Das ist aber schrecklich ärgerlich! sagte einer der jungen Offiziere,
schon so nahe, und nicht hinkommen können. Vielleicht giebt's heute
etwas, und wir sind nicht dabei.
Aus der kreischenden Stimme und den roten Flecken, die das Gesicht des
Offiziers belebten, während er das sagte, sprach die liebenswürdige,
jugendliche Schüchternheit eines Menschen, der beständig in der Furcht
ist, es könnte ihm ein Wort mißglücken.
Der Offizier ohne Arm sah ihn lächelnd an.
Sie werden schon noch zur rechten Zeit hinkommen, glauben Sie nur,
sagte er.
Der junge Offizier sah dem Kameraden ohne Arm mit Achtung in das
abgemagerte Gesicht, in dem plötzlich ein Lächeln aufleuchtete,
verstummte und beschäftigte sich wieder mit dem Thee. In der That
sprach aus den Zügen des Offiziers ohne Arm, aus seiner Haltung und
besonders aus seinem leeren Ärmel jener ruhige Gleichmut, den man so
erklären kann, als ob er bei jeder Handlung, die er mit ansah, oder bei
jedem Gespräch, das er anhörte, sagte: »Das ist alles schön, das weiß
ich alles, ich kann auch all das thun, wenn ich nur wollte.«
Wie machen wir's also, sagte jetzt der junge Offizier zu seinem
Kameraden im baumwollenen Rock: wollen wir hier übernachten oder mit
unserm eigenen Pferde fahren?
Der Kamerad wollte nicht fahren.
Sie können sich vorstellen, Kapitän, fuhr er fort, nachdem er Thee
eingegossen; dabei wandte er sich zu dem Offizier ohne Arm und hob das
Messer auf, das dieser hatte fallen lassen, man hat uns gesagt, daß
die Pferde in Sewastopol sehr teuer sind, -- daher haben wir beide
gemeinsam ein Pferd in Ssimferopol gekauft.
Man wird Sie wohl gehörig gerupft haben?
Ich weiß wirklich nicht, Kapitän; wir haben für Pferd und Fuhrwerk
neunzig Rubel bezahlt. Ist das sehr teuer? fuhr er fort, zu allen und
zu Koselzow, der ihn ansah, gewandt.
Nicht teuer, wenn das Pferd jung ist, sagte Koselzow.
Nicht wahr? ... Und uns hat man gesagt, daß es teuer ist. Nur lahmt es
ein wenig, das wird aber vorübergehen. Man hat uns gesagt, es ist recht
stark.
Aus welcher Kriegsschule sind Sie? fragte Koselzow, der sich nach
seinem Bruder erkundigen wollte.
Wir kommen jetzt aus dem adligen Regiment; wir sind unser sechs und
gehen alle auf unsern eigenen Wunsch nach Sewastopol, antwortete der
redselige junge Offizier; nur wissen wir nicht, wo unsere Batterien
stehen: die einen sagen in Sewastopol, und andere meinen in Odessa.
Und konnten Sie's denn in Ssimferopol nicht erfahren? fragte Koselzow
weiter.
Man weiß es nicht ... Können Sie sich vorstellen, mein Kamerad ist in
die Kanzlei gegangen: Grobheiten hat man ihm da gesagt ... Sie können
sich denken, wie unangenehm uns das war! ... Ist Ihnen eine fertige
Cigarette gefällig? fragte er zugleich den Offizier ohne Arm, der seine
Cigarettentasche hervorholen wollte.
Er war ihm mit einem gewissen leidenschaftlichen Entzücken gefällig.
Und Sie sind auch aus Sewastopol? fuhr er fort. Ach, mein Gott, wie
erstaunlich! Wie oft haben wir alle, in Petersburg, an Sie, an all die
Helden gedacht! rief er, mit Achtung und treuherziger Schmeichelei zu
Koselzow gewandt.
