VI

Die Brüder hatten sich nahezu ausgeplaudert und waren endlich bei dem

Gefühl angelangt, das man oft empfindet, wenn man wenig Gemeinsames

hat, obwohl man einander liebt; sie schwiegen nun ziemlich lange.

So nimm deine Sachen, wir wollen sogleich fortfahren, entgegnete der

Ältere.

Der Jüngere errötete plötzlich und schwieg.

Direkt nach Sewastopol fahren? fragte er nach einem minutenlangen

Schweigen.

Nun ja. Du hast ja nicht viel Sachen, ich glaube, wir können sie

unterbringen.

Schön! ... Wir wollen sogleich fahren, rief der Jüngere mit einem

Seufzer und wandte sich nach dem Zimmer.

Aber ohne die Thür zu öffnen, blieb er auf dem Flur stehen, ließ

traurig den Kopf hängen und dachte:

»Sogleich direkt nach Sewastopol, unter die Bomben; schrecklich! Aber

gleichviel, einmal muß es doch geschehen. Jetzt geschieht's wenigstens

mit dem Bruder zusammen ...«

Die Sache war die. Jetzt erst, bei dem Gedanken, daß er das Fuhrwerk

bestieg, um es nie wieder zu verlassen, ehe er in Sewastopol ankomme,

und daß kein Zufall ihn jetzt noch zurückhalten könne, stand die

Gefahr, die er gesucht hatte, deutlich vor seiner Seele, und er

war betrübt bei dem bloßen Gedanken an ihre Nähe. Als er sich ein

wenig beruhigt hatte, ging er in das Zimmer; aber es war schon eine

Viertelstunde vergangen, und er kam noch immer nicht zu dem Bruder

heraus, so daß dieser endlich die Thür öffnete, um ihn zu rufen. Der

jüngere Koselzow sprach in der Stellung eines Schülers, der etwas

verschuldet hat, mit dem Offizier P. Als der Bruder die Thür öffnete,

verlor er vollständig die Fassung.

Ich komme, ich komme gleich! begann er und wehrte den Bruder mit der

Hand ab, erwarte mich dort drin.

Eine Minute später kam er wirklich heraus und trat mit einem tiefen

Seufzer auf seinen Bruder zu.

Denke dir, ich kann nicht mit dir fahren, Bruder, sagte er.

Wie? ... Was ist das für Unsinn!

Ich will dir die ganze Wahrheit sagen, Mischa ... Von uns hat keiner

mehr Geld, und wir alle sind in der Schuld bei dem Stabskapitän, den du

da gesehen hast. Ich schäme mich schrecklich!

Der ältere Bruder runzelte die Stirn und brach lange Zeit das Schweigen

nicht.

Bist du viel schuldig? fragte er und sah von unten herauf den Bruder an.

Ja, viel ... Nein, nicht sehr viel; aber ich schäme mich schrecklich.

Auf drei Stationen hat er für mich bezahlt. Sein ganzer Zucker ist

drauf gegangen, so daß ich nicht weiß ... Auch Préférence haben wir

gespielt -- ich blieb ihm etwas schuldig ...

Das ist häßlich, Wolodja! Was hättest du denn angefangen, wenn du mich

nicht getroffen hättest? sagte streng der ältere Bruder, ohne den

jüngeren anzusehen.

Ich glaubte, Bruder, ich würde in Sewastopol das Zehrgeld bekommen.

Dann hätte ich es ihm wiedergegeben. Das kann man doch machen? ... So

ist's besser, ich komme morgen mit ihm nach.

Der ältere Bruder zog seinen Geldbeutel und nahm mit zitternden Fingern

zwei Zehnrubel- und einen Dreirubelschein heraus.

Das ist mein Geld! sagte er, wieviel bist du schuldig?

Wenn Koselzow sagte, dies sei all sein Geld, sprach er nicht die volle

Wahrheit: er hatte noch vier Goldstücke, die er für alle Fälle in

seinem Ärmelaufschlag eingenäht hatte, er hatte sich aber das Wort

gegeben, sie nicht anzurühren.

Es zeigte sich, daß Koselzow vom Préférence und für den Zucker im

ganzen acht Rubel schuldig war. Der ältere Bruder gab sie ihm und

bemerkte nur, daß man, wenn man kein Geld habe, nicht noch Préférence

spielen dürfe.

Worauf hast du gespielt?

Der jüngere Bruder sagte kein Wort. Die Frage seines Bruders erschien

ihm wie ein Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit ... Der Ärger, den er

gegen sich selbst empfand, die Scham wegen einer Handlung, die seinem

Bruder, den er so liebte, solche Verdächtigungen und Beleidigungen

abringen konnten, riefen bei seiner eindrucksfähigen Natur ein so

schmerzliches Gefühl in ihm hervor, daß er nichts antwortete. Da er

empfand, daß er nicht imstande sein würde, die vor Thränen zitternden

Laute zu unterdrücken, die ihm die Kehle würgten, nahm er, ohne

hinzusehen, das Geld und ging zu den Kameraden.

Sewastopol · 第 35 / 86 题