Ist dies schon Sewastopol? fragte der jüngere Bruder, als sie oben
angekommen waren.
Und vor ihnen lag die Bucht mit den Masten der Schiffe, das Meer
mit der entfernten feindlichen Flotte, die weißen Strandbatterien,
die Kasernen, Wasserleitungen, die Docks, die Gebäude der Stadt
und weißblaue Rauchwolken, die ununterbrochen auf den gelben Höhen
aufstiegen, die die Stadt umgaben; der Himmel war blau, und die Sonne,
deren Glanz sich im Westen abspiegelte, senkte sich mit rosafarbenen
Strahlen zum Horizont des dunklen Meeres nieder.
Wolodja sah ohne das geringste Schaudern diesen Ort der Schrecken,
an den er so viel gedacht hatte; er betrachtete vielmehr mit
ästhetischem Genuß und dem heroischen Gefühl des Selbstbewußtseins,
daß ja auch er in einer halben Stunde dort sein würde, dieses wahrhaft
reizvoll-originelle Schauspiel, und betrachtete es mit gespannter
Aufmerksamkeit bis zu dem Augenblick, wo sie auf die Nordseite zu dem
Train des Regiment seines Bruders gekommen waren; hier mußten sie genau
den Standort des Regiments und der Batterie erfahren.
Der Offizier, der den Train kommandierte, wohnte in der Nähe des
sogenannten neuen Städtchens -- hölzerner, durch Matrosenfamilien
errichteter Baracken -- in einem Zelt, das mit einer ziemlich großen,
aus grünen, noch nicht ganz vertrockneten Eichenzweigen errichteten
Hütte verbunden war.
Die Brüder trafen den Offizier vor einem schmutzigen Tische, auf dem
ein Glas kalten Thees, ein Brett mit Schnaps, mit Kaviarkörnchen
und Brotkrümel stand, bloß mit einem gelblich-schmutzigen Hemde
bekleidet; er zählte an einem großen Rechenbrett einen ungeheuren
Haufen Banknoten. Ehe wir aber von der Persönlichkeit des Offiziers
und seiner Unterhaltung etwas sagen, müssen wir uns genauer das
Innere seiner Hütte ansehen und uns ein wenig mit seiner Lebensweise
und seiner Beschäftigung bekannt machen. Die neue Hütte war so
groß, so dicht geflochten und so gut gebaut, mit Tischen und Bänken
versehen, die mit Rasen bedeckt waren, wie man sie nur für Generale
und Regimentskommandeure macht; die Seitenwände und die Decke waren,
damit die Blätter nicht herunterfallen, mit drei Teppichen behängt,
die zwar sehr häßlich, aber neu und jedenfalls teuer waren. Auf dem
eisernen Bett, das unter dem Hauptteppich stand, auf dem eine Reiterin
abgebildet war, lag eine hellrote Plüschdecke, ein schmutziges,
zerrissenes Kissen und ein Schuppenpelz. Auf dem Tisch stand ein
Spiegel in einem Silberrahmen; eine silberne, schrecklich schmutzige
Bürste, ein zerbrochener, mit öligen Haaren besetzter Hornkamm, ein
silberner Leuchter, eine Likörflasche mit einer riesigen goldenen
roten Marke, eine goldene Uhr mit dem Bilde Peters des Großen,
zwei goldene Federn, ein Körbchen mit Kapseln, eine Brotrinde, ein
auseinandergeworfenes altes Kartenspiel und unter dem Bett allerlei
leere und volle Flaschen. Dieser Offizier hatte den Train des Regiment
und die Verpflegung der Pferde unter sich. Mit ihm zusammen wohnte sein
Busenfreund, der Kommissionär, der sich mit den Geschäften befaßte.
Er schlief in dem Augenblick, wo die Brüder eintraten, in der Hütte,
der Train-Offizier aber zählte Kronsgelder, da das Ende des Monats
vor der Thür stand. Die Erscheinung des Train-Offiziers war sehr
schön und kriegerisch: eine hohe Gestalt, ein tüchtiger Schnauzbart,
adelige Stattlichkeit. Unangenehm war an ihm nur sein schweißiges,
aufgedunsenes Gesicht, das kaum die kleinen grauen Augen sehen ließ
(als ob es ganz mit Porter begossen wäre), und die außerordentliche
Unsauberkeit, von dem dünnen, öligen Haar bis zu den großen nackten
Füßen, die er in Hermelinpantoffeln trug.
Ist das Geld! Ist das Geld! sagte Koselzow _I._, als er in die Hütte
trat und mit unwillkürlicher Gier die Augen auf den Haufen Banknoten
richtete. Wenn Sie mir nur die Hälfte borgen wollten, Wassilij
Michajlytsch!
Der Train-Offizier machte beim Anblick der Gäste einen krummen Rücken
und grüßte sie, ohne aufzustehen, indem er das Geld zusammenstrich.
