XIII

Als Wolodja mit seinen Gedanken allein geblieben war, war sein erstes

Gefühl die Angst vor dem wirren, trostlosen Zustand, in dem sich sein

Gemüt befand. Er hatte den Wunsch, einzuschlafen und alles ringsumher,

vor allem aber sich selbst, zu vergessen. Er löschte das Licht, legte

sich auf das Bett und zog seinen Mantel über den Kopf, um sich zu

schützen gegen die Angst vor der Dunkelheit, die ihm seit frühester

Jugend anhaftete. Plötzlich aber fiel ihm ein, es könnte eine Bombe

geflogen kommen, das Dach durchschlagen und ihn töten ... Er horchte

auf; gerade über ihm erklangen die Schritte des Batteriekommandeurs.

Ȇbrigens, wenn eine geflogen kommt -- dachte er -- trifft sie erst

oben und dann mich -- also wenigstens nicht mich allein.« Dieser

Gedanke beruhigte ihn ein wenig, er war im Begriff, einzuschlummern.

»Wie aber, wenn plötzlich in der Nacht Sewastopol genommen wird, und

die Franzosen hier eindringen? Womit werde ich mich verteidigen?« Er

stand wieder auf und ging im Zimmer auf und nieder. Die Angst vor der

wirklichen Gefahr hatte die geheimnisvolle Angst vor der Finsternis

verschlungen. Außer einem Sattel und einem Ssamowar war im Zimmer

nichts Festes. »Ich bin ein Elender, ein Feigling, ein abscheulicher

Feigling,« dachte er plötzlich, und wieder überkam ihn das drückende

Gefühl der Verachtung, des Abscheus sogar vor sich selbst. Er legte

sich wieder hin und gab sich Mühe, nichts zu denken. Da tauchten

unwillkürlich die Eindrücke des Tages in seiner Phantasie wieder

auf, begleitet von ununterbrochenen Tönen, die die Scheiben in dem

einzigen Fenster klirren machten, und erinnerten ihn wieder an die

Gefahr. Bald phantasierte er von Verwundeten und von Blut, bald von

Bomben und Splittern, die ins Zimmer fliegen, bald von der hübschen,

barmherzigen Schwester, die ihm, dem Sterbenden, einen Verband anlegt

und über ihn weint, bald von seiner Mutter, die in der Kreisstadt an

seiner Seite geht und inbrünstig unter Thränen vor dem wunderthätigen

Bilde betet, und wieder scheint ihm der Schlaf unmöglich. Plötzlich

trat der Gedanke an Gott, den Allmächtigen, der alles wirken und jedes

Gebet erhören kann, klar vor seine Seele. Er kniete nieder, bekreuzte

sich und faltete die Hände, ganz so, wie man ihn in der Kindheit beten

gelehrt hatte. Diese Gebärde versetzte ihn mit einem Schlage in eine

längst vergangene, tröstliche Stimmung.

»Wenn ich sterben muß, wenn es sein muß, daß ich vergehe, laß es

geschehen, Herr -- dachte er -- laß es schnell geschehen! ... Bedarf es

aber der Tapferkeit, bedarf es der Standhaftigkeit, die ich nicht habe,

so gieb sie mir, schütze mich vor Schmach und Schande, die ich nicht

ertragen kann, lehre mich, was ich zu thun habe, um Deinen Willen zu

erfüllen.«

Seine kindliche, eingeschüchterte, geängstigte Seele ward plötzlich

von Mannesmut erfüllt. Sie wurde heller und sah neue, weite, lichte

Horizonte. Noch vieles dachte und empfand er in diesem kurzen

Augenblick, den diese Stimmung währte; er schlief bald ruhig und

furchtlos ein, mitten unter den Tönen des fortdauernden Getöses des

Bombardements und des Klirrens der Scheiben.

Großer Gott! Nur du allein hast gehört und kennst die einfältigen, aber

inbrünstigen und verzweifelten Gebete der Unwissenheit und irrenden

Reue, die Bitten um Heilung des Körpers und Erleuchtung der Seele, die

zu dir von diesem schrecklichen Orte des Todes emporgestiegen sind,

aus dem Herzen des Generals, der eben an das Georgskreuz gedacht hat

und mit Bangen Deine Nähe ahnt, wie des einfachen Soldaten, der sich

auf dem nackten Boden der Nikolajew-Batterie wälzt und Dich bittet, ihm

im Jenseits Belohnung zu gewähren für alle Leiden! ...

Sewastopol · 第 41 / 86 题