Wlang war mit diesem Befehl außerordentlich zufrieden, er machte
sich schnell fertig, um Wolodja zu helfen, und redete ihm zu, das
Bett, den Pelz, eine alte Nummer der »Vaterländischen Annalen«,
die Spiritusmaschine zum Kaffeekochen und andere unwichtige Dinge
mitzunehmen. Der Kapitän riet Wolodja, zunächst im »Handbuch«[E]
den Abschnitt über das Schießen aus Mörsern zu lesen und sich die
Schießtabellen herauszuschreiben. Wolodja ging sofort ans Werk und
bemerkte zu seiner Verwunderung und Freude, daß, obwohl das Gefühl
der Furcht vor der Gefahr und noch mehr davor, sich feig zu erweisen,
ihn noch immer ein wenig beunruhigte, dies doch nicht in dem Grade
der Fall war, wie am Abend vorher. Zum Teil lag das an den Eindrücken
des Tages und seiner Thätigkeit, zum Teil, und zwar zum größeren Teil
daran, daß die Furcht, wie jedes starke Gefühl, nicht lange in gleichem
Grade dauern kann. Mit einem Worte, er war schon so weit, daß er den
Furchthöhepunkt hinter sich hatte. In der siebenten Stunde, da sich
eben die Sonne hinter der Nikolajewkaserne verbarg, kam der Feldwebel
zu ihm mit der Meldung, die Leute seien bereit und warten.
[E] »Handbuch für die Offiziere der Artillerie« von Bezaque.
Ich habe »Wlanga« die Namensliste übergeben. Belieben Sie, ihn zu
fragen, Euer Wohlgeboren! sagte er.
Zwanzig Artilleristen mit Seitengewehren, ohne Lederzeug, standen an
einer Ecke des Hauses. Wolodja ging mit dem Junker an sie heran. Ob man
ihnen eine kleine Rede hält oder einfach sagt: Wünsch' euch Gesundheit,
Kinder! -- oder sagt man gar nichts? dachte er. Aber warum soll man
nicht einfach sagen: Wünsch' euch Gesundheit! Das ist sogar das
Richtige. Und er rief keck mit seiner klangvollen, jugendlichen Stimme:
Wünsch' euch Gesundheit, Kinder!
Die Soldaten antworteten munter; die jugendliche, frische Stimme
tönte angenehm in dem Ohr eines jeden. Wolodja ging den Soldaten kühn
voran, und, obwohl sein Herz so klopfte, als wenn er einige Werst aus
Leibeskräften gelaufen wäre, war sein Gang doch leicht und sein Gesicht
heiter. Bereits dicht an dem Malachowhügel und die Höhe hinaufsteigend,
bemerkte er, wie Wlang, der keinen Schritt von ihm wich und sich zu
Hause so tapfer gezeigt hatte, beständig auf die Seite ging und den
Kopf beugte, als wenn all die Bomben und Kanonenkugeln, die hier schon
sehr häufig pfiffen, gerade auf ihn zugeflogen kämen. Einige Soldaten
thaten dasselbe, überhaupt drückte sich auf den meisten ihrer Gesichter
wenn auch nicht Furcht, so doch Unruhe aus. Diese Umstände beruhigten
und ermutigten Wolodja vollständig.
»So bin denn auch ich auf dem Malachowhügel, den ich mir tausendmal
schrecklicher vorgestellt habe! Und ich gehe auf ihm, ohne mich vor
Kanonenkugeln zu bücken und bin weit mutiger als andere ... Also bin
ich kein Feigling?« dachte er mit Vergnügen, ja mit einem gewissen
Entzücken des Selbstbewußtseins.
