In dem Zimmer, in dem sich Tags zuvor Wolodja beim Obersten gemeldet
hatte, war der Tisch von der Wand abgerückt und mit einem schmutzigen
Tischtuch bedeckt. Diesmal gab ihm der Batteriekommandeur die Hand und
fragte ihn über Petersburg und seine Reise aus.
Nun, meine Herren, wer Branntwein trinkt, den bitte ich zuzugreifen.
Die Fähnriche trinken keinen, fügte er lächelnd hinzu.
Überhaupt zeigte sich der Batteriekommandeur heute durchaus nicht
so mürrisch, wie Tags zuvor: er hatte im Gegenteil das Benehmen
eines guten, gastfreien Wirts und eines älteren Kameraden unter den
Offizieren. Aber trotzdem bezeigten ihm alle Offiziere die größte
Achtung, vom alten Kapitän an bis zum Fähnrich Djadjenko, die sich
darin kundgab, wie sie mit einem höflichen Blick auf den Kommandeur
sprachen und wie sie einer nach dem andern zögernd herantraten und den
Schnaps tranken.
Das Mittagessen bestand aus einer großen Schüssel Kohlsuppe, in der
fette Stücke Rindfleisch schwammen, und die mit einer ungeheuren Menge
von Pfeffer und Lorbeerblättern gewürzt war, aus polnischen Zrazy mit
Senf und aus Kaldaunen mit nicht ganz frischer Butter. Servietten gab
es nicht, die Löffel waren aus Blech und Holz, Gläser gab es zwei,
und auf dem Tische stand eine Karaffe Wasser mit abgebrochenem Halse;
aber das Mittagmahl war recht heiter: die Unterhaltung verstummte
keinen Augenblick. Zuerst war von dem Treffen bei Inkermann die Rede,
an dem die Batterie teilgenommen hatte, und jeder erzählte seine
Eindrücke und sprach seine Meinung über die Ursache des Mißerfolges
aus und verstummte, sobald der Batteriekommandeur selbst zu sprechen
begann; dann ging das Gespräch ungezwungen auf die Unzulänglichkeit des
Kalibers der leichten Geschütze über, zu den neuen leichteren Kanonen,
und Wolodja hatte dabei Gelegenheit, seine Kenntnisse in der Artillerie
zu zeigen. Aber bei der gegenwärtigen, entsetzlichen Lage Sewastopols
blieb das Gespräch nicht stehen, als ob jeder viel zu sehr an diesen
Gegenstand dachte, als daß er noch darüber sprechen sollte. Auch von
den Pflichten des Dienstes, die Wolodja auf sich nehmen sollte, war
zu seinem Erstaunen und Verdruß gar nicht die Rede, als ob er nach
Sewastopol gekommen wäre, nur um über die leichteren Geschütze zu
plaudern und bei dem Batteriekommandeur Mittag zu speisen. Während des
Essens fiel unweit des Hauses, in dem sie saßen, eine Bombe nieder.
Der Fußboden und die Wände zitterten, wie von einem Erdbeben, und die
Fenster wurden vom Pulverdampf verdunkelt.
Das haben Sie wohl in Petersburg nicht gesehen, hier sind solche
Überraschungen häufig, sagte der Batteriekommandeur. Wlang, sehen Sie
nach, wo sie geplatzt ist.
Wlang sah nach und meldete: auf dem Platze, und weiter war von der
Bombe nicht mehr die Rede.
Kurz vor Ende des Mittagessens kam ein alter Batterieschreiber
ins Zimmer mit drei versiegelten Briefen und übergab sie dem
Batteriekommandeur.
Das hier ist sehr dringlich, soeben hat es ein Kosak vom
Oberbefehlshaber der Artillerie überbracht.
Alle Offiziere blickten mit ungeduldiger Erwartung auf die in solchen
Dingen geübten Finger des Batteriekommandeurs, die das Siegel erbrachen
und das »sehr dringliche« Schriftstück herauszogen. »Was kann das wohl
sein?« stellte sich jeder die Frage. Es konnte der Befehl zum Ausmarsch
aus Sewastopol sein, um auszuruhen, es konnte aber auch die Beorderung
der ganzen Batterie auf die Bastionen sein.
Wieder! sprach der Batteriekommandeur und warf zornig das Papier auf
den Tisch.
Was enthält es, Apollon Ssergjeewitsch? fragte der älteste Offizier.
Man verlangt einen Offizier mit Bedienungsmannschaft für eine
Mörserbatterie ... Ich habe im ganzen nicht mehr als vier Offiziere,
und meine Bedienungsmannschaft ist nicht vollzählig, brummte der
Batteriekommandeur, und da verlangt man noch das! Aber einer muß gehen,
meine Herren, rief er nach einem kurzen Schweigen. Der Befehl lautet,
um sieben Uhr auf der Schanze sein ... Den Feldwebel herschicken! Wer
geht, meine Herren? entscheiden Sie, wiederholte er.
Nun, Sie sind ja noch nirgends gewesen, sagte Tschernowizkij auf
Wolodja zeigend.
Der Batteriekommandeur antwortete nichts.
Ja, ich gehe gern, sagte Wolodja und fühlte, wie ihm kalter Schweiß auf
dem Rücken und am Halse hervortrat.
Nein, weshalb! fiel der Kapitän ein. Natürlich wird sich niemand
weigern, aber es ist kein Grund, sich selbst anzubieten; da es uns
Apollon Ssergjeewitsch freistellt, so wollen wir losen, wie wir es
damals gethan haben.
Alle waren einverstanden. Kraut schnitt Papierstreifen, rollte sie
zusammen und warf sie in eine Mütze. Der Kapitän scherzte dabei und
entschloß sich sogar bei dieser Gelegenheit, den Oberst um Branntwein
zu bitten, »um tapfer zu bleiben«, wie er sich ausdrückte. Djadjenko
saß finster da, Wolodja lächelte, Tschernowizkij behauptete, es werde
bestimmt ihn treffen. Kraut war vollständig ruhig.
Wolodja ließ man zuerst wählen. Er nahm einen Papierstreifen, der war
sehr lang; da fiel es ihm ein, einen andern zu wählen, -- er zog einen
zweiten, kleineren und dünneren, entfaltete ihn und las: »gehen«.
Ich! sagte er seufzend.
Nun, mit Gott. So bekommen Sie bald Ihre Feuertaufe, sagte der
Kommandeur, indem er mit einem gutmütigen Lächeln dem Fähnrich in das
verlegene Gesicht sah, machen Sie sich nur bald fertig. Und damit Sie
sich nicht langweilen, wird Wlang als Feuerwerker mit Ihnen gehen.