XIV

Der ältere Koselzow hatte auf der Straße einen Soldaten seines

Regiments getroffen und ging zusammen mit ihm geradewegs nach der

fünften Bastion.

Halten Sie sich an die Mauer, Euer Wohlgeboren! sagte der Soldat.

Weshalb?

Es ist gefährlich, Euer Wohlgeboren: sehen Sie, da fliegt sie schon

hinüber! sagte der Soldat, indem er auf den pfeifenden Ton einer

Kanonenkugel horchte, die auf dem trockenen Weg auf der anderen Seite

der Straße einschlug.

Koselzow ging, ohne auf den Soldaten zu hören, kühn in der Mitte der

Straße.

Es waren dieselben Straßen, dasselbe sogar noch häufigere Feuern,

dasselbe Stöhnen, Vorübertragen von Verwundeten und dieselben

Batterien, Brustwehren und Laufgräben, wie im Frühjahr, da er in

Sewastopol gewesen; aber das alles war jetzt noch trauriger und

zugleich energischer: es gab noch mehr durchgeschlagene Dächer, Licht

in den Fenstern war gar nicht mehr sichtbar, außer in Kuschtschins

Hause (dem Lazarett), Frauen sah man gar nicht mehr auf der Straße, auf

allem lag nicht mehr der frühere Charakter des Alltäglichen und der

Sorglosigkeit, sondern der Stempel einer bangen Erwartung und Müdigkeit.

Aber da ist schon der letzte Laufgraben, da tönt auch die Stimme eines

Soldaten vom P.-Regiment, der seinen früheren Hauptmann erkannt hat; da

steht auch das dritte Bataillon in der Dunkelheit, an die Wand gelehnt,

bisweilen auf einen Augenblick durch Schüsse beleuchtet und seine

Gegenwart nur durch gedämpftes Murmeln und das Klirren der Gewehre

verratend.

Wo ist der Regimentskommandeur? fragte Koselzow.

In der Blindage, Euer Wohlgeboren, bei den Seeleuten, antwortete ein

dienstfertiger Soldat. Bitte, ich werde Sie führen.

Von Laufgraben zu Laufgraben führte der Soldat Koselzow zu einem

kleinen Graben in einem Laufgraben. Im Graben saß ein Matrose, der

seine Pfeife rauchte; hinter ihm war eine Thür sichtbar, durch deren

Spalt Licht schimmerte.

Darf man eintreten?

Werde Sie sogleich melden! und der Soldat trat zur Thür ein.

Drinnen sprachen zwei Stimmen.

Wenn Preußen die Neutralität bewahrt, sagte die eine Stimme, so wird

auch Österreich ...

Ach was, Österreich, sagte die andere, wenn die slavischen Völker ...

Laß eintreten.

Koselzow war nie in dieser Blindage gewesen. Sie frappierte ihn

durch ihren Luxus. Der Fußboden war getäfelt, an der Thür hielt

eine spanische Wand den Wind ab. Zwei Betten waren an den Wänden

aufgestellt; in einer Ecke stand ein großes Bild der Gottesmutter

in goldenen Gewändern, und vor ihm brannte eine rosa Lampe. Auf dem

einen Bett schlief ein Marineoffizier, vollständig angekleidet; auf

dem andern saßen vor einem Tisch, auf dem zwei halbvolle Flaschen

Wein standen, der neue Regimentskommandeur im Gespräch mit seinem

Adjutanten. Obgleich Koselzow durchaus kein Feigling war und sich

weder der Behörde, noch dem Regimentskommandeur gegenüber einer Schuld

bewußt war, wurde er doch zaghaft bei dem Anblick des Hauptmanns, der

vor kurzem noch sein Kamerad gewesen war; so stolz erhob sich dieser

Hauptmann, um ihn auszufragen. »Sonderbar, dachte Koselzow, während

er seinen Kommandeur ansah, sieben Wochen sind es erst, daß er das

Regiment bekommen hat, und wie deutlich spricht schon aus allem, was

ihn umgiebt, aus seiner Kleidung, aus seinem Gebahren, aus seinem

Blick, die Würde des Regimentskommandeurs. Vor kurzem -- dachte er

-- hat dieser Batteriechef noch mit uns gezecht, an Wochentagen ein

dunkles Zitzhemd getragen, das länger rein hält, nie jemand zu sich

eingeladen, und immer und ewig Klops und Quarkpiroggen gegessen, und

jetzt? ... Und im Blick dieser Ausdruck kalten Hochmuts, der zu sagen

scheint: wenn ich auch dein Kamerad bin, weil ich Regimentskommandeur

neuer Schule bin, glaube nur, ich weiß, wie gern du dein halbes Leben

hingäbest, um an meiner Stelle zu sein!«

Sie haben sich recht lange kurieren lassen, sagte der Oberst zu

Koselzow und sah ihn kühl an.

Ich bin krank gewesen, Oberst! Die Wunde ist jetzt noch nicht ganz

geschlossen.

So sind Sie unnütz gekommen, sagte der Oberst und betrachtete

mißtrauisch die volle Gestalt des Offiziers. Sie können aber doch den

Dienst versehen?

Gewiß kann ich das!

Nun, ich freue mich sehr. So übernehmen Sie vom Fähnrich Sajzow die

neunte Kompagnie -- Ihre frühere; sogleich werden Sie die Ordre

erhalten.

Zu Befehl!

Wollen Sie die Güte haben, wenn Sie fortgehen, den Regimentsadjutanten

zu mir zu schicken, schloß der Regimentskommandeur, und gab durch eine

leichte Verbeugung zu verstehen, daß die Audienz beendet sei.

Während Koselzow aus der Blindage herausging, brummte er etwas vor

sich hin und zog die Schultern hoch, als bereite ihm etwas Schmerz,

Unbehagen oder Ärger -- Ärger nicht über den Regimentskommandeur (der

hatte ihm keinen Grund gegeben); er war mit sich selbst, mit allem, was

um ihn her vorging, unzufrieden.

Sewastopol · 第 42 / 86 题