Auf dem Wege zur Bastion traf Kalugin viele Verwundete; da er aber aus
Erfahrung wußte, wie schlecht in der Schlacht ein solches Schauspiel
auf den Geist eines Menschen wirkt, so blieb er nicht nur nicht stehen,
um sie zu befragen, sondern suchte vielmehr sie gar nicht zu beachten.
Unten am Berge begegnete ihm ein Ordonnanz-Offizier, der in gestrecktem
Galopp von der Bastion gesprengt kam.
Sobkin! Sobkin! ... halten Sie einen Augenblick.
Nun, was giebt's?
Wo kommen Sie her?
Aus den Schützengräben.
Nun, wie geht's dort zu, heiß?
Ach, entsetzlich!
In der That hatte, obwohl das Gewehrfeuer schwächer geworden, die
Kanonade mit neuer Heftigkeit und Wut begonnen.
»Ach, gräßlich!« dachte Kalugin, indem er ein unangenehmes Gefühl
empfand, und ihn auch eine Vorahnung, ein sehr natürlicher Gedanke --
der Gedanke an den Tod überkam. Aber Kalugin war ehrgeizig und mit
stählernen Nerven begabt, mit einem Wort, was man tapfer nennt. Er gab
sich nicht der ersten Empfindung hin und suchte sich Mut zu machen,
er erinnerte sich eines Adjutanten, ich glaube Napoleons, der in dem
Augenblick, wo er den Befehl zum Galopp weiter gab, mit blutendem Kopfe
zu Napoleon herangesprengt kam.
_Vous êtes blessé?_ sagte Napoleon zu ihm. -- »_Je vous demande pardon,
Sire, je suis mort._« Und der Adjutant sank vom Pferde und war auf der
Stelle tot.
Das erschien ihm sehr schön, und in seiner Einbildung kam er sich
selbst ein wenig wie dieser Adjutant vor, er schlug sein Pferd mit der
Peitsche, und gab sich noch mehr die kecke »Kosakenpose«, warf einen
Blick zurück auf den Kosaken, der in den Steigbügeln aufrecht stehend
hinter ihm her trabte, und kam als ein ganzer Held an der Stelle an,
wo er vom Pferde steigen sollte. Hier traf er vier Soldaten, die auf
Steinen saßen und ihre Pfeifen rauchten.
Was macht ihr hier? schrie er sie an.
Wir haben einen Verwundeten fortgebracht, Euer Wohlgeboren, und haben
uns hingesetzt, um auszuruhen, antwortete der eine von ihnen, indem er
seine Pfeife hinter dem Rücken verbarg und die Mütze abnahm.
Ja, ausruhen ... Marsch, an eure Plätze!
Er ging mit ihnen zusammen den Laufgraben entlang den Berg hinauf,
wobei er auf Schritt und Tritt Verwundeten begegnete. Auf der Höhe des
Berges wandte er sich links und befand sich, nachdem er einige Schritte
gegangen war, ganz allein. Ein Bombensplitter sauste ganz nahe an ihm
vorbei und schlug in den Laufgraben ein. Eine andere Bombe stieg vor
ihm auf und kam, wie ihm schien, gerade auf ihn zu geflogen. Plötzlich
wurde ihm schrecklich zu Mute: er lief trabend fünf Schritte weit
und legte sich auf die Erde nieder. Als die Bombe platzte, und zwar
entfernt von ihm, war er auf sich selber sehr böse, er stand auf und
sah sich um, ob jemand sein Niederlegen bemerkt hätte; aber niemand war
da.
Wenn die Furcht sich einmal der Seele bemächtigt hat, weicht sie nicht
bald einem anderen Gefühle. Er, der sich immer gebrüstet hatte, daß
er sich niemals bücke, ging jetzt mit beschleunigten Schritten und
fast kriechend den Laufgraben entlang. »Ach, schlimm! dachte er, als
er stolperte, ich werde unfehlbar getötet,« er fühlte, wie schwer
es ihm wurde, zu atmen, und wie der Schweiß an seinem ganzen Körper
hervortrat, und wunderte sich über sich selber, versuchte aber nicht
mehr, seiner Empfindung Herr zu werden.
