Wolodja war zwar nicht in schlechter Stimmung, als er, bereits bei
Anbruch der Nacht, zu der großen, über die Bucht führenden Brücke kam,
fühlte aber eine gewisse Beklommenheit im Herzen. Alles, was er sah und
hörte, wich sehr ab von den früheren, eben erst verlassenen Eindrücken:
dem hellen, getäfelten Prüfungssaal, dem lustigen, harmlosen Lachen der
Kameraden, der neuen Uniform, dem geliebten Zaren, den er sieben Jahre
hindurch gesehen und der sie Kinder genannt, als er mit Thränen in den
Augen von ihnen Abschied nahm -- so wenig glich alles seinen schönen,
buntschillernden, hochherzigen Träumen.
Nun, sieh, wir sind an Ort und Stelle! sagte der ältere Bruder, als sie
zur Michajlow-Batterie kamen und aus dem Fuhrwerk stiegen. Wenn man uns
über die Brücke läßt, gehen wir sogleich in die Nikolajew-Kaserne. Dort
bleibst du bis morgen früh; und ich werde zum Regiment gehen, um zu
erfahren, wo deine Batterie steht; morgen werde ich dich abholen.
Warum denn? gehen wir lieber zusammen, meinte Wolodja. Ich werde mit
dir auf die Bastion gehen. Es ist ja jetzt ganz gleich: ich muß mich
daran gewöhnen. Wenn *du* gehst, kann ich es auch.
Besser ist es, du gehst nicht.
Aber ich bitte dich! So werde ich wenigstens kennen lernen, wie ...
Ich rate dir, geh nicht; aber willst du ...
Der Himmel war wolkenfrei und dunkel; die Sterne und die unaufhörlich
leuchtenden Feuer der Bomben und Schüsse glänzten hell in der
Finsternis. Das große, weiße Gebäude der Batterie und der Anfang der
Brücke traten aus der Dunkelheit hervor. Buchstäblich jede Sekunde
erschütterten einige Gewehrschüsse und Explosionen, entweder schnell
aufeinander folgend oder zusammen, lauter und deutlicher die Luft.
Diesem Getöse folgte, wie eine Begleitung, das dumpfe Brausen der
Bucht. Vom Meere her wehte ein schwacher Wind und trug Feuchtigkeit
daher. Die Brüder gingen an die Brücke. Ein Landwehrmann schlug
schwerfällig mit dem Gewehr auf und rief:
Wer da?
Soldat.
Ist verboten, durchzulassen.
Was? wir müssen ...
Fragen Sie den Offizier.
Der Offizier, der auf einem Ackerfeld sitzend geschlummert hatte, erhob
sich und befahl, sie durchzulassen.
Dorthin ist es erlaubt, aber nicht von dorther. Wo wollt ihr
hin? Alle auf einmal! schrie er den mit Schanzkörben beladenen
Regimentsfuhrwerken zu, die sich vor der Brücke zusammengedrängt hatten.
Die Brüder stiegen zum ersten Ponton nieder und stießen auf Soldaten,
die in lauter Unterhaltung von der anderen Seite her kamen.
Wenn er das Geld zur Ausrüstung bekommen hat, dann hat er nichts mehr
zu fordern.
Ach Brüderchen! sagte eine andere Stimme, wenn man auf die Nordseite
hinübergeht, da sieht man die Welt, bei Gott! Eine ganz andere Luft!
Schwatz' nur immer zu! ... sagte der erste, vor kurzem kam so eine
Verfluchte herübergeflogen; zwei Matrosen hat sie die Beine weggerissen
...
Die Brüder gingen über das erste Ponton und blieben, ihr Fuhrwerk
erwartend, auf dem zweiten stehen, das stellenweise bereits
überschwemmt war. Der Wind, der landeinwärts schwach erschien, war hier
sehr stark und reißend; die Brücke schaukelte, und die Wellen, die
mit Geräusch an die Balken schlugen und an den Ankern und Tauen sich
brachen, überschwemmten die Bretter des Pontons. Rechts rauschte und
dunkelte in verräterischen Nebel gehüllt die See und hob sich durch
einen schweren Streif von dem gestirnten lichtgrau strahlenden Horizont
ab; in der Ferne glänzten Lichter auf der feindlichen Flotte. Links
zeigten sich die schwarzen Maste eines unserer Schiffe, und man hörte
die Wellen an seinen Bord anschlagen. Ein Dampfer ward sichtbar, der
geräuschvoll und schnell von der Nordseite herankam. Das Feuer einer
in seiner Nähe platzenden Bombe erhellte auf einen Augenblick die auf
dem Verdeck hoch aufgeschichteten Schanzkörbe, die beiden Leute, die
oben standen, und den weißen Schaum und den Sprühregen der von dem
Dampfer durchschnittenen grünlichen Wellen. Am Rande der Brücke saß,
mit den Füßen im Wasser, ein Mann im bloßen Hemd und machte etwas auf
dem Ponton. Vor ihnen, über Sewastopol, ließ sich das frühere Feuer
hören, und immer lauter drangen von da schreckliche Töne herüber. Eine
hoch aufspritzende Welle ergoß sich über die rechte Brückenseite und
machte Wolodjas Füße naß; zwei Soldaten gingen, im Wasser watend, an
ihm vorbei. Plötzlich beleuchtete etwas unter Krachen die Brücke, das
vorn auf ihr fahrende Fuhrwerk und einen Reiter, und die Bombensplitter
fielen, mit Pfeifen Schaum aufwerfend, ins Wasser.
