngling, dem sie sich geneigt fühlte. Solange alles furchtbar
gefahrvoll schien, der junge Normayr Aussicht hatte, des Kindes vollstes
Vertrauen zu erwerben, kostete Mannsthal die Lust, jene Gefahr bis zum
Äußersten zu erleben. Es bestand ja immer noch die Möglichkeit, wenn
alles verloren schien, ein grausames Nein zu sprechen. Nun aber hatte
die Sachlage für ihn eine überraschend günstige Wendung genommen. Es lag
etwas Unwahrscheinliches über diesem Naturereignis, das ihm so trefflich
in die Hände gearbeitet hatte. Er zweifelte nicht, daß sein geheimer
Wille Anschluß an höhere Macht gewonnen habe. An die Verwirklichung
seiner Wünsche heftete sich kein Zweifel mehr. Als Sieger schon fuhr er
in K. ein.
Vögelchen war in grausamere Fremdheit zurückgestürzt, in eine Öde, die
mit jener nicht vergleichbar war, aus der sie sich zuweilen an das
belebte Gestade gesehnt hatte. Jetzt schien ihr schon die Insel des
Lebens durchquert und einer Wüste vergleichbar. Wäre nicht jene Nacht
gewesen, die sie mit Mila Maquard verbracht! Irgendwo gleißte aus ihr
ein Unbekanntes in die Ferne, schien selbst ein feuriger Faden, der
durch Dunkelheiten lief, einer großen Flamme entgegen. Die scheue Freude
und Ruhe, die sie im Umgang mit dem jungen Normayr genossen, sie wußte
sie nicht mehr, seitdem er ihr wie erloschen schien. An ihrer Stelle saß
ein kleiner Wurm in ihrem ehemals so aufgeschlossenen Herzen, das sich
nun gefaltet hatte wie ein Blümlein zur Nacht. Als sie Mannsthal
erblickte, stürmte sie auf ihn zu, aber sein verändertes Aussehen
stürzte die Freude zurück in ihre Brust. War er es? Er folgte ihr auf
das Zimmer, hielt prüfend seine kühle Hand an ihre Wange, fand, daß sie
fiebere, und gebot ihr sich hinzulegen. Während sie in leiser Furcht und
dennoch beglückt seiner Anordnung gehorchte, stand er vor ihr und
meisterte die eigene Erregung. Er selbst war ihr behilflich, als sie dem
Mädchen klingeln wollte. »Ich weiß, was vorgefallen ist,« sagte er und
setzte sich zu ihr. »Du mußt jetzt ganz ruhig bleiben, es wird sich
alles von selbst lösen. Du mußt mir nur wieder vertrauen.« Er
streichelte leise ihr Haar, das aufknisterte wie nie zuvor, und seine
Hand glitt wie beschwichtigend über ihre Schultern hinab. Da sah er Glut
in ihre Wangen steigen. Eine Erinnerung hatte sie überwältigt und
plötzlich riß sie sich aus der Betäubung, die er über sie hingoß, preßte
ihre Arme um seinen Hals und schmiegte das heiße Antlitz an seine Wange.
Sie hatte küssen gelernt.
Er atmete schwer, machte sich los. »Kind,« sagte er, »wie bin ich jetzt
erschrocken. Das Fieber macht dich so stürmisch. Ich gehe jetzt, du mußt
ruhiger werden. Ich muß ja nun dringend Urbacher sprechen.« Er verließ
sie fliehend.
Vögelchen lag nun und die Stille tat ihr wohl. Denn nun war sie
innerlich beruhigt wie nie zuvor, nun fühlte sie Geborgenheit und jenes
Gleißende, womit ihr die verunglückte Frau für ihre Gastfreundschaft
gedankt, glühte ihr näher und wärmer. Spät abends trat Mannsthal zu ihr
und berichtete, daß Urbacher abgereist sei. Um die Aufregung des
Abschiedes zu meiden, hätte er nur einige Worte für sie hingeschrieben.
Vögelchen las: »Mein gutes Kind. Wir alten Freunde sind uneins geworden.
Vergiß darüber nicht, daß in Treuen dir zugeneigt bleibt dein Freund
Clemens Urbacher.