IX

Wolodja war zwar nicht in schlechter Stimmung, als er, bereits bei

Anbruch der Nacht, zu der großen, über die Bucht führenden Brücke kam,

fühlte aber eine gewisse Beklommenheit im Herzen. Alles, was er sah und

hörte, wich sehr ab von den früheren, eben erst verlassenen Eindrücken:

dem hellen, getäfelten Prüfungssaal, dem lustigen, harmlosen Lachen der

Kameraden, der neuen Uniform, dem geliebten Zaren, den er sieben Jahre

hindurch gesehen und der sie Kinder genannt, als er mit Thränen in den

Augen von ihnen Abschied nahm -- so wenig glich alles seinen schönen,

buntschillernden, hochherzigen Träumen.

Nun, sieh, wir sind an Ort und Stelle! sagte der ältere Bruder, als sie

zur Michajlow-Batterie kamen und aus dem Fuhrwerk stiegen. Wenn man uns

über die Brücke läßt, gehen wir sogleich in die Nikolajew-Kaserne. Dort

bleibst du bis morgen früh; und ich werde zum Regiment gehen, um zu

erfahren, wo deine Batterie steht; morgen werde ich dich abholen.

Warum denn? gehen wir lieber zusammen, meinte Wolodja. Ich werde mit

dir auf die Bastion gehen. Es ist ja jetzt ganz gleich: ich muß mich

daran gewöhnen. Wenn *du* gehst, kann ich es auch.

Besser ist es, du gehst nicht.

Aber ich bitte dich! So werde ich wenigstens kennen lernen, wie ...

Ich rate dir, geh nicht; aber willst du ...

Der Himmel war wolkenfrei und dunkel; die Sterne und die unaufhörlich

leuchtenden Feuer der Bomben und Schüsse glänzten hell in der

Finsternis. Das große, weiße Gebäude der Batterie und der Anfang der

Brücke traten aus der Dunkelheit hervor. Buchstäblich jede Sekunde

erschütterten einige Gewehrschüsse und Explosionen, entweder schnell

aufeinander folgend oder zusammen, lauter und deutlicher die Luft.

Diesem Getöse folgte, wie eine Begleitung, das dumpfe Brausen der

Bucht. Vom Meere her wehte ein schwacher Wind und trug Feuchtigkeit

daher. Die Brüder gingen an die Brücke. Ein Landwehrmann schlug

schwerfällig mit dem Gewehr auf und rief:

Wer da?

Soldat.

Ist verboten, durchzulassen.

Was? wir müssen ...

Fragen Sie den Offizier.

Der Offizier, der auf einem Ackerfeld sitzend geschlummert hatte, erhob

sich und befahl, sie durchzulassen.

Dorthin ist es erlaubt, aber nicht von dorther. Wo wollt ihr

hin? Alle auf einmal! schrie er den mit Schanzkörben beladenen

Regimentsfuhrwerken zu, die sich vor der Brücke zusammengedrängt hatten.

Die Brüder stiegen zum ersten Ponton nieder und stießen auf Soldaten,

die in lauter Unterhaltung von der anderen Seite her kamen.

Wenn er das Geld zur Ausrüstung bekommen hat, dann hat er nichts mehr

zu fordern.

Ach Brüderchen! sagte eine andere Stimme, wenn man auf die Nordseite

hinübergeht, da sieht man die Welt, bei Gott! Eine ganz andere Luft!

Schwatz' nur immer zu! ... sagte der erste, vor kurzem kam so eine

Verfluchte herübergeflogen; zwei Matrosen hat sie die Beine weggerissen

...

