Diesseit der Bucht, zwischen Inkermann und den Befestigungen der
Nordseite, auf dem Telegraphenhügel, standen um die Mittagszeit
zwei Seeleute: ein Offizier, der durch ein Fernrohr nach Sewastopol
hinübersah, und ein zweiter, der soeben zu Pferde mit einem Kosaken zu
der hohen Signalstange gekommen war.
Die Sonne stand hell und hoch über der Bucht, die im heitern und
warmen Glanz mit den Böten und den Schiffen und ihren bewegten
Segeln spielte. Ein schwacher Wind trieb leicht die Blätter der
vertrockneten Eichensträucher um den Telegraphen, blähte die Segel
der Böte und erregte die Wellen des Meeres. Sewastopol, noch immer
dasselbe, mit seiner unvollendeten Kirche, seiner Säule, seinem
Hafendamm, dem grünen Boulevard auf der Höhe, dem schönen Bau der
Bibliothek, mit seinen kleinen, azurblauen, von Masten angefüllten
Buchten, den malerischen Bögen der Wasserleitung und mit den Wolken
blauen Pulverdampfes, bisweilen von der roten Flamme der Schüsse
beleuchtet -- noch immer schön, feiertäglich, stolz, umgeben auf der
einen Seite von gelben, rauchenden Bergen, auf der andern von dem
hellblauen, in der Sonne schillernden Meer -- Sewastopol war jenseits
der Bucht sichtbar. Wo das Meer dem Gesichtskreis entschwand, war ein
Streifen dichten Rauches sichtbar, den ein Dampfer verursachte; zogen
langgestreckte weiße Wolken hin, die Wind ankündigten. Auf der ganzen
Linie der Befestigungen, besonders auf den Höhen der linken Seite,
bildeten sich unaufhörlich, unter Blitzen, die bisweilen sogar in der
Mittagssonne leuchteten, dichte, zusammengeballte, weiße Rauchmassen,
die sich ausbreiteten, in mannigfachen Formen in die Höhe stiegen und
sich am Himmel dunkler färbten. Diese Rauchwolken zeigten sich bald
hier, bald dort, auf den Höhen, in den feindlichen Batterien, in der
Stadt und hoch oben am Himmel. Die Explosionen verstummten nicht und
erschütterten, ineinander fließend, die Luft. ...
Um zwölf Uhr begannen die Rauchwolken sich seltener zu zeigen, die Luft
wurde weniger von Getöse erschüttert.
Aber die zweite Bastion antwortet gar nicht mehr, rief der zu Pferde
sitzende Husarenoffizier, sie ist ganz zusammengeschossen. ...
Schrecklich.
Ja, auch der Malachow schickt ihnen auf drei Schüsse nur einen zur
Antwort, entgegnete der mit dem Fernrohr. Das macht mich rasend, daß er
schweigt. Der Feind trifft ganz direkt in die Kornilow-Batterie, und
man antwortet ihm nicht.
Aber sieh, um zwölf Uhr hört er immer mit dem Bombardement auf, wie
ich gesagt habe. So ist's auch heute. Gehen wir lieber frühstücken, --
man erwartet uns jetzt schon. ... Es ist nichts zu sehen.
Wart', stör' mich nicht! antwortete der mit dem Fernrohr, indem er mit
besonderer Gespanntheit nach Sewastopol hinübersah.
Was ist da, was?
Bewegung in den Laufgräben. Dichte Kolonnen rücken vor.
Das sieht man auch so. Sie rücken in Kolonnen an.
Wir müssen das Signal geben. ...
Sieh, sieh! sie sind aus den Laufgräben herausgekommen!
In der That konnte man mit bloßem Auge sehen, wie sich dunkle
Flecken bergab von den französischen Batterien durch das Thal nach
den Bastionen bewegten. Vor diesen Flecken sah man dunkle Streifen
schon in der Nähe unserer Gefechtslinie. Auf den Bastionen flammten
an verschiedenen Stellen, wie vorübergehend, weiße Rauchwolken von
Schüssen auf. Der Wind trug die Töne des beiderseitigen Gewehrfeuers,
das so häufig war, wie wenn Hagel an die Fenster schlägt, hinüber.
Die schwarzen Streifen bewegten sich in dichtem Rauch immer näher und
näher. Die immer stärker werdenden Töne des Gewehrfeuers schmolzen in
ein ununterbrochenes, rollendes Krachen zusammen. Der immer häufiger
emporsteigende Rauch verbreitete sich schnell über die ganze Linie und
verschmolz endlich in eine dunkelblaue Wolke, die auf- und abwogte,
und durch die Feuer und schwarze Punkte hindurchschimmerten; alle Töne
vereinigten sich zu einem einzigen rollenden Donner.
Sturm! sagte der Offizier und gab mit bleichem Gesicht dem Seemann das
Fernrohr zurück.
Kosaken sprengten den Weg entlang; der Höchstkommandierende kam
in einer Kalesche vorbeigefahren, die Offiziere seines Gefolges
begleiteten ihn zu Pferde. Auf allen Gesichtern lag sorgenvolle Unruhe
und Erwartung.
Es ist unmöglich, daß sie ihn genommen haben! sagte der Offizier zu
Pferde.
Bei Gott, die Fahne! ... Sieh, sieh! entgegnete der andere, indem er
seufzte und vom Fernrohr fortging: die französische Fahne weht auf dem
Malachow.
Es ist unmöglich!