Auf unserer Bastion und dem französischen Laufgraben sind weiße
Flaggen aufgesteckt, und zwischen ihnen, im blumenreichen Thale,
liegen haufenweis, ohne Stiefel, in grauen und blauen Uniformen,
verstümmelte Leichen, die Arbeiter zusammentragen und auf Wagen legen.
Der Geruch der toten Körper erfüllt die Luft. Aus Sewastopol und aus
dem französischen Lager strömen Menschenscharen herbei, um dieses
Schauspiel anzusehen, und mit brennender, wohlwollender Neugierde eilt
die eine Schar zur andern.
Hören wir, was diese Leute untereinander sprechen.
Dort, in einem Kreise von Russen und Franzosen, betrachtet ein junger
Offizier, der zwar schlecht, aber hinreichend französisch spricht, um
verstanden zu werden, eine Gardepatrontasche.
Eh seßi purkua se uaso lië? sagt er.
_Par ce que c'est un giberne d'un régiment de la garde, Monsieur, qui
porte l'aigle impérial._
Eh wu de la gard?
_Pardon, Monsieur, du 6^{ème} de ligne._
Eh seßi u aschte? fragt der Offizier, indem er auf eine hölzerne gelbe
Cigarrenspitze zeigt, aus der der Franzose eine Cigarette raucht.
_A Balaclava, Monsieur! C'est tout simple en bois de palme._
Sholi, sagt der Offizier, der sich in seinem Gespräch weniger von
seinem Willen leiten läßt, als von den Worten, die er kennt.
_Si vous voulez bien garder cela comme souvenir de cette rencontre,
vous m'obligerez._
Und der höfliche Franzose bläst die Cigarette heraus und überreicht dem
Offizier mit einer leichten Verbeugung die Spitze. Der Offizier giebt
ihm die seinige, und alle Leute in der Gruppe, sowohl Franzosen, wie
Russen, scheinen sehr vergnügt darüber zu sein und zu lächeln.
Dort ist ein kecker Infanterist, in einem rosa Hemd und mit
umgeworfenem Mantel, in Begleitung anderer Soldaten, die, die Hände
auf dem Rücken, mit frohen, neugierigen Gesichtern hinter ihm stehen,
an einen Franzosen herangegangen und bittet ihn um Feuer für seine
Pfeife. Der Franzose bläst seine Pfeife stärker an, stochert den Tabak
auf und schüttet Feuer in des Russen Pfeife.
Tabak bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Zuschauer lächeln.
_Oui, bon tabac, tabac turc_, sagt der Franzose, _et chez vous autres,
tabac -- russe? bon?_
Ruß -- bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Anwesenden schütteln
sich vor Lachen. Franße nicht bun, bonshur mussje! sagt der Soldat im
rosa Hemd, indem er seinen ganzen Vorrat von Sprachkenntnissen auf
einmal erschöpft, und klopft lachend dem Franzosen auf den Bauch.
_Ils ne sont pas jolis ces b... de Russes_, sagt ein Zuave mitten aus
dem Franzosenhaufen.
_De quoi de ce qu'ils rient donc?_ sagt ein anderer, ein dunkelbrauner
Geselle mit italienischer Aussprache, und kommt auf die Unsrigen zu.
Kaftan bun, sagt der kecke Soldat, indem er die gestickten Schöße des
Zuaven betrachtet -- und wieder lachen alle.
_Ne sors pas de la ligne, à vos places, sacré nom!_ schreit der
französische Korporal, und die Soldaten gehen mit sichtlicher
Unzufriedenheit auseinander.
Da drüben, im Kreise französischer Offiziere, steht ein junger
Kavallerieoffizier von uns und löst sich in Liebenswürdigkeiten auf.
Es ist die Rede von einem gewissen _comte Sazonoff, que j'ai beaucoup
connu, M._, sagt ein französischer Offizier, dem eine Achselklappe
fehlt; _c'est un de ces vrais comtes russes, comme nous les aimons_.
_Il y a un Sazonoff, que j'ai connu_, sagt der Kavallerist, _mais il
n'est pas comte, à moins, que je sache; un petit brun de votre âge à
peu près_.
_C'est ça, M. c'est lui. Oh, que je voudrais le voir ce cher comte.
Si vous le voyez, je vous prie bien de lui faire mes compliments. --
Capitaine Latour_, sagt er mit einer Verbeugung.
_N'est-ce pas terrible la triste besogne, que nous faisons? Ça
chauffait cette nuit, n'est-ce pas?_ sagt der Kavallerist, der die
Unterhaltung fortzusetzen wünscht, und zeigt auf die Leichen.
