Am folgenden Tage dauerte das Bombardement mit gleicher Stärke
fort. Gegen elf Uhr morgens saß Wolodja Koselzow in dem Kreise der
Batterieoffiziere; er hatte sich schon ein wenig an sie gewöhnt und
betrachtete die neuen Gesichter, beobachtete, fragte und erzählte. Das
bescheidene, in gewissem Sinne auf Gelehrsamkeit Anspruch machende
Gespräch der Artillerieoffiziere flößte ihm Achtung ein und gefiel ihm.
Das schamhafte, unschuldige und hübsche Äußere Wolodjas machte ihm die
Offiziere geneigt. Der älteste Offizier in der Batterie, ein Kapitän,
ein Mann von kleiner Gestalt und rötlichem Haar mit einem Schopf und
glattgekämmten Schläfen, in den alten Überlieferungen der Artillerie
aufgewachsen, ein Ritter der Damen und sozusagen ein Gelehrter, fragte
Wolodja nach seinen Kenntnissen in der Artillerie und nach neuen
Erfindungen, spöttelte liebenswürdig über sein hübsches Gesichtchen
und ging mit ihm im allgemeinen wie ein Vater mit seinem Sohne um,
was Wolodja sehr wohl that. Der Unterleutnant Djadjenko, ein junger
Offizier, der mit kleinrussischem Accent sprach, in einem zerrissenen
Mantel und mit zerzaustem Haar, sprach zwar sehr laut, suchte immer
eine Gelegenheit, giftig zu sein und hatte eckige Bewegungen, gefiel
aber trotzdem Wolodja, der unter dieser herben Außenseite natürlich
einen sehr prächtigen und guten Menschen sah. Djadjenko bot Wolodja
fortwährend seine Dienste an und setzte ihm auseinander, daß alle
Geschütze in Sewastopol nicht regelrecht aufgestellt seien. Leutnant
Tschernowizkij mit den hochgezogenen Brauen gefiel Wolodja nicht, er
war zwar höflicher als die anderen und trug einen ziemlich sauberen,
wenn auch nicht neuen, doch aber sorgfältig geflickten Rock und ließ
auf seiner Atlasweste eine goldene Kette sehen. Er wurde nicht müde
zu fragen, was der Kaiser und der Kriegsminister machen, und erzählte
ihm unaufhörlich mit erkünstelter Begeisterung von den Heldenthaten
vor Sewastopol, klagte darüber, daß es so wenig Patrioten gebe und
ließ überhaupt viel Wissen, Geist und edles Empfinden durchblicken;
aber es berührte doch alles Wolodja unangenehm und unnatürlich. Vor
allem bemerkte er, daß die übrigen Offiziere mit Tschernowizkij
fast gar nicht sprachen. Der Junker Wlang, den er gestern geweckt
hatte, war ebenfalls da. Er sprach nichts, sondern saß bescheiden in
einer Ecke und lachte, wenn etwas Spaßhaftes erzählt und dabei etwas
vergessen wurde, dessen er sich erinnerte, reichte Branntwein herum
und machte für alle Offiziere Cigaretten. Mochte das bescheidene,
höfliche Betragen Wolodjas, der mit ihm gerade so verkehrte, wie
mit den Offizieren, und ihn nicht wie einen Knaben behandelte, oder
sein angenehmes Äußere »Wlanga«, wie ihn die Soldaten nannten, indem
sie seinen Namen zu einem Femininum umbildeten, fesseln, er konnte
seine gutmütigen, großen Augen von dem Gesicht des neuen Offiziers
nicht abwenden, indem er alle seine Wünsche zu erraten und ihnen
zuvorzukommen suchte, und sich ununterbrochen in einer Extase der
Verliebtheit befand, die natürlich von den Offizieren bemerkt und
verspottet wurde.
Vor dem Mittagessen wurde ein Stabskapitän von der Bastion abgelöst und
schloß sich ihrer Gesellschaft an. Stabskapitän Kraut war ein blonder,
hübscher, fescher Offizier mit großem rötlichen Schnurrbart und
Backenbart; er sprach das Russische vortrefflich, aber zu regelrecht
und schön für einen Russen. Im Dienst und im Leben war er ganz wie in
seiner Sprache: im Dienst ausgezeichnet, ein vortrefflicher Kamerad,
der zuverlässigste Mann in Geldangelegenheiten, aber einfach als
Mensch, und gerade deshalb, weil alles in einem gewissen Sinne gut an
ihm war, fehlte ihm etwas. Wie alle russischen Deutschen war er, ein
sonderbarer Gegensatz zu den »idealen« Deutschen, im höchsten Grade
»praktisch«.
Da erscheint unser Held! rief der Kapitän, als Kraut, die Arme
schwenkend und mit den Sporen klirrend, ins Zimmer kam.
Was wünschen Sie, Thee oder Schnaps?
Ich habe schon befohlen, den Ssamowar aufzustellen, antwortete er. Aber
einen Schnaps kann man inzwischen schon genehmigen, denn der erfreut
des Menschen Herz. Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen; ich
bitte Sie, uns Freund und Gönner zu sein, sagte er zu Wolodja, der
aufgestanden war und sich vor ihm verneigte. Stabskapitän Kraut ...
Der Feuerwerker hat mir auf der Bastion gesagt, daß Sie schon gestern
angekommen sind.
Ich danke Ihnen sehr für Ihr Bett; ich habe die Nacht darauf geschlafen.
Aber auch gut? ... Ein Fuß ist abgebrochen, und beim
Belagerungszustande findet sich niemand, ihn auszubessern, -- man muß
was unterlegen.
Nun, wie war's, haben Sie glücklichen Tagesdienst gehabt? fragte
Djadjenko.
Ja, es war weiter nichts; nur Skworzow hat was abbekommen, auch eine
Lafette mußte ausgebessert werden: ihre Wand ist in tausend Stücke
geschossen worden.
Er erhob sich von seinem Platz und begann hin- und herzugehen: es war
ihm anzumerken, daß er sich unter dem Einflusse der angenehmen Stimmung
eines Menschen befand, der soeben einer Gefahr entronnen ist.
Na, Dmitrij Gawrilytsch, sagte er und klopfte dem Kapitän auf die
Knie. Wie geht's, Väterchen? Noch keine Antwort auf den Vorschlag zur
Beförderung?
Noch nichts.
Es kommt auch nichts, begann Djadjenko, ich habe es Ihnen vorher klar
gemacht.
Warum denn nicht?
Warum? weil die Relation nicht so abgefaßt ist.
Ach Sie, Sie sind ein Streithahn, ein rechter Streithahn! sagte Kraut
und lächelte fröhlich. Ein echter, hartnäckiger Chacholl (Spitzname für
die Kleinrussen), aber Ihnen zum Possen wird der Leutnant herauskommen.
Nein, er wird nicht herauskommen.
Wlang! bringen Sie mir doch meine Pfeife her und stopfen Sie sie mir,
sagte er zu dem Junker gewandt, der sofort bereitwillig nach der Pfeife
lief.
Kraut brachte Leben in die Gesellschaft. Er erzählte vom Bombardement,
fragte, was in seiner Abwesenheit geschehen war und plauderte mit
allen.