XVI

Auf unserer Bastion und dem französischen Laufgraben sind weiße

Flaggen aufgesteckt, und zwischen ihnen, im blumenreichen Thale,

liegen haufenweis, ohne Stiefel, in grauen und blauen Uniformen,

verstümmelte Leichen, die Arbeiter zusammentragen und auf Wagen legen.

Der Geruch der toten Körper erfüllt die Luft. Aus Sewastopol und aus

dem französischen Lager strömen Menschenscharen herbei, um dieses

Schauspiel anzusehen, und mit brennender, wohlwollender Neugierde eilt

die eine Schar zur andern.

Hören wir, was diese Leute untereinander sprechen.

Dort, in einem Kreise von Russen und Franzosen, betrachtet ein junger

Offizier, der zwar schlecht, aber hinreichend französisch spricht, um

verstanden zu werden, eine Gardepatrontasche.

Eh seßi purkua se uaso lië? sagt er.

_Par ce que c'est un giberne d'un régiment de la garde, Monsieur, qui

porte l'aigle impérial._

Eh wu de la gard?

_Pardon, Monsieur, du 6^{ème} de ligne._

Eh seßi u aschte? fragt der Offizier, indem er auf eine hölzerne gelbe

Cigarrenspitze zeigt, aus der der Franzose eine Cigarette raucht.

_A Balaclava, Monsieur! C'est tout simple en bois de palme._

Sholi, sagt der Offizier, der sich in seinem Gespräch weniger von

seinem Willen leiten läßt, als von den Worten, die er kennt.

_Si vous voulez bien garder cela comme souvenir de cette rencontre,

vous m'obligerez._

Und der höfliche Franzose bläst die Cigarette heraus und überreicht dem

Offizier mit einer leichten Verbeugung die Spitze. Der Offizier giebt

ihm die seinige, und alle Leute in der Gruppe, sowohl Franzosen, wie

Russen, scheinen sehr vergnügt darüber zu sein und zu lächeln.

Dort ist ein kecker Infanterist, in einem rosa Hemd und mit

umgeworfenem Mantel, in Begleitung anderer Soldaten, die, die Hände

auf dem Rücken, mit frohen, neugierigen Gesichtern hinter ihm stehen,

an einen Franzosen herangegangen und bittet ihn um Feuer für seine

Pfeife. Der Franzose bläst seine Pfeife stärker an, stochert den Tabak

auf und schüttet Feuer in des Russen Pfeife.

Tabak bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Zuschauer lächeln.

_Oui, bon tabac, tabac turc_, sagt der Franzose, _et chez vous autres,

tabac -- russe? bon?_

Ruß -- bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Anwesenden schütteln

sich vor Lachen. Franße nicht bun, bonshur mussje! sagt der Soldat im

rosa Hemd, indem er seinen ganzen Vorrat von Sprachkenntnissen auf

einmal erschöpft, und klopft lachend dem Franzosen auf den Bauch.

_Ils ne sont pas jolis ces b... de Russes_, sagt ein Zuave mitten aus

dem Franzosenhaufen.

_De quoi de ce qu'ils rient donc?_ sagt ein anderer, ein dunkelbrauner

Geselle mit italienischer Aussprache, und kommt auf die Unsrigen zu.

Kaftan bun, sagt der kecke Soldat, indem er die gestickten Schöße des

Zuaven betrachtet -- und wieder lachen alle.

_Ne sors pas de la ligne, à vos places, sacré nom!_ schreit der

französische Korporal, und die Soldaten gehen mit sichtlicher

Unzufriedenheit auseinander.

Da drüben, im Kreise französischer Offiziere, steht ein junger

Kavallerieoffizier von uns und löst sich in Liebenswürdigkeiten auf.

Es ist die Rede von einem gewissen _comte Sazonoff, que j'ai beaucoup

connu, M._, sagt ein französischer Offizier, dem eine Achselklappe

fehlt; _c'est un de ces vrais comtes russes, comme nous les aimons_.

_Il y a un Sazonoff, que j'ai connu_, sagt der Kavallerist, _mais il

n'est pas comte, à moins, que je sache; un petit brun de votre âge à

peu près_.

_C'est ça, M. c'est lui. Oh, que je voudrais le voir ce cher comte.

Si vous le voyez, je vous prie bien de lui faire mes compliments. --

Capitaine Latour_, sagt er mit einer Verbeugung.

_N'est-ce pas terrible la triste besogne, que nous faisons? Ça

chauffait cette nuit, n'est-ce pas?_ sagt der Kavallerist, der die

Unterhaltung fortzusetzen wünscht, und zeigt auf die Leichen.

