Ihr Mantel ist blutig, sind Sie denn im Handgemenge gewesen? fragte ihn
Kalugin.
Ach, schrecklich! Sie können sich vorstellen ...
Und Pest begann zu erzählen, wie er seine Kompagnie geführt, wie
der Kompagniekommandeur getötet worden, wie er einen Franzosen
niedergestochen und wie ... wäre er nicht gewesen, das Gefecht verloren
wäre.
Das Wesentliche dieser Erzählung, daß der Kommandeur getötet war
und daß Pest einen Franzosen getötet hatte, war richtig; aber in
der Schilderung der Einzelheiten war der Junker erfinderisch und
prahlsüchtig.
Er prahlte unwillkürlich, da er sich während des ganzen Gefechts in
einer Art Rausch und Besinnungslosigkeit befunden hatte, so daß alles,
was geschah, ihm so vorkam, als wäre es irgendwo, irgendwann und mit
irgend jemandem geschehen; und es war natürlich, daß er sich Mühe gab,
diese Einzelheiten in einer für ihn vorteilhaften Weise darzustellen.
Wie aber war es in Wirklichkeit gewesen?
Das Bataillon, dem der Junker während des Ausfalls zugeteilt war,
stand zwei Stunden im Feuer, in der Nähe einer Wand, dann gab der
Bataillonskommandeur vor der Front einen Befehl, die Hauptleute trugen
ihn weiter, das Bataillon setzte sich in Bewegung, marschierte vor
die Brustwehr und machte nach hundert Schritten Halt, um sich in
Kompagniekolonnen zu formieren. Pest wurde beordert, sich auf den
rechten Flügel der zweiten Kompagnie zu stellen.
Ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, wo er sich befinde und
weshalb er da sei, stellte sich der Junker an seinen Platz und sah
mit unwillkürlich verhaltenem Atem und mit kaltem, über den Rücken
laufendem Zittern bewußtlos vor sich hin, in die dunkle Ferne hinaus,
etwas Schreckliches erwartend. Übrigens war ihm nicht so schrecklich
zu Mute, denn es wurde nicht geschossen, vielmehr war ihm der Gedanke
eigentümlich, seltsam, sich außerhalb der Festung, auf freiem Felde zu
befinden. Wiederum gab der Bataillonskommandeur einen Befehl vor der
Front, wiederum überbrachten ihn flüsternd die Offiziere, und plötzlich
senkte sich die schwarze Wand der ersten Kompagnie, -- es war befohlen
worden, sich niederzulegen. Die zweite Kompagnie legte sich ebenfalls,
wobei sich Pest die Hand an einem Dornstrauch verletzte. Nur der
Hauptmann der zweiten Kompagnie legte sich nicht. Seine kleine Gestalt,
mit dem gezogenen Degen, den er unter fortwährendem Sprechen hin- und
herschwang, bewegte sich vor der Kompagnie.
Kinder! Das sag' ich euch, haltet euch brav! Aus dem Gewehr keinen
Schuß, mit den Bajonetten auf die Kanaillen! Wenn ich »Urra« schreie,
dann mir nach und nicht zurückgeblieben! ... Frisch drauf los ist die
Hauptsache ... Wir wollen uns sehen lassen, nicht mit der Nase in den
Staub! Nicht wahr, Kinder? Für den Zaren, den Vater! ...
Wie heißt unser Kompagniekommandeur? fragte Pest den Junker, der neben
ihm lag, er ist wirklich tapfer!
Ja, er ist's immer, wenn es zum Kampfe kommt, antwortete der Junker,
Lißinkowski heißt er.
Da blitzte dicht vor der Kompagnie eine Flamme auf, ein Krach ertönte,
der die ganze Kompagnie betäubte, hoch in die Luft schwirrten Steine
und Sprengstücke (wenigstens fiel nach fünfzig Sekunden ein Stein
nieder und zerschmetterte einem Soldaten das Bein). Das war eine Bombe
aus der Elevationslafette, und ihr Einfallen in die Kompagnie bewies,
daß die Franzosen die Kolonne bemerkt hatten.
Mit Bomben schießt er! ... Laß uns nur erst an dich heran sein, dann
sollst du, Verfluchter, das dreikantige russische Bajonett kosten!
rief der Hauptmann so laut, daß der Bataillonskommandeur ihm befehlen
mußte zu schweigen und nicht so viel zu lärmen.
Bald darauf erhob sich die erste Kompagnie, nach ihr die zweite. Es
wurde befohlen, das Gewehr zum Angriff in die rechte Hand zu nehmen,
und das Bataillon ging vorwärts. Pest hatte vor Furcht das Bewußtsein
verloren, wie betrunken ging er mit. Aber plötzlich blitzte von allen
Seiten eine Million von Feuern auf, pfiff und krachte es. Er schrie und
lief vorwärts, weil alle liefen und schrien. Dann stolperte er und fiel
auf etwas. Das war der Kompagnieführer, ... er war vor der Kompagnie
verwundet worden, er hielt den Junker für einen Franzosen und packte
ihn am Bein. Als er sein Bein befreit und sich erhoben hatte, stieß
in der Finsternis ein Mensch mit dem Rücken ihn an und hätte ihn fast
wieder zu Boden geworfen; da schrie ein anderer: »Stich ihn nieder! Was
gaffst du?« Er nahm das Gewehr und stieß das Bajonett in etwas Weiches.
»_Ah Dieu!_« schrie jemand mit schrecklicher, durchdringender Stimme,
und erst da begriff Pest, daß er einen Franzosen erstochen hatte. --
Kalter Schweiß trat an seinem ganzen Körper hervor, er schüttelte sich
wie im Fieber und warf das Gewehr fort. Aber nur einen Augenblick
dauerte dies: sogleich kam ihm der Gedanke in den Kopf, daß er ein
Held sei. Er hob das Gewehr und lief »Urra« schreiend mit der Menge
von dem getöteten Franzosen fort. Nachdem er zwanzig Schritte gelaufen
war, kam er in einen Laufgraben. Dort waren die Unsrigen und der
Bataillonskommandeur.
Ich habe einen erstochen! sagte er zu dem Bataillonskommandeur.
Brav, Baron!