_Oh, M. c'est affreux! Mais quels gaillards vos soldats, quels
gaillards! C'est un plaisir, que de se battre avec des gaillards comme
eux._
_Il faut avouer que les votres ne se mouchent pas du pied non plus_ --
sagt der Kavallerist, verbeugt sich und glaubt sehr liebenswürdig zu
sein.
Aber genug.
Betrachten wir lieber den zehnjährigen Knaben, der in einer alten,
jedenfalls von seinem Vater stammenden Mütze, mit Schuhen an den
nackten Füßen und in Nankinghosen, die nur durch einen Riemen gehalten
werden, gleich nach Beginn des Waffenstillstandes über den Wall
gekommen ist, sich lange in der Schlucht aufgehalten, mit stumpfer
Neugierde die Franzosen und die auf der Erde liegenden Leichname
betrachtet und blaue Feldblumen gepflückt hat, von denen dieses Thal
übersät ist. Da er mit dem großen Blumenstrauß nach Hause zurückgeht,
hält er die Nase zu vor dem Geruch, den ihm der Wind zuträgt, bleibt
bei einem Haufen zusammengetragener Körper stehen und betrachtet lange
einen schrecklichen, kopflosen Leichnam, der in seiner Nähe liegt.
Nachdem er ziemlich lange gestanden, tritt er näher heran und berührt
mit dem Fuß den ausgestreckten erstarrten Arm des Leichnams, -- der
Arm bewegt sich ein wenig. Er berührt ihn noch einmal, stärker, --
der Arm bewegt sich und kehrt wieder in seine Lage zurück. Der Knabe
schreit plötzlich auf, verbirgt das Gesicht in den Blumen und läuft
spornstreichs fort nach der Festung.
Ja, auf der Bastion und im Laufgraben sind weiße Flaggen aufgesteckt,
das blumenreiche Thal ist voll von toten Körpern, die schöne Sonne
sinkt ins blaue Meer, und das blaue Meer wogt und glänzt in den
Strahlen der Sonne. Tausende von Menschen drängen sich, schauen,
sprechen und lächeln einander zu. Und diese Menschen sind Christen,
die das eine große Gebot der Liebe und Selbstverleugnung bekennen, und
fallen beim Anblick dessen, was sie gethan, nicht voll Reue mit einem
Schlage auf die Knie vor Dem, der, als er ihnen das Leben gab, in die
Seele eines jeden, zugleich mit der Todesfurcht, die Liebe zum Guten
und Schönen gelegt hat, und umarmen sich nicht mit Thränen der Freude
und des Glücks als Brüder? ... Die weißen Flaggen sind entfernt, und
von neuem pfeifen die Geschosse, Tod und Verderben bringend, von neuem
wird unschuldiges Blut vergossen und Stöhnen und Fluchen laut.
[Illustration: Gedankenwechsel]
So hätte ich denn gesagt, was ich für dieses Mal zu sagen hatte. Aber
ein drückender Zweifel überkommt mich. Vielleicht hätte ich das nicht
aussprechen sollen, vielleicht gehört das, was ich gesagt habe, zu
jenen schlimmen Wahrheiten, die unbewußt in der Seele eines jeden
schlummern und nicht ausgesprochen werden dürfen, um nicht schädlich zu
werden, wie der Bodensatz des Weines, den man nicht aufschütteln darf,
um den Wein nicht zu zerstören.
Wo ist in dieser Erzählung das Abbild des Bösen, das wir vermeiden
sollen? Wo das Abbild des Guten, dem wir nachahmen sollen? Wer ist ihr
Bösewicht, wer ihr Held? -- Alle sind gut und alle sind schlecht.
Weder Kalugin mit seiner glänzenden Tapferkeit -- _bravoure de
gentilhomme_ -- und Ruhmsucht, der Urheber in Aller Handlungen, noch
Praßkuchin, der eitle, harmlose Mensch, obgleich er im Kampfe für den
Glauben und für Thron und Vaterland gefallen ist, noch Michajlow mit
seiner Schüchternheit, noch Pest, dieses Kind ohne feste Überzeugung
und Grundsätze -- sie alle können nicht die Bösewichter, noch die
Helden der Erzählung sein.
Der Held meiner Erzählung, den ich mit der ganzen Kraft meiner Seele
liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht war, und der immer
schön gewesen ist und immer schön sein wird, -- ist die Wahrheit.
