XII

Und wissen Sie, Praßkuchin ist tot! sagte Pest, als er Kalugin, der

nach Hause ging, begleitete.

Nicht möglich!

Warum? Ich habe es selbst gesehen.

Leben Sie wohl, ich habe Eile!

Ich bin sehr zufrieden, dachte Kalugin auf dem Heimwege, zum erstenmal

habe ich während meines Tagdienstes Glück gehabt. Es ist mir

vortrefflich gegangen: ich bin am Leben und unverletzt, Auszeichnungen

wird es auch geben und jedenfalls einen goldenen Säbel. Übrigens habe

ich es verdient.

Nachdem er dem General alles Notwendige gemeldet hatte, ging er in sein

Zimmer.

Mit außerordentlichem Behagen fühlte sich Kalugin zu Hause außer

Gefahr; nachdem er ein Nachthemd angezogen und sich ins Bett gelegt,

erzählte er Galzin die Einzelheiten des Gefechts; er schilderte sie

sehr natürlich von dem Gesichtspunkte aus, von dem die Einzelheiten

bewiesen, daß er, Kalugin, ein sehr tüchtiger und tapferer Offizier

sei, was, wie ich meine, gar nicht nötig war zu betonen, da alle

Welt das wußte und niemand ein Recht oder einen Grund hatte, daran

zu zweifeln, außer dem seligen Rittmeister Praßkuchin vielleicht,

der, obgleich er es oft später als ein Glück betrachtete, Arm in Arm

mit Kalugin zu gehen, gestern einem Freunde unter Diskretion erzählt

hatte, Kalugin sei ein trefflicher Mensch, gehe aber, unter uns gesagt,

furchtbar ungern auf die Bastion.

Kaum hatte sich Praßkuchin, neben Michajlow gehend, von Kalugin

getrennt und schon angefangen, etwas aufzuleben, weil er nach einem

weniger gefährlichen Platz ging, als er einen hellstrahlenden Blitz

hinter sich sah, und den Schrei der Schildwache: »Mörser!« sowie die

Worte eines hinter ihm gehenden Soldaten: »Direkt nach der Bastion

fliegt sie!« hörte.

Michajlow sah sich um. Der glänzende Punkt der Bombe schien in seinem

Zenith stehen zu bleiben, in einer Stellung, daß es entschieden

unmöglich war, seine Richtung zu bestimmen. Aber das dauerte nur einen

Augenblick: die Bombe kam immer schneller und näher, so daß schon

die Funken der Röhre sichtbar waren und das verhängnisvolle Pfeifen

hörbar, -- gerade mitten unter das Bataillon fiel sie nieder.

Legt euch! rief eine Stimme.

Michajlow und Praßkuchin legten sich auf die Erde. Praßkuchin kniff

die Augen zu und hörte nur, wie die Bombe ganz in seiner Nähe auf die

feste Erde aufschlug. Es verging eine Sekunde, die ihm wie eine Stunde

erschien, -- die Bombe platzte nicht. Praßkuchin erschrak: sollte

er unnötig feig gewesen sein? War vielleicht die Bombe weit von ihm

niedergefallen, und war es ihm nur so vorgekommen, als ob ihre Röhre

in seiner Nähe gezischt? Er öffnete die Augen und sah mit Befriedigung

Michajlow dicht an seinen Füßen unbeweglich liegen. Aber da begegnete

seinen Augen auf einen Moment die leuchtende Röhre der nur eine Elle

entfernt von ihm sich drehenden Bombe.

Ein Schreck -- ein kalter, alles Denken und Fühlen lähmender Schreck --

ergriff sein ganzes Wesen. Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

Noch eine Sekunde verging -- eine Sekunde, in der eine ganze Welt

von Gefühlen, Gedanken, Hoffnungen, Erinnerungen an seinem Geiste

vorüberblitzte.

