»Nein, wir müssen zurück. Es kommt Sturm,« mahnte Mannsthal.
»Steigen wir aus,« bat Vögelchen. »Ich will nicht bei Sturm auf dem See
sein, bitte, Va.« Sie sagte Va. Sie vermied, Vater zu sagen.
»Unmöglich, Kind.«
In dem völligen Gleichklang der Wünsche, der zwischen Vögelchen und
ihrem Stiefvater herrschte, war dieser Mißton ein Ereignis, der schon
einer starken Reibung gleichkam. Vögelchen biß die Lippen zusammen und
preßte erbleichend die Hände aneinander. Ihr Blick blieb unverwandt auf
das Ufer gerichtet, während Urbacher langsam heimwärts ruderte. Doch
plötzlich schien sich die Pein zu lösen und einer neuen Hoffnung zu
weichen.
»Ich möchte dort wohnen,« sagte sie und ihr schmales Gesichtchen war von
einer Freude und wie von einem Erstaunen über diese erhellt. Aber in
diesem Augenblick, da ein heißer, plötzlicher Wunsch ihrer Sehnsucht die
Tore brechen wollte, sah sie den Widerstand und der Anprall war stark.
»Was müßte geschehen, Va, daß ich in diesem Schlosse wohnen kann?« rief
sie.
»Nichts kann hiezu geschehen,« sagte er.
»Müßte das Schiff brechen und wir von den Leuten dort gerettet werden?«
fragte sie weiter.
»Keiner würde für uns seine feinen Schuhe naß machen,« erwiderte
Mannsthal.
»Wenn wir nun heimkämen und das Haus stünde nicht mehr da,« fragte sie,
sich an das Wunder klammernd. Und als sie Mannsthal lächeln sah, fuhr
sie fast böse auf. »Könnte es denn nicht abgebrannt sein oder
eingestürzt? Wenn ich es ganz fest wollte, Va. Dann müßten wir im Schloß
bleiben, es ist das einzige Obdach,« jubelte sie.
»Und dein Dachzimmer mit den Puppen, Ari,« sagte Mannsthal fast
höhnisch, als wollte er sich rächen.
Vögelchen errötete und verstummte. In einer Mansarde bewahrte sie noch
Spielzeug auf und ihr kleiner buckliger Page hatte jüngstens verraten,
daß sie dort heimlich spiele.
Spät abends an dem darauffolgenden Tage, da Mannsthal in einer
geschäftlichen Angelegenheit in die Kreisstadt gefahren war, spürte man
plötzlich im Wohnhaus einen beizenden Geruch. Rauch schlug aus dem
schwedischen Ofen. Gleichzeitig polterte der Knecht aus seiner Kammer
die Bodenstiege herab. Das Haus brannte. Urbacher warf sich in seine
Kleider und stürzte in Vögelchens Zimmer. Das Bett war zerwühlt. Er rief
nach dem Kinde -- kein Laut. Die Dienerschaft war schon auf den Beinen.
Niemand hatte Arabella gesehen. Er gab Befehle, aber alles schien
unwichtig, ehe man nicht Vögelchen gefunden hatte. Das Feuer ging von
einer Vorratskammer am Dach aus. Es war zweifelhaft, ob man das Haus
würde retten können, da es fast ganz aus Holz gebaut war. Das Wasser war
nahe, aber außer einem Gartenschlauch gab es keine wirksamen
Löschgeräte. Etwa zehn Minuten entfernt lagen drei kleinere Ansitze, das
Dorf war doppelt so weit und seine Bewohner waren Mannsthal übel gesinnt
seit einer Straßenangelegenheit, die er durchquert hatte. Es war nicht
viel Hilfe zu erhoffen. Alles lief in fieberhafter Angst umher, hatte
man nur Vögelchen in Sicherheit, dann mochten Hof und Haus in Trümmer
zerfallen! Urbacher riß Türen auf, lief in den Garten, stürzte ins Haus
zurück, hinauf bis zum qualmenden Dachboden. Da hörte er schluchzen. Es
war das Weinen eines Kindes, das sich verlassen fühlt und dennoch, wie
von Trotz gehalten, nicht um Hilfe rufen will. -- In der kleinen
Mansarde neben ihren verborgenen Puppen kniete Vögelchen. Der Rauch wob
einen Schleier um sie, in ihrem Nachtkleid mit dem aufgelösten Haar war
sie einem Engel vergleichbar. Dies hatte sie heraufgetrieben: sie wollte
die Puppen retten und schämte sich, sie aus ihrem Versteck zu ziehen.
