Und wissen Sie, Praßkuchin ist tot! sagte Pest, als er Kalugin, der
nach Hause ging, begleitete.
Nicht möglich!
Warum? Ich habe es selbst gesehen.
Leben Sie wohl, ich habe Eile!
Ich bin sehr zufrieden, dachte Kalugin auf dem Heimwege, zum erstenmal
habe ich während meines Tagdienstes Glück gehabt. Es ist mir
vortrefflich gegangen: ich bin am Leben und unverletzt, Auszeichnungen
wird es auch geben und jedenfalls einen goldenen Säbel. Übrigens habe
ich es verdient.
Nachdem er dem General alles Notwendige gemeldet hatte, ging er in sein
Zimmer.
Mit außerordentlichem Behagen fühlte sich Kalugin zu Hause außer
Gefahr; nachdem er ein Nachthemd angezogen und sich ins Bett gelegt,
erzählte er Galzin die Einzelheiten des Gefechts; er schilderte sie
sehr natürlich von dem Gesichtspunkte aus, von dem die Einzelheiten
bewiesen, daß er, Kalugin, ein sehr tüchtiger und tapferer Offizier
sei, was, wie ich meine, gar nicht nötig war zu betonen, da alle
Welt das wußte und niemand ein Recht oder einen Grund hatte, daran
zu zweifeln, außer dem seligen Rittmeister Praßkuchin vielleicht,
der, obgleich er es oft später als ein Glück betrachtete, Arm in Arm
mit Kalugin zu gehen, gestern einem Freunde unter Diskretion erzählt
hatte, Kalugin sei ein trefflicher Mensch, gehe aber, unter uns gesagt,
furchtbar ungern auf die Bastion.
Kaum hatte sich Praßkuchin, neben Michajlow gehend, von Kalugin
getrennt und schon angefangen, etwas aufzuleben, weil er nach einem
weniger gefährlichen Platz ging, als er einen hellstrahlenden Blitz
hinter sich sah, und den Schrei der Schildwache: »Mörser!« sowie die
Worte eines hinter ihm gehenden Soldaten: »Direkt nach der Bastion
fliegt sie!« hörte.
Michajlow sah sich um. Der glänzende Punkt der Bombe schien in seinem
Zenith stehen zu bleiben, in einer Stellung, daß es entschieden
unmöglich war, seine Richtung zu bestimmen. Aber das dauerte nur einen
Augenblick: die Bombe kam immer schneller und näher, so daß schon
die Funken der Röhre sichtbar waren und das verhängnisvolle Pfeifen
hörbar, -- gerade mitten unter das Bataillon fiel sie nieder.
Legt euch! rief eine Stimme.
Michajlow und Praßkuchin legten sich auf die Erde. Praßkuchin kniff
die Augen zu und hörte nur, wie die Bombe ganz in seiner Nähe auf die
feste Erde aufschlug. Es verging eine Sekunde, die ihm wie eine Stunde
erschien, -- die Bombe platzte nicht. Praßkuchin erschrak: sollte
er unnötig feig gewesen sein? War vielleicht die Bombe weit von ihm
niedergefallen, und war es ihm nur so vorgekommen, als ob ihre Röhre
in seiner Nähe gezischt? Er öffnete die Augen und sah mit Befriedigung
Michajlow dicht an seinen Füßen unbeweglich liegen. Aber da begegnete
seinen Augen auf einen Moment die leuchtende Röhre der nur eine Elle
entfernt von ihm sich drehenden Bombe.
Ein Schreck -- ein kalter, alles Denken und Fühlen lähmender Schreck --
ergriff sein ganzes Wesen. Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.
Noch eine Sekunde verging -- eine Sekunde, in der eine ganze Welt
von Gefühlen, Gedanken, Hoffnungen, Erinnerungen an seinem Geiste
vorüberblitzte.
