Wlang fand seine Batterie in der zweiten Verteidigungslinie. Von den
zwanzig Soldaten, die bei der Mörserbatterie gewesen, hatten sich nur
acht gerettet.
In der neunten Abendstunde setzte Wlang mit der Batterie auf einem mit
Soldaten, Kanonen, Pferden und Verwundeten angefüllten Dampfer nach
der Nordseite über. Die Schüsse hatten überall aufgehört. Die Sterne
glänzten, wie in der vergangenen Nacht, hell am Himmel; aber ein
heftiger Wind peitschte das Meer. Auf der ersten und zweiten Bastion
flammten längs der Erde Blitze auf; Explosionen erschütterten die Luft
und erhellten ringsumher schwarze, seltsame Gegenstände und in die Luft
fliegende Steine. In der Nähe der Docks war ein Brand, und die rote
Flamme spiegelte sich im Wasser. Die von Menschen überfüllte Brücke
war durch ein auf der Nikolaj-Batterie brennendes Feuer erleuchtet.
Die große Flamme schien über dem Wasser auf der fernen Landzunge
der Alexander-Batterie zu stehen und erhellte den unteren Teil einer
Rauchwolke, die über ihr lag, und wie gestern schimmerten die ruhigen,
herausfordernden, fernen Lichter im Meer auf der feindlichen Flotte.
Eine frische Brise bewegte die Bucht. Bei dem Scheine der Brände waren
die Masten unserer immer tiefer und tiefer ins Wasser versenkten
Schiffe sichtbar. Gespräch ließ sich auf dem Verdeck nicht hören; nur
hörte man durch das gleichmäßige Geräusch der zerteilten Wellen und des
Dampfes auf der Fähre die Pferde schnauben und mit den Füßen stampfen,
die Kommandoworte des Kapitäns und das Stöhnen der Verwundeten. Wlang,
der den ganzen Tag nichts gegessen hatte, holte sich ein Stück Brot aus
der Tasche und begann es zu kauen; plötzlich aber erinnerte er sich
Wolodjas und begann so laut zu weinen, daß die Soldaten in seiner Nähe
es hörten.
Sieh, unser Wlanga ißt Brot und weint dabei! sagte Waßin.
's ist wunderbar! entgegnete ein anderer.
Sieh, auch unsere Kasernen haben sie angezündet ... fuhr er seufzend
fort. Daran, daß von unsereinem so viele dort gefallen, hat der
Franzose noch nicht genug!
Mit knapper Not sind wir lebend von dort fortgekommen, und dafür sei
dem Herrn Dank! sagte Waßin.
Aber doch ist es kränkend ...
Ach was, kränkend? Wird »er« denn dort herumspazieren? Wo denkst
du hin? ... Gieb' acht, die Unsrigen werden ihm schon alles wieder
abnehmen. Wieviel von unsereinem auch dort zu Grunde gegangen, aber,
so wahr Gott heilig ist, wenn der Kaiser befiehlt -- wird's ihm
abgenommen! Werden's ihm denn die Unsrigen so lassen? Gewiß nicht! ...
Behalt dir nur die nackten Wände, die Schanzen sind sämtlich in die
Luft gesprengt ... Auf dem Hügel hat er sein Fähnchen aufgesteckt, aber
in die Stadt wagt er sich nicht.
Wart' nur, mit dir wird schon noch abgerechnet werden ... Laß uns nur
Zeit! schloß er, zu den Franzosen gewandt.
Gewiß wird das geschehen! sagte der andere mit Überzeugung.
Auf der ganzen Linie der Sewastopoler Bastionen, die viele Monate
hindurch der Schauplatz strotzenden, energischen Lebens gewesen war,
die so viele Monate hindurch mit angesehen hatten, wie die Soldaten,
einer nach dem andern, hinstarben, die so viele Monate die Furcht,
den Haß und endlich das Entzücken der Feinde erregt hatten, auf
den Bastionen von Sewastopol war niemand mehr zu sehen. Alles war
tot, öde, schrecklich, aber nicht still, -- noch immer wurde das
Werk der Zerstörung fortgesetzt. Auf der durch frische Explosionen
aufgerissenen und eingestürzten Erde lagen überall zerbogene Lafetten
auf russischen und feindlichen Leichen, -- schwere gußeiserne, für
immer verstummte Kanonen, die durch eine fürchterliche Gewalt in
Gruben geworfen und halb mit Erde überschüttet waren, -- Bomben,
Kanonenkugeln, wiederum Leichen, Gruben, Bruchstücke von Balken aus den
Blindagen, und wieder stumme Leichen in grauen und blauen Mänteln. Das
alles zitterte noch häufig nach und wurde durch die Purpurflamme der
Explosion beleuchtet, die fortgesetzt die Luft erschütterte.