Plötzlich ließen sich Schritte vor ihm hören. Schnell richtete er sich
auf, hob den Kopf in die Höhe und ging, munter mit dem Säbel klirrend,
nicht mehr mit den früheren schnellen Schritten einher. Er erkannte
sich selbst nicht wieder. Als er einem Sappeuroffizier und einem
Matrosen begegnete und der erstere ihm zurief: »Duck dich!« indem er
auf den leuchtenden Punkt einer Bombe zeigte, die immer heller und
heller, immer schneller und schneller sich näherte und in der Nähe des
Laufgrabens platzte, -- bog er nur ein wenig und unwillkürlich, unter
dem Einfluß des warnenden Schreies, den Kopf und ging weiter.
Sieh da, der ist tapfer! sagte der Matrose, der ruhig die fallende
Bombe betrachtet und mit erfahrenem Blick sofort berechnet hatte, daß
ihre Splitter in den Laufgraben nicht einschlagen konnten, er duckt
sich nicht einmal!
Nur noch einige Schritte hatte Kalugin über einen kleinen Platz bis
zur Blindage des Kommandeurs der Bastion zu gehen, als ihn wieder das
dumpfe Gefühl und die thörichte Furcht von vorhin überkam; sein Herz
schlug stärker, das Blut strömte ihm nach dem Kopfe, und er mußte sich
zusammennehmen, um nach der Blindage zu laufen.
Warum sind Sie so außer Atem? sagte der General, als er ihm die Befehle
überbrachte.
Ich bin sehr schnell gegangen, Excellenz!
Wollen Sie nicht ein Glas Wein?
Kalugin trank ein Glas Wein und rauchte eine Cigarette an. Das Gefecht
hatte bereits aufgehört, nur die starke Kanonade dauerte auf beiden
Seiten fort. In der Blindage saß der General N., der Kommandeur der
Bastion und sechs Offiziere, unter ihnen auch Praßkuchin, und sprachen
über verschiedene Einzelheiten des Gefechts. Als Kalugin in diesem
behaglichen Zimmer saß, das mit hellblauen Tapeten ausgeschlagen war,
das ein Sofa, einen Tisch, auf dem Papiere lagen, ein Bett, eine
Wanduhr und ein Heiligenbild, vor dem eine Lampe brannte, enthielt,
-- als er diese Zeichen der Wohnlichkeit und die fast drei Fuß dicken
Balken der Decke sah und die in der Blindage nur schwach tönenden
Schüsse hörte, -- konnte er gar nicht begreifen, wie er sich zweimal
von einer so unverzeihlichen Schwäche hatte können übermannen lassen.
Er war über sich selber erzürnt und sehnte sich nach der Gefahr, um
sich von neuem zu prüfen.
Ich freue mich, daß auch Sie hier sind, Kapitän, sagte er zu einem
Marineoffizier im Stabsoffiziersmantel mit einem starken Schnurrbart
und dem Georgskreuz, der inzwischen in die Blindage gekommen war
und den General bat, ihm Arbeiter zu geben, um zwei auf seiner
Batterie verschüttete Schießscharten wieder herzustellen. Der General
hat mir befohlen, mich zu informieren, fuhr Kalugin fort, als der
Batteriekommandeur aufgehört hatte, mit dem General zu sprechen, ob
Ihre Geschütze den Laufgraben mit Kartätschen beschießen können.
Nur ein Geschütz kann es, antwortete mürrisch der Kapitän.
Jedenfalls wollen wir hingehen und nachsehen.
Der Kapitän runzelte die Stirn und schrie zornig:
Schon die ganze Nacht habe ich dort gestanden und bin hierher gekommen,
um nur ein wenig auszuruhen, können Sie nicht allein hinuntergehen?
Mein Stellvertreter, der Leutnant Karz, ist dort, er wird Ihnen alles
zeigen.
Der Kapitän kommandierte schon seit sechs Monaten diese Batterie, eine
der gefährlichsten, wohnte sogar schon seit Anfang der Belagerung,
da es noch keine Blindagen gab, ununterbrochen auf der Bastion und
hatte unter den Seeleuten den Ruf der Tapferkeit. Daher setzte seine
Weigerung Kalugin nicht wenig in Erstaunen und Verwunderung. »Was
bedeutet der Ruf!« dachte er.
Nun, so werde ich allein gehen, wenn Sie gestatten, entgegnete er in
etwas spöttischem Tone dem Kapitän, der jedoch seine Worte nicht weiter
beachtete.
