Der ältere Koselzow hatte auf der Straße einen Soldaten seines
Regiments getroffen und ging zusammen mit ihm geradewegs nach der
fünften Bastion.
Halten Sie sich an die Mauer, Euer Wohlgeboren! sagte der Soldat.
Weshalb?
Es ist gefährlich, Euer Wohlgeboren: sehen Sie, da fliegt sie schon
hinüber! sagte der Soldat, indem er auf den pfeifenden Ton einer
Kanonenkugel horchte, die auf dem trockenen Weg auf der anderen Seite
der Straße einschlug.
Koselzow ging, ohne auf den Soldaten zu hören, kühn in der Mitte der
Straße.
Es waren dieselben Straßen, dasselbe sogar noch häufigere Feuern,
dasselbe Stöhnen, Vorübertragen von Verwundeten und dieselben
Batterien, Brustwehren und Laufgräben, wie im Frühjahr, da er in
Sewastopol gewesen; aber das alles war jetzt noch trauriger und
zugleich energischer: es gab noch mehr durchgeschlagene Dächer, Licht
in den Fenstern war gar nicht mehr sichtbar, außer in Kuschtschins
Hause (dem Lazarett), Frauen sah man gar nicht mehr auf der Straße, auf
allem lag nicht mehr der frühere Charakter des Alltäglichen und der
Sorglosigkeit, sondern der Stempel einer bangen Erwartung und Müdigkeit.
Aber da ist schon der letzte Laufgraben, da tönt auch die Stimme eines
Soldaten vom P.-Regiment, der seinen früheren Hauptmann erkannt hat; da
steht auch das dritte Bataillon in der Dunkelheit, an die Wand gelehnt,
bisweilen auf einen Augenblick durch Schüsse beleuchtet und seine
Gegenwart nur durch gedämpftes Murmeln und das Klirren der Gewehre
verratend.
Wo ist der Regimentskommandeur? fragte Koselzow.
In der Blindage, Euer Wohlgeboren, bei den Seeleuten, antwortete ein
dienstfertiger Soldat. Bitte, ich werde Sie führen.
Von Laufgraben zu Laufgraben führte der Soldat Koselzow zu einem
kleinen Graben in einem Laufgraben. Im Graben saß ein Matrose, der
seine Pfeife rauchte; hinter ihm war eine Thür sichtbar, durch deren
Spalt Licht schimmerte.
Darf man eintreten?
Werde Sie sogleich melden! und der Soldat trat zur Thür ein.
Drinnen sprachen zwei Stimmen.
Wenn Preußen die Neutralität bewahrt, sagte die eine Stimme, so wird
auch Österreich ...
Ach was, Österreich, sagte die andere, wenn die slavischen Völker ...
Laß eintreten.
Koselzow war nie in dieser Blindage gewesen. Sie frappierte ihn
durch ihren Luxus. Der Fußboden war getäfelt, an der Thür hielt
eine spanische Wand den Wind ab. Zwei Betten waren an den Wänden
aufgestellt; in einer Ecke stand ein großes Bild der Gottesmutter
in goldenen Gewändern, und vor ihm brannte eine rosa Lampe. Auf dem
einen Bett schlief ein Marineoffizier, vollständig angekleidet; auf
dem andern saßen vor einem Tisch, auf dem zwei halbvolle Flaschen
Wein standen, der neue Regimentskommandeur im Gespräch mit seinem
Adjutanten. Obgleich Koselzow durchaus kein Feigling war und sich
weder der Behörde, noch dem Regimentskommandeur gegenüber einer Schuld
bewußt war, wurde er doch zaghaft bei dem Anblick des Hauptmanns, der
vor kurzem noch sein Kamerad gewesen war; so stolz erhob sich dieser
Hauptmann, um ihn auszufragen. »Sonderbar, dachte Koselzow, während
er seinen Kommandeur ansah, sieben Wochen sind es erst, daß er das
Regiment bekommen hat, und wie deutlich spricht schon aus allem, was
ihn umgiebt, aus seiner Kleidung, aus seinem Gebahren, aus seinem
Blick, die Würde des Regimentskommandeurs. Vor kurzem -- dachte er
-- hat dieser Batteriechef noch mit uns gezecht, an Wochentagen ein
dunkles Zitzhemd getragen, das länger rein hält, nie jemand zu sich
eingeladen, und immer und ewig Klops und Quarkpiroggen gegessen, und
jetzt? ... Und im Blick dieser Ausdruck kalten Hochmuts, der zu sagen
scheint: wenn ich auch dein Kamerad bin, weil ich Regimentskommandeur
neuer Schule bin, glaube nur, ich weiß, wie gern du dein halbes Leben
hingäbest, um an meiner Stelle zu sein!«
Sie haben sich recht lange kurieren lassen, sagte der Oberst zu
Koselzow und sah ihn kühl an.
Ich bin krank gewesen, Oberst! Die Wunde ist jetzt noch nicht ganz
geschlossen.
So sind Sie unnütz gekommen, sagte der Oberst und betrachtete
mißtrauisch die volle Gestalt des Offiziers. Sie können aber doch den
Dienst versehen?
Gewiß kann ich das!
Nun, ich freue mich sehr. So übernehmen Sie vom Fähnrich Sajzow die
neunte Kompagnie -- Ihre frühere; sogleich werden Sie die Ordre
erhalten.
Zu Befehl!
Wollen Sie die Güte haben, wenn Sie fortgehen, den Regimentsadjutanten
zu mir zu schicken, schloß der Regimentskommandeur, und gab durch eine
leichte Verbeugung zu verstehen, daß die Audienz beendet sei.
Während Koselzow aus der Blindage herausging, brummte er etwas vor
sich hin und zog die Schultern hoch, als bereite ihm etwas Schmerz,
Unbehagen oder Ärger -- Ärger nicht über den Regimentskommandeur (der
hatte ihm keinen Grund gegeben); er war mit sich selbst, mit allem, was
um ihn her vorging, unzufrieden.