Kindheit

Etwa um das Jahr 1860 fand in Wien, im Hause einer adeligen Dame, eine

Ausstellung von Miniaturen statt, in der besonders zwei Sammlungen, die

Adalbert Mannsthals, des Besitzers oder Großaktionärs der

Mannsthal-Werke, und die des Nervenarztes Dr. Clemens Urbacher,

Aufmerksamkeit erregten.

Mannsthals Sammlung war die eines sehr reichen Mannes, der sich sowohl

Bestes als auch Reichhaltigkeit gönnen konnte. Sie unterschied sich

wesentlich von der Urbachers, der als theoretischer Gelehrter über

geringe Einkünfte verfügte, als wohlhabender Bürgerssohn nicht mehr als

einer angenehmen Sorglosigkeit sich erfreute. Seine Miniaturen waren mit

Bedachtsamkeit ausgewählt und niemals ohne das Bewußtsein des Luxus, den

der Ankauf bedeutete. Er fand es sündhaft für ein Bildchen, für eine

bemalte Dose oder Brosche viel Geld auszugeben, als Philanthrop fühlte

er dies angesichts des menschlichen Elends, der Spitalsnot, der

wirtschaftlichen Wirren. War er nun aber wahrhaftig solch ein Sünder,

der vor einem Elfenbeinangesicht, das mit verträumten Augen in ein

entschwundenes Leben lächelt, an schlecht dotierte Nervenanstalten,

skrofulöse Kinder und rekonvaleszente Frauen vergessen konnte, so mußte

Adalbert Mannsthal, trotz seiner wohltätigen Aktionen, ein noch viel

größerer Frevler gewesen sein. Seine Leidenschaft für diese

verbleichende Kunst, die um so rührender ist, weil sie wohl auf immer

der Vergangenheit angehört, war so groß, daß er ihr seine lebendige Frau

geopfert hat, seine liebliche und sanftmütige und noch jugendliche Frau.

Die Sache hatte seinerzeit in Wien viel von sich sprechen gemacht, denn

das kleine Mädchen, das Frau Martha Mannsthal in die Ehe gebracht hatte,

verblieb bei dem Stiefvater. Es verlautete, daß zur Zeit der Heirat ein

Kontrakt zustande gekommen war, wonach Arabella, das Kind, im Falle

einer Scheidung, wie ein in der Ehe geborenes, dem schuldlosen Teile

zugesprochen werden sollte. Man hatte herumgedeutet, was wohl die

Beweggründe dieses nicht alltäglichen Vertrages sein mochten. Die einen

waren der Ansicht, daß Mannsthal dadurch die Frau fester an sich binden

wollte. Böse Zungen meinten darin ein Warnungszeichen zu erblicken, ein

Mißtrauen gegen die Beständigkeit der Dame. Andere behaupteten,

Mannsthal hätte das kleine Mädchen so lieb gewonnen, daß ein etwaiger

Verlust ihm unerträglich schien, und ein nicht ganz harmloser Spötter,

der zu dieser Gruppe gehörte, deutete, daß es ja immerhin möglich wäre,

daß das kleine Mädchen der entscheidende Grund zur Heirat gewesen sei,

und daß nicht die Frau, sondern das Kind es vermocht hatte, aus dem

Sonderling und Eigenbrödler einen seßhaften Ehemann zu machen.

Keinesfalls konnte ein Zweifel darüber herrschen, daß Mannsthal seine

Frau nach der Geburt des Töchterchens kennen lernte, denn sie hatte mit

ihrem kranken Manne in Ägypten gelebt, während Mannsthal gerade in

diesen Jahren keine größere Reise unternommen hatte. Das Gericht hatte

möglicherweise Mannsthal als den richtigen Vater anerkannt, was wohl

eine Bedingung zur Abfassung des Vertrages gewesen sein mochte. Wenige

Wochen vor der Scheidung hatte man in Gesellschaft der hübschen Frau

einen Ausländer auftauchen sehen, dem alle äußeren Merkzeichen eines

Frauenverführers zuzusprechen waren. Diejenigen, die die Vereinbarung

dieser Eheschließung kannten, waren über die Kühnheit verwundert, mit

der die Mutter mit dem Feuer spielte. Zu dieser Zeit hatte Mannsthals

Sammlerleidenschaft ihren Höhepunkt erreicht und man schwärzt ihn nicht

an, wenn man behauptet, daß er ihr seine Frau hintanstellte und deren

Wünsche den Unsummen opferte, die er für seine Miniaturen verausgabte.