*Sewastopol* im August 1855
I
Gegen Ende August fuhr auf der zerklüfteten Sewastopoler
Heerstraße zwischen Duwanka (der letzten Station vor Sewastopol)
und Bachtschißaraj, in dichtem und heißem Staube, langsam ein
Offizierswägelchen (von jener besondern Art, die man sonst nirgends
sieht und die die Mitte hält zwischen einer Judenbritschke, einem
russischen Wagen und einem Korb).
Vorn im Fuhrwerk hockte ein Offiziersbursche in einem Nankingrock und
einer vollständig abgetragenen alten Offiziersmütze und führte die
Zügel; hinten saß auf Bündeln und Ballen, die mit einem Soldatenmantel
bedeckt waren, ein Infanterieoffizier in einem Sommermantel. Der
Offizier war, so weit man das bei seiner sitzenden Stellung beurteilen
konnte, von mittlerer Gestalt, aber nicht so sehr in den Schultern,
als über Brust und Rücken breit und stämmig; Hals und Nacken waren
bei ihm sehr entwickelt und hervorstehend. Eine sogenannte Taille --
den Einschnitt in der Mitte des Rückens -- hatte er nicht, er hatte
aber auch keinen Bauch; im Gegenteil, er war eher mager, besonders
im Gesicht, das von einem ungesunden gelblichen Braun bedeckt war.
Sein Gesicht hätte man schön nennen können, wäre es nicht aufgedunsen
gewesen, und hätte es nicht große, wenn auch nicht greisenhafte Runzeln
gehabt, die die Züge verwischten und vergrößerten und dem ganzen
Gesicht den allgemeinen Ausdruck mangelnder Frische und Zartheit gaben.
Seine Augen waren klein, grau, ungewöhnlich lebhaft, sogar stechend;
der Schnurrbart sehr dicht, aber nicht breit und abgebissen, das Kinn,
besonders die Kinnbacken, von einem außerordentlich starken, üppigen,
schwarzen, zwei Tage alten Barte bedeckt. Der Offizier war am 10. Mai
durch einen Bombensplitter am Kopfe verwundet worden und trug ihn
noch immer verbunden. Jetzt, da er sich seit acht Tagen vollständig
gesund fühlte, fuhr er aus dem Lazarett von Ssimferopol nach seinem
Regiment, das dort irgendwo lag, woher die Schüsse kamen; ob in
Sewastopol selbst, oder auf der Nordseite, hatte er noch von niemand
genau erfahren können. Die Schüsse hörte man, besonders wenn keine
Berge dazwischen lagen und der Wind sie weitertrug, außerordentlich
deutlich, häufig und, wie es schien, nahe: bald erschütterte eine
Explosion die Luft und machte ihn unwillkürlich erzittern, bald folgten
aufeinander schwächere Töne, wie Trommelschlag, der bisweilen durch
ein erschütterndes Getöse unterbrochen wird; bald verschmolz alles in
ein rollendes Krachen, Donnerschlägen ähnlich, wenn das Gewitter am
stärksten ist und sich der Platzregen ergießt. Alle sprachen von einem
fürchterlichen Bombardement, das auch wirklich hörbar war. Der Offizier
trieb den Burschen an, er wollte, wie es schien, so schnell als möglich
an Ort und Stelle sein. Ein langer Wagenzug, den Bauern führten, die
Proviant nach Sewastopol geschafft hatten, kam ihm entgegen; die Wagen
kehrten jetzt von dort zurück und waren von kranken und verwundeten
Soldaten in grauen Mänteln, Matrosen in schwarzen Überröcken,
Freiwilligen in rotem Fez und bärtigen Landwehrleuten angefüllt. Das
Offiziersfuhrwerk mußte in einer dicken, unbeweglichen, durch den
Wagenzug aufgewirbelten Staubwolke halten, und der Offizier blinzelte
und verzog das Gesicht von dem Staub, der ihm in Augen und Mund
eindrang, und betrachtete die Gesichter der an ihm vorüberziehenden
Kranken und Verwundeten.
Ah, das ist ein kranker Soldat unserer Kompagnie, rief der Bursche zu
seinem Herrn gewandt und zeigte auf ein mit Verwundeten angefülltes
Fuhrwerk, das eben ganz nahe herangekommen war.
