XIII

Michajlow war, als er die Bombe sah, auf die Erde niedergefallen;

während der zwei Sekunden, in welchen die Bombe ungeborsten dalag,

dachte und fühlte er ebenso viel, wie Praßkuchin. Er betete in Gedanken

zu Gott und wiederholte fortwährend: »Dein Wille geschehe! Und wozu

bin ich in den Dienst getreten -- dachte er gleichzeitig -- und noch

dazu in die Infanterie, um an dem Feldzuge teilzunehmen? Wäre es nicht

besser gewesen, im Ulanenregiment zu bleiben in T. und meine Zeit bei

meiner lieben Natascha zuzubringen? Jetzt ...« Und er begann zu zählen:

eins, zwei, drei, vier und sagte sich, gerade heißt lebendig bleiben,

ungerade tot: »Nun ist alles zu Ende, ich bin tödlich getroffen!«

dachte er, als die Bombe platzte, und er einen Schlag an den Kopf

bekam und einen rasenden Schmerz empfand. »Herr, verzeih' mir meine

Sünden,« rief er mit gefalteten Händen, wollte sich erheben, fiel aber

besinnungslos auf den Rücken.

Das erste, was er fühlte, als er wieder zu sich kam, war das Blut,

das ihm über die Nase strömte, und der bei weitem schwächer gewordene

Schmerz am Kopf. »Die Seele entflieht, dachte er. -- Wie wird es »dort«

sein? ... Herr, nimm meine Seele in Frieden auf. Nur das Eine ist

sonderbar, dachte er, daß ich sterbend so deutlich die Schritte der

Soldaten und die Schüsse höre.«

Eine Bahre her ... he ... unser Hauptmann ist tot! schrie über seinem

Kopfe eine Stimme, die er unwillkürlich als die des Trommlers Ignatjew

erkannte.

Da faßte ihn jemand bei den Schultern. Er versuchte, die Augen zu

öffnen und sah über seinem Kopf den dunkelblauen Himmel, Sterngruppen

und zwei über ihn hinfliegende Bomben, die um die Wette weitereilten

-- er sah Ignatjew, Soldaten mit Tragbahren und Gewehren, den Wall

des Laufgrabens, und überzeugte sich plötzlich, daß er noch nicht im

Jenseits sei.

Er war leicht von einem Stein am Kopf verwundet. Seine allererste

Empfindung war etwas wie Bedauern: er hatte sich so gut und ruhig

auf den Übergang »dorthin« vorbereitet, daß ihn die Rückkehr in

die Wirklichkeit mit ihren Bomben, Laufgräben und Blute unangenehm

berührte; seine zweite Empfindung war die unbewußte Freude darüber,

daß er lebendig war; die dritte -- der Wunsch, so bald als möglich die

Bastion zu verlassen. Der Trommler verband seinem Hauptmann den Kopf

mit einem Tuche, nahm den Verwundeten unter den Arm und wollte ihn nach

dem Verbandort führen.

»Wohin und weshalb ich aber gehe? dachte der Stabskapitän, als er etwas

zu sich gekommen war. Meine Pflicht ist, bei der Kompagnie zu bleiben

und nicht vorzeitig fortzugehen, umsomehr, als sie bald aus dem Feuer

herauskommen wird,« flüsterte eine innere Stimme ihm zu.

Es ist nicht nötig, Bruder, sagte er, indem er seinen Arm dem

dienstfertigen Trommler entzog, ich werde nicht nach dem Verbandort

gehen, sondern bei der Kompagnie bleiben.

Und er wandte sich zurück.

Sie thäten besser, sich ordentlich verbinden zu lassen, Euer

Wohlgeboren, sagte Ignatjew, -- nur in der ersten Hitze scheint das

nichts zu sein; Sie machen es bloß schlimmer; hier giebt's ein ganz

gehöriges Feuer ... gewiß, Euer Wohlgeboren!