»Vögelchen,« rief Urbacher glückselig, und gleichzeitig fühlte er, wie
eine andere Angst noch als die um des Kindes Sicherheit ihn freiließ.
Sie war es nicht, die den Brand gelegt hatte. In diesem Falle hätte sie
die Puppen, an denen sie so sehr hing, schon früher in Sicherheit
gebracht. Aber warum weinte sie nun, da sie das Feuer tags zuvor
erwünscht hatte? Sie sah Urbacher nun aus einem totenbleichen Antlitz
regungslos an. Er riß sie auf, während sie noch rasch eine der Puppen an
sich preßte, und trug sie in die Nacht hinaus. Niemals hatte Urbacher
sie so in den Armen gehalten, »zurückgewichen in die bewußtlos-fromme
Majestät der Kindlichkeit, der sie ihr Schmerz entriß«. Er fühlte ihren
zarten Körper durch die leichte Hülle und hätte weinen mögen. Schon lag
der Widerschein der Flammen auf dem See und tanzte in den Wellen, die
der Nachtwind mit leiser Hand aufwarf. Im Bootshaus bettete er sie in
den Kahn, doch als er sich wenden wollte, zum Rettungswerk
zurückzukehren, fühlte er sich von zwei schlanken Armen umhalst und ein
tränennasses Gesichtchen preßte sich an seine Wangen. Eine heiße Stimme,
in der die Vögelchens kaum wiederzuerkennen war, flüsterte flehend:
»Führ' mich hinüber, dorthin, siehst Du? Es sind noch Lichter dort. Ich
will das Feuer nicht sehen.«
»Kind, Kind,« bat er und wollte sich losmachen. Aber ihre Finger gaben
ihn nicht frei. Es war, als hätte sie Eisen in ihren mageren Händchen.
»Ich komme wieder,« sagte er. Da ließ sie ihn.
Die Löschaktionen waren im Gange. Auf der Landstraße, die längs des Sees
lief, sah man ein Licht tanzen. In rasender Eile näherte es sich dem
Brandplatz. Das war des heimkehrenden Adalbert Wagen. Urbacher stürzte
in das Studierzimmer, warf einige kostbare Bücher und Manuskripte ins
Freie, fand tastend im Rauch in dem aufgesprengten Kasten Mannsthals
Wertgegenstände, die er seinem Diener übergab. Im Schein der Flammen
raffte man etwas von Vögelchens aus den Fenstern geworfenen Kleidern
zusammen. Urbacher stürzte zurück in das Bootshaus. Vögelchen lag
ausgestreckt im Kahn, sie schien zu fiebern. Sie griff nach seiner Hand,
preßte sie an ihre Lippen. Wenige Augenblicke später stieß das Boot ab.
Das brennende Haus war die Leuchte.
Mannsthal verlangte keine Erklärung. Es mag sein, daß er sich den
Vorgang selbst gedeutet hatte. Einem Menschen, der das Schicksal mit
kühler, ruhiger Hand nach seinen Wünschen zu lenken schien, mußte diese
Nacht mehr als eine schreckhafte Episode bedeuten. Er bestand auf einer
genauen Untersuchung der Brandursache und merkwürdigerweise fiel der
Verdacht auf den buckligen, halb blöden Bauernjungen, der nicht
leugnete, auf dem Dachboden mit Zündhölzchen gespielt zu haben.
Mannsthal veranlaßte vorläufig nicht die Wiederherstellung des Hauses,
das dank einem starken Regen, der unmittelbar nach dem Eintreffen am
jenseitigen Ufer niedergegangen war, teilweise verschont geblieben war.
Er selbst reiste am Morgen der Brandnacht ab ohne Vögelchen zu sprechen,
über deren Aufenthalt ihn der Diener gleich bei seiner Rückkehr
aufgeklärt hatte. Er ließ sie in Urbachers Hut, als wäre dieser
verantwortlich für des Kindes Flucht zu den Menschen, die ihm das
Scheitern seiner Hoffnung bedeuten mochte. Sei es, daß er sich in einer
Krisis befand, die er allein besser zu überwinden hoffte, sei es, daß er
nicht mit ansehen wollte, wie Vögelchen sich selbst die Welt gewann,
oder gar am Ende ihr böse war, er war nicht zu bewegen, ihr zu folgen
oder sie zu sich zu rufen.
