XIX

In dem Zimmer, in dem sich Tags zuvor Wolodja beim Obersten gemeldet

hatte, war der Tisch von der Wand abgerückt und mit einem schmutzigen

Tischtuch bedeckt. Diesmal gab ihm der Batteriekommandeur die Hand und

fragte ihn über Petersburg und seine Reise aus.

Nun, meine Herren, wer Branntwein trinkt, den bitte ich zuzugreifen.

Die Fähnriche trinken keinen, fügte er lächelnd hinzu.

Überhaupt zeigte sich der Batteriekommandeur heute durchaus nicht

so mürrisch, wie Tags zuvor: er hatte im Gegenteil das Benehmen

eines guten, gastfreien Wirts und eines älteren Kameraden unter den

Offizieren. Aber trotzdem bezeigten ihm alle Offiziere die größte

Achtung, vom alten Kapitän an bis zum Fähnrich Djadjenko, die sich

darin kundgab, wie sie mit einem höflichen Blick auf den Kommandeur

sprachen und wie sie einer nach dem andern zögernd herantraten und den

Schnaps tranken.

Das Mittagessen bestand aus einer großen Schüssel Kohlsuppe, in der

fette Stücke Rindfleisch schwammen, und die mit einer ungeheuren Menge

von Pfeffer und Lorbeerblättern gewürzt war, aus polnischen Zrazy mit

Senf und aus Kaldaunen mit nicht ganz frischer Butter. Servietten gab

es nicht, die Löffel waren aus Blech und Holz, Gläser gab es zwei,

und auf dem Tische stand eine Karaffe Wasser mit abgebrochenem Halse;

aber das Mittagmahl war recht heiter: die Unterhaltung verstummte

keinen Augenblick. Zuerst war von dem Treffen bei Inkermann die Rede,

an dem die Batterie teilgenommen hatte, und jeder erzählte seine

Eindrücke und sprach seine Meinung über die Ursache des Mißerfolges

aus und verstummte, sobald der Batteriekommandeur selbst zu sprechen

begann; dann ging das Gespräch ungezwungen auf die Unzulänglichkeit des

Kalibers der leichten Geschütze über, zu den neuen leichteren Kanonen,

und Wolodja hatte dabei Gelegenheit, seine Kenntnisse in der Artillerie

zu zeigen. Aber bei der gegenwärtigen, entsetzlichen Lage Sewastopols

blieb das Gespräch nicht stehen, als ob jeder viel zu sehr an diesen

Gegenstand dachte, als daß er noch darüber sprechen sollte. Auch von

den Pflichten des Dienstes, die Wolodja auf sich nehmen sollte, war

zu seinem Erstaunen und Verdruß gar nicht die Rede, als ob er nach

Sewastopol gekommen wäre, nur um über die leichteren Geschütze zu

plaudern und bei dem Batteriekommandeur Mittag zu speisen. Während des

Essens fiel unweit des Hauses, in dem sie saßen, eine Bombe nieder.

Der Fußboden und die Wände zitterten, wie von einem Erdbeben, und die

Fenster wurden vom Pulverdampf verdunkelt.

Das haben Sie wohl in Petersburg nicht gesehen, hier sind solche

Überraschungen häufig, sagte der Batteriekommandeur. Wlang, sehen Sie

nach, wo sie geplatzt ist.

Wlang sah nach und meldete: auf dem Platze, und weiter war von der

Bombe nicht mehr die Rede.

Kurz vor Ende des Mittagessens kam ein alter Batterieschreiber

ins Zimmer mit drei versiegelten Briefen und übergab sie dem

Batteriekommandeur.

Das hier ist sehr dringlich, soeben hat es ein Kosak vom

Oberbefehlshaber der Artillerie überbracht.

Alle Offiziere blickten mit ungeduldiger Erwartung auf die in solchen

Dingen geübten Finger des Batteriekommandeurs, die das Siegel erbrachen

und das »sehr dringliche« Schriftstück herauszogen. »Was kann das wohl

sein?« stellte sich jeder die Frage. Es konnte der Befehl zum Ausmarsch

aus Sewastopol sein, um auszuruhen, es konnte aber auch die Beorderung

der ganzen Batterie auf die Bastionen sein.

Wieder! sprach der Batteriekommandeur und warf zornig das Papier auf

den Tisch.

Was enthält es, Apollon Ssergjeewitsch? fragte der älteste Offizier.

Man verlangt einen Offizier mit Bedienungsmannschaft für eine

Mörserbatterie ... Ich habe im ganzen nicht mehr als vier Offiziere,

und meine Bedienungsmannschaft ist nicht vollzählig, brummte der

Batteriekommandeur, und da verlangt man noch das! Aber einer muß gehen,

meine Herren, rief er nach einem kurzen Schweigen. Der Befehl lautet,

um sieben Uhr auf der Schanze sein ... Den Feldwebel herschicken! Wer

geht, meine Herren? entscheiden Sie, wiederholte er.

Nun, Sie sind ja noch nirgends gewesen, sagte Tschernowizkij auf

Wolodja zeigend.

Der Batteriekommandeur antwortete nichts.

Ja, ich gehe gern, sagte Wolodja und fühlte, wie ihm kalter Schweiß auf

dem Rücken und am Halse hervortrat.

Nein, weshalb! fiel der Kapitän ein. Natürlich wird sich niemand

weigern, aber es ist kein Grund, sich selbst anzubieten; da es uns

Apollon Ssergjeewitsch freistellt, so wollen wir losen, wie wir es

damals gethan haben.

Alle waren einverstanden. Kraut schnitt Papierstreifen, rollte sie

zusammen und warf sie in eine Mütze. Der Kapitän scherzte dabei und

entschloß sich sogar bei dieser Gelegenheit, den Oberst um Branntwein

zu bitten, »um tapfer zu bleiben«, wie er sich ausdrückte. Djadjenko

saß finster da, Wolodja lächelte, Tschernowizkij behauptete, es werde

bestimmt ihn treffen. Kraut war vollständig ruhig.

Wolodja ließ man zuerst wählen. Er nahm einen Papierstreifen, der war

sehr lang; da fiel es ihm ein, einen andern zu wählen, -- er zog einen

zweiten, kleineren und dünneren, entfaltete ihn und las: »gehen«.

Ich! sagte er seufzend.

Nun, mit Gott. So bekommen Sie bald Ihre Feuertaufe, sagte der

Kommandeur, indem er mit einem gutmütigen Lächeln dem Fähnrich in das

verlegene Gesicht sah, machen Sie sich nur bald fertig. Und damit Sie

sich nicht langweilen, wird Wlang als Feuerwerker mit Ihnen gehen.

Sewastopol · 第 47 / 86 题