Am folgenden Tage, gegen Abend, spielte wieder eine Jägerkapelle auf
dem Boulevard, und wieder spazierten Offiziere, Junker, Soldaten
und junge Frauenzimmer müßig in der Nähe des Pavillons und in den
niedrigen, von blühenden, wohlriechenden, weißen Akazien gebildeten
Alleen.
Kalugin, Fürst Galzin und ein Oberst gingen Arm in Arm um den Pavillon
und sprachen von dem Gefecht des vergangenen Tages.
Der leitende Faden ihres Gesprächs war, wie es immer in ähnlichen
Fällen zu sein pflegt, nicht das Gefecht selbst, sondern der Anteil,
den der Erzählende an dem Gefecht genommen hatte. Ihr Aussehen und der
Klang ihrer Stimme war ernst, beinahe traurig, als ob die Verluste
des gestrigen Tages jeden von ihnen berührten und schmerzten; in
Wahrheit aber war dieser Ausdruck der Trauer, da niemand von ihnen
einen nahestehenden Menschen verloren hatte, der offizielle Ausdruck,
den sie für ihre Pflicht hielten zur Schau zu tragen. Kalugin und der
Oberst wären jeden Tag bereit gewesen, ein solches Gefecht mitzumachen,
wenn sie nur jedesmal einen goldenen Säbel oder den Generalmajor
bekommen hätten, obgleich sie sehr nette Menschen waren. Ich höre es
gern, wenn man einen Eroberer wegen seines Ehrgeizes, der Millionen zu
Grunde richtet, einen Unmenschen nennt. Man frage aber den Fähnrich
Petruschow und den Unterleutnant Antonow und andere aufs Gewissen,
dann ist jeder von uns ein kleiner Napoleon, ein kleiner Unmensch, und
jeden Augenblick bereit, einen Kampf aufzunehmen und hunderte Menschen
zu töten, nur um einen unnützen Orden oder ein Drittel seiner Gage zu
bekommen.
Nein, entschuldigen Sie, sagte der Oberst, erst ist es auf dem linken
Flügel losgegangen, *ich bin ja dort gewesen*.
Vielleicht, antwortete Kalugin. *Ich war mehr auf dem rechten; ich bin
zweimal hingekommen: Einmal suchte ich den General und das andere Mal
ging ich so hin -- die Verschanzung anzusehen. Da ging es heiß her.*
Ja, gewiß, so ist es, Kalugin weiß es, sagte Fürst Galzin zu dem
Oberst. Weißt du, heute hat mir W... von dir gesagt, du seist ein
tapfrer ...
Aber Verluste, schreckliche Verluste, sagte der Oberst. *Von meinem
Regiment* sind 400 Mann gefallen. Ein Wunder, *daß ich lebendig
davongekommen bin*.
Da zeigte sich am andern Ende des Boulevards die Gestalt Michajlows mit
verbundenem Kopfe; er ging auf sie zu.
Wie, Sie sind verwundet, Kapitän? sagte Kalugin.
Ja, ein wenig, durch einen Stein, antwortete Michajlow.
_Est ce que pavillon est baissé déjà?_ fragte Fürst Galzin und sah
dabei nach der Mütze des Stabskapitäns, ohne sich an eine bestimmte
Person zu wenden.
_Non, pas encore_, antwortete Michajlow, der gern zeigen wollte, daß er
französisch verstehe und spreche.
Dauert denn der Waffenstillstand noch fort? sagte Galzin russisch,
und wandte sich an den Kapitän, um dadurch, wie dem Stabskapitän
schien, auszudrücken, es muß Ihnen wohl schwer fallen, französisch zu
sprechen und ist doch wohl besser geradezu ... Und damit entfernten
sich die Adjutanten von ihm. Der Stabskapitän fühlte sich, wie gestern,
außerordentlich vereinsamt, begrüßte mehrere, und da er sich zu den
einen nicht gesellen wollte und zu den andern heranzutreten sich nicht
entschließen konnte, setzte er sich in der Nähe des Kasarskij-Denkmals
nieder und rauchte eine Cigarette an.
Baron Pest kam ebenfalls auf den Boulevard. Er erzählte, er habe
den Verhandlungen über den Waffenstillstand beigewohnt und mit
französischen Offizieren gesprochen; ein Offizier habe ihm gesagt:
_S'il n'avait pas fait clair encore pendant une demi-heure, les
embuscades auraient été reprises_, und er habe ihm geantwortet:
_Monsieur, je ne dis pas non, pour ne pas vous donnez un démenti_, so
vortrefflich habe er ihm geantwortet u. s. w.
In Wirklichkeit aber hatte er, obwohl er bei den Verhandlungen gewesen
war, gar keine Gelegenheit gehabt, dort etwas besonderes zu sagen,
obwohl er große Lust hatte, mit den Franzosen zu sprechen. (Es ist doch
ein ungeheures Vergnügen, mit Franzosen zu sprechen.) Der Junker Baron
Pest war lange die Linie entlang gegangen und hatte alle Franzosen,
die in seiner Nähe waren, gefragt: _De quel régiment êtes-vous?_ Sie
antworteten ihm -- und das war alles. Als er sich aber zu weit über
die Linie hinauswagte, schimpfte der französische Wachtposten, der
nicht vermutete, daß dieser Soldat französisch verstehen könnte, ihn
in der dritten Person aus: »_Il vient regarder nos travaux ce sacré
..._« sagte er. Und da der Junker Baron Pest infolgedessen kein
Vergnügen mehr fand an den Verhandlungen, war er nach Hause geritten
und hatte unterwegs über die französischen Sätze nachgedacht, die
er jetzt vorbrachte. Auf dem Boulevard stand auch Kapitän Sobow in
lautem Gespräch und Kapitän Obshogow, der ganz erregt aussah, und der
Artilleriekapitän, der keines Menschen Gunst suchte, und der in seiner
Liebe glückliche Junker und alle die Personen von gestern, immer noch
mit denselben Wünschen und Trieben. Nur Praßkuchin, Neferdow und noch
einer fehlten, und es wurde ihrer jetzt, wo ihre Körper noch nicht
gewaschen, geschmückt und in die Erde verscharrt waren, kaum gedacht
oder erwähnt.