Kalugin bedachte aber nicht, daß er zu verschiedenen Zeiten alles in
allem nur an fünfzig Stunden auf den Bastionen zugebracht, während
der Kapitän sechs Monate dort gewohnt hatte. Kalugin trieb noch die
Eitelkeit, der Wunsch zu glänzen, die Hoffnung auf Auszeichnungen,
auf Ruhm und der Reiz der Gefahr; der Kapitän hatte all das schon
durchgemacht: auch er hatte der Eitelkeit, der Tapferkeit, der Gefahr
nachgestrebt, der Hoffnung auf Auszeichnungen und Ruhm, und hatte auch
beide errungen, jetzt aber hatten alle diese Reizmittel ihre Macht
über ihn verloren, und er betrachtete den Krieg mit anderen Augen: er
erfüllte aufs pünktlichste seine Pflicht, war sich aber dessen wohl
bewußt, wie wenig Aussichten ihm für das Leben blieben, und setzte
darum nach einem Aufenthalte von sechs Monaten auf der Bastion diese
Aussichten nicht ohne die dringendste Not aufs Spiel, so daß der junge
Leutnant, der vor acht Tagen bei der Batterie eingetreten war, der sie
jetzt Kalugin zeigte, sich mit ihm unnützerweise zur Schießscharte
hinauslehnte und auf die Banketts kletterte, ihm zehnmal tapferer
erschien, als der Kapitän.
Als Kalugin die Batterie besichtigt hatte und nach der Blindage
zurückging, stieß er in der Finsternis auf den General, der sich mit
seinen Ordonnanzoffizieren auf die Höhe begab.
Rittmeister Praßkuchin! sagte der General, gehen Sie gefälligst in den
rechten Schützengraben hinunter und sagen Sie dem zweiten Bataillon des
M.-Regiments, das dort auf Arbeit ist, daß es die Arbeit abbrechen,
ohne Lärm abmarschieren und sich mit seinem Regiment vereinigen soll,
das unten am Berge in Reserve steht ... Verstehen Sie? Sie werden es
selbst zum Regiment führen.
Zu Befehl.
Und Praßkuchin lief im Trabe zum Schützengraben.
Das Feuer wurde stärker.
X
Ist dies das zweite Bataillon des M.-Regiments? fragte Praßkuchin,
als er, an Ort und Stelle gekommen war und auf Soldaten stieß, die in
Säcken Erde trugen.
Jawohl, Herr.
Wo ist der Kommandeur?
Michajlow war in dem Glauben, daß nach dem Kompagniekommandeur
gefragt würde, kam aus seiner Grube herauf und ging, mit der Hand am
Mützenschirm, an Praßkuchin heran, den er für einen Vorgesetzten hielt.
Der General hat befohlen, schnell ... und vor allem still zurückzugehen
... nein, nicht zurück, sondern zur Reserve, sprach Praßkuchin, indem
er nach dem feindlichen Feuer schielte.
Als Michajlow Praßkuchin erkannt hatte, ließ er die Hand sinken und
gab, nachdem er erfahren, worum es sich handelte, den Befehl weiter;
das Bataillon hörte auf zu arbeiten, ergriff die Gewehre, zog die
Mäntel an und setzte sich in Bewegung.
Wer es nicht kennen gelernt hat, kann sich die Freude nicht vorstellen,
die ein Mensch empfindet, der nach einem dreistündigen Bombardement
einen so gefährlichen Platz, wie ein Schützengraben ist, verläßt.
Michajlow, der während dieser drei Stunden mehr als einmal nicht ohne
Grund geglaubt, daß sein *Ende* gekommen, hatte sich schon mit dem
Gedanken vertraut gemacht, daß er unzweifelhaft fallen müsse und daß
er nicht mehr dieser Welt angehöre. Aber trotzdem kostete es ihm große
Mühe, seine Beine vom Laufen zurückzuhalten, als er neben Praßkuchin an
der Spitze der Kompagnie aus dem Schützengraben ging.
Auf Wiedersehen! rief ihm ein Major zu, der Kommandeur eines anderen
Bataillons, das in den Schützengräben zurückblieb, und mit dem er in
der Grube an der Brustwehr gesessen und Käse gegessen hatte. Glück auf
den Weg!