Ach, wenn das mein wäre! ... Es ist Kronsgeld, mein Lieber! Wen bringen
Sie mit? fragte er, indem er das Geld in eine neben ihm stehende
Schatulle legte und Wolodja ansah.
Das ist mein Bruder, er ist von der Kriegsschule hierher gekommen. Wir
wollten von Ihnen erfahren, wo das Regiment steht.
Setzen Sie sich, meine Herren, sagte er, erhob sich und ging, ohne den
Gästen Aufmerksamkeit zu schenken, ins Zelt. Wollen Sie nicht etwas
trinken? vielleicht Porter? fragte er im Zelt.
Kann nicht schaden, Wassilij Michajlytsch!
Wolodja war überrascht von der Würde des Train-Offiziers, seinem
ungezwungenen Wesen und von der Achtung, die sein Bruder ihm
entgegenbrachte.
»Das muß ein vortrefflicher Offizier sein, den alle hochschätzen:
gewiß einfach, aber gastfrei und tapfer,« dachte er und setzte sich
bescheiden und schüchtern auf das Sofa.
Wo steht denn unser Regiment? fragte von neuem der ältere Bruder.
Wie?
Er wiederholte die Frage.
Heut ist Seifer bei mir gewesen: er sagte, es ist auf die fünfte
Bastion gezogen.
Bestimmt?
Wenn ich es sage, ist es jedenfalls bestimmt; übrigens, der Teufel
weiß! es kommt ihm auf eine Lüge nicht an. Wie ist's, werden Sie Porter
trinken? sagte der Train-Offizier, immer aus dem Zelte heraus.
Ich trinke, sagte Koselzow.
Trinken Sie mit, Ossip Ignatjewitsch? fuhr die Stimme im Zelt fort,
jedenfalls zu dem schlafenden Kommissionär gewandt. Sie haben genug
geschlafen, -- es ist bald fünf Uhr.
Was lassen Sie mich nicht in Ruh! ... Ich schlafe nicht, antwortete
eine faule, dünne Stimme.
Nun, so stehen Sie auf! Ich langweile mich ohne Sie.
Und der Train-Offizier ging zu den Gästen.
Gieb von dem Porter von Ssimferopol! schrie er.
Der Bursche kam, wie es Wolodja schien, mit Stolz in die Hütte, holte
den Porter unter der Bank hervor, und stieß dabei Wolodja.
Die Flasche Porter war bereits ausgetrunken, und das Gespräch
dauerte noch in der früheren Weise fort, als die Vorhänge des Zeltes
auseinandergeschlagen wurden, und ein kleiner, frischer Mann in einem
blauen Schlafrock mit Quasten und in einer Dienstmütze mit rotem Rand
und Kokarde aus ihm hervortrat. Er drehte sich beim Eintreten seinen
kleinen schwarzen Schnurrbart und beantwortete, indem er immer nach
einem Punkt des Teppichs starrte, mit einer kaum bemerklichen Bewegung
der Schulter den Gruß der Offiziere.
Laßt mich auch ein Gläschen trinken! sagte er, indem er sich an den
Tisch setzte. Sie kommen wohl aus Petersburg, junger Mann? sagte er,
sich freundlich zu Wolodja wendend.
Ja, ich gehe nach Sewastopol.
Haben Sie selber darum gebeten?
Ja.
Ich begreife nicht, was Sie davon haben, meine Herren! fuhr der
Kommissionär fort. Ich würde jetzt, glaube ich, gern zu Fuß nach
Petersburg gehen, wenn man mich fortließe. Ich habe, bei Gott, dies
verfluchte Leben satt!
Was fehlt Ihnen hier? fragte der ältere Koselzow, sich zu ihm wendend:
wenn *Sie* hier kein gutes Leben führen!
Der Kommissionär sah ihn an und wandte sich ab.
Diese Gefahren, Entbehrungen, man kann nichts bekommen ... fuhr er
fort, zu Wolodja gewandt. Und was Sie davon haben, begreife ich
entschieden nicht, meine Herren! Wenn Sie noch irgend welche Vorteile
davon hätten, aber so! Ist es etwa gut, in Ihren Jahren, plötzlich fürs
ganze Leben zum Krüppel zu werden?
Der eine macht Geschäfte, der andere dient der Ehre halber ... mischte
sich im Tone des Unwillens der ältere Koselzow wieder ein.
Schöne Ehre, wenn man nichts zu essen hat, sagte der Kommissionär mit
verächtlichem Lachen, zu dem Train-Offizier gewandt, der auch darüber
lachte.
Stell' sie auf »Lucia«, wir hören zu, sagte er und zeigte auf eine
Spieldose. Ich höre sie gern.
Ist er ein guter Mensch, dieser Wassilij Michajlytsch? fragte Wolodja
seinen Bruder, als sie, bereits in der Dämmerung, die Hütte verließen
und nach Sewastopol weiter fuhren.
Es geht an, aber er ist ein schrecklicher Geizhals! Und diesen
Kommissionär kann ich nicht ausstehen ... Den prügele ich noch einmal
durch.