Aber ein solches Geschick erwartete Wolodja nicht. Er lauschte gerade
einem Märchen, das ihm Waßin erzählte, als man plötzlich schrie: »Die
Franzosen kommen!« Das Blut strömte ihm augenblicklich nach dem Herzen,
er fühlte, wie seine Wangen kalt und bleich wurden. Eine Sekunde
blieb er unbeweglich; als er sich aber umsah, beobachtete er, wie die
Soldaten ziemlich ruhig ihre Mäntel zuknöpften und einer nach dem
andern herauskrochen, -- der eine, wie es schien, war es Mjelnikow,
sagte sogar scherzend:
Bringt ihm Salz und Brot entgegen, Kinder!
Wolodja kroch mit Wlang, der keinen Schritt von ihm wich, aus der
Blindage heraus und lief zur Batterie. Das Artilleriefeuer war weder
diesseits noch jenseits zu hören. Nicht so sehr das ruhige Aussehen
der Soldaten, als vielmehr die klägliche, unverhohlene Feigheit des
Junkers ermutigte ihn. »Darf ich denn wie dieser sein?« dachte er und
lief frohen Muts zur Brustwehr, an der seine Mörser standen. Er konnte
deutlich erkennen, wie die Franzosen über einen freien Platz gerade
auf ihn zuliefen, und wie sich ihre Scharen, mit den in der Sonne
blitzenden Bajonetten, in den nächsten Laufgräben bewegten. Ein kleiner
breitschultriger Mann in Zuavenuniform, mit einem Degen, lief voran und
sprang über die Gruben.
Mit Kartätschen schießen! schrie Wolodja und stieg eilig von der
Brustwehrbank herab; aber die Soldaten waren ihm zuvorgekommen, und der
metallene Ton einer abgeschossenen Kartätsche pfiff über seinen Kopf
hin, zuerst aus einem, dann aus einem zweiten Mörser. »Das erste! das
zweite!« kommandierte Wolodja, indem er die Linie entlang von einem
Mörser zum andern lief und vollständig die Gefahr vergaß. Von der Seite
her ließ sich das nahe Gewehrfeuer unserer Bedeckungsmannschaft und
unruhiges Geschrei hören.
Plötzlich ertönte links, von einigen Stimmen wiederholt, ein
erschütternder Schrei der Verzweiflung: »Wir sind umzingelt,
umzingelt!« Wolodja sah sich auf den Schrei um. Zwanzig Mann Franzosen
zeigten sich im Rücken. Einer von ihnen, ein hübscher Mann mit
schwarzem Bart, war allen voran bis auf zehn Schritt an die Batterie
herangekommen, hier blieb er stehen, feuerte direkt auf Wolodja und
lief dann wieder auf ihn zu. Eine Sekunde stand Wolodja wie versteinert
da und glaubte seinen Augen nicht. Als er wieder zu sich kam und sich
umsah, befanden sich vor ihm auf der Brustwehr bereits blaue Uniformen;
zehn Schritte von ihm vernagelten sogar zwei Franzosen eine Kanone. In
seiner Nähe war außer Mjelnikow, der neben ihm von einer Gewehrkugel
gefallen, und Wlang, der einen Geschützhebel erfaßt und mit wütendem
Gesichtsausdruck und gesenkten Augen vorwärts stürzte, niemand mehr.
»Mir nach, Wladimir Ssemjonytsch, mir nach!« schrie die verzweifelte
Stimme Wlangs, der mit dem Hebel gegen die Franzosen ausholte, die von
hinten gekommen waren. Des Junkers wütende Gestalt machte ihn stutzig.
Einem der vordersten schlug er über den Kopf, und die anderen blieben
unwillkürlich stehen. Wlang, der sich immer noch umsah und schrie: »Mir
nach, Wladimir Ssemjonytsch! Was bleiben Sie stehen! Fliehen Sie!« --
lief zum Laufgraben, in dem unsere Infanterie lag und auf die Franzosen
schoß. Er sprang in den Laufgraben, dann streckte er den Kopf wieder
hervor, um zu sehen, was sein vergötterter Fähnrich mache.
Auf dem Platze, wo Wolodja gestanden hatte, lag, mit dem Gesicht zur
Erde, etwas im Mantel, und dieser ganze Platz war voll von Franzosen,
die auf die Unsrigen schossen.