Aber dieses Gefühl wurde bald erschüttert durch das Schauspiel, das
ihm entgegentrat, als er in der Dämmerung auf der Kornilowbatterie
den Befehlshaber der Bastion aufsuchte. Vier Mann Matrosen standen an
der Brustwehr und hielten einen blutigen Leichnam ohne Stiefel und
Mantel an Füßen und Händen und schwenkten ihn hin und her, um ihn über
die Brustwehr zu werfen. (Am zweiten Tage des Bombardement hatte man
nicht überall die Körper auf den Bastionen sammeln können und warf sie
in den Graben, damit sie auf den Batterien nicht hinderten.) Wolodja
erstarrte einen Augenblick, als er sah, wie der Leichnam auf der Höhe
der Brustwehr aufschlug und dann von dort in den Graben kollerte;
aber hier traf ihn zum Glück der Befehlshaber der Bastion, erteilte
ihm Befehle und gab ihm einen Führer nach der Batterie und der für
die Bedienungsmannschaft bestimmten Blindage mit. Wir wollen nicht
erzählen, wie viel Gefahren, Enttäuschungen unser Held an diesem Abend
noch erlebt hat: wie er, statt den Schießübungen auf dem Wolkowofeld
unter allen Bedingungen der Pünktlichkeit und Ordnung, die er hier zu
finden erwartete, zwei außer Stand gesetzte Mörser fand; die Mündung
des einen war durch eine Kanonenkugel platt geschlagen, der andere
stand nur auf den Splittern einer zerschossenen Plattform, und vor dem
Morgen waren keine Arbeiter zu erlangen, um die Plattform ausbessern.
Nicht ein Geschoß hatte das Gewicht, das das Handbuch vorschrieb. Hier
wurden zwei Soldaten seines Kommandos verwundet, und er selbst war
zwanzigmal während dieses Abends um ein Haar dem Tode nahe. Zum Glück
war zu seiner Hilfe ein Kommandor von hünenhafter Gestalt bestimmt
worden, ein Seemann, der von Anfang der Belagerung bei den Mörsern
diente; dieser überzeugte ihn von der Möglichkeit, aus ihnen zu
schießen, führte ihn nachts mit einer Laterne auf der ganzen Bastion,
wie in seinem Garten, herum, und versprach, bis zum Morgen alles in
Stand zu setzen. Die Blindage, zu der ihn sein Führer geleitete, war
eine in steinigem Boden ausgegrabene, zwei Klafter lange und mit
ellendicken Eichenbalken bedeckte längliche Grube. Hier quartierte er
sich mit seinen sämtlichen Soldaten ein. Kaum hatte Wlang die niedrige,
eine Elle hohe Thür der Blindage gesehen, als er kopfüber allen voran
auf sie zulief, stark an die eiserne Decke anrannte und sich in einem
Winkel versteckte, aus dem er nicht mehr hervorkam. Wolodja dagegen
schlug, als alle Soldaten sich längs der Wände auf den Boden gelagert
und einige ihre Pfeifen angezündet hatten, sein Bett in einer Ecke auf,
zündete Licht an und legte sich, eine Cigarette rauchend, auf seine
Pritsche. Über der Blindage hörte man ununterbrochen Schüsse, die aber
nicht sehr laut tönten, ausgenommen die einer in der nächsten Nähe
stehenden Kanone, die mit ihrem Donner die Blindage erschütterte. In
der Blindage selber war's still; die Soldaten, die sich vor dem neuen
Offizier noch scheuten, sprachen nur bisweilen miteinander, indem
der eine den andern bat, etwas Platz zu machen oder ihm Feuer für
die Pfeife zu geben. Eine Ratte nagte irgendwo zwischen den Steinen.
Wlang, der noch nicht zu sich gekommen war und sich noch scheu umsah,
seufzte auf einmal laut. Wolodja, auf seinem Bette in dem stillen,
dichtbevölkerten, nur von einer Kerze erhellten Winkelchen, empfand
dasselbe Gefühl des Glückes, das er damals gehabt hatte, wo er als Kind
beim Versteckenspiel in den Schrank oder unter Mamas Kleid gekrochen
war, und horchte mit verhaltenem Atem auf, ängstigte sich in der
Finsternis und war zugleich voll freudiger Erwartung. Es war ihm schwer
und heiter zugleich zu Mute.