Arabella wohnte nun an dem modischen Gestade.
Am Morgen nach der Ankunft sah man sie bei einer alten Dame sitzen,
eifrig plaudernd. Sie erzählte später, daß sie nicht geschlafen hätte
und gleich, nachdem die Dienerin mit ihren Kleidern angelangt war, auf
die Terrasse gekommen sei, voll Neugierde das neue Leben erwartend. Um
nicht allein zu sein, hätte sie sich gleich zu der alten Dame gesetzt,
die sich sehr freundlich ihrer angenommen habe. Wie es schien, hatte
sich bei Vögelchen eine Schleuse geöffnet, aus der nun alles, was sie in
ihrer Einsamkeit erlebt hatte, hervorstürzte. Die Dame, die, wie eine
allseits verehrte Tante, unter den jüngeren Hotelgästen lebte, nahm
Vögelchen, die ihr ein lächelndes Entzücken entlockt hatte, völlig unter
ihren Schutz. Und bald war das Kind mit Jung und Alt befreundet und der
Mittelpunkt des Interesses. Vögelchen schien es ganz selbstverständlich
offene Türen zu finden.
Die Schloßgesellschaft war nicht gerade die übelste Auswahl jener
Herdenmenschen, die weder vom Spiel der Nerven noch von bedeutenderen
Geistesanlagen zu einem Abweichen von gewohnten Wegen und Gesetzen
gedrängt werden. Ihre gewandte Beherrschung der Lebensformen erinnerte
an die Sicherheit, mit der oft ahnungslose Kinder Gefahren bestehen.
Immerhin hatte sie etwas Bestechendes. Vögelchen aber war nicht
geblendet und besonders den jungen Männern gegenüber benahm sie sich
fast geringschätzig. Offenbar glichen sie ganz und gar nicht den Helden,
die in ihrem kindlichen Hirn thronten. Urbacher gefielen sie auch nicht
sonderlich. Es waren Familiensöhne, Jünglinge, die sich ihrem Namen
gegenüber verpflichtet fühlten einen bestimmten Lebensweg einzuschlagen,
was ihnen beinahe etwas greisenhaft Abgeschlossenes gab. Sie waren in
Leibesübungen gewandt und in deren Betätigung fast leidenschaftlich und
ehrgeizig. Ihr geistiges Bestreben hingegen beschränkte sich auf eine
flüchtige Umsicht, die möglichst viel umspannen sollte. Die Mädchen
waren bescheidener. Die natürlichste Form guter Lebensart schien der
Familie Normayr eigen. Man sprach von einem Sohn, einem jungen
Seeoffizier, der erwartet wurde. Am Vorabend seiner Ankunft, es war
zweifelhaft, ob Vögelchen sie wußte (keinesfalls schenkte sie dem
Umstand Beachtung), hatte sich ihrer Unrast bemächtigt. Am folgenden
Morgen, als Vögelchen die Stiege hinabschreitet und der jugendliche
Offizier in der sommerlichen weißen Seemannstracht ihr an der Seite
seiner Schwester entgegenkommt, ist ihr Blick mit einem Male wie gebannt
gewesen, verstrickt in dies gebräunte Jünglingsangesicht. Auch Urbachers
bemächtigte sich ein freudiges und beklommenes Staunen, als ginge es von
Vögelchen auf ihn über. Der junge Seeoffizier, auf dem ein Abglanz lag
von den siegreichen Tagen von Lissa, unterschied sich allerdings schon
auf den ersten Blick von den anderen jungen Leuten. Er war über sein
Alter ernst und bei aller Bescheidenheit in sich gefestigt. Eine
Herbheit ging von ihm aus, wie die Seeluft rein und erfrischend. Auch er
besaß Unterwerfung in den herkömmlichen Willen der Familie, nur war sie
bei ihm nicht Dünkel, sondern Ehrfurcht und vielleicht deshalb
bedingungsloser, denn sie lebte neben seinem klaren, menschlichen Blick.
