Als Wolodja mit seinen Gedanken allein geblieben war, war sein erstes
Gefühl die Angst vor dem wirren, trostlosen Zustand, in dem sich sein
Gemüt befand. Er hatte den Wunsch, einzuschlafen und alles ringsumher,
vor allem aber sich selbst, zu vergessen. Er löschte das Licht, legte
sich auf das Bett und zog seinen Mantel über den Kopf, um sich zu
schützen gegen die Angst vor der Dunkelheit, die ihm seit frühester
Jugend anhaftete. Plötzlich aber fiel ihm ein, es könnte eine Bombe
geflogen kommen, das Dach durchschlagen und ihn töten ... Er horchte
auf; gerade über ihm erklangen die Schritte des Batteriekommandeurs.
Ȇbrigens, wenn eine geflogen kommt -- dachte er -- trifft sie erst
oben und dann mich -- also wenigstens nicht mich allein.« Dieser
Gedanke beruhigte ihn ein wenig, er war im Begriff, einzuschlummern.
»Wie aber, wenn plötzlich in der Nacht Sewastopol genommen wird, und
die Franzosen hier eindringen? Womit werde ich mich verteidigen?« Er
stand wieder auf und ging im Zimmer auf und nieder. Die Angst vor der
wirklichen Gefahr hatte die geheimnisvolle Angst vor der Finsternis
verschlungen. Außer einem Sattel und einem Ssamowar war im Zimmer
nichts Festes. »Ich bin ein Elender, ein Feigling, ein abscheulicher
Feigling,« dachte er plötzlich, und wieder überkam ihn das drückende
Gefühl der Verachtung, des Abscheus sogar vor sich selbst. Er legte
sich wieder hin und gab sich Mühe, nichts zu denken. Da tauchten
unwillkürlich die Eindrücke des Tages in seiner Phantasie wieder
auf, begleitet von ununterbrochenen Tönen, die die Scheiben in dem
einzigen Fenster klirren machten, und erinnerten ihn wieder an die
Gefahr. Bald phantasierte er von Verwundeten und von Blut, bald von
Bomben und Splittern, die ins Zimmer fliegen, bald von der hübschen,
barmherzigen Schwester, die ihm, dem Sterbenden, einen Verband anlegt
und über ihn weint, bald von seiner Mutter, die in der Kreisstadt an
seiner Seite geht und inbrünstig unter Thränen vor dem wunderthätigen
Bilde betet, und wieder scheint ihm der Schlaf unmöglich. Plötzlich
trat der Gedanke an Gott, den Allmächtigen, der alles wirken und jedes
Gebet erhören kann, klar vor seine Seele. Er kniete nieder, bekreuzte
sich und faltete die Hände, ganz so, wie man ihn in der Kindheit beten
gelehrt hatte. Diese Gebärde versetzte ihn mit einem Schlage in eine
längst vergangene, tröstliche Stimmung.
»Wenn ich sterben muß, wenn es sein muß, daß ich vergehe, laß es
geschehen, Herr -- dachte er -- laß es schnell geschehen! ... Bedarf es
aber der Tapferkeit, bedarf es der Standhaftigkeit, die ich nicht habe,
so gieb sie mir, schütze mich vor Schmach und Schande, die ich nicht
ertragen kann, lehre mich, was ich zu thun habe, um Deinen Willen zu
erfüllen.«
Seine kindliche, eingeschüchterte, geängstigte Seele ward plötzlich
von Mannesmut erfüllt. Sie wurde heller und sah neue, weite, lichte
Horizonte. Noch vieles dachte und empfand er in diesem kurzen
Augenblick, den diese Stimmung währte; er schlief bald ruhig und
furchtlos ein, mitten unter den Tönen des fortdauernden Getöses des
Bombardements und des Klirrens der Scheiben.
Großer Gott! Nur du allein hast gehört und kennst die einfältigen, aber
inbrünstigen und verzweifelten Gebete der Unwissenheit und irrenden
Reue, die Bitten um Heilung des Körpers und Erleuchtung der Seele, die
zu dir von diesem schrecklichen Orte des Todes emporgestiegen sind,
aus dem Herzen des Generals, der eben an das Georgskreuz gedacht hat
und mit Bangen Deine Nähe ahnt, wie des einfachen Soldaten, der sich
auf dem nackten Boden der Nikolajew-Batterie wälzt und Dich bittet, ihm
im Jenseits Belohnung zu gewähren für alle Leiden! ...