XV

Am folgenden Tage, gegen Abend, spielte wieder eine Jägerkapelle auf

dem Boulevard, und wieder spazierten Offiziere, Junker, Soldaten

und junge Frauenzimmer müßig in der Nähe des Pavillons und in den

niedrigen, von blühenden, wohlriechenden, weißen Akazien gebildeten

Alleen.

Kalugin, Fürst Galzin und ein Oberst gingen Arm in Arm um den Pavillon

und sprachen von dem Gefecht des vergangenen Tages.

Der leitende Faden ihres Gesprächs war, wie es immer in ähnlichen

Fällen zu sein pflegt, nicht das Gefecht selbst, sondern der Anteil,

den der Erzählende an dem Gefecht genommen hatte. Ihr Aussehen und der

Klang ihrer Stimme war ernst, beinahe traurig, als ob die Verluste

des gestrigen Tages jeden von ihnen berührten und schmerzten; in

Wahrheit aber war dieser Ausdruck der Trauer, da niemand von ihnen

einen nahestehenden Menschen verloren hatte, der offizielle Ausdruck,

den sie für ihre Pflicht hielten zur Schau zu tragen. Kalugin und der

Oberst wären jeden Tag bereit gewesen, ein solches Gefecht mitzumachen,

wenn sie nur jedesmal einen goldenen Säbel oder den Generalmajor

bekommen hätten, obgleich sie sehr nette Menschen waren. Ich höre es

gern, wenn man einen Eroberer wegen seines Ehrgeizes, der Millionen zu

Grunde richtet, einen Unmenschen nennt. Man frage aber den Fähnrich

Petruschow und den Unterleutnant Antonow und andere aufs Gewissen,

dann ist jeder von uns ein kleiner Napoleon, ein kleiner Unmensch, und

jeden Augenblick bereit, einen Kampf aufzunehmen und hunderte Menschen

zu töten, nur um einen unnützen Orden oder ein Drittel seiner Gage zu

bekommen.

Nein, entschuldigen Sie, sagte der Oberst, erst ist es auf dem linken

Flügel losgegangen, *ich bin ja dort gewesen*.

Vielleicht, antwortete Kalugin. *Ich war mehr auf dem rechten; ich bin

zweimal hingekommen: Einmal suchte ich den General und das andere Mal

ging ich so hin -- die Verschanzung anzusehen. Da ging es heiß her.*

Ja, gewiß, so ist es, Kalugin weiß es, sagte Fürst Galzin zu dem

Oberst. Weißt du, heute hat mir W... von dir gesagt, du seist ein

tapfrer ...

Aber Verluste, schreckliche Verluste, sagte der Oberst. *Von meinem

Regiment* sind 400 Mann gefallen. Ein Wunder, *daß ich lebendig

davongekommen bin*.

Da zeigte sich am andern Ende des Boulevards die Gestalt Michajlows mit

verbundenem Kopfe; er ging auf sie zu.

Wie, Sie sind verwundet, Kapitän? sagte Kalugin.

Ja, ein wenig, durch einen Stein, antwortete Michajlow.

_Est ce que pavillon est baissé déjà?_ fragte Fürst Galzin und sah

dabei nach der Mütze des Stabskapitäns, ohne sich an eine bestimmte

Person zu wenden.

_Non, pas encore_, antwortete Michajlow, der gern zeigen wollte, daß er

französisch verstehe und spreche.

Dauert denn der Waffenstillstand noch fort? sagte Galzin russisch,

und wandte sich an den Kapitän, um dadurch, wie dem Stabskapitän

schien, auszudrücken, es muß Ihnen wohl schwer fallen, französisch zu

sprechen und ist doch wohl besser geradezu ... Und damit entfernten

sich die Adjutanten von ihm. Der Stabskapitän fühlte sich, wie gestern,

außerordentlich vereinsamt, begrüßte mehrere, und da er sich zu den

einen nicht gesellen wollte und zu den andern heranzutreten sich nicht

entschließen konnte, setzte er sich in der Nähe des Kasarskij-Denkmals

nieder und rauchte eine Cigarette an.

Baron Pest kam ebenfalls auf den Boulevard. Er erzählte, er habe

den Verhandlungen über den Waffenstillstand beigewohnt und mit

französischen Offizieren gesprochen; ein Offizier habe ihm gesagt:

_S'il n'avait pas fait clair encore pendant une demi-heure, les

embuscades auraient été reprises_, und er habe ihm geantwortet:

_Monsieur, je ne dis pas non, pour ne pas vous donnez un démenti_, so

vortrefflich habe er ihm geantwortet u. s. w.

In Wirklichkeit aber hatte er, obwohl er bei den Verhandlungen gewesen

war, gar keine Gelegenheit gehabt, dort etwas besonderes zu sagen,

obwohl er große Lust hatte, mit den Franzosen zu sprechen. (Es ist doch

ein ungeheures Vergnügen, mit Franzosen zu sprechen.) Der Junker Baron

Pest war lange die Linie entlang gegangen und hatte alle Franzosen,

die in seiner Nähe waren, gefragt: _De quel régiment êtes-vous?_ Sie

antworteten ihm -- und das war alles. Als er sich aber zu weit über

die Linie hinauswagte, schimpfte der französische Wachtposten, der

nicht vermutete, daß dieser Soldat französisch verstehen könnte, ihn

in der dritten Person aus: »_Il vient regarder nos travaux ce sacré

..._« sagte er. Und da der Junker Baron Pest infolgedessen kein

Vergnügen mehr fand an den Verhandlungen, war er nach Hause geritten

und hatte unterwegs über die französischen Sätze nachgedacht, die

er jetzt vorbrachte. Auf dem Boulevard stand auch Kapitän Sobow in

lautem Gespräch und Kapitän Obshogow, der ganz erregt aussah, und der

Artilleriekapitän, der keines Menschen Gunst suchte, und der in seiner

Liebe glückliche Junker und alle die Personen von gestern, immer noch

mit denselben Wünschen und Trieben. Nur Praßkuchin, Neferdow und noch

einer fehlten, und es wurde ihrer jetzt, wo ihre Körper noch nicht

gewaschen, geschmückt und in die Erde verscharrt waren, kaum gedacht

oder erwähnt.

Sewastopol · 第 30 / 86 题