Auffällig war, daß das kleine, ungemein zarte Mädchen nach wie vor wie

ein Prinzeßchen gehalten wurde und sich über keinerlei Zurücksetzung von

seiten des Stiefvaters zu beklagen hatte.

Urbacher kam kurze Zeit nach der Scheidung in Mannsthals Haus, um eine

seiner Neuerwerbungen zu besichtigen, und bei dieser Gelegenheit lernte

er sein Töchterchen Arabella, das Vögelchen, kennen. Niemand dachte

daran, daß dieses Mädchen -- es war damals etwa fünf Jahre alt -- einen

andern Namen führen könnte. Es war scheu, lebhaft, sanft und versonnen,

zart und wärmebedürftig, irgendwie der Natur, ja dem Erdmagnetismus

verschwistert, und seine Stimme war wie ein Sang, der durch eine Stille

tönt. Unwillkürlich schwieg alles, wenn Vögelchen sprach. Jeder fühlte

sich geneigt, es wie ein aus dem Nest gefallenes Junges gleichsam mit

der warmen, gehöhlten Hand zu decken und zu schützen, und blieb dennoch

zaghaft, vorausahnend, daß es mit leichten Flügeln den zarten Körper

heben und entflattern würde, wenn man sich ihm allzusehr näherte. Und

doch war es so zutraulich, daß von ihm selbst Ermutigung auszugehen

schien, es zu greifen.

Was Vögelchen auch in den späteren Jahren über die Maßen reizend machte,

war das völlig Unbewußte, fast Heilige ihres Wesens, das nicht dem eines

Menschenkindes glich und etwas von der berückenden Schuldlosigkeit der

Tiere an sich hatte. Urbacher fiel es gleich an ihrem Äußern auf, daß

sie eine große Ähnlichkeit mit jenen malerischen Gebilden hatte, die

Adalbert Mannsthal zu seiner Gesellschaft erkoren hatte. Ihr Gesichtchen

war so weich, zart und unwirklich wie das der Miniaturen, ihre Züge wie

mit einer leisen Feder gezeichnet, ihre Augen klug, lächelnd und von

Sehnsucht erleuchtet, so stark im Ausdruck, daß dies unheimlich

Heimliche der Seele klar zu sprechen schien und gewiß nur die

menschliche Stumpfheit schuld trug, wenn sie diese Botschaft nicht

erfassen konnte. Alles Beiwerk ihrer Erscheinung verflüchtigte sich

gänzlich, war wie aufgelöst durch ihren überstrahlenden Blick. Als

Urbacher Vögelchen inmitten dieser Bildchen sah, die ihren Namen, wie

Diderot behauptete, von dem zart einschmeichlerischen Worte mignard

ableiten, fiel ihm jener Spötter ein, der vielleicht im bösen Sinne die

wahre Deutung von Adalbert Mannsthals Ehe gefunden hatte.

Wenn man also mit hinlänglicher Sicherheit davon ausgehen konnte, daß

die erblühte Anmut der geschiedenen Frau den Schönheitssucher Mannsthal

weniger gefesselt hatte als die des kleinen Mädchens, so war die

Eifersucht, die ihre Mutter der Sammelwut ihres Gatten entgegenbrachte,

ein Kampf um die Vorzugsstellung, die dieser der Tochter einräumte, der

Kampf der Blüte gegen die Knospe. Man bedenke, daß sie die Klausel des

Ehekontraktes kannte, in die sie in der vollsten Sicherheit ihrer selbst

wie in eine Laune gewilligt hatte, da sie in ihr nur den Beweis einer

starken Zuneigung vermutete. Man mußte jedoch Adalbert Mannsthal kennen,

um es zu wagen, den Verdacht auszusprechen, daß er vom Augenblick, da er

Vögelchen sah, planmäßig vorging, um eines Tages in ihren alleinigen

Besitz zu gelangen. Man mußte seine Natur kennen, die es glaubhaft

machte, daß er seine Frau nicht einmal als die beste Pflegerin

Vögelchens neben diesem duldete, wiewohl er an dieser etwas willensmüden

Gefährtin sicherlich seine Freuden hatte.

