VII

Nikolajew, der sich in Duwanka durch zwei Kannen Branntwein gestärkt

hatte, die er bei einem Soldaten auf der Brücke gekauft, führte die

Zügel, das Fuhrwerk holperte auf der steinigen, stellenweis schattigen

Straße dahin, die den Belbek entlang nach Sewastopol führte; die Brüder

stießen mit den Beinen aneinander, schwiegen aber hartnäckig, obwohl

sie beständig einer an den andern dachten.

»Warum hat er mich gekränkt? dachte der Jüngere, konnte er nicht

darüber hinweggehen, ohne ein Wort zu sprechen? Gerade als ob er

glaubte, ich sei ein Dieb, und auch jetzt noch scheint er böse zu

sein, so daß wir für immer auseinander sind. Und wie prächtig wäre es

für uns gewesen, zusammen in Sewastopol! Zwei Brüder, die sich innig

lieben, beide im Kampfe gegen den Feind: der eine, der Ältere, zwar

nicht übermäßig gebildet, aber ein tapferer Krieger, und der andere,

der Jüngere ... doch auch ein braver Soldat ... In der ersten Woche

hätte ich allen bewiesen, daß ich gar nicht mehr so sehr jung bin!

Ich werde dann nicht mehr erröten, in meinen Zügen wird Männlichkeit

liegen, und bis dahin wird mein Schnurrbart zwar nicht groß, aber

doch tüchtig gewachsen sein.« Und er zwickte an dem Flaum, der an

den Rändern seines Mundes sproßte. »Vielleicht komme ich heute hin

und sofort in das Gefecht zusammen mit dem Bruder. Und er ist sicher

ausdauernd und höchst tapfer, so ein Mann, der nicht viel spricht,

aber mehr als die anderen thut. Ich möchte gern wissen -- fuhr er

fort -- ob er mich absichtlich oder unabsichtlich an den äußersten

Rand des Wagens drängt. Er fühlt doch gewiß, daß ich unbequem sitze,

und thut so, als ob er mich nicht bemerkte. Wir kommen also heute an

-- fuhr er in seinen Gedanken fort und drückte sich an den Rand des

Wagens; er scheute sich, sich zu rühren, um den Bruder nicht merken

zu lassen, daß er unbequem sitze -- und auf einmal schnurstracks auf

die Bastion: ich mit Geschützen, mein Bruder mit der Kompagnie, und

wir ziehen zusammen. Plötzlich stürzen sich die Franzosen auf uns.

Ich schieße: ich töte furchtbar viele; aber sie kommen gerade auf

mich losgestürzt. Da hilft kein Schießen mehr, ich bin rettungslos

verloren; plötzlich aber stürzt der Bruder hervor, mit dem Säbel in der

Hand, die Franzosen stürzen sich auf meinen Bruder. Ich renne hin und

töte einen Franzosen, noch einen, und rette den Bruder. Ich werde an

einem Arm verwundet. Ich fasse die Flinte mit der andern Hand und renne

vorwärts. Da wird mein Bruder neben mir von einer Kugel hingestreckt,

ich stehe einen Augenblick still, sehe ihn an, so traurig, dann fasse

ich mich und rufe: >Mir nach! Rache! ... Ich habe meinen Bruder über

alles in der Welt geliebt< -- sage ich -- >und ich habe ihn verloren.

Rächen wir ihn, vernichten wir den Feind oder bleiben wir alle auf

dem Platze!< Alle schreien und stürzen mir nach. Das ganze Heer der

Franzosen kommt heran. Pelissier selbst. Wir machen alle nieder; aber

am Ende werde ich zum zweiten Male verwundet, zum dritten Male, und

sinke tödlich getroffen zu Boden. Da kommen alle zu mir herangestürzt,

Gortschakow kommt heran und fragt, was ich will. Ich sage, ich will

nichts, ich wünsche nur, daß man mich neben meinen Bruder lege, daß

ich mit ihm sterben will. Man nimmt mich auf und legt mich neben den

blutbespritzten Leichnam meines Bruders. Ich richte mich auf und sage

nur: >O ja, -- ihr habt zwei Menschen, die ihr Vaterland wahrhaft

geliebt haben, nicht zu schätzen gewußt; nun sind sie beide gefallen;

Gott möge euch verzeihen!< -- und ich sterbe. Wer weiß, wie viele von

diesen Gedanken wahr werden!«

Sag', bist du schon einmal im Handgemenge gewesen? fragte er plötzlich

seinen Bruder; er hatte ganz vergessen, daß er nicht mit ihm sprechen

wollte.

Nein, kein einziges Mal, antwortete der Ältere. Von unserm Regiment

sind zweitausend Mann gefallen, und alle nur bei den Arbeiten, und

auch ich bin bei der Arbeit verwundet worden. Krieg wird ganz anders

geführt, als du glaubst, Wolodja!

Das Wort Wolodja rührte den jüngeren Bruder: er hatte den Wunsch, sich

mit seinem Bruder auseinanderzusetzen, der auch nicht im entferntesten

daran dachte, daß er Wolodja gekränkt hätte.

Du bist mir nicht böse, Mischa, sagte er nach einem langen Schweigen.

Weshalb?

Ich, ich meinte so ... von vorhin, so ... das ist gut.

Nicht im mindesten, antwortete der Ältere, wandte sich zu ihm und

klopfte ihm auf das Bein.

So vergieb mir, Mischa, wenn ich dich gekränkt habe.

Und der jüngere Bruder wandte sich ab, um die Thränen zu verbergen, die

ihm plötzlich in die Augen traten.

Sewastopol · 第 36 / 86 题