Wenn Sie nun aber zurückreisen müßten? fragte der Leutnant.
Sehen Sie, das fürchten wir auch. Können Sie sich vorstellen,
nachdem wir das Pferd gekauft und uns mit dem Notwendigen -- einer
Spiritus-Kaffeemaschine und noch verschiedenen Kleinigkeiten versehen
haben, ist uns gar kein Geld übrig geblieben, sagte er mit leiser
Stimme und nach seinen Kameraden sich umsehend: wenn wir zurückreisen
müßten, wissen wir nicht, was wir thun sollen.
Haben Sie denn keine Reisegelder erhalten? fragte Koselzow.
Nein, antwortete er flüsternd, man hat uns nur versprochen, daß wir sie
hier bekommen.
Und haben Sie eine Bescheinigung?
Ich weiß, die Hauptsache ist eine Bescheinigung; aber in Moskau hat mir
ein Senator, mein Onkel, gesagt, als ich bei ihm war, man würde es uns
hier geben; sonst hätte er selbst es mir gegeben ... So wird man es uns
hier geben?
Ganz bestimmt.
Auch ich glaube, wir werden es hier erhalten, sagte er in einem Tone,
der bewies, daß er jetzt, wo er auf dreißig Stationen ein und dasselbe
gefragt und überall eine andere Antwort erhalten hatte, niemandem mehr
recht glaubte.
V
Wer hat die Kohlsuppe verlangt? rief die ziemlich schmutzige Wirtin,
ein dickes Weib von etwa vierzig Jahren, die mit einer Schüssel Suppe
ins Zimmer trat.
Das Gespräch verstummte im Augenblick, und alle Anwesenden hefteten
ihre Blicke auf die Schenkwirtin. Einer der Offiziere blinzelte sogar,
mit einem Blick nach ihr, einem Kameraden zu.
Ach, Koselzow hat sie verlangt! antwortete der junge Offizier: man muß
ihn wecken. Steh auf, um zu essen! rief er, ging zu dem auf dem Sofa
Schlafenden und rüttelte ihn an der Schulter.
Ein junger Mensch von siebzehn Jahren, mit muntern schwarzen Augen und
roten Wangen, sprang vom Sofa auf und blieb, sich die Augen reibend,
mitten im Zimmer stehen.
Ach, entschuldigen Sie gefälligst, sagte er zum Doktor, den er beim
Aufstehen angestoßen hatte.
Leutnant Koselzow hatte sogleich seinen Bruder erkannt und ging auf ihn
zu.
Erkennst du mich nicht? fragte er lächelnd.
Ah--ah--ah! rief der jüngere Bruder, das ist ja wunderbar! und küßte
den Bruder.
Sie küßten sich dreimal, beim dritten Male aber stockten sie, als wäre
beiden der Gedanke gekommen: warum muß es durchaus dreimal sein?
Wie freue ich mich! sagte der ältere, indem er den Bruder betrachtete.
Gehen wir auf die Außentreppe, -- um uns auszusprechen.
Gehen wir, gehen wir. Ich will keine Suppe ... Iß du sie, Federson!
sagte er zu einem Kameraden.
Du wolltest ja doch essen?
Ich will nichts.
Auf der Außentreppe fragte der jüngere den älteren immer wieder: »Sag',
wie geht's, wie steht's? Erzähle,« und wiederholte unaufhörlich, wie er
sich freue, ihn wiederzusehen, erzählte aber selbst nichts.
Nach fünf Minuten, in denen sie beide geschwiegen hatten, fragte der
ältere Bruder den jüngeren, weshalb er nicht bei der Garde eingetreten
wäre, wie dies alle erwartet haben.
Ich wollte schnell nach Sewastopol kommen: geht es hier gut, so kann
man noch besser vorwärts kommen, als bei der Garde, da kann man zehn
Jahre auf den Hauptmann warten; hier aber hat's Totleben in zwei Jahren
vom Oberstleutnant zum General gebracht. Nun, und falle ich auch, was
ist da weiter ...
