XV

Bevor Koselzow sich zu seinen Regimentskameraden begab, ging er,

seine Kompagnie zu begrüßen und zu sehen, wo sie stand. Die aus

Schanzkörben gebildeten Brustwehren, die Anlage der Laufgräben, die

Kanonen, an denen er vorbeikam, sogar die Splitter der Bomben, über

die er unterwegs stolperte, -- das alles, unaufhörlich durch das

Feuer der Schüsse erhellt, war ihm bekannt; das alles hatte sich vor

drei Monaten, im Verlauf der vierzehn Tage, die er ununterbrochen auf

derselben Bastion zugebracht, seinem Gedächtnisse lebhaft eingeprägt.

Obwohl viel Schreckliches in der Erinnerung lag, hatte sie doch auch

den großen Zauber des Vergangenen, und er sah mit Vergnügen, als

wären die hier zugebrachten vierzehn Tage angenehme gewesen, die

bekannten Orte und Gegenstände wieder. Die Kompagnie lag an der

Verteidigungswand, bei der sechsten Bastion.

Koselzow ging in eine lange, vom Eingange her vollständig offene

Blindage, in der, wie man ihm sagte, die neunte Kompagnie stand. In der

ganzen Blindage war buchstäblich kein Fuß breit Platz: so voll war sie

vom Eingang ab von Soldaten. Auf der einen Seite brannte ein kurzes

Talglicht. Das Licht hielt, liegend, ein Soldat und beleuchtete ein

Buch, das ein anderer buchstabierend las. Um das Licht waren in dem

trüben Halbdunkel der Blindage erhobene Köpfe sichtbar, die gespannt

dem Leser zuhörten. Das Buch war ein ABC-Buch. Als Koselzow in die

Blindage eintrat, hörte er folgendes:

»Ge--bet nach Be--en--di--gung des Un--terrichts. Ich dan--ke Dir

Schöp--fer ...«

Putzt doch das Licht! rief eine Stimme. Das Buch ist prächtig ... »Mein

... Gott ...« fuhr der Vorleser fort.

Als Koselzow nach dem Feldwebel fragte, verstummte der Vorleser, die

Soldaten gerieten in Bewegung, husteten, schnäuzten sich, wie stets

nach einem anhaltenden Schweigen. Der Feldwebel erhob sich, seinen

Mantel zuknöpfend, von seinem Platz in der Nähe des Vorlesers und kam,

über die Füße und auf den Füßen derer, die nicht Zeit hatten, sie

wegzuziehen, schreitend, an den Offizier heran.

Guten Tag, Brüderchen! Ist das alles unsere Kompagnie?

Wir wünschen Gesundheit! Wir gratulieren zur Ankunft, antwortete der

Feldwebel, indem er heiter und freundlich Koselzow ansah. -- Hat sich

Ihr Befinden gebessert? Nun Gott sei Dank. Wir haben uns sehr nach

Ihnen gesehnt.

Man sah gleich, daß Koselzow bei der Kompagnie beliebt war.

Im Hintergrunde der Blindage ließen sich Stimmen hören: der frühere

Kompagniekommandeur ist wieder da, der verwundet war, Koselzow, Michail

Ssemjonytsch ist wieder da u. dgl.; einige gingen sogar auf ihn zu, der

Trommler begrüßte ihn.

Guten Tag, Obantschuck? sagte Koselzow. Unversehrt? ... Wünsch' euch

Gesundheit, Kinder, rief er darauf mit erhobener Stimme.

Wir wünschen Ihnen Gesundheit! tönte es tosend in der Blindage.

Wie geht's euch, Kinder?

Schlecht, Euer Wohlgeboren; der Franzose hat die Oberhand, -- er

schießt so bös von den Schanzen her -- und damit basta, ins Feld wagt

er sich nicht.

Vielleicht giebt's Gott, zu meinem Glück, daß sie auch ins Feld kommen,

Kinder! erwiderte Koselzow. Ich bin ja nicht das erstemal bei euch: wir

werden sie wieder ausklopfen.

An uns soll's nicht fehlen, Euer Wohlgeboren! antworteten einige

Stimmen.

Na, aber sie sind tapfer! sagte eine Stimme.

Furchtbar tapfer! sagte der Trommler nicht laut, aber so, daß es hörbar

war, zu einem anderen Soldaten gewandt, als wenn er vor diesem die

Worte des Kompagnieführers rechtfertigen und ihn überzeugen wollte, daß

in diesen Worten nichts Prahlerisches und Unwahrscheinliches liege.

Von den Soldaten ging Koselzow in die Kaserne der Verteidigungstruppen

zu den Offizieren, seinen Kameraden.

Sewastopol · 第 43 / 86 题