»Wen wird sie treffen, mich oder Michajlow, oder beide zusammen? Und

wenn mich, dann wo? Am Kopf, dann ist alles vorbei; am Bein, dann

wird es abgeschnitten -- und dann werde ich bitten, daß man mich

chloroformiert und kann noch am Leben bleiben. Vielleicht aber tötet

sie nur Michajlow, dann werde ich erzählen, wie wir zusammen gegangen,

wie er getroffen worden, und sein Blut mich bespritzt hat. Nein, mir

ist sie näher ... mich tötet sie!«

Da fielen ihm die zwölf Rubel ein, die er Michajlow schuldig war, und

noch eine Schuld in Petersburg, die er längst hätte bezahlen müssen;

ein Zigeunermotiv, das er gestern abend gesungen hatte, huschte ihm

durch den Kopf. Das Weib, das er liebte, stand vor seiner Phantasie

in einer Haube mit lila Bändern; der Mensch, der ihn vor fünf Jahren

beleidigt und dem er diese Beleidigung nicht heimgezahlt hatte,

fiel ihm ein, obgleich, untrennbar von dieser und tausend anderen

Erinnerungen, das Gefühl der Gegenwart -- die Erwartung des Todes

-- ihn nicht einen Augenblick verließ. »Übrigens, vielleicht platzt

sie nicht«, dachte er und wollte mit verzweifelter Entschlossenheit

die Augen öffnen. Aber in diesem Augenblick traf ihn durch die

geschlossenen Lider ein roter Feuerschein, und mit entsetzlichem

Krachen schlug ihm etwas mitten in die Brust; er stürzte vorwärts,

stolperte über den Säbel, der ihm zwischen die Beine geraten war, und

fiel auf die Seite.

»Gott sei Dank, es ist nur ein Streifschuß!« war sein erster Gedanke,

und er wollte mit den Händen seine Brust befühlen; aber seine Hände

waren wie gelähmt und sein Kopf wie in einen Schraubstock eingeklemmt.

Vor seinen Augen huschten die Soldaten vorüber, und bewußtlos zählte

er sie: »Eins, zwei, drei Mann; da einer in den Mantel gehüllt, ein

Offizier,« dachte er. Dann flammte ein Blitz vor seinen Augen auf,

und er dachte darüber nach, woher der Schuß wohl kommt: aus einem

Mörser oder aus einer Kanone? Wahrscheinlich aus einer Kanone. Da

neue Schüsse; da noch Soldaten: fünf, sechs, sieben Mann, alle gehen

vorüber. Plötzlich wurde ihm furchtbar zu Mut, als ob ihn jemand

würgte. Er wollte schreien, er habe einen Streifschuß bekommen, aber

sein Mund war so vertrocknet, daß ihm die Zunge am Gaumen klebte, und

ein schrecklicher Durst ihn quälte. Er fühlte, wie naß er um die Brust

war: dieses Gefühl der Nässe rief ihm das Wasser in Erinnerung, und er

hätte auch das trinken mögen, wovon seine Brust naß war.

»Wahrscheinlich habe ich mich blutig geschlagen, als ich fiel,« dachte

er. Er überließ sich immer mehr und mehr der Furcht, daß die Soldaten,

die an ihm vorüberhuschten, ihn erwürgen würden. Er nahm alle Kräfte

zusammen und wollte schreien: »Nehmt mich mit!« Aber anstatt dessen

stöhnte er so schrecklich, daß es ihm fürchterlich war, sich zu

hören. Dann hüpften rote Flämmchen vor seinen Augen, und es war ihm,

als legten Soldaten Steine über ihn; die Flämmchen hüpften immer

schneller und schneller, die Steine, die man über ihn legte, drückten

immer schwerer und schwerer. Er machte eine Anstrengung, um die Steine

abzuwälzen, streckte sich aus, und dann sah, hörte, dachte und fühlte

er nichts mehr. Er war durch einen Bombensplitter mitten in die Brust

getroffen und auf der Stelle getötet worden.

Sewastopol · 第 27 / 86 题