IX

Auf dem Wege zur Bastion traf Kalugin viele Verwundete; da er aber aus

Erfahrung wußte, wie schlecht in der Schlacht ein solches Schauspiel

auf den Geist eines Menschen wirkt, so blieb er nicht nur nicht stehen,

um sie zu befragen, sondern suchte vielmehr sie gar nicht zu beachten.

Unten am Berge begegnete ihm ein Ordonnanz-Offizier, der in gestrecktem

Galopp von der Bastion gesprengt kam.

Sobkin! Sobkin! ... halten Sie einen Augenblick.

Nun, was giebt's?

Wo kommen Sie her?

Aus den Schützengräben.

Nun, wie geht's dort zu, heiß?

Ach, entsetzlich!

In der That hatte, obwohl das Gewehrfeuer schwächer geworden, die

Kanonade mit neuer Heftigkeit und Wut begonnen.

»Ach, gräßlich!« dachte Kalugin, indem er ein unangenehmes Gefühl

empfand, und ihn auch eine Vorahnung, ein sehr natürlicher Gedanke --

der Gedanke an den Tod überkam. Aber Kalugin war ehrgeizig und mit

stählernen Nerven begabt, mit einem Wort, was man tapfer nennt. Er gab

sich nicht der ersten Empfindung hin und suchte sich Mut zu machen,

er erinnerte sich eines Adjutanten, ich glaube Napoleons, der in dem

Augenblick, wo er den Befehl zum Galopp weiter gab, mit blutendem Kopfe

zu Napoleon herangesprengt kam.

_Vous êtes blessé?_ sagte Napoleon zu ihm. -- »_Je vous demande pardon,

Sire, je suis mort._« Und der Adjutant sank vom Pferde und war auf der

Stelle tot.

Das erschien ihm sehr schön, und in seiner Einbildung kam er sich

selbst ein wenig wie dieser Adjutant vor, er schlug sein Pferd mit der

Peitsche, und gab sich noch mehr die kecke »Kosakenpose«, warf einen

Blick zurück auf den Kosaken, der in den Steigbügeln aufrecht stehend

hinter ihm her trabte, und kam als ein ganzer Held an der Stelle an,

wo er vom Pferde steigen sollte. Hier traf er vier Soldaten, die auf

Steinen saßen und ihre Pfeifen rauchten.

Was macht ihr hier? schrie er sie an.

Wir haben einen Verwundeten fortgebracht, Euer Wohlgeboren, und haben

uns hingesetzt, um auszuruhen, antwortete der eine von ihnen, indem er

seine Pfeife hinter dem Rücken verbarg und die Mütze abnahm.

Ja, ausruhen ... Marsch, an eure Plätze!

Er ging mit ihnen zusammen den Laufgraben entlang den Berg hinauf,

wobei er auf Schritt und Tritt Verwundeten begegnete. Auf der Höhe des

Berges wandte er sich links und befand sich, nachdem er einige Schritte

gegangen war, ganz allein. Ein Bombensplitter sauste ganz nahe an ihm

vorbei und schlug in den Laufgraben ein. Eine andere Bombe stieg vor

ihm auf und kam, wie ihm schien, gerade auf ihn zu geflogen. Plötzlich

wurde ihm schrecklich zu Mute: er lief trabend fünf Schritte weit

und legte sich auf die Erde nieder. Als die Bombe platzte, und zwar

entfernt von ihm, war er auf sich selber sehr böse, er stand auf und

sah sich um, ob jemand sein Niederlegen bemerkt hätte; aber niemand war

da.

Wenn die Furcht sich einmal der Seele bemächtigt hat, weicht sie nicht

bald einem anderen Gefühle. Er, der sich immer gebrüstet hatte, daß

er sich niemals bücke, ging jetzt mit beschleunigten Schritten und

fast kriechend den Laufgraben entlang. »Ach, schlimm! dachte er, als

er stolperte, ich werde unfehlbar getötet,« er fühlte, wie schwer

es ihm wurde, zu atmen, und wie der Schweiß an seinem ganzen Körper

hervortrat, und wunderte sich über sich selber, versuchte aber nicht

mehr, seiner Empfindung Herr zu werden.