Mannsthal hatte jene Freundschaft mit dem Ausländer, die ihm den Vorwand

zur Scheidung bot, gleichmütig, ja wie mit Schadenfreude geduldet. Weiß

Gott, welch teuflischer Plan in ihm erwacht war. Es erscheint nicht

unmöglich, daß er selbst es gewesen sein konnte, der diesen Aventurier

gedungen, seine Frau zu versuchen.

Die Sammler sind ein eigenartiger Menschenschlag. Sie haben etwas von

den rastlosen, unterirdischen Tieren, von den neidischen Hamstern und

Mardern. Von diesen heißt es, sie seien klug, listig, mißtrauisch,

behutsam, äußerst mutig, blutdürstig und grausam, gegen ihre Jungen aber

ungemein zärtlich. Die Art, wie der Hamster sich für magere Zeiten

versorgt, ist allen bekannt. Jedenfalls schien Mannsthals Bemühen um

dieses Kind ein Aufsparen für die Zukunft.

Die Erziehung und Pflege, die der Kleinen zuteil wurde, war ganz darauf

gerichtet, lange in ihr das Kindliche zu schonen und zu erhalten.

Vögelchen besuchte niemals eine Schule, ja, es fanden sich erstaunliche

Lücken in ihrem Wissen, als sie den Jahren nach schon ein großes Mädchen

war. Von den Zielen der Aufklärung, die damals im Unterrichtswesen

allmählich Wurzel faßten, blieb Vögelchen gänzlich unberührt. Ihre

Körperpflege war danach angetan, ihr eine kühle Zartheit zu bewahren.

Mannsthal ließ sie niemals aus den Augen; ohne daß sie dies fühlte, war

sie allüberall von seiner Wachsamkeit umstellt. Das bedeutete nicht, daß

Vögelchen ängstlich abgeschlossen war. Sie sah Kinder um sich, aber sie

waren meist viel jünger als sie selbst und niemals altklug. Auch vom

Kreise der Erwachsenen, die in Wien bei ihrem Stiefvater aus- und

eingingen, verbannte man sie nicht, wohl weil sie selbst niemals unter

ihnen blieb, sie flatterte an ihnen vorüber. Anders wollte sie es selbst

nicht. Sei es daß Mannsthal eine Art Hypnose auf das Kind ausübte oder

daß alles, was sie tat, sein Wunsch zu sein schien, weil er nichts

anderes zu wünschen vermochte, eine seltsame Harmonie herrschte zwischen

den beiden, die manchmal ein leidenschaftliches Aufflammen der Seelen

krönte. Trotz allem schien es, daß Vögelchen Mannsthal nicht liebte wie

einen Vater. Es war auch etwas von der Anhänglichkeit der Zirkuskinder

für ihren Peiniger, der Wunderkinder für ihren Impresario in ihrem

Gefühl. Ein viel zu starkes Innenleben wohnte ihr inne, um nicht im

Unbewußten zumindest Ahnung zu erwecken, daß man an ihrer Mutter

gefrevelt und sie um diese beraubt hatte. Man hatte ihr nichts erklärt,

und sie schwieg. Aber, wenn sich der Eindruck des nestlosen, frierenden

Vögelchens verstärkte, war es, als dächte sie an die Mutter, die nach

einem hartnäckigen Kampf es aufgegeben hatte, ihr Töchterchen

zurückzugewinnen. Dennoch war ihr Verteidiger und Anwalt ein

leidenschaftlicher junger Geist, ein fulminanter Redner gewesen, von dem

die Rechtswelt noch viel erwartete. In seinem Plaidoyer hatte er den

Spieß umgekehrt und Mannsthal des Treubruches angeklagt. »Ist es nicht

ganz unwesentlich,« hatte er gesagt, »ob die Frau, der ich ein Vermögen

opfere, der ich mich mit allen Fibern hingebe, um derentwillen ich mein

angetrautes Weib der Verlassenheit und ihren Gefahren preisgebe, ist es

nicht unwesentlich, daß diese Frau nicht eine greifbare Verführerin ist?

