Nikolajew, der sich in Duwanka durch zwei Kannen Branntwein gestärkt
hatte, die er bei einem Soldaten auf der Brücke gekauft, führte die
Zügel, das Fuhrwerk holperte auf der steinigen, stellenweis schattigen
Straße dahin, die den Belbek entlang nach Sewastopol führte; die Brüder
stießen mit den Beinen aneinander, schwiegen aber hartnäckig, obwohl
sie beständig einer an den andern dachten.
»Warum hat er mich gekränkt? dachte der Jüngere, konnte er nicht
darüber hinweggehen, ohne ein Wort zu sprechen? Gerade als ob er
glaubte, ich sei ein Dieb, und auch jetzt noch scheint er böse zu
sein, so daß wir für immer auseinander sind. Und wie prächtig wäre es
für uns gewesen, zusammen in Sewastopol! Zwei Brüder, die sich innig
lieben, beide im Kampfe gegen den Feind: der eine, der Ältere, zwar
nicht übermäßig gebildet, aber ein tapferer Krieger, und der andere,
der Jüngere ... doch auch ein braver Soldat ... In der ersten Woche
hätte ich allen bewiesen, daß ich gar nicht mehr so sehr jung bin!
Ich werde dann nicht mehr erröten, in meinen Zügen wird Männlichkeit
liegen, und bis dahin wird mein Schnurrbart zwar nicht groß, aber
doch tüchtig gewachsen sein.« Und er zwickte an dem Flaum, der an
den Rändern seines Mundes sproßte. »Vielleicht komme ich heute hin
und sofort in das Gefecht zusammen mit dem Bruder. Und er ist sicher
ausdauernd und höchst tapfer, so ein Mann, der nicht viel spricht,
aber mehr als die anderen thut. Ich möchte gern wissen -- fuhr er
fort -- ob er mich absichtlich oder unabsichtlich an den äußersten
Rand des Wagens drängt. Er fühlt doch gewiß, daß ich unbequem sitze,
und thut so, als ob er mich nicht bemerkte. Wir kommen also heute an
-- fuhr er in seinen Gedanken fort und drückte sich an den Rand des
Wagens; er scheute sich, sich zu rühren, um den Bruder nicht merken
zu lassen, daß er unbequem sitze -- und auf einmal schnurstracks auf
die Bastion: ich mit Geschützen, mein Bruder mit der Kompagnie, und
wir ziehen zusammen. Plötzlich stürzen sich die Franzosen auf uns.
Ich schieße: ich töte furchtbar viele; aber sie kommen gerade auf
mich losgestürzt. Da hilft kein Schießen mehr, ich bin rettungslos
verloren; plötzlich aber stürzt der Bruder hervor, mit dem Säbel in der
Hand, die Franzosen stürzen sich auf meinen Bruder. Ich renne hin und
töte einen Franzosen, noch einen, und rette den Bruder. Ich werde an
einem Arm verwundet. Ich fasse die Flinte mit der andern Hand und renne
vorwärts. Da wird mein Bruder neben mir von einer Kugel hingestreckt,
ich stehe einen Augenblick still, sehe ihn an, so traurig, dann fasse
ich mich und rufe: >Mir nach! Rache! ... Ich habe meinen Bruder über
alles in der Welt geliebt< -- sage ich -- >und ich habe ihn verloren.
Rächen wir ihn, vernichten wir den Feind oder bleiben wir alle auf
dem Platze!< Alle schreien und stürzen mir nach. Das ganze Heer der
Franzosen kommt heran. Pelissier selbst. Wir machen alle nieder; aber
am Ende werde ich zum zweiten Male verwundet, zum dritten Male, und
sinke tödlich getroffen zu Boden. Da kommen alle zu mir herangestürzt,
Gortschakow kommt heran und fragt, was ich will. Ich sage, ich will
nichts, ich wünsche nur, daß man mich neben meinen Bruder lege, daß
ich mit ihm sterben will. Man nimmt mich auf und legt mich neben den
blutbespritzten Leichnam meines Bruders. Ich richte mich auf und sage
nur: >O ja, -- ihr habt zwei Menschen, die ihr Vaterland wahrhaft
geliebt haben, nicht zu schätzen gewußt; nun sind sie beide gefallen;
Gott möge euch verzeihen!< -- und ich sterbe. Wer weiß, wie viele von
diesen Gedanken wahr werden!«
Sag', bist du schon einmal im Handgemenge gewesen? fragte er plötzlich
seinen Bruder; er hatte ganz vergessen, daß er nicht mit ihm sprechen
wollte.
Nein, kein einziges Mal, antwortete der Ältere. Von unserm Regiment
sind zweitausend Mann gefallen, und alle nur bei den Arbeiten, und
auch ich bin bei der Arbeit verwundet worden. Krieg wird ganz anders
geführt, als du glaubst, Wolodja!
Das Wort Wolodja rührte den jüngeren Bruder: er hatte den Wunsch, sich
mit seinem Bruder auseinanderzusetzen, der auch nicht im entferntesten
daran dachte, daß er Wolodja gekränkt hätte.
Du bist mir nicht böse, Mischa, sagte er nach einem langen Schweigen.
Weshalb?
Ich, ich meinte so ... von vorhin, so ... das ist gut.
Nicht im mindesten, antwortete der Ältere, wandte sich zu ihm und
klopfte ihm auf das Bein.
So vergieb mir, Mischa, wenn ich dich gekränkt habe.
Und der jüngere Bruder wandte sich ab, um die Thränen zu verbergen, die
ihm plötzlich in die Augen traten.