Plötzlich ließen sich Schritte vor ihm hören. Schnell richtete er sich

auf, hob den Kopf in die Höhe und ging, munter mit dem Säbel klirrend,

nicht mehr mit den früheren schnellen Schritten einher. Er erkannte

sich selbst nicht wieder. Als er einem Sappeuroffizier und einem

Matrosen begegnete und der erstere ihm zurief: »Duck dich!« indem er

auf den leuchtenden Punkt einer Bombe zeigte, die immer heller und

heller, immer schneller und schneller sich näherte und in der Nähe des

Laufgrabens platzte, -- bog er nur ein wenig und unwillkürlich, unter

dem Einfluß des warnenden Schreies, den Kopf und ging weiter.

Sieh da, der ist tapfer! sagte der Matrose, der ruhig die fallende

Bombe betrachtet und mit erfahrenem Blick sofort berechnet hatte, daß

ihre Splitter in den Laufgraben nicht einschlagen konnten, er duckt

sich nicht einmal!

Nur noch einige Schritte hatte Kalugin über einen kleinen Platz bis

zur Blindage des Kommandeurs der Bastion zu gehen, als ihn wieder das

dumpfe Gefühl und die thörichte Furcht von vorhin überkam; sein Herz

schlug stärker, das Blut strömte ihm nach dem Kopfe, und er mußte sich

zusammennehmen, um nach der Blindage zu laufen.

Warum sind Sie so außer Atem? sagte der General, als er ihm die Befehle

überbrachte.

Ich bin sehr schnell gegangen, Excellenz!

Wollen Sie nicht ein Glas Wein?

Kalugin trank ein Glas Wein und rauchte eine Cigarette an. Das Gefecht

hatte bereits aufgehört, nur die starke Kanonade dauerte auf beiden

Seiten fort. In der Blindage saß der General N., der Kommandeur der

Bastion und sechs Offiziere, unter ihnen auch Praßkuchin, und sprachen

über verschiedene Einzelheiten des Gefechts. Als Kalugin in diesem

behaglichen Zimmer saß, das mit hellblauen Tapeten ausgeschlagen war,

das ein Sofa, einen Tisch, auf dem Papiere lagen, ein Bett, eine

Wanduhr und ein Heiligenbild, vor dem eine Lampe brannte, enthielt,

-- als er diese Zeichen der Wohnlichkeit und die fast drei Fuß dicken

Balken der Decke sah und die in der Blindage nur schwach tönenden

Schüsse hörte, -- konnte er gar nicht begreifen, wie er sich zweimal

von einer so unverzeihlichen Schwäche hatte können übermannen lassen.

Er war über sich selber erzürnt und sehnte sich nach der Gefahr, um

sich von neuem zu prüfen.

Ich freue mich, daß auch Sie hier sind, Kapitän, sagte er zu einem

Marineoffizier im Stabsoffiziersmantel mit einem starken Schnurrbart

und dem Georgskreuz, der inzwischen in die Blindage gekommen war

und den General bat, ihm Arbeiter zu geben, um zwei auf seiner

Batterie verschüttete Schießscharten wieder herzustellen. Der General

hat mir befohlen, mich zu informieren, fuhr Kalugin fort, als der

Batteriekommandeur aufgehört hatte, mit dem General zu sprechen, ob

Ihre Geschütze den Laufgraben mit Kartätschen beschießen können.

Nur ein Geschütz kann es, antwortete mürrisch der Kapitän.

Jedenfalls wollen wir hingehen und nachsehen.

Der Kapitän runzelte die Stirn und schrie zornig:

Schon die ganze Nacht habe ich dort gestanden und bin hierher gekommen,

um nur ein wenig auszuruhen, können Sie nicht allein hinuntergehen?

Mein Stellvertreter, der Leutnant Karz, ist dort, er wird Ihnen alles

zeigen.

Der Kapitän kommandierte schon seit sechs Monaten diese Batterie, eine

der gefährlichsten, wohnte sogar schon seit Anfang der Belagerung,

da es noch keine Blindagen gab, ununterbrochen auf der Bastion und

hatte unter den Seeleuten den Ruf der Tapferkeit. Daher setzte seine

Weigerung Kalugin nicht wenig in Erstaunen und Verwunderung. »Was

bedeutet der Ruf!« dachte er.

Nun, so werde ich allein gehen, wenn Sie gestatten, entgegnete er in

etwas spöttischem Tone dem Kapitän, der jedoch seine Worte nicht weiter

beachtete.

