Die Brüder hatten sich nahezu ausgeplaudert und waren endlich bei dem
Gefühl angelangt, das man oft empfindet, wenn man wenig Gemeinsames
hat, obwohl man einander liebt; sie schwiegen nun ziemlich lange.
So nimm deine Sachen, wir wollen sogleich fortfahren, entgegnete der
Ältere.
Der Jüngere errötete plötzlich und schwieg.
Direkt nach Sewastopol fahren? fragte er nach einem minutenlangen
Schweigen.
Nun ja. Du hast ja nicht viel Sachen, ich glaube, wir können sie
unterbringen.
Schön! ... Wir wollen sogleich fahren, rief der Jüngere mit einem
Seufzer und wandte sich nach dem Zimmer.
Aber ohne die Thür zu öffnen, blieb er auf dem Flur stehen, ließ
traurig den Kopf hängen und dachte:
»Sogleich direkt nach Sewastopol, unter die Bomben; schrecklich! Aber
gleichviel, einmal muß es doch geschehen. Jetzt geschieht's wenigstens
mit dem Bruder zusammen ...«
Die Sache war die. Jetzt erst, bei dem Gedanken, daß er das Fuhrwerk
bestieg, um es nie wieder zu verlassen, ehe er in Sewastopol ankomme,
und daß kein Zufall ihn jetzt noch zurückhalten könne, stand die
Gefahr, die er gesucht hatte, deutlich vor seiner Seele, und er
war betrübt bei dem bloßen Gedanken an ihre Nähe. Als er sich ein
wenig beruhigt hatte, ging er in das Zimmer; aber es war schon eine
Viertelstunde vergangen, und er kam noch immer nicht zu dem Bruder
heraus, so daß dieser endlich die Thür öffnete, um ihn zu rufen. Der
jüngere Koselzow sprach in der Stellung eines Schülers, der etwas
verschuldet hat, mit dem Offizier P. Als der Bruder die Thür öffnete,
verlor er vollständig die Fassung.
Ich komme, ich komme gleich! begann er und wehrte den Bruder mit der
Hand ab, erwarte mich dort drin.
Eine Minute später kam er wirklich heraus und trat mit einem tiefen
Seufzer auf seinen Bruder zu.
Denke dir, ich kann nicht mit dir fahren, Bruder, sagte er.
Wie? ... Was ist das für Unsinn!
Ich will dir die ganze Wahrheit sagen, Mischa ... Von uns hat keiner
mehr Geld, und wir alle sind in der Schuld bei dem Stabskapitän, den du
da gesehen hast. Ich schäme mich schrecklich!
Der ältere Bruder runzelte die Stirn und brach lange Zeit das Schweigen
nicht.
Bist du viel schuldig? fragte er und sah von unten herauf den Bruder an.
Ja, viel ... Nein, nicht sehr viel; aber ich schäme mich schrecklich.
Auf drei Stationen hat er für mich bezahlt. Sein ganzer Zucker ist
drauf gegangen, so daß ich nicht weiß ... Auch Préférence haben wir
gespielt -- ich blieb ihm etwas schuldig ...
Das ist häßlich, Wolodja! Was hättest du denn angefangen, wenn du mich
nicht getroffen hättest? sagte streng der ältere Bruder, ohne den
jüngeren anzusehen.
Ich glaubte, Bruder, ich würde in Sewastopol das Zehrgeld bekommen.
Dann hätte ich es ihm wiedergegeben. Das kann man doch machen? ... So
ist's besser, ich komme morgen mit ihm nach.
Der ältere Bruder zog seinen Geldbeutel und nahm mit zitternden Fingern
zwei Zehnrubel- und einen Dreirubelschein heraus.
Das ist mein Geld! sagte er, wieviel bist du schuldig?
Wenn Koselzow sagte, dies sei all sein Geld, sprach er nicht die volle
Wahrheit: er hatte noch vier Goldstücke, die er für alle Fälle in
seinem Ärmelaufschlag eingenäht hatte, er hatte sich aber das Wort
gegeben, sie nicht anzurühren.
Es zeigte sich, daß Koselzow vom Préférence und für den Zucker im
ganzen acht Rubel schuldig war. Der ältere Bruder gab sie ihm und
bemerkte nur, daß man, wenn man kein Geld habe, nicht noch Préférence
spielen dürfe.
Worauf hast du gespielt?
Der jüngere Bruder sagte kein Wort. Die Frage seines Bruders erschien
ihm wie ein Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit ... Der Ärger, den er
gegen sich selbst empfand, die Scham wegen einer Handlung, die seinem
Bruder, den er so liebte, solche Verdächtigungen und Beleidigungen
abringen konnten, riefen bei seiner eindrucksfähigen Natur ein so
schmerzliches Gefühl in ihm hervor, daß er nichts antwortete. Da er
empfand, daß er nicht imstande sein würde, die vor Thränen zitternden
Laute zu unterdrücken, die ihm die Kehle würgten, nahm er, ohne
hinzusehen, das Geld und ging zu den Kameraden.