Ah, Michajlo Ssemjonytsch! sagte der Reiter, indem er sein Pferd
vor dem älteren Koselzow hielt: sind Sie schon vollständig wieder
hergestellt?
Wie Sie sehen. Wohin führt Sie Gott?
Auf die Nordseite, nach Patronen: ich vertrete ja jetzt den
Regimentsadjutanten ... Sturm erwarten wir von Stunde zu Stunde.
Und wo ist Marzow?
Gestern ist ihm ein Fuß fortgerissen worden ... Er schlief in der Stadt
im Zimmer ... Sie kennen ihn wohl?
Das Regiment steht auf der Fünften, nicht wahr?
Ja, es ist an Stelle des M.-Regimentes dorthin gekommen. Gehen Sie nach
dem Verbandort: dort finden Sie welche von uns, die werden Sie führen.
Nun, und mein Quartier auf der Seestraße, ist das unbeschädigt?
I, mein Lieber! Schon längst ganz von Bomben zertrümmert ... Sie
erkennen jetzt Sewastopol nicht mehr wieder: keine Seele von einem
Frauenzimmer, keinen Gastwirt, keine Musik giebt es mehr. Gestern ist
der letzte Ausschank fortgezogen. Jetzt ist es schrecklich öde ...
Leben Sie wohl!
Und der Offizier ritt im Trabe weiter.
Wolodja wurde plötzlich ganz trübselig zu Mut: es schien ihm immer, als
ob augenblicklich eine Kanonenkugel oder ein Bombensplitter geflogen
kommen und ihn gerade an den Kopf treffen müßte.
Dieser feuchte Nebel, alle diese Stimmen, besonders das grollende
Plätschern der Wellen, schienen ihm zu sagen, er solle nicht weiter
gehen, es harre seiner hier nichts Gutes, sein Fuß würde nie wieder den
Boden jenseits der Bucht betreten, er möchte auf der Stelle umkehren
und fliehen -- weit, weit von diesem furchtbaren Orte des Todes.
»Aber vielleicht ist es schon zu spät, vielleicht ist es schon so
beschlossen,« dachte er und erbebte, teils über diesen Gedanken, teils,
weil ihm das Wasser durch die Stiefel drang und seine Füße feucht
machte.
»Herr! werde ich wirklich fallen, -- gerade ich? Herr, erbarme dich
meiner!« murmelte er flüsternd und bekreuzte sich.
Nun, gehen wir, Wolodja! sagte der ältere Bruder, als ihr Fuhrwerk auf
die Brücke gekommen war. Hast du die Bombe gesehen?
Auf der Brücke begegneten den Brüdern Wagen mit Verwundeten, mit
Schanzkörben, und einer mit Möbeln, den eine Frau führte. Auf der
andern Seite der Bucht wurden sie von niemand zurückgehalten.
Die Brüder hielten sich instinktiv dicht an die Wand der
Nikolajew-Batterie und kamen, indem sie schweigend auf die Töne
der hier über ihren Köpfen platzenden Bomben und das Brausen der
niederfallenden Sprengstücke hörten, zu dem Platz der Batterie, wo
das Heiligenbild stand. Hier erfuhren sie, daß die fünfte leichte,
der Wolodja zugeteilt war, in der Korabelnaja stand, und beschlossen,
trotz der Gefahr, zum ältern Bruder auf die fünfte Bastion übernachten
zu gehen und von dort, am folgenden Tage, nach der Batterie. Sie bogen
in den Flur ein, schritten über die Beine schlafender Soldaten, die
längs der ganzen Batteriewand lagen, hinweg und kamen endlich zum
Verbandplatz.
X
Sie traten in das erste Zimmer, das voll von Pritschen war, auf denen
Verwundete lagen, und das von einem beklemmenden, widerwärtigen
Lazarettgeruch erfüllt war, und trafen zwei barmherzige Schwestern, die
ihnen entgegenkamen.