Kalugin bedachte aber nicht, daß er zu verschiedenen Zeiten alles in

allem nur an fünfzig Stunden auf den Bastionen zugebracht, während

der Kapitän sechs Monate dort gewohnt hatte. Kalugin trieb noch die

Eitelkeit, der Wunsch zu glänzen, die Hoffnung auf Auszeichnungen,

auf Ruhm und der Reiz der Gefahr; der Kapitän hatte all das schon

durchgemacht: auch er hatte der Eitelkeit, der Tapferkeit, der Gefahr

nachgestrebt, der Hoffnung auf Auszeichnungen und Ruhm, und hatte auch

beide errungen, jetzt aber hatten alle diese Reizmittel ihre Macht

über ihn verloren, und er betrachtete den Krieg mit anderen Augen: er

erfüllte aufs pünktlichste seine Pflicht, war sich aber dessen wohl

bewußt, wie wenig Aussichten ihm für das Leben blieben, und setzte

darum nach einem Aufenthalte von sechs Monaten auf der Bastion diese

Aussichten nicht ohne die dringendste Not aufs Spiel, so daß der junge

Leutnant, der vor acht Tagen bei der Batterie eingetreten war, der sie

jetzt Kalugin zeigte, sich mit ihm unnützerweise zur Schießscharte

hinauslehnte und auf die Banketts kletterte, ihm zehnmal tapferer

erschien, als der Kapitän.

Als Kalugin die Batterie besichtigt hatte und nach der Blindage

zurückging, stieß er in der Finsternis auf den General, der sich mit

seinen Ordonnanzoffizieren auf die Höhe begab.

Rittmeister Praßkuchin! sagte der General, gehen Sie gefälligst in den

rechten Schützengraben hinunter und sagen Sie dem zweiten Bataillon des

M.-Regiments, das dort auf Arbeit ist, daß es die Arbeit abbrechen,

ohne Lärm abmarschieren und sich mit seinem Regiment vereinigen soll,

das unten am Berge in Reserve steht ... Verstehen Sie? Sie werden es

selbst zum Regiment führen.

Zu Befehl.

Und Praßkuchin lief im Trabe zum Schützengraben.

Das Feuer wurde stärker.

X

Ist dies das zweite Bataillon des M.-Regiments? fragte Praßkuchin,

als er, an Ort und Stelle gekommen war und auf Soldaten stieß, die in

Säcken Erde trugen.

Jawohl, Herr.

Wo ist der Kommandeur?

Michajlow war in dem Glauben, daß nach dem Kompagniekommandeur

gefragt würde, kam aus seiner Grube herauf und ging, mit der Hand am

Mützenschirm, an Praßkuchin heran, den er für einen Vorgesetzten hielt.

Der General hat befohlen, schnell ... und vor allem still zurückzugehen

... nein, nicht zurück, sondern zur Reserve, sprach Praßkuchin, indem

er nach dem feindlichen Feuer schielte.

Als Michajlow Praßkuchin erkannt hatte, ließ er die Hand sinken und

gab, nachdem er erfahren, worum es sich handelte, den Befehl weiter;

das Bataillon hörte auf zu arbeiten, ergriff die Gewehre, zog die

Mäntel an und setzte sich in Bewegung.

Wer es nicht kennen gelernt hat, kann sich die Freude nicht vorstellen,

die ein Mensch empfindet, der nach einem dreistündigen Bombardement

einen so gefährlichen Platz, wie ein Schützengraben ist, verläßt.

Michajlow, der während dieser drei Stunden mehr als einmal nicht ohne

Grund geglaubt, daß sein *Ende* gekommen, hatte sich schon mit dem

Gedanken vertraut gemacht, daß er unzweifelhaft fallen müsse und daß

er nicht mehr dieser Welt angehöre. Aber trotzdem kostete es ihm große

Mühe, seine Beine vom Laufen zurückzuhalten, als er neben Praßkuchin an

der Spitze der Kompagnie aus dem Schützengraben ging.

Auf Wiedersehen! rief ihm ein Major zu, der Kommandeur eines anderen

Bataillons, das in den Schützengräben zurückblieb, und mit dem er in

der Grube an der Brustwehr gesessen und Käse gegessen hatte. Glück auf

den Weg!

