Die Station war voll von Menschen, als Koselzow sie erreichte. Die
erste Person, die ihm schon auf der Außentreppe begegnete, war
ein magerer, sehr junger Mensch, der Vorsteher, der sich mit zwei
nachfolgenden Offizieren stritt.
Nicht dreimal vierundzwanzig Stunden, sondern zehnmal vierundzwanzig
Stunden werden Sie warten müssen! ... Auch Generale warten, mein
Lieber! rief der Vorsteher. Ich werde mich für Sie nicht einspannen
lassen.
Niemand kann Pferde bekommen, wenn es keine giebt! ... Aber weshalb
hat der Bediente da welche bekommen? schrie der ältere von den beiden
Offizieren, der mit einem Glas Thee in der Hand dastand; er vermied
absichtlich das Fürwort und wollte damit andeuten, daß man zum
Vorsteher ohne weiteres auch *du* sagen könnte.
Sie werden doch selber einsehen, Herr Vorsteher, entgegnete stockend
der andere, jüngere Offizier, daß wir nicht zu unserm eigenen Vergnügen
reisen. Wir sind ja doch jedenfalls notwendig, da man nach uns verlangt
hat. Sonst werde ich es wahrhaftig dem General sagen. Was ist denn das
eigentlich? ... Sie achten den Offiziersstand nicht.
Sie verderben immer alles! unterbrach ihn unwillig der ältere: Sie
hindern mich nur; man muß mit ihm zu reden verstehen. Er hat alle
Achtung vor uns verloren ... Pferde, diesen Augenblick, sag' ich.
Würde sie gern geben, Väterchen, aber woher nehmen? ...
Der Vorsteher schwieg eine Weile, dann begann er sich plötzlich zu
ereifern und sprach, mit den Händen fuchtelnd:
Ich selbst, Väterchen, verstehe das und weiß alles, aber was will man
thun? Lassen Sie mich nur ... (auf den Gesichtern der Offiziere malte
sich Hoffnung) lassen Sie mich nur das Ende des Monats abwarten, dann
werde ich nicht mehr hier sein. Lieber will ich auf den Malachow-Hügel
gehen, als hier bleiben, bei Gott! Mögen Sie machen, was Sie wollen.
Auf der ganzen Station giebt es jetzt kein einziges festes Fuhrwerk,
und ein Büschel Heu haben die Pferde schon seit drei Tagen nicht
gesehen.
Und der Vorsteher verschwand durch die Hausthür.
Koselzow ging mit den Offizieren ins Zimmer.
Was ist da weiter, sagte vollständig ruhig der ältere Offizier zum
jüngeren, obgleich er eine Minute vorher wütend gewesen war, drei
Monate sind wir schon unterwegs, -- warten wir noch. 's ist kein
Unglück, wir kommen schon noch zurecht.
Das verräucherte, schmutzige Zimmer war so voll von Offizieren und
Koffern, daß Koselzow nur mit Mühe einen Platz am Fenster fand, wo er
sich niedersetzte; er betrachtete die Gesichter, hörte die Gespräche an
und begann sich eine Cigarette zu drehen.
Rechts von der Thür, um einen schiefen, schmutzigen Tisch, auf dem
zwei kupferne Ssamoware standen, die hie und da schon grün geworden
waren, und Zucker in verschiedenen Papieren lag, saß die Hauptgruppe:
ein junger, bartloser Offizier in einem neuen gesteppten Rock aus
buntem Baumwollenzeug; vier gleichfalls junge Offiziere befanden sich
in verschiedenen Ecken des Zimmers: der eine schlief, mit einem Pelz
unter dem Kopf, auf dem Sofa; ein anderer stand am Tisch und schnitt
Hammelbraten für einen an dem Tische sitzenden Offizier, dem ein Arm
fehlte. Zwei Offiziere, der eine im Adjutantenmantel, der andere
mit einem Infanteriemantel, der aber sehr fein war, und mit einer
Tasche über der Schulter, saßen in der Nähe der Ofenbank; und schon
daran, wie sie die anderen ansahen, und wie der mit der Tasche seine
Cigaretten rauchte, konnte man sehen, daß sie nicht Offiziere von der
Linien-Infanterie waren, und daß dies ihnen Selbstbewußtsein gab. Nicht
etwa, als ob in ihren Manieren Geringschätzung gelegen hätte, wohl
aber eine gewisse selbstzufriedene Sicherheit, die sich zum Teil auf
ihr Geld, zum Teil auf ihre nahen Beziehungen zu dem General stützten
-- ein Bewußtsein der Vornehmheit, das sogar bis zu dem Wunsche ging,
sie zu verbergen. Ein noch junger Arzt, mit dicken Lippen, und ein
Artillerist mit deutscher Physiognomie saßen fast auf den Beinen des
auf dem Sofa schlafenden jungen Offiziers. Von den Offiziersburschen
schlummerten die einen, während die anderen mit Koffern und Bündeln an
der Thür hantierten. Koselzow fand unter allen Gesichtern kein einziges
bekanntes; aber er begann neugierig den Gesprächen zu lauschen. Die
jungen Offiziere, die, wie er auf den ersten Blick erkannte, soeben
erst von der Kriegsschule gekommen waren, gefielen ihm, und, was die
Hauptsache war, sie erinnerten ihn daran, daß sein Bruder ebenfalls in
diesen Tagen aus der Kriegsschule nach einer der Batterien Sewastopols
kommen sollte. An dem Offizier aber mit der Tasche, dessen Gesicht er
irgendwo gesehen hatten, erschien ihm alles widerwärtig und frech.
Er ging sogar mit dem Gedanken, ihm heimzuleuchten, wenn ihm etwa
einfallen sollte, ein Wort zu sagen, von dem Fenster zur Ofenbank und
setzte sich dorthin. Als reiner Liniensoldat und guter Offizier hatte
er überhaupt die »Stabsleute« nicht gern, und als solche hatte er auf
den ersten Blick diese beiden Offiziere anerkannt.