Er war streng gegen Vögelchen von der ersten Stunde ihrer rasch
aufblühenden Freundschaft an. Ihm war wohl, er dürfe es, er hätte dies
Amt über sie. Ihrer kleinen Teufeleien mußte er Herr werden, wollte er
auf den Grund ihrer Seele schauen. Und Vögelchen ging umher in Leuchten
und Staunen und hin- und hergewiegt zwischen Furcht und Frage. Dennoch
formte sich zu dieser Zeit ihr Wesen zu etwas Festerem. Aus ihren
Instinkten wollte sich Bewußtes entwickeln. Die vielen Plauderstunden
mit dem neuen Freund begannen aus ihrer süßen, kleinen Tier- und
Kindseele den Menschen zu wecken. Der junge Offizier, darüber konnte
kein Zweifel sein, stand ebenfalls unter einem jener leisen Wunder, wie
sie in der rückhaltsvollen Welt immer seltener werden, und er mochte
ganz und gar bereit sein, sich dem neuen Zauber hinzugeben. Auch seine
Mutter war Vögelchen gewogen und scheinbar erfreut, dereinst vielleicht
das vermögende Mädchen als Tochter willkommen zu heißen. Urbacher sah
des Kindes Strahlen und erlebte im Vorgefühl Mannsthals ohnmächtige
Trauer, den Zusammenbruch seines geheimen Planes, der in seinen Zielen
ihm unheimlich erschien und dennoch erhellt von dem Wetterleuchten
seines eigenen zwiespältigen Herzens. Eine abwartende Scheu hemmte ihn
dem Freunde Mitteilung zu machen, obwohl er in dunklen Augenblicken sein
blitzartig zerstörendes Eintreffen beschwor. Er begnügte sich indes noch
die Aufforderung, sich ihnen zuzugesellen, auf das dringendste zu
wiederholen.
Der Gesellschaft hatte sich eine Spannung bemächtigt. Es lag ein
Ereignis in der Luft. Auch das Wetter war in diesen Tagen schwül und
lastend, bis es sich schließlich unter Donner und Blitzen gesäubert
hatte. Der Regen, der so andauernd und heftig gewesen, daß der See über
seine Ufer trat, brachte aus den Felsen, die die Landstraße längs des
Wassers säumten, Sturzbäche hervor. Man sprach davon, die Straße für den
Wagenverkehr zu sperren. Das Zögern des Verbotes hatte ein Unglück zur
Folge, aus dem sich die Begebenheit entwickelte, die jene Spannung auf
eine merkwürdige Art löste.
An dem Morgen, der den Wettertagen folgte, fuhr nämlich Mila Maquard mit
ihrem Wagen von einem der nahen Kurplätze über die gefährdete Straße.
Mila Maquard war eine jener Frauen, deren Haar nicht ganz die Farben der
Natur hat, deren Perlen ungewöhnlich groß sind, deren Kleidung eine
verschwiegene Sorgfalt aufweist und deren Hochmut Triumphen entspringt,
über die man bedeutsam zu schweigen pflegt. Mila Maquard war von großer
Schönheit und es war ihr eine natürliche Anmut geblieben, die auch
Frauen entzücken mußte, deren Auge nicht von bürgerlicher Verachtung
trübe war.
Als sie nun ahnungslos jene Stelle der Fahrstraße passierte, wo das
Wasser in den Felspartien verheerend gewirkt hatte, ging eine
Erdrutschung nieder. Ihr Kutscher wurde schwer verwundet, sie selbst aus
dem Wagen geschleudert, wodurch sie einen Bruch des Armes und einen
leichten Nervenschock erlitt. Die Unfallsstelle war nicht weit vom
Schlosse und der herbeigerufene Landarzt verfügte dahin den Transport
der Verletzten. Man war zu der verhängnisvollen Stätte geeilt und einige
Herren hatten die Verunglückte erkannt. Alsbald waren auch die Damen
unterrichtet und eine eisige Teilnahme wurde der schönen Maquard zuteil.