_Oh, M. c'est affreux! Mais quels gaillards vos soldats, quels

gaillards! C'est un plaisir, que de se battre avec des gaillards comme

eux._

_Il faut avouer que les votres ne se mouchent pas du pied non plus_ --

sagt der Kavallerist, verbeugt sich und glaubt sehr liebenswürdig zu

sein.

Aber genug.

Betrachten wir lieber den zehnjährigen Knaben, der in einer alten,

jedenfalls von seinem Vater stammenden Mütze, mit Schuhen an den

nackten Füßen und in Nankinghosen, die nur durch einen Riemen gehalten

werden, gleich nach Beginn des Waffenstillstandes über den Wall

gekommen ist, sich lange in der Schlucht aufgehalten, mit stumpfer

Neugierde die Franzosen und die auf der Erde liegenden Leichname

betrachtet und blaue Feldblumen gepflückt hat, von denen dieses Thal

übersät ist. Da er mit dem großen Blumenstrauß nach Hause zurückgeht,

hält er die Nase zu vor dem Geruch, den ihm der Wind zuträgt, bleibt

bei einem Haufen zusammengetragener Körper stehen und betrachtet lange

einen schrecklichen, kopflosen Leichnam, der in seiner Nähe liegt.

Nachdem er ziemlich lange gestanden, tritt er näher heran und berührt

mit dem Fuß den ausgestreckten erstarrten Arm des Leichnams, -- der

Arm bewegt sich ein wenig. Er berührt ihn noch einmal, stärker, --

der Arm bewegt sich und kehrt wieder in seine Lage zurück. Der Knabe

schreit plötzlich auf, verbirgt das Gesicht in den Blumen und läuft

spornstreichs fort nach der Festung.

Ja, auf der Bastion und im Laufgraben sind weiße Flaggen aufgesteckt,

das blumenreiche Thal ist voll von toten Körpern, die schöne Sonne

sinkt ins blaue Meer, und das blaue Meer wogt und glänzt in den

Strahlen der Sonne. Tausende von Menschen drängen sich, schauen,

sprechen und lächeln einander zu. Und diese Menschen sind Christen,

die das eine große Gebot der Liebe und Selbstverleugnung bekennen, und

fallen beim Anblick dessen, was sie gethan, nicht voll Reue mit einem

Schlage auf die Knie vor Dem, der, als er ihnen das Leben gab, in die

Seele eines jeden, zugleich mit der Todesfurcht, die Liebe zum Guten

und Schönen gelegt hat, und umarmen sich nicht mit Thränen der Freude

und des Glücks als Brüder? ... Die weißen Flaggen sind entfernt, und

von neuem pfeifen die Geschosse, Tod und Verderben bringend, von neuem

wird unschuldiges Blut vergossen und Stöhnen und Fluchen laut.

[Illustration: Gedankenwechsel]

So hätte ich denn gesagt, was ich für dieses Mal zu sagen hatte. Aber

ein drückender Zweifel überkommt mich. Vielleicht hätte ich das nicht

aussprechen sollen, vielleicht gehört das, was ich gesagt habe, zu

jenen schlimmen Wahrheiten, die unbewußt in der Seele eines jeden

schlummern und nicht ausgesprochen werden dürfen, um nicht schädlich zu

werden, wie der Bodensatz des Weines, den man nicht aufschütteln darf,

um den Wein nicht zu zerstören.

Wo ist in dieser Erzählung das Abbild des Bösen, das wir vermeiden

sollen? Wo das Abbild des Guten, dem wir nachahmen sollen? Wer ist ihr

Bösewicht, wer ihr Held? -- Alle sind gut und alle sind schlecht.

Weder Kalugin mit seiner glänzenden Tapferkeit -- _bravoure de

gentilhomme_ -- und Ruhmsucht, der Urheber in Aller Handlungen, noch

Praßkuchin, der eitle, harmlose Mensch, obgleich er im Kampfe für den

Glauben und für Thron und Vaterland gefallen ist, noch Michajlow mit

seiner Schüchternheit, noch Pest, dieses Kind ohne feste Überzeugung

und Grundsätze -- sie alle können nicht die Bösewichter, noch die

Helden der Erzählung sein.

Der Held meiner Erzählung, den ich mit der ganzen Kraft meiner Seele

liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht war, und der immer

schön gewesen ist und immer schön sein wird, -- ist die Wahrheit.