Die Brüder gingen über das erste Ponton und blieben, ihr Fuhrwerk

erwartend, auf dem zweiten stehen, das stellenweise bereits

überschwemmt war. Der Wind, der landeinwärts schwach erschien, war hier

sehr stark und reißend; die Brücke schaukelte, und die Wellen, die

mit Geräusch an die Balken schlugen und an den Ankern und Tauen sich

brachen, überschwemmten die Bretter des Pontons. Rechts rauschte und

dunkelte in verräterischen Nebel gehüllt die See und hob sich durch

einen schweren Streif von dem gestirnten lichtgrau strahlenden Horizont

ab; in der Ferne glänzten Lichter auf der feindlichen Flotte. Links

zeigten sich die schwarzen Maste eines unserer Schiffe, und man hörte

die Wellen an seinen Bord anschlagen. Ein Dampfer ward sichtbar, der

geräuschvoll und schnell von der Nordseite herankam. Das Feuer einer

in seiner Nähe platzenden Bombe erhellte auf einen Augenblick die auf

dem Verdeck hoch aufgeschichteten Schanzkörbe, die beiden Leute, die

oben standen, und den weißen Schaum und den Sprühregen der von dem

Dampfer durchschnittenen grünlichen Wellen. Am Rande der Brücke saß,

mit den Füßen im Wasser, ein Mann im bloßen Hemd und machte etwas auf

dem Ponton. Vor ihnen, über Sewastopol, ließ sich das frühere Feuer

hören, und immer lauter drangen von da schreckliche Töne herüber. Eine

hoch aufspritzende Welle ergoß sich über die rechte Brückenseite und

machte Wolodjas Füße naß; zwei Soldaten gingen, im Wasser watend, an

ihm vorbei. Plötzlich beleuchtete etwas unter Krachen die Brücke, das

vorn auf ihr fahrende Fuhrwerk und einen Reiter, und die Bombensplitter

fielen, mit Pfeifen Schaum aufwerfend, ins Wasser.

Ah, Michajlo Ssemjonytsch! sagte der Reiter, indem er sein Pferd

vor dem älteren Koselzow hielt: sind Sie schon vollständig wieder

hergestellt?

Wie Sie sehen. Wohin führt Sie Gott?

Auf die Nordseite, nach Patronen: ich vertrete ja jetzt den

Regimentsadjutanten ... Sturm erwarten wir von Stunde zu Stunde.

Und wo ist Marzow?

Gestern ist ihm ein Fuß fortgerissen worden ... Er schlief in der Stadt

im Zimmer ... Sie kennen ihn wohl?

Das Regiment steht auf der Fünften, nicht wahr?

Ja, es ist an Stelle des M.-Regimentes dorthin gekommen. Gehen Sie nach

dem Verbandort: dort finden Sie welche von uns, die werden Sie führen.

Nun, und mein Quartier auf der Seestraße, ist das unbeschädigt?

I, mein Lieber! Schon längst ganz von Bomben zertrümmert ... Sie

erkennen jetzt Sewastopol nicht mehr wieder: keine Seele von einem

Frauenzimmer, keinen Gastwirt, keine Musik giebt es mehr. Gestern ist

der letzte Ausschank fortgezogen. Jetzt ist es schrecklich öde ...

Leben Sie wohl!

Und der Offizier ritt im Trabe weiter.

Wolodja wurde plötzlich ganz trübselig zu Mut: es schien ihm immer, als

ob augenblicklich eine Kanonenkugel oder ein Bombensplitter geflogen

kommen und ihn gerade an den Kopf treffen müßte.

Dieser feuchte Nebel, alle diese Stimmen, besonders das grollende

Plätschern der Wellen, schienen ihm zu sagen, er solle nicht weiter

gehen, es harre seiner hier nichts Gutes, sein Fuß würde nie wieder den

Boden jenseits der Bucht betreten, er möchte auf der Stelle umkehren

und fliehen -- weit, weit von diesem furchtbaren Orte des Todes.

»Aber vielleicht ist es schon zu spät, vielleicht ist es schon so

beschlossen,« dachte er und erbebte, teils über diesen Gedanken, teils,

weil ihm das Wasser durch die Stiefel drang und seine Füße feucht

machte.

»Herr! werde ich wirklich fallen, -- gerade ich? Herr, erbarme dich

meiner!« murmelte er flüsternd und bekreuzte sich.

Nun, gehen wir, Wolodja! sagte der ältere Bruder, als ihr Fuhrwerk auf

die Brücke gekommen war. Hast du die Bombe gesehen?

Auf der Brücke begegneten den Brüdern Wagen mit Verwundeten, mit

Schanzkörben, und einer mit Möbeln, den eine Frau führte. Auf der

andern Seite der Bucht wurden sie von niemand zurückgehalten.

Die Brüder hielten sich instinktiv dicht an die Wand der

Nikolajew-Batterie und kamen, indem sie schweigend auf die Töne

der hier über ihren Köpfen platzenden Bomben und das Brausen der

niederfallenden Sprengstücke hörten, zu dem Platz der Batterie, wo

das Heiligenbild stand. Hier erfuhren sie, daß die fünfte leichte,

der Wolodja zugeteilt war, in der Korabelnaja stand, und beschlossen,

trotz der Gefahr, zum ältern Bruder auf die fünfte Bastion übernachten

zu gehen und von dort, am folgenden Tage, nach der Batterie. Sie bogen

in den Flur ein, schritten über die Beine schlafender Soldaten, die

längs der ganzen Batteriewand lagen, hinweg und kamen endlich zum

Verbandplatz.

X

Sie traten in das erste Zimmer, das voll von Pritschen war, auf denen

Verwundete lagen, und das von einem beklemmenden, widerwärtigen

Lazarettgeruch erfüllt war, und trafen zwei barmherzige Schwestern, die

ihnen entgegenkamen.