Während man sie und den Kutscher in den Saal hingebettet hatte und der
Arzt sich um sie bemühte, standen die Gäste auf der Terrasse in Gruppen
umher. Lebhafte Gespräche entwickelten sich. Man schien nicht geneigt,
der Fremden Gastfreundschaft zu gewähren. Frau von G., die Mutter von
vier Töchtern, deren Verheiratung das Ziel der Sommerreise war,
ereiferte sich ganz besonders. Ebenso Baron M., der sich abseits, wie
man bemerkt hatte, für sein korrektes Benehmen in ausgiebigster Weise
schadlos zu halten verstand. Er mochte Gründe haben diese Begegnung
unter dem Auge der Familie zu scheuen.
Als die Debatte, die wegen der Nähe der jungen Mädchen nur
andeutungsweise und im Flüstertone geführt wurde, ihren Höhepunkt
erreicht hatte, erschien der Pächter und fragte auf das höflichste an,
ob man die Güte haben würde, der Verunglückten in dem vollbesetzten
Hause dadurch Platz zu machen, daß etwa zwei der jungen Leute in einem
Zimmer schlafen würden, so daß man einen Raum gewänne. Es sei bemerkt,
daß von dem Augenblick, da Mila Maquard sich in dem Hause befand, eine
Veränderung mit der Gesellschaft sich vollzogen hatte. Die Herren waren
mit einem Male sehr angeregt, als wäre nicht eben ein Unglück geschehen,
das einen tödlichen Verlauf hätte nehmen können. Besonders die Jünglinge
bezeigten ein lebhaftes, wichtigtuendes Wesen und den Fräulein ihres
Kreises eine gewisse Geringschätzung. Ihre Beflissenheit beim Transport
der blonden Dame war auch ganz außerordentlich gewesen. Aber auch die
Damen wurden lebendiger, die Freudigkeit einer Abwechslung war auch in
ihre Nerven gefahren, nur daß sich ihr Verhalten sogleich kriegerisch
färbte. Der junge Normayr war mit seinem Segler am See. Da es sehr
stürmisch war, hatte man Vögelchen bestimmt, ihn nicht zu begleiten, so
daß es auch Zeugin des Unfalls gewesen war. Wo aber trieb es sich nun
herum? Urbacher näherte sich der Terrasse und sah seine Vermutung
bestätigt: Vögelchens weiße Gestalt lehnte dort an einer Holzsäule. Ihre
Kinderaugen wandten den Blick nicht von der hübschen Frau, die auch in
der Lage, in der sie sich augenblicklich befand, nichts von ihrer
typischen Eigenart verloren hatte, die zu der des Kindes in einem so
starken Gegensatz stand, daß die Frage nahe lag, ob die beiden denn
Wesen einer Art seien. Als Vögelchen Urbacher sah, kam sie auf ihn zu
und flüsterte: »Ist sie nicht schön? Glaubst du, daß es eine Prinzessin
ist?«
Die gute Frau von G. war mittlerweile in so große Aufregung geraten, daß
sie das »_pas avant les enfants_« vergessen hatte, als sie nun das Wort
ergriff, um dem Hotelier zu antworten: »Wir sind alle der Meinung, daß
es unmöglich ist, diese -- diese Frau hier aufzunehmen. Wir können Ihnen
nun freilich keine Vorschriften machen, aber ich für meine Person
versichere Ihnen, daß ich mit meiner Familie morgen abreise, wenn sich
diese Person hier auf einen längeren Aufenthalt einrichten wollte, und
ich bin sicher, daß wir nicht die einzigen wären.«
»Ich bitte, sich zu beruhigen, gnädige Frau,« sagte der Pächter. »Wir
befinden uns ja noch unter dem ersten Eindruck dieses Unfalles. Was die
Dame weiterhin zu tun gedenkt, ist mir völlig unbekannt, aber jedenfalls
ist ihr für die nächsten Tage die Weiterfahrt ärztlich verboten.«
»Das ist ja sehr traurig, mein lieber Rösler,« sagte die Baronin. »Man
hätte eben die Straße für Wagen sperren sollen. Wir wollen aber in
unserem Aufenthalt nicht gestört sein und Sie können uns nicht zumuten,
mit dieser -- dieser Frau unter einem Dache zu wohnen.«
Herr Rösler bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken. »Verzeihen Sie,
Gnädigste, aber versetzen Sie sich in meine Lage. Kann man eine
Verunglückte vor die Türe setzen?«
»Nun dafür gibt es Beispiele,« erklärte Frau Kommerzialrat Lobling. »Ich
habe es selbst mitgemacht, daß man in K. zwei Lungenkranke abwies, die
in unserem Hotel einkehren wollten.«
»Das ist abscheulich,« sagte da eine bebende Stimme, und Vögelchen stand
plötzlich im Vordergrund. Sie war bleicher als sonst und sprach in
sichtlicher Erregung. »Ja, warum soll denn diese liebe Dame nicht hier
schlafen?« rief sie. »Wo soll sie nun denn wohnen? Vielleicht wäre es
mir auch so ergangen, als uns das Dach wegbrannte, wenn ich am Tage
gekommen wäre und man über mich abgestimmt hätte. Vielleicht hätte man
mich auch verjagt.«
Einer der Jünglinge lachte, und im nächsten Augenblick entlud sich eine
allgemeine Lachsalve. Vögelchen wurde glühend rot. Sie fühlte jetzt, daß
sie etwas Einfältiges gesagt hatte, und große Tränen traten in ihre
Augen.
