Der Kanonendonner dauerte mit der früheren Stärke fort, aber die
Katharinenstraße, durch die Wolodja mit dem ihm schweigend folgenden
Nikolajew ging, war still und öde. In der Dunkelheit sah er nur die
breite Straße, mit den weißen, an vielen Stellen zertrümmerten Mauern
großer Häuser, und das Steintrottoir, auf dem er ging; bisweilen
trafen sie Soldaten und Offiziere. Er ging auf der linken Seite der
Straße und sah bei dem Schein eines hellen Feuers, das hinter einer
Mauer brannte, die längs des Trottoirs gepflanzten Akazien mit ihren
grünen Pfählen und ihren verkümmerten, bestaubten Blättern. Deutlich
hörte er seine Schritte und die Nikolajews, der hinter ihm ging und
schwer atmete. Er dachte an nichts. Die hübsche Schwester, Marzows
Bein mit den beweglichen Zehen unter dem Strumpf, die Dunkelheit und
die mannigfachen Formen des Todes zogen traurig an seinem Geiste
vorüber. Seine ganze junge, eindrucksfähige Seele krampfte und preßte
sich zusammen unter dem Einflusse des Gefühls der Verlassenheit und
der allgemeinen Gleichgültigkeit gegen sein Schicksal in der Gefahr!
»Ich kann getötet werden, Qualen erdulden, leiden, und niemand weint
um mich.« Und all das statt des thatenreichen und bewunderten Lebens
eines Helden, das er sich so herrlich ausgemalt hatte. Näher und näher
platzten und pfiffen die Bomben. Nikolajew seufzte noch häufiger,
ohne jedoch das Schweigen zu unterbrechen. Als er über die Brücke
ging, die nach der Korabelnaja führte, sah Wolodja, wie unweit von ihm
etwas pfeifend in die Bucht flog, auf eine Sekunde die blauen Wellen
purpurrot beleuchtete und dann mit Schaum wieder in die Höhe flog.
Sieh, sie ist nicht erstickt! ... rief heiser Nikolajew.
Ja, antwortete er ganz unwillkürlich und sich selbst unerwartet mit
dünner, piepsender Stimme.
Sie begegneten Tragbahren mit Verwundeten und wiederum Regimentswagen
mit Schanzkörben. Auf der Korabelnaja trafen sie ein Regiment, und
Reiter ritten vorüber. Einer von ihnen war ein Offizier in Begleitung
eines Kosaken. Er ritt im Trab, als er aber Wolodja bemerkte, hielt er
neben ihm, sah ihm ins Gesicht, wandte um, gab dem Pferde einen Schlag
und ritt davon. »Allein, allein; es ist allen ganz gleichgültig, ob ich
da bin oder nicht,« dachte der Jüngling und hatte ernstlich Lust zu
weinen.
Er schritt bergauf, an einer weißen Mauer vorüber, und kam in eine
Straße zerstörter, unaufhörlich von Bomben beleuchteter Häuschen. Da
stieß er auf ein betrunkenes, zerlumptes Weib, das mit einem Matrosen
aus einem Pförtchen herauskam.
Denn, w--w--wenn er ein Ehrenm--m--mann w--wäre, -- lallte sie --
_pardon_, Ew. Wohlgeboren, Herr Offizier!
Dem armen Jüngling ward das Herz immer mehr und mehr bedrückt; und
am schwarzen Horizont flammten immer häufiger Blitze auf, und immer
häufiger pfiffen und krachten Bomben in seiner Nähe. Nikolajew seufzte
auf und begann plötzlich, wie es Wolodja schien, mit bestürzter,
gepreßter Stimme:
Und da haben sie sich beeilt, das Gouvernement zu verlassen! Hierher,
nur hierher! ... Das verlohnt sich gerade!
Warum nicht, der Bruder ist ja jetzt wieder gesund, antwortete Wolodja,
in der Hoffnung, wenigstens durch ein Gespräch das schreckliche Gefühl,
das ihn beherrschte, zu verscheuchen.
Gesund ... Schöne Gesundheit, wenn er ganz und gar krank ist!? Auch wer
wirklich gesund ist, thäte am besten, in solcher Zeit im Lazarett zu
leben. Giebt's hier etwa viel Freude? Entweder wird einem das Bein oder
der Arm abgerissen -- das ist alles! Ein Unglück ist schnell geschehen!
Hier, in der Stadt, ist es noch nicht so wie auf der Bastion, dort geht
es wahrhaft schrecklich zu. Wenn man geht, thut man weiter nichts,
als beten. Sieh, die Bestie, wie sie an einem vorbeihuscht! fügte er
hinzu, und richtete seine Aufmerksamkeit auf einen nahe vorbeisausenden
Bombensplitter. Jetzt hat man mir befohlen, fuhr Nikolajew fort, Ew.
Wohlgeboren zu führen. Wie's unsereinem geht, das weiß man ja: was
befohlen wird, muß man ausführen; da überläßt man dem ersten besten
Soldaten den Wagen, und das Bündel ist offen. Aber du geh, geh mit; und
was an Sachen verloren geht -- Nikolajew, steh dafür ein!
Noch einige Schritte weiter, und sie kamen auf einen Platz. Nikolajew
schwieg und seufzte.
Da steht Ihre Artillerie, Ew. Wohlgeboren! sagte er plötzlich, fragen
Sie den Posten, er wird Ihnen den Weg zeigen.
Als Wolodja einige Schritte weiter gegangen war, hörte er die
Seufzertöne Nikolajews nicht mehr hinter sich.
Er fühlte sich plötzlich vollständig, ganz und gar allein. Dieses
Bewußtsein der Vereinsamung in der Gefahr vor dem Tode, wie er glaubte,
lag ihm wie ein entsetzlich schwerer, kalter Stein auf der Brust. Er
blieb mitten auf dem Platze stehen und schaute sich um, ob ihn nicht
jemand sehe, griff sich an den Kopf, sprach vor sich hin und dachte
mit Entsetzen: »Herr Gott! Bin ich denn ein Feigling, ein elender,
abscheulicher, niedriger Feigling -- gilt es nicht das Vaterland, den
Zaren, für den ich gestern noch mit Wonne zu sterben wähnte? Nein,
ich bin ein unglückliches, bejammernswertes Geschöpf!« Und mit einem
wahren Gefühl der Verzweiflung und der Enttäuschung über sich selbst,
fragte Wolodja den Posten nach dem Hause des Batteriekommandeurs und
ging in der Richtung, die er ihm wies.