Ei, wie du bist, meinte der Bruder lächelnd.
Aber hauptsächlich, weißt du, Bruder, fuhr der Jüngere lächelnd und
errötend fort, als hätte er etwas sehr Verschämtes zu sagen: das ist
alles Unsinn; hauptsächlich habe ich deshalb drum gebeten, weil man
sich doch schämt, in Petersburg zu leben, wenn hier die Menschen fürs
Vaterland sterben. Und dann, es verlangte mich auch, mit dir zusammen
zu sein, fügte er noch schüchterner hinzu.
Wie komisch du bist! rief der ältere Bruder, indem er seine
Cigarrentasche hervorholte, ohne ihn anzusehen. Es ist nur schade, daß
wir nicht zusammen sein werden.
Aber sage mir die Wahrheit, ist es so schrecklich auf den Bastionen?
fragte plötzlich der Jüngere.
Anfangs ist's schrecklich, dann gewöhnt man sich daran, und es ist
weiter nichts. Du wirst selber sehen.
Aber sag' mir noch das Eine: was glaubst du, wird man Sewastopol
nehmen? Ich glaube, es wird niemals genommen.
Gott weiß.
Nur das Eine ist ärgerlich ... Stelle dir vor, welches Unglück ich
gehabt habe: unterwegs ist uns ein ganzes Bündel gestohlen worden,
darin war auch mein Tschako, so daß ich jetzt in einer fatalen Lage bin
und nicht weiß, wie ich mich melden soll.
Koselzow der Zweite, Wladimir, war seinem Bruder Michail sehr ähnlich,
aber die Ähnlichkeit war die einer blühenden Rose mit einer abgeblühten
Heckenrose. Er hatte auch blondes Haar, aber es war dicht und an den
Schläfen gelockt. Auf seinem weißen zarten Nacken hatte er ein blondes
Zöpfchen -- ein Zeichen des Glücks, wie die Ammen sagen. Auf seiner
zarten weißen Gesichtsfarbe lag nicht immer, sondern loderte nur von
Zeit zu Zeit ein vollblütiges jugendliches Rot auf, das jede Regung der
Seele verriet. Er hatte dieselben Augen wie sein Bruder, aber seine
waren offener und heller, und das kam hauptsächlich daher, weil sie
häufig von einer leichten Feuchtigkeit bedeckt waren. Ein blonder Flaum
sproßte auf den Wangen und über den roten Lippen, die sich sehr häufig
zu einem schüchternen Lächeln falteten und die weißen glänzenden Zähne
sehen ließen. Wie er so in seiner hohen Gestalt mit seinem breiten
Rücken, in dem offenen Mantel, unter dem ein rotes Hemd mit einem
schrägen Kragen hervorschimmerte, mit der Cigarette in der Hand an das
Geländer der Treppe gelehnt, mit der naiven Freude in den Zügen und im
Gebaren, vor seinem Bruder stand, war er ein so angenehmer, hübscher
junger Mann, daß man ihn immer hätte anschauen mögen. Er freute sich
außerordentlich mit dem Bruder, betrachtete ihn mit Achtung und Stolz
und sah in ihm einen Helden; aber in mancher Beziehung, z. B. in
Hinsicht der weltlichen Bildung, des Französischsprechens, des Verkehrs
mit gesellschaftlich hochstehenden Leuten, des Tanzens u. s. w. schämte
er sich ein wenig für ihn, sah von oben auf ihn herab und hatte sogar
die Hoffnung, ihn womöglich fortzubilden. Alle seine Eindrücke waren
noch petersburgisch, sie stammten aus dem Hause einer Dame, die hübsche
junge Leute gern hatte und ihn an den Feiertagen zu sich zu laden
pflegte, und aus dem Hause eines Senators in Moskau, wo er einmal auf
einem großen Balle getanzt hatte.