Im Laufe einer Viertelstunde fühlten sich die Soldaten heimisch und
wurden gesprächig. Dem Licht und dem Bette des Offiziers am nächsten
hatten sich die bedeutenderen Leute gelagert: zwei Feuerwerker,
der eine ein grauhaariger Alter mit allen Medaillen und Kreuzen,
ausgenommen das Georgskreuz; der andere, ein junger Mensch und
Soldatenkind, der gedrehte Cigaretten rauchte. Der Trommler hatte, wie
überall, die Obliegenheit auf sich genommen, den Offizier zu bedienen.
Die Bombardiere und die Reiter saßen in der Mitte; und dort im Schatten
am Eingange hatten sich die »Gehorsamen«[F] untergebracht. Unter diesen
begann auch das Gespräch. Die Veranlassung dazu gab der Lärm, den ein
in die Blindage stürzender Mensch verursachte.
[F] S. »Der Holzschlag« II. Anm. d. Herausg.
Weshalb bist du nicht auf der Straße geblieben, Brüderchen? ... Singen
denn die Mädchen nicht lustig? fragte man ihn.
Sie singen so wunderbare Lieder, wie man sie auf dem Lande niemals
gehört hat ... entgegnete lachend der Mann, der in die Blindage
gekommen war.
Ah, Waßin hat die Bomben nicht gern, sagte einer aus der
Aristokratenecke, -- ach, er hat sie nicht gern!
Wie so? Wenn es sein muß, ist es eine ganz andere Sache, entgegnete
langsam Waßin, bei dessen Worten alle übrigen zu schweigen pflegten.
Am 24. haben wir ordentlich im Feuer gestanden, da ging's nicht
anders; aber weshalb soll man es zwecklos thun? ... Man wird unnütz
totgeschossen, und die Vorgesetzten sagen einem nicht einmal dank'
schön dafür.
Bei diesen Worten Waßins lachten alle.
Mjelnikow sitzt vielleicht noch draußen, sagte jemand.
Schicken Sie ihn hierher, den Mjelnikow, fügte der alte Feuerwerker
hinzu, er wird sonst wirklich zwecklos totgeschossen.
Wer ist dieser Mjelnikow? fragte Wolodja.
Wir haben hier einen einfältigen Soldaten, Euer Wohlgeboren. Er
fürchtet sich vor nichts in der Welt und geht jetzt immer draußen
umher. Belieben Sie, ihn sich anzusehen: der Kerl sieht wie ein Bär aus.
Er kann besprechen, sagte Waßins träge Stimme.
Mjelnikow trat in die Blindage. Er war ein dicker Mann (eine
außerordentliche Seltenheit bei Soldaten) mit rotem Haar und Gesicht,
ungemein vorstehender Stirn und hervortretenden hellblauen Augen.
Wie, fürchtest du dich vor den Bomben? fragte ihn Wolodja.
Weshalb soll ich mich vor den Bomben fürchten? antwortete Mjelnikow,
indem er einen krummen Rücken machte und sich kratzte; durch eine Bombe
sterbe ich nicht, das weiß ich.
So möchtest du hier wohnen?
Gewiß, ich möchte schon. Hier ist's heiter! entgegnete er, indem er
plötzlich in Lachen ausbrach.
O, da muß man dich zu einem Ausfall mitnehmen. Wenn du willst, sage ich
es dem General, sagte Wolodja, obgleich er hier nicht einen General
kannte.
Warum soll ich's nicht wollen, -- ich will's.
Und Mjelnikow verbarg sich hinter den anderen.
Laßt uns »Nase« spielen, Kinder! Wer hat Karten? ließ sich seine
hastige Stimme vernehmen.
Wirklich begann bald in der hintern Ecke das Spiel, -- man hörte die
Schläge auf die Nase, Lachen und Trumpfen. Wolodja goß sich Thee aus
dem Ssamowar ein, den ihm der Trommler aufgestellt hatte, lud die
Feuerwerker ein, scherzte und sprach mit ihnen; er hatte den Wunsch,
sich populär zu machen und war sehr befriedigt von der Achtung, die
ihm entgegengebracht wurde. Als die Soldaten bemerkten, daß er ein
leutseliger Herr war, fingen auch sie an, gesprächig zu werden.
Einer erzählte, die Belagerung Sewastopols werde bald ein Ende
haben, denn ein zuverlässiger Mann von der Marine habe erzählt, wie
Konstantin, der Bruder des Zaren, mit der amerikanischen Flotte uns zu
Hilfe komme, ferner, daß bald ein Vertrag kommen würde, zwei Wochen
lang nicht zu feuern und Ruhe zu halten, wenn aber einer feuern sollte,
müßte er für jeden Schuß 75 Kopeken zahlen.