*Sewastopol* im August 1855

I

Gegen Ende August fuhr auf der zerklüfteten Sewastopoler

Heerstraße zwischen Duwanka (der letzten Station vor Sewastopol)

und Bachtschißaraj, in dichtem und heißem Staube, langsam ein

Offizierswägelchen (von jener besondern Art, die man sonst nirgends

sieht und die die Mitte hält zwischen einer Judenbritschke, einem

russischen Wagen und einem Korb).

Vorn im Fuhrwerk hockte ein Offiziersbursche in einem Nankingrock und

einer vollständig abgetragenen alten Offiziersmütze und führte die

Zügel; hinten saß auf Bündeln und Ballen, die mit einem Soldatenmantel

bedeckt waren, ein Infanterieoffizier in einem Sommermantel. Der

Offizier war, so weit man das bei seiner sitzenden Stellung beurteilen

konnte, von mittlerer Gestalt, aber nicht so sehr in den Schultern,

als über Brust und Rücken breit und stämmig; Hals und Nacken waren

bei ihm sehr entwickelt und hervorstehend. Eine sogenannte Taille --

den Einschnitt in der Mitte des Rückens -- hatte er nicht, er hatte

aber auch keinen Bauch; im Gegenteil, er war eher mager, besonders

im Gesicht, das von einem ungesunden gelblichen Braun bedeckt war.

Sein Gesicht hätte man schön nennen können, wäre es nicht aufgedunsen

gewesen, und hätte es nicht große, wenn auch nicht greisenhafte Runzeln

gehabt, die die Züge verwischten und vergrößerten und dem ganzen

Gesicht den allgemeinen Ausdruck mangelnder Frische und Zartheit gaben.

Seine Augen waren klein, grau, ungewöhnlich lebhaft, sogar stechend;

der Schnurrbart sehr dicht, aber nicht breit und abgebissen, das Kinn,

besonders die Kinnbacken, von einem außerordentlich starken, üppigen,

schwarzen, zwei Tage alten Barte bedeckt. Der Offizier war am 10. Mai

durch einen Bombensplitter am Kopfe verwundet worden und trug ihn

noch immer verbunden. Jetzt, da er sich seit acht Tagen vollständig

gesund fühlte, fuhr er aus dem Lazarett von Ssimferopol nach seinem

Regiment, das dort irgendwo lag, woher die Schüsse kamen; ob in

Sewastopol selbst, oder auf der Nordseite, hatte er noch von niemand

genau erfahren können. Die Schüsse hörte man, besonders wenn keine

Berge dazwischen lagen und der Wind sie weitertrug, außerordentlich

deutlich, häufig und, wie es schien, nahe: bald erschütterte eine

Explosion die Luft und machte ihn unwillkürlich erzittern, bald folgten

aufeinander schwächere Töne, wie Trommelschlag, der bisweilen durch

ein erschütterndes Getöse unterbrochen wird; bald verschmolz alles in

ein rollendes Krachen, Donnerschlägen ähnlich, wenn das Gewitter am

stärksten ist und sich der Platzregen ergießt. Alle sprachen von einem

fürchterlichen Bombardement, das auch wirklich hörbar war. Der Offizier

trieb den Burschen an, er wollte, wie es schien, so schnell als möglich

an Ort und Stelle sein. Ein langer Wagenzug, den Bauern führten, die

Proviant nach Sewastopol geschafft hatten, kam ihm entgegen; die Wagen

kehrten jetzt von dort zurück und waren von kranken und verwundeten

Soldaten in grauen Mänteln, Matrosen in schwarzen Überröcken,

Freiwilligen in rotem Fez und bärtigen Landwehrleuten angefüllt. Das

Offiziersfuhrwerk mußte in einer dicken, unbeweglichen, durch den

Wagenzug aufgewirbelten Staubwolke halten, und der Offizier blinzelte

und verzog das Gesicht von dem Staub, der ihm in Augen und Mund

eindrang, und betrachtete die Gesichter der an ihm vorüberziehenden

Kranken und Verwundeten.

Ah, das ist ein kranker Soldat unserer Kompagnie, rief der Bursche zu

seinem Herrn gewandt und zeigte auf ein mit Verwundeten angefülltes

Fuhrwerk, das eben ganz nahe herangekommen war.