Der Sammelleidenschaft hat Herr Adalbert Mannsthal gehuldigt, mit ihr

hat er Orgien gefeiert. Er hat dem Laster gefrönt. Und wenn in Ihren

Augen auch der Verdacht gegen Frau Mannsthal berechtigt erscheinen

könnte, wenn man auch sie des Lasters bezichtigen könnte, Sie werden

sich nicht der Gerechtigkeit versagen, Adalbert und nicht Martha

Mannsthal als den schuldigen Teil zu erkennen. Denn, meine Herren, was

ist das Laster überhaupt? Laster ist unendliche Hingabe. Vielleicht

finden wir darin den Schlüssel, daß es Menschen gibt, die durch die

Gewalt ihrer Hingebungsfähigkeit zugleich Heilige und Lasterhafte sind.

Wenn nun ein Mensch seine Hingebungsfähigkeit, die ein anderer verkannt

und verraten hat, einem Menschen schenkt, der mit den heißesten Wünschen

darum wirbt, der Verräter und Verkenner dieses Gefühles sich hingegen an

ein Phantom verliert, einer Unwirklichkeit das lebendig zuckende Herz

opfert: welcher von den beiden, meine Herren, ist der Sündhaftere, der

Schuldige?«

Der junge Verteidiger vermochte die Herren des Gerichts nicht zu

überstimmen, der Prozeß konnte nur im Vergleichsweg ausgetragen werden.

Martha Mannsthal aber verheiratete sich nach Jahresfrist mit ihrem

Rechtsanwalt.

»Aller guten Dinge sind drei,« sagte ihr zweiter Mann, als er es erfuhr.

Vögelchen aber wußte nichts von dem freiwilligen Verzicht, den der

feurige junge Redner ihrer rechtsunkundigen Mutter abgezwungen hatte zur

Erlangung eines beträchtlichen Vermögens, das Mannsthal bot, und zur

Vermeidung einer allfälligen strafrechtlichen Verfolgung. Vögelchens

Augen fragten zwar unablässig in das Leben, das ihr fremd und weit war,

aber sie schienen eine Antwort nicht abzuwarten, als scheuten sie ihr

Wissen. Nirgends verblieben sie lange, als fürchteten sie, zu warm zu

werden, so stark war ihr Schauen. So hielt sie denn bei niemandem still.

Urbacher war es damals allein beschieden, ihres Rastens froh zu werden.

Von allen Menschen, die bei Adalbert verkehrten, war er der einzige

(wohl auch dank seiner Eigenschaft als Arzt), dem Vögelchen sorglos

anvertraut wurde. Niemals aber -- und wie recht gaben die zukünftigen

Ereignisse diesem Empfinden -- fühlte er dieses Vertrauen als festen

Besitz. Dennoch gelang es ihm im nahen Beisammensein den Sinn zu

erforschen, der Vögelchens Fliehen und Flattern bewegte. Sie war ein

kleiner Zugvogel, der in unserer Kühle nicht Heimat hat, einer großen

Wärme bedürftig und dennoch die große Flamme fürchtend; einer Glut

schien sie aufgespart, die sie ersehnte und scheute. Irgendwo im Leben

wartete sie und vielleicht war sie nicht allzu ferne. Dem Freund ward

nicht bange. Vögelchen hatte Schwingen, die kein Feuer versengen und

verzehren würde.