»Ich bin natürlich gern bereit, mein Zimmer abzutreten, falls sich
keiner der jungen Leute bereit erklärt,« sagte Urbacher.
»Nein, das dürfen Sie nicht,« unterbrach ihn der Baron. »Ich wäre ja
auch bereit. Aber das ist nun einmal eine Prinzipiensache. (Wir sprechen
ja wohl noch darüber, wenn wir unter uns sind.) Sie beschämen unsere
jungen Leute oder drängen sie, den Damen gegenüber einen Taktfehler zu
begehen.«
»Ich habe mein Wort verpfändet das Hotel nicht zu verlassen. Wenn mir
keiner der Herren in seinem Zimmer Gastfreundschaft gewährt, ist meine
Bereitwilligkeit leider ohne Wirkung.«
Eisige Stille folgte seinen Worten. Der Hotelier zuckte die Achseln und
entfernte sich. Ihm war es ja schließlich auch lieber, wenn ein Fräulein
Maquard nicht unter den Gästen seines Familienhotels erschien. Er selbst
hatte sein Zimmer vermietet und wohnte in einer schlechten Mansarde.
Die Gesellschaft zerstreute sich. Die Herren waren froh unter sich zu
sein. Die jungen Mädchen blieben beisammen und ließen ihrer Neugier
freien Lauf.
Indessen war der junge Normayr gelandet und sogleich von den
Begebenheiten unterrichtet worden. Als er nun zu Vögelchen trat, umwogte
sie eine Welle von Zärtlichkeit, die aus seinen klaren Augen zu ihr
ging. Sicher hatte er von ihrer rührenden, kleinen Standrede gehört. Als
sie dann plaudernd auf- und abwanderten, kam Ruhe über sie.
Für den Nachmittag projektierten die Damen nicht ohne Hintergedanken
einen Ausflug. Fräulein Maquard war indessen in dem Rauchzimmer
untergebracht. Der Pächter war in einer verzweifelten Lage. Die
Gesellschaft brach auf, ehe er nochmals an sie herantreten konnte. Auf
diesem Ausflug schien sich zwischen Vögelchen und ihrem schönen Freunde
eine Annäherung vollzogen zu haben, die nun manches bisher
Unausgesprochene zur Wortschwelle gedrängt hatte. An diesem Abend
entschloß sich Urbacher, Mannsthal von dieser Annäherung zu
verständigen.
Was Fräulein Maquard betrifft, so fand man, vom Ausfluge zurückgekehrt,
keine Spur mehr von ihr. Eine gewisse Scheu der Beschämung, wie sie
Menschen oft befällt, wenn ihnen eine schlechte Tat gelungen, hielt die
Frage zurück, wohin sich die Verunglückte gewendet habe. Die Lustigkeit,
die die Gesellschaft an diesem Abend entfaltete, war nicht ehrlich. Man
wollte sich über sein schlechtes Gewissen hinwegamüsieren. Selbst die
Admiralsfrau von Normayr war geräuschvoll und ganz besonders
liebenswürdig Vögelchen gegenüber, wohl um zu beweisen, daß sie ihre
vorlaute Ansprache nicht übel genommen habe, da nun alles sich zur
Befriedigung der gefährdeten Ehrbarkeit gewendet hatte.