Waßin war, wie Wolodja Gelegenheit hatte zu sehen, ein kleiner,
bärtiger Mann mit großen, gutmütigen Augen, er erzählte, erst unter
allgemeinem Schweigen, dann unter Gelächter, wie sie sich, als er auf
Urlaub nach Hause kam, anfangs mit ihm gefreut hätten, wie ihn der
Vater dann auf Arbeit geschickt und der Forstmeister ihm seinen Wagen
gestellt hätte, um seine Frau abzuholen.
Alles das vergnügte Wolodja außerordentlich. Er fühlte nicht nur
nicht die mindeste Furcht oder Unbehaglichkeit vor der Enge und dem
auf die Brust fallenden Geruch in der Blindage, es war ihm sogar
außerordentlich heiter und angenehm zu Mut.
Viele Soldaten schnarchten schon. Wlang hatte sich ebenfalls auf
dem Boden ausgestreckt, und der alte Feuerwerker murmelte, nachdem
er seinen Mantel ausgebreitet und sich bekreuzigt hatte, vor dem
Einschlafen Gebete, als Wolodja auf einmal den Wunsch empfand, aus der
Blindage zu gehen, um zu sehen, was draußen vorging.
Zieh' die Füße weg! schrieen, kaum daß er aufgestanden war, die
Soldaten einander zu; sie zogen die Füße an sich und ließen ihm den Weg
frei.
Wlang, der sich schlafend gestellt, erhob plötzlich den Kopf und faßte
Wolodja an den Schößen des Mantels.
Lassen Sie das, gehen Sie nicht, -- wie kann man nur! sagte er in
weinerlichem, überredendem Tone. Sie kennen das noch nicht. Dort
schlagen unaufhörlich die Kugeln ein. Bleiben Sie lieber hier.
Aber ohne Wlangs Bitten zu beachten, drängte sich Wolodja aus der
Blindage und setzte sich auf die Schwelle, auf der Mjelnikow saß.
Die Luft war rein und frisch, besonders nach der Luft in der Blindage;
die Nacht war hell und ruhig. Nach dem Getöse der Schüsse hörte man
das Geräusch der Fuhrwerke, die Schanzkörbe herbeibrachten, und das
Geplauder der Leute, die an einem Pulverkeller arbeiteten. Droben
wölbte sich der hohe, gestirnte Himmel, an dem die feurigen Streifen
der Bomben ununterbrochen dahinflogen. Links führte eine kleine, eine
Elle hohe Öffnung in eine andere Blindage, in dem die Füße und Rücken
der dort wohnenden Matrosen sichtbar und ihre Stimmen hörbar waren;
vor sich sah Wolodja die Erhöhung eines Pulverkellers, neben dem die
Gestalten gebückter Leute auftauchten, und auf dem, gerade in die
Höhe, unter den Gewehrkugeln und Bomben, die unaufhörlich an diesem
Platze pfiffen, eine hohe Gestalt in einem schwarzen Überrock stand,
die Hände in den Taschen und mit den Füßen die Erde festtretend, die
andere Leute in Säcken dorthin trugen. Bomben kamen häufig dorthin
geflogen und platzten ganz nahe bei dem Keller. Die Soldaten, die die
Erde schleppten, beugten sich nieder und wichen zur Seite; die schwarze
Gestalt bewegte sich nicht fort, trat ruhig mit den Füßen die Erde fest
und blieb immer in derselben Stellung an Ort und Stelle.
Wer ist dieser Schwarze? fragte Wolodja Mjelnikow.
Ich weiß es nicht; ich werde hingehen, nachsehen.
Geh nicht! Es ist nicht nötig.
Mjelnikow aber hörte nicht und stand auf, ging an die schwarze Gestalt
heran und stand sehr lange, ebenso gleichmütig und unbeweglich neben
ihr.
Das ist der Kellermeister, Euer Wohlgeboren! sagte er, zurückgekehrt,
eine Bombe hat den Pulverkeller beschädigt, darum tragen Infanteristen
Erde dorthin.
Bisweilen flogen, wie es schien, Bomben direkt nach der Thür der
Blindage. Da drückte sich Wolodja in eine Ecke und kam von neuem
hervor, um in die Höhe zu sehen, ob nicht noch eine geflogen käme.
Obwohl Wlang einigemal aus der Blindage heraus Wolodja bat,
zurückzukehren, saß dieser doch an drei Stunden auf der Schwelle,
er fand ein gewisses Vergnügen daran, das Geschick zu versuchen und
den Flug der Bomben zu beobachten. Gegen Ende des Abends wußte er
bereits, woher so viele Geschütze feuerten und wo ihre Geschosse sich
niedersenkten.