XXVI

Wlang fand seine Batterie in der zweiten Verteidigungslinie. Von den

zwanzig Soldaten, die bei der Mörserbatterie gewesen, hatten sich nur

acht gerettet.

In der neunten Abendstunde setzte Wlang mit der Batterie auf einem mit

Soldaten, Kanonen, Pferden und Verwundeten angefüllten Dampfer nach

der Nordseite über. Die Schüsse hatten überall aufgehört. Die Sterne

glänzten, wie in der vergangenen Nacht, hell am Himmel; aber ein

heftiger Wind peitschte das Meer. Auf der ersten und zweiten Bastion

flammten längs der Erde Blitze auf; Explosionen erschütterten die Luft

und erhellten ringsumher schwarze, seltsame Gegenstände und in die Luft

fliegende Steine. In der Nähe der Docks war ein Brand, und die rote

Flamme spiegelte sich im Wasser. Die von Menschen überfüllte Brücke

war durch ein auf der Nikolaj-Batterie brennendes Feuer erleuchtet.

Die große Flamme schien über dem Wasser auf der fernen Landzunge

der Alexander-Batterie zu stehen und erhellte den unteren Teil einer

Rauchwolke, die über ihr lag, und wie gestern schimmerten die ruhigen,

herausfordernden, fernen Lichter im Meer auf der feindlichen Flotte.

Eine frische Brise bewegte die Bucht. Bei dem Scheine der Brände waren

die Masten unserer immer tiefer und tiefer ins Wasser versenkten

Schiffe sichtbar. Gespräch ließ sich auf dem Verdeck nicht hören; nur

hörte man durch das gleichmäßige Geräusch der zerteilten Wellen und des

Dampfes auf der Fähre die Pferde schnauben und mit den Füßen stampfen,

die Kommandoworte des Kapitäns und das Stöhnen der Verwundeten. Wlang,

der den ganzen Tag nichts gegessen hatte, holte sich ein Stück Brot aus

der Tasche und begann es zu kauen; plötzlich aber erinnerte er sich

Wolodjas und begann so laut zu weinen, daß die Soldaten in seiner Nähe

es hörten.

Sieh, unser Wlanga ißt Brot und weint dabei! sagte Waßin.

's ist wunderbar! entgegnete ein anderer.

Sieh, auch unsere Kasernen haben sie angezündet ... fuhr er seufzend

fort. Daran, daß von unsereinem so viele dort gefallen, hat der

Franzose noch nicht genug!

Mit knapper Not sind wir lebend von dort fortgekommen, und dafür sei

dem Herrn Dank! sagte Waßin.

Aber doch ist es kränkend ...

Ach was, kränkend? Wird »er« denn dort herumspazieren? Wo denkst

du hin? ... Gieb' acht, die Unsrigen werden ihm schon alles wieder

abnehmen. Wieviel von unsereinem auch dort zu Grunde gegangen, aber,

so wahr Gott heilig ist, wenn der Kaiser befiehlt -- wird's ihm

abgenommen! Werden's ihm denn die Unsrigen so lassen? Gewiß nicht! ...

Behalt dir nur die nackten Wände, die Schanzen sind sämtlich in die

Luft gesprengt ... Auf dem Hügel hat er sein Fähnchen aufgesteckt, aber

in die Stadt wagt er sich nicht.

Wart' nur, mit dir wird schon noch abgerechnet werden ... Laß uns nur

Zeit! schloß er, zu den Franzosen gewandt.

Gewiß wird das geschehen! sagte der andere mit Überzeugung.

Auf der ganzen Linie der Sewastopoler Bastionen, die viele Monate

hindurch der Schauplatz strotzenden, energischen Lebens gewesen war,

die so viele Monate hindurch mit angesehen hatten, wie die Soldaten,

einer nach dem andern, hinstarben, die so viele Monate die Furcht,

den Haß und endlich das Entzücken der Feinde erregt hatten, auf

den Bastionen von Sewastopol war niemand mehr zu sehen. Alles war

tot, öde, schrecklich, aber nicht still, -- noch immer wurde das

Werk der Zerstörung fortgesetzt. Auf der durch frische Explosionen

aufgerissenen und eingestürzten Erde lagen überall zerbogene Lafetten

auf russischen und feindlichen Leichen, -- schwere gußeiserne, für

immer verstummte Kanonen, die durch eine fürchterliche Gewalt in

Gruben geworfen und halb mit Erde überschüttet waren, -- Bomben,

Kanonenkugeln, wiederum Leichen, Gruben, Bruchstücke von Balken aus den

Blindagen, und wieder stumme Leichen in grauen und blauen Mänteln. Das

alles zitterte noch häufig nach und wurde durch die Purpurflamme der

Explosion beleuchtet, die fortgesetzt die Luft erschütterte.