Die eine, eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren, mit dunklen Augen und

strengen Gesichtszügen, trug Binden und Charpie, und erteilte einem

jungen Burschen, einem Feldscher, der hinter ihr ging, ihre Befehle;

die andere, ein sehr hübsches Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren, mit

einem zarten, blonden Gesichtchen, das außerordentlich reizvoll in

seiner Hilflosigkeit unter dem weißen Häubchen hervorsah, ging, die

Hände in den Schürzentaschen, neben der Alten und schien zu fürchten,

sie könnte hinter ihr zurückbleiben.

Koselzow wandte sich an sie mit der Frage, ob sie nicht wüßten, wo

Marzow liege, der gestern ein Bein verloren habe.

Er ist wohl vom P.-Regiment? fragte die Alte, ist er ein Verwandter von

Ihnen?

Nein, ein Kamerad.

Führen Sie die Herren, sagte sie zu der jungen Schwester französisch,

... hierherum, und sie ging selbst mit dem Feldscher auf den

Verwundeten zu.

Gehen wir nur ... was zauderst du? rief Koselzow zu Wolodja, der die

Augenbrauen mit einem Ausdruck des Schmerzes in die Höhe zog und nicht

die Kraft hatte, seinen Blick von den Verwundeten abzuwenden. Gehen wir

nur!

Wolodja ging mit dem Bruder, sah sich aber immer um und wiederholte

unbewußt:

Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!

Sie sind gewiß noch nicht lange hier? fragte die Schwester Koselzow,

indem sie auf Wolodja wies, der Ach! rufend und seufzend im

Zwischengange hinter ihnen schritt.

Er ist soeben erst angekommen.

Die hübsche Schwester sah Wolodja an und brach plötzlich in Thränen

aus. »Mein Gott, mein Gott! wann wird das alles ein Ende haben,« sagte

sie in verzweifelndem Tone. Sie kamen in den Krankensaal der Offiziere.

Marzow lag auf dem Rücken, die sehnigen, bis zu den Ellbogen entblößten

Arme über den Kopf lang ausgestreckt, in seinem gelben Gesicht malte

sich der Ausdruck eines Menschen, der die Zähne zusammenpreßt, um

vor Schmerz nicht zu schreien. Das gesunde Bein, mit einem Strumpfe

bekleidet, war unter der Decke hervorgestreckt, und man sah, wie er

krampfhaft die Zehen hin- und herbewegte.

Nun, wie geht es Ihnen? fragte die Schwester, indem sie mit ihren

dünnen zarten Fingern -- an dem einen bemerkte Wolodja einen Ring --

seinen etwas kahlen Kopf in die Höhe hob und das Kissen zurechtrückte.

Kameraden von Ihnen sind gekommen, Sie zu besuchen.

Natürlich habe ich Schmerzen! sagte er ärgerlich. Lassen Sie's nur,

so ist's gut! ... Die Zehen im Strumpfe bewegten sich noch schneller.

Guten Tag! Wie heißen Sie? Entschuldigen Sie, sprach er zu Koselzow

gewandt ... Ach, ja, Sie müssen verzeihen, -- hier vergißt man alles,

fuhr er fort, als dieser ihm seinen Namen gesagt hatte. Habe ich nicht

mit dir zusammen gewohnt? fügte er hinzu, indem er, ohne jeglichen

Ausdruck der Freude, Wolodja fragend ansah.

Das ist mein Bruder, er ist heute von Petersburg gekommen.

Hm! ... Ich habe mir die volle Pension verdient ... sagte er mit

gerunzelter Stirn. Ach, was für Schmerzen! ... Ja, es wäre am besten,

wenn's bald zu Ende wäre ...

Er zog die Beine in die Höhe, bewegte die Zehen mit vermehrter

Schnelligkeit hin und her und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

Wir müssen ihn verlassen, sagte flüsternd die Schwester, mit Thränen in

den Augen, er befindet sich schon sehr schlecht.

Noch auf der Nordseite hatten die Brüder beschlossen, auf die fünfte

Bastion zu gehen; als sie aber die Nikolajew-Batterie verließen,

beschlossen sie, -- als ob sie sich verabredet hätten, sich keiner

unnützen Gefahr anzusetzen, ohne daß sie nur ein Wort miteinander

darüber gesprochen hatten, -- jeder einzeln zu gehen.

Aber ... wie wirst du dich zurechtfinden, Wolodja? sagte der Ältere.

Übrigens kann dich Nikolajew nach der Korabelnaja begleiten, ich werde

allein gehen und morgen bei dir sein.

Weiter wurde kein Wort gesprochen bei diesem letzten Abschied der

beiden Brüder.

Sewastopol · 第 38 / 86 题