XI

Ihr Mantel ist blutig, sind Sie denn im Handgemenge gewesen? fragte ihn

Kalugin.

Ach, schrecklich! Sie können sich vorstellen ...

Und Pest begann zu erzählen, wie er seine Kompagnie geführt, wie

der Kompagniekommandeur getötet worden, wie er einen Franzosen

niedergestochen und wie ... wäre er nicht gewesen, das Gefecht verloren

wäre.

Das Wesentliche dieser Erzählung, daß der Kommandeur getötet war

und daß Pest einen Franzosen getötet hatte, war richtig; aber in

der Schilderung der Einzelheiten war der Junker erfinderisch und

prahlsüchtig.

Er prahlte unwillkürlich, da er sich während des ganzen Gefechts in

einer Art Rausch und Besinnungslosigkeit befunden hatte, so daß alles,

was geschah, ihm so vorkam, als wäre es irgendwo, irgendwann und mit

irgend jemandem geschehen; und es war natürlich, daß er sich Mühe gab,

diese Einzelheiten in einer für ihn vorteilhaften Weise darzustellen.

Wie aber war es in Wirklichkeit gewesen?

Das Bataillon, dem der Junker während des Ausfalls zugeteilt war,

stand zwei Stunden im Feuer, in der Nähe einer Wand, dann gab der

Bataillonskommandeur vor der Front einen Befehl, die Hauptleute trugen

ihn weiter, das Bataillon setzte sich in Bewegung, marschierte vor

die Brustwehr und machte nach hundert Schritten Halt, um sich in

Kompagniekolonnen zu formieren. Pest wurde beordert, sich auf den

rechten Flügel der zweiten Kompagnie zu stellen.

Ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, wo er sich befinde und

weshalb er da sei, stellte sich der Junker an seinen Platz und sah

mit unwillkürlich verhaltenem Atem und mit kaltem, über den Rücken

laufendem Zittern bewußtlos vor sich hin, in die dunkle Ferne hinaus,

etwas Schreckliches erwartend. Übrigens war ihm nicht so schrecklich

zu Mute, denn es wurde nicht geschossen, vielmehr war ihm der Gedanke

eigentümlich, seltsam, sich außerhalb der Festung, auf freiem Felde zu

befinden. Wiederum gab der Bataillonskommandeur einen Befehl vor der

Front, wiederum überbrachten ihn flüsternd die Offiziere, und plötzlich

senkte sich die schwarze Wand der ersten Kompagnie, -- es war befohlen

worden, sich niederzulegen. Die zweite Kompagnie legte sich ebenfalls,

wobei sich Pest die Hand an einem Dornstrauch verletzte. Nur der

Hauptmann der zweiten Kompagnie legte sich nicht. Seine kleine Gestalt,

mit dem gezogenen Degen, den er unter fortwährendem Sprechen hin- und

herschwang, bewegte sich vor der Kompagnie.

Kinder! Das sag' ich euch, haltet euch brav! Aus dem Gewehr keinen

Schuß, mit den Bajonetten auf die Kanaillen! Wenn ich »Urra« schreie,

dann mir nach und nicht zurückgeblieben! ... Frisch drauf los ist die

Hauptsache ... Wir wollen uns sehen lassen, nicht mit der Nase in den

Staub! Nicht wahr, Kinder? Für den Zaren, den Vater! ...

Wie heißt unser Kompagniekommandeur? fragte Pest den Junker, der neben

ihm lag, er ist wirklich tapfer!

Ja, er ist's immer, wenn es zum Kampfe kommt, antwortete der Junker,

Lißinkowski heißt er.

Da blitzte dicht vor der Kompagnie eine Flamme auf, ein Krach ertönte,

der die ganze Kompagnie betäubte, hoch in die Luft schwirrten Steine

und Sprengstücke (wenigstens fiel nach fünfzig Sekunden ein Stein

nieder und zerschmetterte einem Soldaten das Bein). Das war eine Bombe

aus der Elevationslafette, und ihr Einfallen in die Kompagnie bewies,

daß die Franzosen die Kolonne bemerkt hatten.

Mit Bomben schießt er! ... Laß uns nur erst an dich heran sein, dann

sollst du, Verfluchter, das dreikantige russische Bajonett kosten!

rief der Hauptmann so laut, daß der Bataillonskommandeur ihm befehlen

mußte zu schweigen und nicht so viel zu lärmen.

Bald darauf erhob sich die erste Kompagnie, nach ihr die zweite. Es

wurde befohlen, das Gewehr zum Angriff in die rechte Hand zu nehmen,

und das Bataillon ging vorwärts. Pest hatte vor Furcht das Bewußtsein

verloren, wie betrunken ging er mit. Aber plötzlich blitzte von allen

Seiten eine Million von Feuern auf, pfiff und krachte es. Er schrie und

lief vorwärts, weil alle liefen und schrien. Dann stolperte er und fiel

auf etwas. Das war der Kompagnieführer, ... er war vor der Kompagnie

verwundet worden, er hielt den Junker für einen Franzosen und packte

ihn am Bein. Als er sein Bein befreit und sich erhoben hatte, stieß

in der Finsternis ein Mensch mit dem Rücken ihn an und hätte ihn fast

wieder zu Boden geworfen; da schrie ein anderer: »Stich ihn nieder! Was

gaffst du?« Er nahm das Gewehr und stieß das Bajonett in etwas Weiches.

»_Ah Dieu!_« schrie jemand mit schrecklicher, durchdringender Stimme,

und erst da begriff Pest, daß er einen Franzosen erstochen hatte. --

Kalter Schweiß trat an seinem ganzen Körper hervor, er schüttelte sich

wie im Fieber und warf das Gewehr fort. Aber nur einen Augenblick

dauerte dies: sogleich kam ihm der Gedanke in den Kopf, daß er ein

Held sei. Er hob das Gewehr und lief »Urra« schreiend mit der Menge

von dem getöteten Franzosen fort. Nachdem er zwanzig Schritte gelaufen

war, kam er in einen Laufgraben. Dort waren die Unsrigen und der

Bataillonskommandeur.

Ich habe einen erstochen! sagte er zu dem Bataillonskommandeur.

Brav, Baron!

Sewastopol · 第 26 / 86 题