Michajlow blieb einen Augenblick unentschlossen stehen und würde

wahrscheinlich Ignatjews Rat befolgt haben, wenn er nicht bedacht

hätte, wieviel Schwerverwundete am Verbandort sein würden.

»Vielleicht werden die Doktoren über meine Schramme nur lächeln,«

dachte der Stabskapitän und ging, trotz der Gründe des Trommlers,

entschlossen zur Kompagnie zurück.

Wo ist der Ordonnanzoffizier Praßkuchin, der mit mir gegangen war?

fragte er den Fähnrich, der die Kompagnie führte.

Ich weiß nicht ... tot, glaube ich, antwortete mürrisch der Fähnrich,

tot oder verwundet.

Wie können Sie das nicht wissen, er ist ja mit uns gegangen? Und

weshalb haben Sie ihn nicht mitgenommen?

Wie soll man ihn mitnehmen, wenn's ein solches Feuer giebt!

Ach! so sind Sie, Michail Iwanytsch, rief zornig Michajlow, wie konnten

Sie ihn liegen lassen, wenn er noch lebt; ja, wenn er auch tot ist,

mußten Sie doch den Leichnam mitnehmen.

Wie kann er leben, wenn ich Ihnen sage, ich selber habe ihn gesehen!

sagte der Fähnrich. Ich bitte Sie! wenn wir nur erst unsere eigenen

Leute fortgeschafft hätten! ... Sieh' da, jetzt schießt die Kanaille

mit Kanonenkugeln! fügte er hinzu.

Michajlow setzte sich und faßte sich an den Kopf, der ihm von der

Bewegung aufs heftigste schmerzte.

Nein, wir müssen jedenfalls hin und ihn mitnehmen; vielleicht lebt

er noch, sagte Michajlow. -- Das ist unsere *Schuldigkeit*, Michail

Iwanytsch!

Michail Iwanytsch antwortete nicht.

»Der hat ihn vorhin nicht mitgenommen, und jetzt muß ich die Soldaten

allein schicken; aber darf ich sie schicken? -- Bei solch einem

schrecklichen Feuer können sie zwecklos getötet werden,« dachte

Michajlow.

Kinder! wir müssen zurückgehen, um einen Offizier mitzunehmen, der dort

im Graben verwundet worden ist, rief er nicht allzu laut und befehlend,

da er fühlte, wie unangenehm den Soldaten die Erfüllung dieses Befehls

sein würde, -- und wirklich, da er niemand mit Namen bezeichnet hatte,

trat keiner vor, dem Geheiß nachzukommen.

»Es ist wahr: vielleicht ist er schon tot und es *lohnt* sich nicht,

die Leute einer unnötigen Gefahr auszusetzen; nur an mir liegt die

Schuld, weshalb habe ich mich um ihn nicht bekümmert. Ich werde

selber gehen, mich zu überzeugen, ob er noch lebt. Das ist meine

*Schuldigkeit*,« sprach Michajlow zu sich selbst.

Michail Iwanytsch! führen Sie die Kompagnie, ich werde nachkommen,

sagte er und lief, mit der einen Hand den Mantel aufhebend, mit der

andern das Bild des heiligen Mitrophan, zu dem er ein besonderes

Vertrauen hatte, fortwährend berührend, im Trabe den Laufgraben entlang.

Nachdem sich Michajlow überzeugt, daß Praßkuchin tot war, schleppte

er sich, keuchend und mit der Hand den locker gewordenen Verband und

den heftig schmerzenden Kopf haltend, zurück. Als er sein Bataillon

erreichte, stand es bereits unten am Berge an Ort und Stelle und fast

außerhalb Schußweite. Ich sage: *fast*, nicht außerhalb Schußweite,

weil bisweilen auch bis dahin sich Bomben verirrten.

»Aber morgen muß ich mich am Verbandort als verwundet einschreiben

lassen,« dachte der Stabskapitän, als der herbeigekommene Feldscher ihn

verband.

Sewastopol · 第 28 / 86 题