Die Wohnung des Batteriekommandeurs, die ihm der Posten gezeigt hatte,
war ein kleines, zweistöckige Haus, mit dem Eingange vom Hofe her.
Durch das mit Papier verklebte Fenster schimmerte das schwache Licht
einer Kerze. Der Bursche saß auf der Außentreppe und rauchte seine
Pfeife. Er ging dem Batteriekommandeur Meldung zu machen und führte
Wolodja ins Zimmer. Im Zimmer standen, zwischen zwei Fenstern, unter
einem zerbrochenen Spiegel, ein mit amtlichen Papieren über und über
bedeckter Tisch, einige Stühle und eine eiserne Bettstelle mit reiner
Bettwäsche und einem kleinen Teppich davor.
Dicht an der Thür stand ein hübscher Mann mit starkem Schnurrbart --
der Feldwebel, mit dem Seitengewehr und einem Mantel, auf dem ein Kreuz
und die Medaille für den ungarischen Feldzug hingen. In der Mitte des
Zimmers ging ein kleiner, etwa vierzigjähriger Stabsoffizier, mit einer
verbundenen, geschwollenen Backe, in einem dünnen, alten Mantel hin und
her.
Ich habe die Ehre, mich zu melden, zur fünften Leichten kommandiert,
Fähnrich Koselzow II! sagte Wolodja seine eingelernte Phrase her, als
er ins Zimmer trat.
Der Batteriekommandeur beantwortete kühl seinen Gruß und forderte
Wolodja, ohne ihm die Hand zu geben, auf, sich zu setzen.
Wolodja ließ sich schüchtern auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch
nieder und spielte mit einer Schere, die ihm in die Hand fiel. Der
Batteriekommandeur ging, mit gesenktem Kopf, die Hände auf dem Rücken,
unaufhörlich, ohne ein Wort zu sprechen, im Zimmer auf und nieder, mit
dem Aussehen eines Menschen, der sich etwas in Erinnerung rufen will,
und warf nur von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Hände, die mit der
Schere spielten.
Der Batteriekommandeur war ein ziemlich beleibter Mann mit einer
großen Glatze auf dem Wirbel, einem dichten Schnauzer, der gerade
heruntergekämmt war und den Mund bedeckte, und mit freundlichen grauen
Augen; er hatte schöne, reine, rundliche Hände, seine Beine waren
stark nach außen gekehrt, er trat mit Zuversicht und einer gewissen
Stutzerhaftigkeit auf, die andeutete, daß der Batteriekommandeur nicht
gerade schüchtern war.
Ja, sagte er und blieb vor dem Feldwebel stehen, der Geschützmannschaft
wird man von morgen ab noch einen Topf zugeben müssen, sie werden zu
schlecht behandelt. Was meinst du?
Gewiß, man kann ihnen noch was geben, Euer Hochwohlgeboren! Jetzt ist
der Hafer billiger geworden, antwortete der Feldwebel und bewegte dabei
die Finger an den Händen, die er an den Nähten hielt, die aber offenbar
gern seine Rede mit ihrer Gebärde unterstützten. Gestern hat mir auch
unser Fourageur Frantschuk vom Train ein Schreiben geschickt, Euer
Hochwohlgeboren, wir müßten unbedingt dort Ochsen kaufen, meint er. Es
heißt, sie sollen billig sein. Wenn Sie befehlen?
Nun ja, kaufen wir: er hat das Geld. Und der Batteriekommandeur begann
wieder im Zimmer auf und nieder zu gehen. -- Und wo sind Ihre Sachen?
fragte er plötzlich Wolodja und blieb vor ihm stehen.
Den armen Wolodja hatte der Gedanke, daß er ein Feigling sei, so
niedergedrückt, daß er in jedem Augenblick, in jedem Wort Verachtung
gegen sich, als einen kläglichen Feigling, sah. Es war ihm, als hätte
der Batteriekommandeur schon sein Geheimnis durchschaut und spotte
seiner. Er antwortete verlegen, die Sachen seien auf der Grafßkaja und
der Bruder hätte versprochen, sie ihm morgen zu schicken.
Der Oberst aber hörte kaum auf ihn und fragte, zu dem Feldwebel gewandt:
Wo werden wir den Fähnrich unterbringen?
Den Fähnrich? sagte der Feldwebel, und machte Wolodja noch mehr
verlegen durch den flüchtigen Blick, den er ihm zuwarf und der
gewissermaßen die Frage ausdrückte: »Was ist das für ein Fähnrich?«
-- Ja, unten, Euer Hochwohlgeboren, beim Stabskapitän können Seine
Wohlgeboren sich einquartieren, fuhr er fort, nachdem er ein wenig
nachgedacht hatte; der Stabskapitän sind jetzt auf der Bastion, so daß
seine Pritsche leer steht.
Beliebt es Ihnen einstweilen so? fragte der Batteriekommandeur. Sie
müssen, denk' ich, müde sein; morgen werden wir es besser einrichten.
Wolodja stand auf und verbeugte sich.
Ist Ihnen nicht Thee gefällig? fragte der Batteriekommandeur, als
er bereits bis zur Thür gegangen war. Man kann eine Theemaschine
aufstellen.
Wolodja verbeugte sich und ging hinaus. Der Bursche des Obersten
begleitete ihn nach unten und führte ihn in ein kahles, schmutziges
Zimmer, in dem allerlei Gerümpel umherlag und ein eisernes Bett
ohne Wäsche und Decke stand. Auf dem Bett, mit einem dicken Mantel
zugedeckt, schlief jemand in einem rosa Hemd.
Wolodja hielt ihn für einen gemeinen Soldaten.
Peter Nikolajewitsch! rief der Offiziersbursche, indem er den Schläfer
an der Schulter rüttelte. Hier werden sich der Fähnrich hinlegen ...
Das ist unser Junker, fügte er, zum Fähnrich gewandt, hinzu.
Ach, lassen Sie sich nicht stören, bitte! sagte Wolodja; aber der
Junker, ein hochgewachsener, stattlicher junger Mann mit hübschen, aber
sehr dummen Zügen, stand vom Bett auf, warf sich den Mantel um und
ging, augenscheinlich noch halb im Schlafe, aus dem Zimmer.
Schadet nichts, ich werde mich draußen hinlegen, brummte er.