Am andern Tage, dem 27. August, ging Wolodja, nach einem zehnstündigen
Schlaf, frisch und munter frühmorgens über die Schwelle der Blindage.
Wlang war mit ihm zusammen hinausgekrochen, aber beim ersten
Kanonenschusse stürzte er spornstreichs, indem er sich mit dem Kopf
den Weg bahnte, nach der Öffnung der Blindage zurück, unter dem
allgemeinen Gelächter der zum größten Teil ebenfalls an die Luft
gekommenen Soldaten. Nur Wlang, der alte Feuerwerker und einige andere
gingen selten in den Laufgraben hinaus, die übrigen aber ließen sich
nicht abhalten: sie traten alle aus der übelriechenden Blindage an die
frische Morgenluft, lagerten sich, trotzdem das Bombardement ebenso
heftig war wie tags zuvor, teils an der Schwelle, teils unter der
Brustwehr. Mjelnikow ging bereits seit der Morgendämmerung auf den
Batterien spazieren, indem er gleichgültig in die Luft sah.
An der Schwelle saßen zwei alte Soldaten und ein junger, kraushaariger,
jüdischer Soldat, der von der Infanterie abkommandiert war. Dieser
Soldat hatte eine der herumliegenden Gewehrkugeln aufgehoben, sie mit
einem Sprengstück an einem Steine plattgeschlagen und schnitt nun aus
ihr mit einem Messer ein Kreuz in der Art des Georgskreuzes; die andern
sahen plaudernd seiner Arbeit zu. Wirklich kam ein sehr hübsches Kreuz
heraus.
Wenn wir hier noch einige Zeit stehen, sagte der eine von ihnen, wird
man dann uns allen nach dem Friedensschlusse den Abschied geben?
Wo denkst du hin! ich hatte im ganzen vier Jahre bis zu meiner
Verabschiedung zu dienen, und stehe jetzt fünf Monate in Sewastopol.
Wir werden also nicht den Abschied erhalten? fragte ein anderer.
Da pfiff eine Kanonenkugel über den Köpfen der Sprechenden und schlug
eine Elle weit von Mjelnikow ein, der im Laufgraben auf sie zukam.
Sie hätte bald Mjelnikow getötet! rief der eine.
Mich tötet sie nicht, antwortete Mjelnikow.
Da hast du das Kreuz für deine Tapferkeit! sagte der junge Soldat, der
das Kreuz gemacht hatte, und gab es Mjelnikow.
Nein, Brüderchen, der Monat wird für ein ganzes Jahr gerechnet, so
ist's befohlen, ging das Gespräch fort.
In jedem Falle wird nach dem Friedensschlusse eine Kaiserparade in
Warschau abgehalten, und werden wir nicht verabschiedet, so werden wir
doch auf unbestimmte Zeit beurlaubt.
Da flog eine Gewehrkugel mit Zischen über die Köpfe der Sprechenden hin
und schlug an einen Stein an.
Seht, noch vor Abend kann's mit einem »aus« sein, Soldaten.
Alle lachten. Und nicht erst vor Abend, sondern schon nach zwei Stunden
war es mit zweien von ihnen »aus« und fünf waren verwundet; aber die
übrigen scherzten wie früher.
Wirklich waren am Morgen die beiden Mörser wieder soweit ausgebessert,
daß aus ihnen geschossen werden konnte. Gegen zehn Uhr rief Wolodja,
auf Befehl des Kommandeurs der Bastion, sein Kommando zusammen und
begab sich mit ihm nach der Batterie.
An den Leuten war auch nicht eine Spur des Furchtgefühls zu entdecken,
das sich tags zuvor gezeigt hatte, sobald sie an die Arbeit gingen.
Nur Wlang konnte sich nicht überwinden: er versteckte und bückte
sich noch immer, ja, auch Waßin hatte ein wenig seine Ruhe verloren,
er war unruhig und duckte sich fortwährend nieder. Wolodja war in
außerordentlicher Begeisterung: nicht der geringste Gedanke an Gefahr
beunruhigte ihn. Die Freude, daß er seine Pflicht erfülle, daß er nicht
nur nicht feig, sondern sogar tapfer sei, das Gefühl des Kommandierens
und die Gegenwart von zwanzig Mann, die, wie er wußte, mit Neugierde
auf ihn sahen, machten aus ihm einen vollkommen mutigen Menschen. Er
prahlte sogar mit seiner Tapferkeit, kletterte auf die Brustwehrbank
hinaus und knöpfte absichtlich den Mantel auf, um besser bemerkbar zu
sein. Der Kommandeur der Bastion, der zu dieser Zeit seine Wirtschaft,
wie er es nannte, musterte, konnte, wie sehr er auch im Verlauf von
acht Monaten daran gewöhnt war, alle Arten von Tapferkeit zu sehen,
nicht umhin, mit Wohlgefallen diesen hübschen jungen Menschen zu
betrachten, mit dem aufgeknöpften Mantel, unter dem ein, einen weißen
zarten Hals umschließendes, rotes Hemd sichtbar war, wie er mit
flammendem Gesicht und Augen in die Hände klatschte und mit tönender
Stimme kommandierte: »das erste, das zweite!« und heiter auf die
Brustwehr lief, um zu sehen, wohin seine Bomben gefallen waren. Um
halb zwölf hörte das Schießen auf beiden Seiten auf, und punkt zwölf
Uhr begann der Sturm auf den Malachow-Hügel -- die zweite, dritte und
fünfte Bastion.