Urbacher schrieb damals in sein Tagebuch, das nach seinem Tode einigen

vertrauten Freunden zugänglich gemacht wurde: »Ich kann es nicht

verschweigen, daß jede Guttat, die ich verrichtete, mir auf

geheimnisvolle Weise von Vögelchen abgefordert wurde. Ich befand mich

oft in einem Zustand äußerster Anspannung, in einem traumhaften Bann,

der mich zum Vollstrecker allerlei Zartheiten machte und meine

Feinfühligkeit erregte. Aber ich muß gestehen, daß ich meine Sehnsucht

nach einem Übermaß der Güte, ja eines Heiligseins schließlich nur aus

dunklen Trieben zu sättigen vermochte. Es ist ein eigen Ding um solches

Sehnen, das sich mit einer falschen Antwort auf seine Fragen beruhigen

läßt, als müßte aus dem wissentlichen Unterliegen rein und klar die

Demut erwachsen, wie oft eine wunderliebe Blume aus dem Morast ihre

Reinheit erhebt. Meine eigene Schwachheit flößte mir Mitleid ein und

Verstehen. Daraus erklärt sich, daß ich Mannsthals Freund geblieben war,

als ich ihn vor meinem innern Auge entlarvt hatte. Um Vögelchens willen

mußte ich ihm Handlungen verzeihen, die ich selbst wohl niemals begangen

hätte. Ich empfand vor der Planmäßigkeit, mit der er seinen Besitz

erschlichen, bewahrte und verwahrte, ein fast physisches Gefühl, das

Grauen und Lust in sich paarte. Mannsthal schien ein Kühler. Sein Geist

war durch nichts überwuchert, mit nichts durchsetzt, er war gleichsam

durch die Sinne zur äußersten Oberfläche seiner Handlungen getrieben,

und hier in stetem Spiel. Ich habe niemals ein Gefühl bei ihm entdeckt,

das ganz schlackenlos und, wenn ich sagen dürfte, geistlos aus ihm

loderte. Ich ahnte, daß er äußerster Dinge bedurfte, um seinen Geist zum

Scheintod zu zwingen. Ein Hang zur Unmäßigkeit war ihm eigen.