Die Feinde sahen, daß etwas Unbegreifliches in dem schrecklichen

Sewastopol geschehen war. Diese Explosionen und das Schweigen des

Todes auf den Bastionen machten sie erzittern; sie wagten aber unter

dem Eindruck des kräftigen, mutigen Widerstands des Tages noch nicht

zu glauben, daß ihr unerschütterlicher Feind verschwunden sei, und

erwarteten, ohne sich zu rühren, mit Beben das Ende der finstern Nacht.

Wie das Meer in stürmischer, finstrer Nacht auf- und abschwillt und

ängstlich erbebt in seiner ganzen Fülle und am Ufer brandet, so bewegte

sich das Heer von Sewastopol langsam in undurchdringlicher Finsternis

über die Brücke auf der Nordseite -- fort von dem Ort, auf dem es

so viel tapfere Brüder gelassen, von dem Ort, der von seinem Blute

getränkt war, von dem Ort, den es elf Monate lang gegen einen doppelt

stärkeren Feind verteidigt und jetzt auf Befehl ohne Kampf verlassen

mußte.

Unbegreiflich und schwer war für jeden Russen der erste Eindruck dieses

Befehls. Das zweite Gefühl war die Furcht vor Verfolgung. Die Leute

fühlten sich widerstandsunfähig, sobald sie die Orte verlassen hatten,

an denen sie zu kämpfen gewohnt waren, und drängten sich unruhig in

der Finsternis am Anfang der Brücke zusammen, die von einem starken

Wind hin- und hergeschaukelt wurde. Die Infanterie staute sich, ihre

Bajonette stießen aneinander, die Regimenter, Wagen und Milizen

drängten sich zusammen; berittene Offiziere mit Befehlen brachen sich

Bahn; es weinten und baten die Einwohner und Offiziersburschen, deren

beladene Wagen nicht durchgelassen wurden; mit Rädergerassel arbeitete

sich die Artillerie zur Bucht durch, um so schnell als möglich

davonzukommen. Obgleich alle von den verschiedensten unwichtigen Dingen

in Anspruch genommen waren, war doch das Gefühl der Selbsterhaltung

und der Wunsch, so schnell als möglich von diesem furchtbaren Orte des

Todes hinwegzukommen, in der Seele eines jeden. Dieses Gefühl hatte der

tödlich verwundete Gemeine, der unter fünfhunderten solcher Verwundeter

auf dem Pflaster des Pauldammes lag und Gott um seinen Tod bat, der

Landwehrmann, der sich mit äußerster Kraftanstrengung in die dichte

Menge drängte, um dem vorüberreitenden General den Weg freizumachen,

der General, der standhaft den Übergang leitete und gegen die Hast der

Soldaten ankämpfte, der Matrose, der in ein marschierendes Bataillon

geraten war und von der wogenden Menge so zusammengepreßt wurde, daß

ihm der Atem verging, der verwundete Offizier, den vier Gemeine auf

einer Bahre trugen und bei der Nikolai-Batterie niederließen, weil die

gestaute Menschenmasse ihnen den Weg verstellte, der Artillerist, der

sechzehn Jahre sein Geschütz bedient hatte und der es auf den Befehl

der Führung, der ihm unverständlich war, mit Hilfe der Kameraden

den steilen Abhang der Bucht hinabgestürzt hatte, die Seeleute, die

eben das Wasser in die Schiffe einließen und in ihren Barkassen mit

schnellem Ruderschlag davonfuhren. Fast jeder Soldat, der an das

jenseitige Ufer gelangt war, nahm die Mütze ab und bekreuzte sich.

Aber diesem Gefühl folgte ein anderes, schweres, nagendes und tieferes

Gefühl: es war ein Gefühl der Reue, der Scham und der Wut. Fast jeder

Soldat, der von der Nordseite aus nach dem verlassenen Sewastopol

hinüberblickte, seufzte mit unsagbarer Trübsal im Herzen und drohte den

Feinden.

Sewastopol · 第 54 / 86 题