XXIV

Der ältere Koselzow, der in der Nacht noch tüchtig gespielt und erst

gewonnen, dann wieder alles verloren hatte, sogar die in den Ärmel

eingenähten Goldstücke, schlief noch am Morgen einen ungesunden,

schweren, aber festen Schlaf in der Verteidigungskaserne der fünften

Bastion, als von verschiedenen Stimmen wiederholt der verhängnisvolle

Schrei ertönte:

Alarm!

Was schlafen Sie, Michajlo Ssemjonytsch! Sturm! schrie ihm plötzlich

eine Stimme zu.

Gewiß ein Schulbube ... murmelte er, die Augen öffnend, er glaubte es

nicht.

Plötzlich aber sah er einen Offizier ohne jeden ersichtlichen Zweck mit

einem so bleichen Gesicht aus einer Ecke nach der andern laufen, daß

er alles begriff. Der Gedanke, daß man ihn für einen Feigling halten

könnte, der in so kritischer Stunde nicht zur Kompagnie gehen wolle,

machte ihn ganz bestürzt. Er lief aus Leibeskräften zur Kompagnie.

Das Geschützfeuer hatte aufgehört, das Gewehrgeknatter dagegen seinen

Höhepunkt erreicht. Die Kugeln pfiffen nicht einzeln, wie aus Stutzen,

sondern flogen, wie Scharen von Herbstvögeln, in Schwärmen über die

Köpfe. Der ganze Platz, auf dem gestern sein Bataillon gestanden, war

in Rauch gehüllt. Wirres Schreien und Rufen ließ sich hören. Verwundete

und nicht verwundete Soldaten begegneten ihm in Scharen. Dreißig

Schritte weiter sah er seine Kompagnie, die sich an eine Wand gestellt

hatte.

Sie haben die Schwarz-Redoute genommen, rief ein junger Offizier. Alles

ist verloren!

Unsinn! sagte er zornig, faßte seinen kleinen, eisernen, stumpfen Säbel

und schrie:

Vorwärts, Kinder! Urra--a!

Die Stimme war klangvoll und kräftig, und regte Koselzow selber an. Er

stürzte vorwärts den Querwall entlang; fünfzig Mann Soldaten eilten mit

Geschrei hinter ihm her. Er lief hinter dem Querwall hervor auf einen

offenen Platz. Die Kugeln flogen hageldicht.

Zwei trafen ihn, aber wo und was sie ihm gethan, ob sie ihn gestreift

oder verwundet, hatte er keine Zeit zu untersuchen. Vor ihm im

Pulverdampf waren bereits blaue Waffenröcke und rote Hosen zu sehen und

Geschrei zu hören, das nicht russisch war; ein Franzose stand auf der

Brustwehr, schwenkte den Degen und schrie. Koselzow war überzeugt, daß

er fallen werde: das verlieh ihm Tapferkeit. Er lief immer vorwärts

und vorwärts. Einige Soldaten überholten ihn; andere zeigten sich von

der Seite her und liefen ebenfalls mit. Die blauen Uniformen blieben

in derselben Entfernung, indem sie vor ihm nach ihren Laufgräben

zurückliefen; aber seine Füße stießen an Verwundete und Tote.

Als Koselzow bereits den Außengraben laufend erreicht hatte, wurde es

ihm schwarz vor den Augen, und er fühlte einen Schmerz in der Brust.

Eine halbe Stunde darauf lag er auf einer Tragbahre bei der

Nikolajew-Kaserne und wußte, daß er verwundet war, fühlte aber fast

keinen Schmerz; er wollte nur etwas Kaltes trinken und ruhig liegen.

Ein kleiner dicker Doktor mit schwarzem Vollbart kam zu ihm und knöpfte

ihm den Mantel auf. Koselzow sah über das Kinn auf das, was der Doktor

mit seiner Wunde machte, und auf das Gesicht des Doktors, empfand aber

keinen Schmerz. Der Doktor bedeckte die Wunde mit dem Hemd, wischte

sich die Finger an den Schößen seines Überrocks ab und ging schweigend,

ohne den Verwundeten anzusehen, zu einem andern. Koselzow verfolgte

unbewußt mit den Augen, was um ihn vorging, und da er sich erinnerte,

was auf der fünften Bastion geschehen war, dachte er mit einem ungemein

tröstenden Gefühl daran, wie er seine Pflicht brav erfüllt, wie er zum

erstenmal während seiner ganzen Dienstzeit sich so gut als möglich

benommen, und ihm niemand einen Vorwurf machen könne. Der Doktor, der

einen andern verwundeten Offizier verband, sagte, auf Koselzow zeigend,

etwas zu einem Geistlichen mit einem großen roten Barte, der mit einem

Kreuze in der Hand dastand.

Werde ich sterben? fragte Koselzow den Geistlichen, als dieser zu ihm

herangekommen war.

Der Geistliche sprach, ohne zu antworten, ein Gebet und reichte dem

Verwundeten das Kreuz zum Kuß.

Der Tod erschreckte Koselzow nicht. Er nahm mit schwachen Händen das

Kreuz, drückte es an seine Lippen und begann zu weinen.

Sind die Franzosen zurückgeworfen? fragte er mit fester Stimme den

Geistlichen.

Der Sieg ist überall den Unsrigen geblieben, antwortete der

Geistliche, um den Verwundeten zu trösten. Er verbarg ihm, daß auf dem

Malachow-Hügel bereits die französische Fahne wehte.

Gott sei gelobt! rief der Verwundete und fühlte nicht, wie ihm die

Thränen über die Wangen rannen.

Der Gedanke an den Bruder blitzte einen Augenblick in seinem Kopfe auf.

»Gott gebe ihm ein ebensolches Glück!« dachte er.

Sewastopol · 第 52 / 86 题