Entschlüsse brachen blitzartig aus ihm, er war ihnen verfallen wie einem

geheimen Befehl seines Unterbewußtseins. Der Abbruch unserer Beziehungen

war ein solcher Entschluß. Und dennoch war Mannsthal unbedingt das, was

man einen edlen und in mehrfachem Sinn einen gemeinnützigen Menschen

nennt. Es fehlte ihm weder an impulsiver noch an wohlbedachter Güte,

obwohl auch an seiner Schädlichkeit nicht zu zweifeln war.«

Zu jener Zeit verfolgte Mannsthal dem Kinde gegenüber die Verwirklichung

seiner Vorstellungen in einer Art, die grausam zu nennen war. Er wollte

Vögelchen wie ein Wesenloses, ein Bild genießen, er hätte sie hungern

lassen, damit sie leicht bleibe wie ein Schmetterling. Er wollte sie wie

eine Vision in seinem Leben haben, er vergötterte und förderte ihre

Zerbrechlichkeit. Urbacher aber liebte ihre Zartheit, die ihm wie eine

Gefahr schien, für die er immer bereit sein mußte. »Wundersam war es

mir,« so schrieb er, »die Wandlungen zu beobachten, denen Vögelchens

Wesen unterworfen war. Wie die starre Unzugänglichkeit der

byzantinischen Malerei sich in die kindliche Freundlichkeit der

toskanischen und sienensischen Mystiker wandelt, so erblühte aus dem

strengen Kind ein magdhaftes, stolzes und doch schüchternes Wesen, wie

Ambruogio Lorenzetti, der stille seine Madonnen malte, als eben der

heilige Franziskus die Natur entsühnt hatte. Das sinnend zur Seite

geneigte Köpfchen, die minnigliche Holdseligkeit der schmalen Arme und

Hände, die Biegung der Gestalt, über all dies körperlich Verengte, über

die überirdische Lieblichkeit, diese Schwingungen der Zartheit, schwebte

der träumerische, himmlische Friede des Trecento. Als wäre sie aus den

Bildern jenes anmutreichsten Deutschen, aus Stephan Lochners Tafeln, zu

uns herabgestiegen mit der mädchenhaften Schalkhaftigkeit seiner

Madonnen, als käme sie aus den Welten jenes Fraters, der hinter den

Klostermauern von San Marco schuf. Ihr Füßchen schien feucht von den

Wiesen auf Fra Angelicos Bildern, die im Frühlingsschmuck prangen, und

manchmal waren kleine, ungefährliche Teufelchen um sie, wie sie der

Gute, Lichte gemalt. Oft aber, wenn sie eben getollt und gelacht hatte,

geschah es, daß sie reglos still wurde, als horche sie. Da konnte sie

ihre artigen Manieren vergessen und minutenlang in ein Antlitz starren

mit einer Neugier, die grausam schien. Wenn der von ihr Gemusterte

umgesunken, wenn vor der Tür ein Schuß gefallen wäre oder eine ersehnte,

unerwartete Stimme sie gerufen, sie hätte den festgesaugten Blick nicht

von dem Gegenstand ihrer Wißbegierde gewandt. Was sie erforschte,

erzählte sie nicht, doch war es oft erstaunlich, wie unterrichtet sie

war. Ihre kindliche Ahnungslosigkeit blieb dennoch unerschütterlich. Sie

selbst aber glaubte mit einer gar zu drolligen Genugtuung, den Dingen

auf den Grund gekommen zu sein.«

Adalbert Mannsthal hatte gleich nach seiner Scheidung das alte

Familienhaus verlassen und ein Haus gekauft, in einem Bezirk, in dem

noch alte Gärten vom merkantilen Unternehmersinn verschont geblieben

waren. Es wäre ganz undenkbar gewesen, daß Mannsthal, der in feudaler

Umgebung aufgewachsen war, mit fremden Leuten in einem Hause wohne, in

einem Zinshaus. In seinem Heim erinnerte eigentlich nichts an eine

bestimmte Zeit. Die Räume waren alle groß, still und nicht sehr hell.

Die Luster waren Kerzenträger, die Spiegel hatten Metallrahmen, die

Bücher standen hinter schweren smaragdfarbenen Seidenvorhängen, die

Sitzmöbel schienen unbeweglich, so massiv waren sie. Antike Kunstwerke

und wertvolles Porzellan schmückten die Wände. Vögelchen sah um so

zierlicher aus in dieser Umgebung. Aber die ein wenig düstere Lage des

Hauses und der tiefe Schatten des umschlossenen Gartens machten einen

längeren Sommeraufenthalt für das Kind unumgänglich. Mannsthal besaß aus

der Erbschaft nach einer Tante ein Landhaus an einem See der Kalkalpen.

Dieses bestimmte er für Vögelchens Sommersitz. Er selbst verbrachte

gewohnheitgemäß einen Teil der warmen Jahreszeit in einem Wildbad, das

er einmal wegen eines Leidens aufgesucht hatte. Seltsam verjüngt kehrte

er immer von dort zurück. Während seines Fernseins wohnte Urbacher in

dem Landhaus am See und verließ es gewöhnlich bald nach Mannsthals

Eintreffen, um seine einsamen Gebirgswanderungen anzutreten.

Der Aufenthalt am See ward Urbacher die schönste Lebenszeit. Wie

beglückend war ihm das Bewußtsein, daß der künftige Tag und die vielen

folgenden ein Wiedersehen mit Vögelchen bargen, daß er sie sehen konnte,

wann er wollte, bei ihren kleinen Gärtnerarbeiten, bei den ergötzlichen

Schulstunden, die sie, die Unbelehrte, mit den Bauernkindern abhielt, im

Kahn, im Bade, im Walde, wo sie so durchscheinend blaß erschien, in

ihrem Zimmerchen, das ein wenig phantastisch war, etwa wie das Zelt

eines kleinen Indianerhäuptlings. Vögelchen liebte Fische. In dem Teich

mit der Fontäne, deren Stimme sich in ihre Träume mischte, zog sie große

Goldfische und eine andere weißliche Art, die sie Mondstrählchen nannte.

Sie verehrte sie wie heilige Tiere.

Die Wochen, da ihr Stiefvater abwesend war, benützte Urbacher, sie zu

belehren, und ihren Geist von dem eigenen bewegten Innern auf dieses

anderer Menschen und Geschehnisse zu lenken. Märchen ergötzten sie

nicht. Sie schienen farblos zu sein gegen solche, die sie selbst ersann.