»Wen wird sie treffen, mich oder Michajlow, oder beide zusammen? Und
wenn mich, dann wo? Am Kopf, dann ist alles vorbei; am Bein, dann
wird es abgeschnitten -- und dann werde ich bitten, daß man mich
chloroformiert und kann noch am Leben bleiben. Vielleicht aber tötet
sie nur Michajlow, dann werde ich erzählen, wie wir zusammen gegangen,
wie er getroffen worden, und sein Blut mich bespritzt hat. Nein, mir
ist sie näher ... mich tötet sie!«
Da fielen ihm die zwölf Rubel ein, die er Michajlow schuldig war, und
noch eine Schuld in Petersburg, die er längst hätte bezahlen müssen;
ein Zigeunermotiv, das er gestern abend gesungen hatte, huschte ihm
durch den Kopf. Das Weib, das er liebte, stand vor seiner Phantasie
in einer Haube mit lila Bändern; der Mensch, der ihn vor fünf Jahren
beleidigt und dem er diese Beleidigung nicht heimgezahlt hatte,
fiel ihm ein, obgleich, untrennbar von dieser und tausend anderen
Erinnerungen, das Gefühl der Gegenwart -- die Erwartung des Todes
-- ihn nicht einen Augenblick verließ. »Übrigens, vielleicht platzt
sie nicht«, dachte er und wollte mit verzweifelter Entschlossenheit
die Augen öffnen. Aber in diesem Augenblick traf ihn durch die
geschlossenen Lider ein roter Feuerschein, und mit entsetzlichem
Krachen schlug ihm etwas mitten in die Brust; er stürzte vorwärts,
stolperte über den Säbel, der ihm zwischen die Beine geraten war, und
fiel auf die Seite.
»Gott sei Dank, es ist nur ein Streifschuß!« war sein erster Gedanke,
und er wollte mit den Händen seine Brust befühlen; aber seine Hände
waren wie gelähmt und sein Kopf wie in einen Schraubstock eingeklemmt.
Vor seinen Augen huschten die Soldaten vorüber, und bewußtlos zählte
er sie: »Eins, zwei, drei Mann; da einer in den Mantel gehüllt, ein
Offizier,« dachte er. Dann flammte ein Blitz vor seinen Augen auf,
und er dachte darüber nach, woher der Schuß wohl kommt: aus einem
Mörser oder aus einer Kanone? Wahrscheinlich aus einer Kanone. Da
neue Schüsse; da noch Soldaten: fünf, sechs, sieben Mann, alle gehen
vorüber. Plötzlich wurde ihm furchtbar zu Mut, als ob ihn jemand
würgte. Er wollte schreien, er habe einen Streifschuß bekommen, aber
sein Mund war so vertrocknet, daß ihm die Zunge am Gaumen klebte, und
ein schrecklicher Durst ihn quälte. Er fühlte, wie naß er um die Brust
war: dieses Gefühl der Nässe rief ihm das Wasser in Erinnerung, und er
hätte auch das trinken mögen, wovon seine Brust naß war.
»Wahrscheinlich habe ich mich blutig geschlagen, als ich fiel,« dachte
er. Er überließ sich immer mehr und mehr der Furcht, daß die Soldaten,
die an ihm vorüberhuschten, ihn erwürgen würden. Er nahm alle Kräfte
zusammen und wollte schreien: »Nehmt mich mit!« Aber anstatt dessen
stöhnte er so schrecklich, daß es ihm fürchterlich war, sich zu
hören. Dann hüpften rote Flämmchen vor seinen Augen, und es war ihm,
als legten Soldaten Steine über ihn; die Flämmchen hüpften immer
schneller und schneller, die Steine, die man über ihn legte, drückten
immer schwerer und schwerer. Er machte eine Anstrengung, um die Steine
abzuwälzen, streckte sich aus, und dann sah, hörte, dachte und fühlte
er nichts mehr. Er war durch einen Bombensplitter mitten in die Brust
getroffen und auf der Stelle getötet worden.