Die Feinde sahen, daß etwas Unbegreifliches in dem schrecklichen
Sewastopol geschehen war. Diese Explosionen und das Schweigen des
Todes auf den Bastionen machten sie erzittern; sie wagten aber unter
dem Eindruck des kräftigen, mutigen Widerstands des Tages noch nicht
zu glauben, daß ihr unerschütterlicher Feind verschwunden sei, und
erwarteten, ohne sich zu rühren, mit Beben das Ende der finstern Nacht.
Wie das Meer in stürmischer, finstrer Nacht auf- und abschwillt und
ängstlich erbebt in seiner ganzen Fülle und am Ufer brandet, so bewegte
sich das Heer von Sewastopol langsam in undurchdringlicher Finsternis
über die Brücke auf der Nordseite -- fort von dem Ort, auf dem es
so viel tapfere Brüder gelassen, von dem Ort, der von seinem Blute
getränkt war, von dem Ort, den es elf Monate lang gegen einen doppelt
stärkeren Feind verteidigt und jetzt auf Befehl ohne Kampf verlassen
mußte.
Unbegreiflich und schwer war für jeden Russen der erste Eindruck dieses
Befehls. Das zweite Gefühl war die Furcht vor Verfolgung. Die Leute
fühlten sich widerstandsunfähig, sobald sie die Orte verlassen hatten,
an denen sie zu kämpfen gewohnt waren, und drängten sich unruhig in
der Finsternis am Anfang der Brücke zusammen, die von einem starken
Wind hin- und hergeschaukelt wurde. Die Infanterie staute sich, ihre
Bajonette stießen aneinander, die Regimenter, Wagen und Milizen
drängten sich zusammen; berittene Offiziere mit Befehlen brachen sich
Bahn; es weinten und baten die Einwohner und Offiziersburschen, deren
beladene Wagen nicht durchgelassen wurden; mit Rädergerassel arbeitete
sich die Artillerie zur Bucht durch, um so schnell als möglich
davonzukommen. Obgleich alle von den verschiedensten unwichtigen Dingen
in Anspruch genommen waren, war doch das Gefühl der Selbsterhaltung
und der Wunsch, so schnell als möglich von diesem furchtbaren Orte des
Todes hinwegzukommen, in der Seele eines jeden. Dieses Gefühl hatte der
tödlich verwundete Gemeine, der unter fünfhunderten solcher Verwundeter
auf dem Pflaster des Pauldammes lag und Gott um seinen Tod bat, der
Landwehrmann, der sich mit äußerster Kraftanstrengung in die dichte
Menge drängte, um dem vorüberreitenden General den Weg freizumachen,
der General, der standhaft den Übergang leitete und gegen die Hast der
Soldaten ankämpfte, der Matrose, der in ein marschierendes Bataillon
geraten war und von der wogenden Menge so zusammengepreßt wurde, daß
ihm der Atem verging, der verwundete Offizier, den vier Gemeine auf
einer Bahre trugen und bei der Nikolai-Batterie niederließen, weil die
gestaute Menschenmasse ihnen den Weg verstellte, der Artillerist, der
sechzehn Jahre sein Geschütz bedient hatte und der es auf den Befehl
der Führung, der ihm unverständlich war, mit Hilfe der Kameraden
den steilen Abhang der Bucht hinabgestürzt hatte, die Seeleute, die
eben das Wasser in die Schiffe einließen und in ihren Barkassen mit
schnellem Ruderschlag davonfuhren. Fast jeder Soldat, der an das
jenseitige Ufer gelangt war, nahm die Mütze ab und bekreuzte sich.
Aber diesem Gefühl folgte ein anderes, schweres, nagendes und tieferes
Gefühl: es war ein Gefühl der Reue, der Scham und der Wut. Fast jeder
Soldat, der von der Nordseite aus nach dem verlassenen Sewastopol
hinüberblickte, seufzte mit unsagbarer Trübsal im Herzen und drohte den
Feinden.