Waren ihr doch die wirklichen Ereignisse wundersame Begebenheiten, für

die sie absonderliche und unzutreffende Deutungen fand. Daß sie das

Leben wie ein Wunderland sah, unheimlich und doch nach ihrem Sinne, ohne

Unerklärlichkeit, das erfüllte den Freund oft mit dem Bangen wie vor

einer unabwendbaren Katastrophe. So marionettenhaft ihr auch die

erdachten Märchen erschienen, so unermüdlich horchte sie den Berichten

aus fremden Ländern. Sie war darin wie ein Junge. Ihre Bibliothek

bestand aus Reisebeschreibungen. Sie liebte auch die Berichte von großen

Taten und die Schicksale der Hilfsbedürftigen und Bresthaften fesselten

sie. Aber auch das Dämonische und Grausame erweckten in ihr eine fast

fieberhafte Neugier und es war unklar, ob dies aus Mitleid für die Opfer

oder aus jenem bösen Instinkt geschah, der Kindern mehr als Tieren eigen

ist. Urbacher fragte sich oft, ob Vögelchen ihre Lebensweise nicht eines

Tages als Zwang empfinden würde, ob nicht schon Sehnsucht heimlich an

ihr zehrte. Man ergründete niemals die eigentliche Quelle ihrer

Zartheit. Noch schien sie ganz ruhig, ausschließlich auf die kleinen

Dinge gerichtet, mit denen sie ihr Leben bevölkerte. Sie hatte eine

seidenhaarige Katze, Fische, Reisebücher, Blumen und einen kleinen

buckligen Bauernbuben zum Pagen. Sie trug jahraus jahrein weiße Kleider

und farbige Ketten, die sie selbst verfertigte, des Sonntags eine

zierliche echte Perlenschnur, ein Andenken von der Mutter. Sie sammelte

Muscheln, Schmetterlinge und Käfer und nähte mit ihrer alten Wartefrau

Kleidchen für arme Kinder, die meist zu klein ausfielen. Mit Mannsthals

Gästen freute sie sich, obwohl sie viele unter ihnen nicht liebte, und

stürzte sich mit hungrigen Fragen auf sie. Von der Welt, die man die

Gesellschaft nennt, schien sie nichts zu wissen. Ihr war jeder Mensch

ein zusammenhangloses Wesen und sie hielt ihm nichts zugute, da sie die

Beziehungen seines Lebens nicht kannte und verstand. Oft aber entzückte

sie ein Selbstverständliches. Urbacher verfiel immer wieder in

Grübeleien über Vögelchens Zukunft. Mannsthal aber war keinerlei

Erwägungen zugänglich. Man schlug ihm vor, mit Vögelchen zu reisen, da

ihr Interesse für fremde Gegenden oft leidenschaftlich hervorbrach. Wenn

nun auch Arabella noch keinerlei Unruhe zeigte, durfte Mannsthal ganz

sicher sein, daß sie nicht in ihr unsichtbar sich vorbereitete? Als man

ihm darüber Vorstellungen machte, meinte er, die Kleine sei eben nicht

wie andere Vierzehnjährige, und sein Lächeln schien hinzuzufügen, er

habe dafür gesorgt, daß ihr noch keine Flügel wüchsen. Es geschah

jedoch, wie Urbacher es voraussah.

Es begab sich, daß Mannsthal, der Doktor und Vögelchen an einem blauen

Juliabend an das jenseitige Ufer des Sees ruderten. Dort war vor kurzem

ein verlassenes Schloß zu einer Fremdenherberge verwandelt worden. Auf

der Terrasse, die weit ins Wasser hinausgebaut war, standen die Tische

und Sessel, in denen die Reisenden und erholungsuchende Menschen sich

müßig gegenüber saßen. Man konnte weithin den erhellten Saal sehen, aus

dem oft wiegende Tanzmelodien klangen. Modisch gezierte Leute gingen hin

und wieder. Adalbert, der diese Welt nicht suchte, aber niemals mied,

begann mit Spott über dies Leben zu sprechen, das die Menschen zu

Pagoden mache, in die Landschaft schlechte Farben und grelle Töne

brächte. Es schien plötzlich eine Unrast in ihm zu sein wie in einem

Tier, das etwas wittert. Der Abend barg eine von fremdem Duft beladene

Schwüle, wie sie Gewitternächten vorangeht. Adalbert und der Doktor

hatten fast den ganzen Tag im Studierzimmer verbracht, in die

Angelegenheit einer Fälschung vertieft, der sie auf der Spur zu sein

glaubten. Auch Vögelchen war den ganzen Tag über allein gewesen, wie

vergraben zwischen ihren Blumen und Tieren. Das belebte Gelände am See

erschien den aus der Einsamkeit Tauchenden wie eine Luftspiegelung; ganz

fremd sah es in ihr Leben. Aber während Adalbert weiter sprach, als

fürchtete er eine Stille, in die dies Fremde lauter tönen könnte, waren

Vögelchens Augen mit jenem sich ansaugenden Ausdruck auf das Gestade

gerichtet. Mannsthal saß am Steuer, während Urbacher in lässiger

Betrachtung des neuen Bildes die Ruder gesenkt hielt.

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