Bevor Koselzow sich zu seinen Regimentskameraden begab, ging er,
seine Kompagnie zu begrüßen und zu sehen, wo sie stand. Die aus
Schanzkörben gebildeten Brustwehren, die Anlage der Laufgräben, die
Kanonen, an denen er vorbeikam, sogar die Splitter der Bomben, über
die er unterwegs stolperte, -- das alles, unaufhörlich durch das
Feuer der Schüsse erhellt, war ihm bekannt; das alles hatte sich vor
drei Monaten, im Verlauf der vierzehn Tage, die er ununterbrochen auf
derselben Bastion zugebracht, seinem Gedächtnisse lebhaft eingeprägt.
Obwohl viel Schreckliches in der Erinnerung lag, hatte sie doch auch
den großen Zauber des Vergangenen, und er sah mit Vergnügen, als
wären die hier zugebrachten vierzehn Tage angenehme gewesen, die
bekannten Orte und Gegenstände wieder. Die Kompagnie lag an der
Verteidigungswand, bei der sechsten Bastion.
Koselzow ging in eine lange, vom Eingange her vollständig offene
Blindage, in der, wie man ihm sagte, die neunte Kompagnie stand. In der
ganzen Blindage war buchstäblich kein Fuß breit Platz: so voll war sie
vom Eingang ab von Soldaten. Auf der einen Seite brannte ein kurzes
Talglicht. Das Licht hielt, liegend, ein Soldat und beleuchtete ein
Buch, das ein anderer buchstabierend las. Um das Licht waren in dem
trüben Halbdunkel der Blindage erhobene Köpfe sichtbar, die gespannt
dem Leser zuhörten. Das Buch war ein ABC-Buch. Als Koselzow in die
Blindage eintrat, hörte er folgendes:
»Ge--bet nach Be--en--di--gung des Un--terrichts. Ich dan--ke Dir
Schöp--fer ...«
Putzt doch das Licht! rief eine Stimme. Das Buch ist prächtig ... »Mein
... Gott ...« fuhr der Vorleser fort.
Als Koselzow nach dem Feldwebel fragte, verstummte der Vorleser, die
Soldaten gerieten in Bewegung, husteten, schnäuzten sich, wie stets
nach einem anhaltenden Schweigen. Der Feldwebel erhob sich, seinen
Mantel zuknöpfend, von seinem Platz in der Nähe des Vorlesers und kam,
über die Füße und auf den Füßen derer, die nicht Zeit hatten, sie
wegzuziehen, schreitend, an den Offizier heran.
Guten Tag, Brüderchen! Ist das alles unsere Kompagnie?
Wir wünschen Gesundheit! Wir gratulieren zur Ankunft, antwortete der
Feldwebel, indem er heiter und freundlich Koselzow ansah. -- Hat sich
Ihr Befinden gebessert? Nun Gott sei Dank. Wir haben uns sehr nach
Ihnen gesehnt.
Man sah gleich, daß Koselzow bei der Kompagnie beliebt war.
Im Hintergrunde der Blindage ließen sich Stimmen hören: der frühere
Kompagniekommandeur ist wieder da, der verwundet war, Koselzow, Michail
Ssemjonytsch ist wieder da u. dgl.; einige gingen sogar auf ihn zu, der
Trommler begrüßte ihn.
Guten Tag, Obantschuck? sagte Koselzow. Unversehrt? ... Wünsch' euch
Gesundheit, Kinder, rief er darauf mit erhobener Stimme.
Wir wünschen Ihnen Gesundheit! tönte es tosend in der Blindage.
Wie geht's euch, Kinder?
Schlecht, Euer Wohlgeboren; der Franzose hat die Oberhand, -- er
schießt so bös von den Schanzen her -- und damit basta, ins Feld wagt
er sich nicht.
Vielleicht giebt's Gott, zu meinem Glück, daß sie auch ins Feld kommen,
Kinder! erwiderte Koselzow. Ich bin ja nicht das erstemal bei euch: wir
werden sie wieder ausklopfen.
An uns soll's nicht fehlen, Euer Wohlgeboren! antworteten einige
Stimmen.
Na, aber sie sind tapfer! sagte eine Stimme.
Furchtbar tapfer! sagte der Trommler nicht laut, aber so, daß es hörbar
war, zu einem anderen Soldaten gewandt, als wenn er vor diesem die
Worte des Kompagnieführers rechtfertigen und ihn überzeugen wollte, daß
in diesen Worten nichts Prahlerisches und Unwahrscheinliches liege.
Von den Soldaten ging Koselzow in die Kaserne der Verteidigungstruppen
zu den Offizieren, seinen Kameraden.