Wie sehr erstaunte man aber, als am darauffolgenden Morgen Mila Maquard,
den Arm in der Schlinge, ein wenig bleich, unter den Frühstücksgästen
erschien und mit der größten Ruhe, ohne irgend jemanden zu beachten, in
der guten Morgensonne, die sich nicht scheute auch sie zu bescheinen,
ihr umfangreiches Frühstück einnahm.
Die Gespräche verstummten. Frau von G. schien von Gelbsucht befallen,
die Mädchen wagten nicht aufzusehen, die jungen Leute sprachen lauter,
als ihre Gewohnheit war, und prahlten mit bereits bekannten Ereignissen.
Ein Sturm der Entrüstung brach los, als Mila Maquard die Terrasse
verließ.
Urbacher war die ganze Zeit über ein wenig unruhig gewesen, weil er
Vögelchen, die eine Frühaufsteherin war, vermißte. Ihr Freund, der bei
ihm saß, teilte seine Unruhe. Nun kam sie, eben als der Redeschwall
losbrach, langsam und verschlafen die Stufen des Hauses herab.
»Das ist unerhört,« erklärte Frau Kommerzialrat Lobling, deren Kleid
entschieden von dem Mila Maquards geschlagen worden war.
»Eine Hinterhältigkeit, eine Unverschämtheit von diesem Rösler,« rief
Frau von G.
»Meine Meinung wird er hören,« pfiff die Baronin.
Auch die Admiralin war so ungehalten, daß ihr Sohn sie zu beruhigen
trachtete.
»Wissen möchte ich, wer den Mut gehabt hat, ihr das Zimmer abzutreten,«
sagte der Baron. »Wissen Sie es vielleicht?« fragte er die Kellnerin.
Da trat Vögelchen dicht heran. Sie sagte mit leiser, aber fester Stimme:
»Das Fräulein hat in meinem Zimmer übernachtet.«
»Und du,« fragte arglos Fräulein von Normayr in die peinliche Stille.
»Hast du die Nacht im Walde verbracht?«
Vögelchen schüttelte den Kopf. Ihr Blick suchte den ihres Freundes, der
dem ihren nur scheu begegnete.
»Nein,« sagte sie. »Das Fräulein und ich schliefen in einem Bett.«
Die Admiralin stand auf und sagte: »Pfui, schämen Sie sich.« Vögelchen
erbleichte. Einen Augenblick hielt sie den Atem an, dann brach es aus
ihr aus: »Pfui, ja pfui über Sie alle, über Ihren Hochmut, Ihre
Unbarmherzigkeit.« Erhobenen Hauptes entfernte sie sich.
Was nun folgte, war schmerzlich. Der junge Seeoffizier mied Vögelchen,
die sich geweigert hatte, seine Mutter um Entschuldigung zu bitten. In
einer Unterredung bat er den Doktor Urbacher, die Annäherungen an seinen
Schützling zu entschuldigen. Gegensätzlichkeiten einschneidender Art
nötigten ihn, den Verkehr aufzugeben, wie schwer dieser Verzicht ihn
auch getroffen. Vögelchen erwiderte hoheitsvoll die Geringschätzung, die
ihr von allen Seiten zuteil ward. Was Urbacher am bittersten schmerzte,
war, daß sie ihm gegenüber den Vorwurf zu hegen schien, daß er sie vor
den Menschen nicht gewarnt habe. Dies Erlebnis der Enttäuschung setzte
Mannsthal wieder in seine Rechte ein. Zwei Tage nach diesen
Begebenheiten fuhr er vor. Er hatte sich bis zur Unkenntlichkeit
verjüngt. Die alljährliche Wirkung seiner Sommerkur wurde diesmal noch
durch seine Bartlosigkeit unterstützt. Selbst seine Kleider hatten einen
andern Schnitt. Vom neu erworbenen Wagen sprang ein weißhaariger
Kammerdiener und öffnete dem Herrn, der neben ihm ein Jüngling schien,
den Schlag. Merkwürdigerweise war Mannsthal über alles Vorgefallene
unterrichtet. Die Auseinandersetzung, die nun zwischen ihm und Urbacher
stattfand, hatte den Abbruch ihrer vertrauten Beziehungen zur Folge.