Vorn auf dem Fuhrwerk saß seitwärts ein echtrussischer Breitbart in

einem Filzhut und band die Peitsche zusammen, deren Stiel er im

Arme hielt. Hinter ihm im Wagen wurden fünf Mann, in verschiedenen

Stellungen, tüchtig gerüttelt. Der eine, mit verbundenem Arm, in Hemd

und umgeworfenem Mantel, saß, obwohl blaß und mager, doch gefaßt in

der Mitte des Bauernwagens und wollte, als er den Offizier sah, nach

der Mütze greifen; aber er erinnerte sich wohl, daß er verwundet war

und that, als ob er sich nur den Kopf kratzen wollte. Ein anderer lag

neben ihm auf dem Boden des Fuhrwerks: man sah nur seine beiden Hände,

mit denen er sich an den Wagenrändern festhielt, und die in die Höhe

gestreckten Knie, die wie Lindenbast nach allen Seiten schwankten. Ein

dritter, mit geschwollenem Gesicht und verbundenem Kopfe, auf dem eine

Soldatenmütze in die Höhe ragte, saß an der Seite, die Beine hielt er

baumelnd nach außen; er schien, die Ellbogen auf die Knie gestützt, zu

schlummern. An diesen wandte sich der ankommende Offizier.

Dolshnikow! schrie er.

Ich -- o! antwortete der Soldat, indem er die Augen öffnete und die

Mütze abnahm, mit einem so tiefen und lauten Baß, als wenn zwanzig Mann

Soldaten zusammen schrien.

Wann bist du verwundet worden, Brüderchen?

Die bleiernen, verschwommenen Augen des Soldaten belebten sich: er

erkannte augenscheinlich seinen Offizier wieder.

Wir wünschen Euer Wohlgeboren Gesundheit! sagte er in demselben

schwerfälligen Baß.

Wo steht jetzt das Regiment?

Hat in Sewastopol gestanden, wollte am Mittwoch abmarschieren, Euer

Wohlgeboren.

Wohin?

Unbekannt ... jedenfalls nach der Nordseite, Euer Wohlgeboren!

Jetzt, Euer Wohlgeboren, fügte er mit gedehnter Stimme und die Mütze

aufsetzend hinzu, hat er bereits überall zu feuern angefangen, am

meisten aus Bomben, sogar die Bucht beschießt er; jetzt trifft er so,

daß es ein wahres Unglück ist, sogar ...

Was der Soldat weiter sprach, war nicht zu hören, aber aus dem

Ausdrucke seines Gesichts und aus seiner Haltung war ersichtlich, daß

er mit der einem leidenden Menschen eigenen Gereiztheit trostlose Dinge

erzählte.

Der reisende Offizier, Leutnant Koselzow, war kein Dutzend-Offizier. Er

gehörte nicht zu denen, die so leben und so handeln, weil die anderen

so leben und so handeln: er that alles, wozu er Lust hatte, und die

anderen thaten dasselbe, und waren überzeugt, daß es gut war. Er war

von Natur reich ausgestattet mit kleinen Gaben: er sang schön, er

spielte die Guitarre, er sprach sehr lebhaft, er schrieb sehr leicht,

besonders amtliche Schriftstücke, in deren Abfassung er sich eine große

Leichtigkeit angeeignet hatte, als er Bataillons-Adjutant war; vor

allem aber war sein Wesen bemerkenswert durch eine ichsüchtige Energie,

die, obgleich sie vor allem auf dieser kleinen Begabung beruhte, an

sich ein entscheidender und überraschender Charakterzug war. Er besaß

einen Ehrgeiz, der in so hohem Grade mit dem Leben in eins verschmolzen

war und der sich am häufigsten in Kreisen von Männern, besonders von

Militärs, entwickelt, daß er etwas anderes, als der erste zu sein oder

nichts zu sein, gar nicht verstand, und daß sein Ehrgeiz auch der Hebel

seiner inneren Triebe war: er in eigener Person war gern der erste

unter den Menschen, die er sich gleichstellte.

Wie? ich werde mich gerade um das kümmern, was *Moskau*[D] schwatzt!

... brummte er, und er empfand einen gewissen Druck von Apathie auf

dem Herzen und Verschwommenheit im Denken; der Anblick der Verwundeten

und die Worte des Soldaten, deren Bedeutung durch die Töne des

Bombardement verstärkt und bestätigt wurde, hatten diese Gefühle in ihm

zurückgelassen. *Dies Moskau ist lächerlich!* ... Vorwärts, Nikolajew!

Rühr' dich ... Was, du bist eingeschlafen? ... fuhr er den Burschen an,

indem er die Schöße seines Mantels in Ordnung brachte.

[D] In vielen Linienregimentern nennen die Offiziere halb verächtlich,

halb schmeichelhaft die Soldaten »Moskau« oder auch »Eid«.

Nikolajew zog die Zügel an, schnalzte mit der Zunge, und das Fuhrwerk

rollte im Trabe weiter.

Nur einen Augenblick füttern -- und sogleich, heute noch, weiter, sagte

der Offizier.

Sewastopol · 第 31 / 86 题