Vorn auf dem Fuhrwerk saß seitwärts ein echtrussischer Breitbart in
einem Filzhut und band die Peitsche zusammen, deren Stiel er im
Arme hielt. Hinter ihm im Wagen wurden fünf Mann, in verschiedenen
Stellungen, tüchtig gerüttelt. Der eine, mit verbundenem Arm, in Hemd
und umgeworfenem Mantel, saß, obwohl blaß und mager, doch gefaßt in
der Mitte des Bauernwagens und wollte, als er den Offizier sah, nach
der Mütze greifen; aber er erinnerte sich wohl, daß er verwundet war
und that, als ob er sich nur den Kopf kratzen wollte. Ein anderer lag
neben ihm auf dem Boden des Fuhrwerks: man sah nur seine beiden Hände,
mit denen er sich an den Wagenrändern festhielt, und die in die Höhe
gestreckten Knie, die wie Lindenbast nach allen Seiten schwankten. Ein
dritter, mit geschwollenem Gesicht und verbundenem Kopfe, auf dem eine
Soldatenmütze in die Höhe ragte, saß an der Seite, die Beine hielt er
baumelnd nach außen; er schien, die Ellbogen auf die Knie gestützt, zu
schlummern. An diesen wandte sich der ankommende Offizier.
Dolshnikow! schrie er.
Ich -- o! antwortete der Soldat, indem er die Augen öffnete und die
Mütze abnahm, mit einem so tiefen und lauten Baß, als wenn zwanzig Mann
Soldaten zusammen schrien.
Wann bist du verwundet worden, Brüderchen?
Die bleiernen, verschwommenen Augen des Soldaten belebten sich: er
erkannte augenscheinlich seinen Offizier wieder.
Wir wünschen Euer Wohlgeboren Gesundheit! sagte er in demselben
schwerfälligen Baß.
Wo steht jetzt das Regiment?
Hat in Sewastopol gestanden, wollte am Mittwoch abmarschieren, Euer
Wohlgeboren.
Wohin?
Unbekannt ... jedenfalls nach der Nordseite, Euer Wohlgeboren!
Jetzt, Euer Wohlgeboren, fügte er mit gedehnter Stimme und die Mütze
aufsetzend hinzu, hat er bereits überall zu feuern angefangen, am
meisten aus Bomben, sogar die Bucht beschießt er; jetzt trifft er so,
daß es ein wahres Unglück ist, sogar ...
Was der Soldat weiter sprach, war nicht zu hören, aber aus dem
Ausdrucke seines Gesichts und aus seiner Haltung war ersichtlich, daß
er mit der einem leidenden Menschen eigenen Gereiztheit trostlose Dinge
erzählte.
Der reisende Offizier, Leutnant Koselzow, war kein Dutzend-Offizier. Er
gehörte nicht zu denen, die so leben und so handeln, weil die anderen
so leben und so handeln: er that alles, wozu er Lust hatte, und die
anderen thaten dasselbe, und waren überzeugt, daß es gut war. Er war
von Natur reich ausgestattet mit kleinen Gaben: er sang schön, er
spielte die Guitarre, er sprach sehr lebhaft, er schrieb sehr leicht,
besonders amtliche Schriftstücke, in deren Abfassung er sich eine große
Leichtigkeit angeeignet hatte, als er Bataillons-Adjutant war; vor
allem aber war sein Wesen bemerkenswert durch eine ichsüchtige Energie,
die, obgleich sie vor allem auf dieser kleinen Begabung beruhte, an
sich ein entscheidender und überraschender Charakterzug war. Er besaß
einen Ehrgeiz, der in so hohem Grade mit dem Leben in eins verschmolzen
war und der sich am häufigsten in Kreisen von Männern, besonders von
Militärs, entwickelt, daß er etwas anderes, als der erste zu sein oder
nichts zu sein, gar nicht verstand, und daß sein Ehrgeiz auch der Hebel
seiner inneren Triebe war: er in eigener Person war gern der erste
unter den Menschen, die er sich gleichstellte.
Wie? ich werde mich gerade um das kümmern, was *Moskau*[D] schwatzt!
... brummte er, und er empfand einen gewissen Druck von Apathie auf
dem Herzen und Verschwommenheit im Denken; der Anblick der Verwundeten
und die Worte des Soldaten, deren Bedeutung durch die Töne des
Bombardement verstärkt und bestätigt wurde, hatten diese Gefühle in ihm
zurückgelassen. *Dies Moskau ist lächerlich!* ... Vorwärts, Nikolajew!
Rühr' dich ... Was, du bist eingeschlafen? ... fuhr er den Burschen an,
indem er die Schöße seines Mantels in Ordnung brachte.
[D] In vielen Linienregimentern nennen die Offiziere halb verächtlich,
halb schmeichelhaft die Soldaten »Moskau« oder auch »Eid«.
Nikolajew zog die Zügel an, schnalzte mit der Zunge, und das Fuhrwerk
rollte im Trabe weiter.
Nur einen Augenblick füttern -- und sogleich, heute noch, weiter, sagte
der Offizier.