Und Ihnen wünsche ich, glücklich Ihre Position zu halten. Jetzt ist es,

wie mir scheint, ruhig geworden.

Kaum aber hatte er dies gesagt, als der Feind, der jedenfalls die

Bewegung in den Gräben bemerkt hatte, immer stärker und stärker zu

feuern begann. Die Unsrigen antworteten ihm, und wiederum erhob sich

eine starke Kanonade. Die Sterne standen hoch am Himmel, glänzten

aber nicht hell. Die Nacht war so dunkel, daß man die Hand vor

den Augen nicht sah, nur die Feuer der Schüsse und die platzenden

Bomben erhellten auf einen Augenblick die Gegenstände. Die Soldaten

gingen schnell und schweigend und suchten unwillkürlich einander

zuvorzukommen; nach dem unaufhörlichen Rollen der Schüsse wurden

nur die gemessenen Schritte der Soldaten auf dem trockenen Wege,

das Klirren der Bajonette oder das Seufzen und das Gebet eines

Soldaten: »Herr, Herr! Was ist das?« gehört. Bisweilen ließ sich

das Stöhnen eines Verwundeten und der Ruf: »Tragbahre!« vernehmen.

(In der Kompagnie, die Michajlow befehligte, wurden allein durch

Artilleriefeuer in der Nacht 26 Mann getötet.) Ein Blitz flammte am

dunklen, fernen Horizonte auf, die Schildwache auf der Bastion schrie:

»Kano--o--ne!« und die Kugel sauste über die Kompagnie hin, riß die

Erde auf und warf Steine in die Höhe.

»Hol's der Teufel! wie langsam sie gehen, dachte Praßkuchin, indem

er neben Michajlow einherschritt und fortwährend zurückblickte.

Wahrhaftig, ich laufe lieber voraus; den Befehl habe ich ja überbracht

... Übrigens, nein: man könnte ja sagen, daß ich ein Feigling bin. Mag

geschehen, was will, -- ich gehe mit den übrigen.«

»Und weshalb folgt er mir? dachte seinerseits Michajlow. -- Soviel

ich bemerkt habe, bringt er immer Unglück. Da kommt eine geflogen,

schnurstracks hierher, wie mir scheint.«

Als sie einige hundert Schritt gegangen waren, stießen sie auf

Kalugin, der, mit dem Säbel klirrend, gemessenen Schrittes nach den

Schützengräben ging, um auf Befehl des Generals sich zu erkundigen,

wie weit die Arbeiten dort gediehen seien. Als er aber Michajlow

traf, fiel ihm ein, er könne, anstatt selbst in diesem schrecklichen

Feuer dorthin zu gehen, was ihm auch nicht befohlen worden war, einen

Offizier, der dort gewesen, nach allem ausfragen. Und wirklich erzählte

ihm Michajlow ausführlich von dem Stand der Arbeiten. Dann ging Kalugin

noch einige Schritte mit ihm und bog in den zur Blindage führenden

Laufgraben ein.

Nun, was giebt's Neues? fragte ein Offizier, der allein im Zimmer saß

und Abendbrot aß.

Nichts, es scheint, daß es kein Gefecht mehr geben wird.

Wie, kein Gefecht mehr? ... Im Gegenteil, der General ist soeben wieder

auf den Wachtturm gegangen. Noch ein Regiment ist gekommen. Da geht's

ja los ... hören Sie das Gewehrfeuer? Sie werden doch nicht gehen?

Wozu das? fügte der Offizier hinzu, als er die Bewegung bemerkte, die

Kalugin machte.

»Eigentlich müßte ich jedenfalls dabei sein, dachte Kalugin, aber ich

habe mich in dieser Nacht schon vielen Gefahren ausgesetzt; das Feuer

ist schrecklich.«

Ich werde sie in der That lieber hier erwarten, sagte er.

Wirklich kehrten nach zwanzig Minuten der General und die bei ihm

befindlichen Offiziere zurück; unter ihnen befand sich der Junker

Baron Pest, aber Praßkuchin fehlte. Die Schützengräben waren von den

Unsrigen genommen und besetzt worden.

Nachdem Kalugin ausführliche Nachrichten über das Gefecht erhalten,

verließ er mit Pest die Blindage.

Sewastopol · 第 25 / 86 题