Und Ihnen wünsche ich, glücklich Ihre Position zu halten. Jetzt ist es,
wie mir scheint, ruhig geworden.
Kaum aber hatte er dies gesagt, als der Feind, der jedenfalls die
Bewegung in den Gräben bemerkt hatte, immer stärker und stärker zu
feuern begann. Die Unsrigen antworteten ihm, und wiederum erhob sich
eine starke Kanonade. Die Sterne standen hoch am Himmel, glänzten
aber nicht hell. Die Nacht war so dunkel, daß man die Hand vor
den Augen nicht sah, nur die Feuer der Schüsse und die platzenden
Bomben erhellten auf einen Augenblick die Gegenstände. Die Soldaten
gingen schnell und schweigend und suchten unwillkürlich einander
zuvorzukommen; nach dem unaufhörlichen Rollen der Schüsse wurden
nur die gemessenen Schritte der Soldaten auf dem trockenen Wege,
das Klirren der Bajonette oder das Seufzen und das Gebet eines
Soldaten: »Herr, Herr! Was ist das?« gehört. Bisweilen ließ sich
das Stöhnen eines Verwundeten und der Ruf: »Tragbahre!« vernehmen.
(In der Kompagnie, die Michajlow befehligte, wurden allein durch
Artilleriefeuer in der Nacht 26 Mann getötet.) Ein Blitz flammte am
dunklen, fernen Horizonte auf, die Schildwache auf der Bastion schrie:
»Kano--o--ne!« und die Kugel sauste über die Kompagnie hin, riß die
Erde auf und warf Steine in die Höhe.
»Hol's der Teufel! wie langsam sie gehen, dachte Praßkuchin, indem
er neben Michajlow einherschritt und fortwährend zurückblickte.
Wahrhaftig, ich laufe lieber voraus; den Befehl habe ich ja überbracht
... Übrigens, nein: man könnte ja sagen, daß ich ein Feigling bin. Mag
geschehen, was will, -- ich gehe mit den übrigen.«
»Und weshalb folgt er mir? dachte seinerseits Michajlow. -- Soviel
ich bemerkt habe, bringt er immer Unglück. Da kommt eine geflogen,
schnurstracks hierher, wie mir scheint.«
Als sie einige hundert Schritt gegangen waren, stießen sie auf
Kalugin, der, mit dem Säbel klirrend, gemessenen Schrittes nach den
Schützengräben ging, um auf Befehl des Generals sich zu erkundigen,
wie weit die Arbeiten dort gediehen seien. Als er aber Michajlow
traf, fiel ihm ein, er könne, anstatt selbst in diesem schrecklichen
Feuer dorthin zu gehen, was ihm auch nicht befohlen worden war, einen
Offizier, der dort gewesen, nach allem ausfragen. Und wirklich erzählte
ihm Michajlow ausführlich von dem Stand der Arbeiten. Dann ging Kalugin
noch einige Schritte mit ihm und bog in den zur Blindage führenden
Laufgraben ein.
Nun, was giebt's Neues? fragte ein Offizier, der allein im Zimmer saß
und Abendbrot aß.
Nichts, es scheint, daß es kein Gefecht mehr geben wird.
Wie, kein Gefecht mehr? ... Im Gegenteil, der General ist soeben wieder
auf den Wachtturm gegangen. Noch ein Regiment ist gekommen. Da geht's
ja los ... hören Sie das Gewehrfeuer? Sie werden doch nicht gehen?
Wozu das? fügte der Offizier hinzu, als er die Bewegung bemerkte, die
Kalugin machte.
»Eigentlich müßte ich jedenfalls dabei sein, dachte Kalugin, aber ich
habe mich in dieser Nacht schon vielen Gefahren ausgesetzt; das Feuer
ist schrecklich.«
Ich werde sie in der That lieber hier erwarten, sagte er.
Wirklich kehrten nach zwanzig Minuten der General und die bei ihm
befindlichen Offiziere zurück; unter ihnen befand sich der Junker
Baron Pest, aber Praßkuchin fehlte. Die Schützengräben waren von den
Unsrigen genommen und besetzt worden.
Nachdem Kalugin ausführliche Nachrichten über das Gefecht erhalten,
verließ er mit Pest die Blindage.