Die eine, eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren, mit dunklen Augen und
strengen Gesichtszügen, trug Binden und Charpie, und erteilte einem
jungen Burschen, einem Feldscher, der hinter ihr ging, ihre Befehle;
die andere, ein sehr hübsches Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren, mit
einem zarten, blonden Gesichtchen, das außerordentlich reizvoll in
seiner Hilflosigkeit unter dem weißen Häubchen hervorsah, ging, die
Hände in den Schürzentaschen, neben der Alten und schien zu fürchten,
sie könnte hinter ihr zurückbleiben.
Koselzow wandte sich an sie mit der Frage, ob sie nicht wüßten, wo
Marzow liege, der gestern ein Bein verloren habe.
Er ist wohl vom P.-Regiment? fragte die Alte, ist er ein Verwandter von
Ihnen?
Nein, ein Kamerad.
Führen Sie die Herren, sagte sie zu der jungen Schwester französisch,
... hierherum, und sie ging selbst mit dem Feldscher auf den
Verwundeten zu.
Gehen wir nur ... was zauderst du? rief Koselzow zu Wolodja, der die
Augenbrauen mit einem Ausdruck des Schmerzes in die Höhe zog und nicht
die Kraft hatte, seinen Blick von den Verwundeten abzuwenden. Gehen wir
nur!
Wolodja ging mit dem Bruder, sah sich aber immer um und wiederholte
unbewußt:
Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!
Sie sind gewiß noch nicht lange hier? fragte die Schwester Koselzow,
indem sie auf Wolodja wies, der Ach! rufend und seufzend im
Zwischengange hinter ihnen schritt.
Er ist soeben erst angekommen.
Die hübsche Schwester sah Wolodja an und brach plötzlich in Thränen
aus. »Mein Gott, mein Gott! wann wird das alles ein Ende haben,« sagte
sie in verzweifelndem Tone. Sie kamen in den Krankensaal der Offiziere.
Marzow lag auf dem Rücken, die sehnigen, bis zu den Ellbogen entblößten
Arme über den Kopf lang ausgestreckt, in seinem gelben Gesicht malte
sich der Ausdruck eines Menschen, der die Zähne zusammenpreßt, um
vor Schmerz nicht zu schreien. Das gesunde Bein, mit einem Strumpfe
bekleidet, war unter der Decke hervorgestreckt, und man sah, wie er
krampfhaft die Zehen hin- und herbewegte.
Nun, wie geht es Ihnen? fragte die Schwester, indem sie mit ihren
dünnen zarten Fingern -- an dem einen bemerkte Wolodja einen Ring --
seinen etwas kahlen Kopf in die Höhe hob und das Kissen zurechtrückte.
Kameraden von Ihnen sind gekommen, Sie zu besuchen.
Natürlich habe ich Schmerzen! sagte er ärgerlich. Lassen Sie's nur,
so ist's gut! ... Die Zehen im Strumpfe bewegten sich noch schneller.
Guten Tag! Wie heißen Sie? Entschuldigen Sie, sprach er zu Koselzow
gewandt ... Ach, ja, Sie müssen verzeihen, -- hier vergißt man alles,
fuhr er fort, als dieser ihm seinen Namen gesagt hatte. Habe ich nicht
mit dir zusammen gewohnt? fügte er hinzu, indem er, ohne jeglichen
Ausdruck der Freude, Wolodja fragend ansah.
Das ist mein Bruder, er ist heute von Petersburg gekommen.
Hm! ... Ich habe mir die volle Pension verdient ... sagte er mit
gerunzelter Stirn. Ach, was für Schmerzen! ... Ja, es wäre am besten,
wenn's bald zu Ende wäre ...
Er zog die Beine in die Höhe, bewegte die Zehen mit vermehrter
Schnelligkeit hin und her und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.
Wir müssen ihn verlassen, sagte flüsternd die Schwester, mit Thränen in
den Augen, er befindet sich schon sehr schlecht.
Noch auf der Nordseite hatten die Brüder beschlossen, auf die fünfte
Bastion zu gehen; als sie aber die Nikolajew-Batterie verließen,
beschlossen sie, -- als ob sie sich verabredet hätten, sich keiner
unnützen Gefahr anzusetzen, ohne daß sie nur ein Wort miteinander
darüber gesprochen hatten, -- jeder einzeln zu gehen.
Aber ... wie wirst du dich zurechtfinden, Wolodja? sagte der Ältere.
Übrigens kann dich Nikolajew nach der Korabelnaja begleiten, ich werde
allein gehen und morgen bei dir sein.
Weiter wurde kein Wort gesprochen bei diesem letzten Abschied der
beiden Brüder.