Der ältere Koselzow, der in der Nacht noch tüchtig gespielt und erst
gewonnen, dann wieder alles verloren hatte, sogar die in den Ärmel
eingenähten Goldstücke, schlief noch am Morgen einen ungesunden,
schweren, aber festen Schlaf in der Verteidigungskaserne der fünften
Bastion, als von verschiedenen Stimmen wiederholt der verhängnisvolle
Schrei ertönte:
Alarm!
Was schlafen Sie, Michajlo Ssemjonytsch! Sturm! schrie ihm plötzlich
eine Stimme zu.
Gewiß ein Schulbube ... murmelte er, die Augen öffnend, er glaubte es
nicht.
Plötzlich aber sah er einen Offizier ohne jeden ersichtlichen Zweck mit
einem so bleichen Gesicht aus einer Ecke nach der andern laufen, daß
er alles begriff. Der Gedanke, daß man ihn für einen Feigling halten
könnte, der in so kritischer Stunde nicht zur Kompagnie gehen wolle,
machte ihn ganz bestürzt. Er lief aus Leibeskräften zur Kompagnie.
Das Geschützfeuer hatte aufgehört, das Gewehrgeknatter dagegen seinen
Höhepunkt erreicht. Die Kugeln pfiffen nicht einzeln, wie aus Stutzen,
sondern flogen, wie Scharen von Herbstvögeln, in Schwärmen über die
Köpfe. Der ganze Platz, auf dem gestern sein Bataillon gestanden, war
in Rauch gehüllt. Wirres Schreien und Rufen ließ sich hören. Verwundete
und nicht verwundete Soldaten begegneten ihm in Scharen. Dreißig
Schritte weiter sah er seine Kompagnie, die sich an eine Wand gestellt
hatte.
Sie haben die Schwarz-Redoute genommen, rief ein junger Offizier. Alles
ist verloren!
Unsinn! sagte er zornig, faßte seinen kleinen, eisernen, stumpfen Säbel
und schrie:
Vorwärts, Kinder! Urra--a!
Die Stimme war klangvoll und kräftig, und regte Koselzow selber an. Er
stürzte vorwärts den Querwall entlang; fünfzig Mann Soldaten eilten mit
Geschrei hinter ihm her. Er lief hinter dem Querwall hervor auf einen
offenen Platz. Die Kugeln flogen hageldicht.
Zwei trafen ihn, aber wo und was sie ihm gethan, ob sie ihn gestreift
oder verwundet, hatte er keine Zeit zu untersuchen. Vor ihm im
Pulverdampf waren bereits blaue Waffenröcke und rote Hosen zu sehen und
Geschrei zu hören, das nicht russisch war; ein Franzose stand auf der
Brustwehr, schwenkte den Degen und schrie. Koselzow war überzeugt, daß
er fallen werde: das verlieh ihm Tapferkeit. Er lief immer vorwärts
und vorwärts. Einige Soldaten überholten ihn; andere zeigten sich von
der Seite her und liefen ebenfalls mit. Die blauen Uniformen blieben
in derselben Entfernung, indem sie vor ihm nach ihren Laufgräben
zurückliefen; aber seine Füße stießen an Verwundete und Tote.
Als Koselzow bereits den Außengraben laufend erreicht hatte, wurde es
ihm schwarz vor den Augen, und er fühlte einen Schmerz in der Brust.
Eine halbe Stunde darauf lag er auf einer Tragbahre bei der
Nikolajew-Kaserne und wußte, daß er verwundet war, fühlte aber fast
keinen Schmerz; er wollte nur etwas Kaltes trinken und ruhig liegen.
Ein kleiner dicker Doktor mit schwarzem Vollbart kam zu ihm und knöpfte
ihm den Mantel auf. Koselzow sah über das Kinn auf das, was der Doktor
mit seiner Wunde machte, und auf das Gesicht des Doktors, empfand aber
keinen Schmerz. Der Doktor bedeckte die Wunde mit dem Hemd, wischte
sich die Finger an den Schößen seines Überrocks ab und ging schweigend,
ohne den Verwundeten anzusehen, zu einem andern. Koselzow verfolgte
unbewußt mit den Augen, was um ihn vorging, und da er sich erinnerte,
was auf der fünften Bastion geschehen war, dachte er mit einem ungemein
tröstenden Gefühl daran, wie er seine Pflicht brav erfüllt, wie er zum
erstenmal während seiner ganzen Dienstzeit sich so gut als möglich
benommen, und ihm niemand einen Vorwurf machen könne. Der Doktor, der
einen andern verwundeten Offizier verband, sagte, auf Koselzow zeigend,
etwas zu einem Geistlichen mit einem großen roten Barte, der mit einem
Kreuze in der Hand dastand.
Werde ich sterben? fragte Koselzow den Geistlichen, als dieser zu ihm
herangekommen war.
Der Geistliche sprach, ohne zu antworten, ein Gebet und reichte dem
Verwundeten das Kreuz zum Kuß.
Der Tod erschreckte Koselzow nicht. Er nahm mit schwachen Händen das
Kreuz, drückte es an seine Lippen und begann zu weinen.
Sind die Franzosen zurückgeworfen? fragte er mit fester Stimme den
Geistlichen.
Der Sieg ist überall den Unsrigen geblieben, antwortete der
Geistliche, um den Verwundeten zu trösten. Er verbarg ihm, daß auf dem
Malachow-Hügel bereits die französische Fahne wehte.
Gott sei gelobt! rief der Verwundete und fühlte nicht, wie ihm die
Thränen über die Wangen rannen.
Der Gedanke an den Bruder blitzte einen Augenblick in seinem Kopfe auf.
»Gott gebe ihm ein ebensolches Glück!« dachte er.