II

In der belagerten Stadt Sewastopol spielte auf dem Boulevard bei einem

Pavillon eine Regimentskapelle, und Scharen von Soldaten und Frauen

bewegten sich müßig in den Gängen. Die helle Frühlingssonne, die am

Morgen über den englischen Verschanzungen aufgegangen war, hatte ihren

Weg über die Bastionen, dann über die Stadt, über die Nikolai-Kaserne

zurückgelegt und allen mit gleicher Freude geleuchtet; jetzt senkte

sie sich zu dem fernen, blauen Meer hinab, dessen gleichmäßig wogende

Wellen im Silberglanze funkelten.

Ein hochgewachsener, etwas gebückter Infanterieoffizier, der einen

nicht ganz weißen, aber sauberen Handschuh über die Hand zog, trat

aus dem Pförtchen eines der kleinen Matrosenhäuschen heraus, die

auf der linken Seite der Seestraße standen, und ging, nachdenklich

seine Füße besehend, über eine Anhöhe zum Boulevard. Der Ausdruck

des unschönen Gesichts dieses Offiziers verriet nicht gerade große

Geistesanlagen, wohl aber Geradheit, Besonnenheit, Ehrenhaftigkeit

und Ordnungsliebe. Er war nicht schön gebaut, ein wenig linkisch,

gewissermaßen verschämt in seinen Bewegungen. Er trug eine noch wenig

gebrauchte Mütze, einen dünnen Mantel von etwas eigentümlicher,

veilchenblauer Farbe, unter dem eine goldene Uhrkette, Hosen mit

Strippen und reine, glänzende Kalblederstiefeln sichtbar waren. Man

hätte ihn für einen Deutschen halten können, wenn seine Gesichtszüge

nicht seine rein russische Abkunft verraten hätten, oder für einen

Adjutanten oder Regiments-Quartiermeister (aber dann hätte er Sporen

tragen müssen), oder für einen Offizier, der für die Zeit des Feldzugs

von der Kavallerie, vielleicht auch von der Garde übergetreten war. Es

war wirklich ein Offizier, der aus der Kavallerie übergetreten war,

und in diesem Augenblick, wo er zum Boulevard hinaufschritt, dachte

er an einen Brief, den er eben von einem ehemaligen Kameraden, der

jetzt außer Dienst war, einem Gutsbesitzer im Gouvernement T. und

seiner Gattin, der blassen, blauäugigen Natascha, seiner Busenfreundin,

erhalten hatte. Ihm war eine Stelle des Briefes eingefallen, in dem

der Kamerad schreibt:

»Wenn der *Invalide* bei uns eintrifft, stürzt *Pupka* (so pflegte

der frühere Ulan seine Gattin zu nennen) kopfüber in das Vorzimmer,

greift nach der Zeitung und rennt damit nach der *Plauderecke*, in das

*Empfangszimmer* (in dem wir so schön die Winterabende zusammen verlebt

haben, weißt du noch, als das Regiment bei uns in der Stadt lag) und

liest mit solchem Feuereifer *Euere* Heldenthaten, daß Du Dir's kaum

vorstellen kannst. Sie spricht oft von Dir. >Nicht wahr, Michajlow --

sagt sie -- ist doch eine *Seele von Mensch*. Ich könnte ihn abküssen,

wenn ich ihn sehe. *Er kämpft auf den Bastionen* und bekommt gewiß das

Georgskreuz, und die Zeitungen werden über ihn schreiben ...< u. s.

w. u. s. w., so daß ich entschieden anfange, auf Dich eifersüchtig zu

werden.« An einer anderen Stelle schreibt er: »Die Zeitungen bekommen

wir schrecklich spät, und wenn es auch viele mündliche Nachrichten

giebt, so kann man doch nicht allen Glauben schenken. Gestern z. B.

haben die Dir bekannten *jungen Damen mit der Musik* erzählt, Napoleon

sei schon von unseren Kosaken gefangen genommen und nach Petersburg

transportiert; aber Du kannst Dir denken, wie wenig ich das glaube.

Ein Fremder aus Petersburg hat uns erzählt (er ist im Ministerium

für besondere Aufträge, ein reizender Mensch, und jetzt, wo niemand

in der Stadt ist, eine solche *Ressource* für uns, daß Du Dir's kaum

vorstellen kannst ...), er sagt bestimmt, die Unsrigen hätten Eupatoria

genommen, *so daß die Franzosen von Balaklava abgeschnitten* sind, und

wir hätten dabei 200 Mann, die Franzosen aber 15000 Mann verloren.

Meine Frau war so entzückt davon, daß sie die ganze Nacht *gezecht*

hat, sie meint, Du bist sicher bei diesem Treffen gewesen, sie ahne

das, und hättest Dich ausgezeichnet.«

Trotz der Worte und Ausdrücke, die ich absichtlich durch die Schrift

ausgezeichnet habe, und trotz des ganzen Tons dieses Briefes dachte der

Stabskapitän Michajlow mit unsagbar trauriger Wonne an seine blasse

Freundin in der Provinz, und wie er mit ihr die Abende in dem Erker

gesessen und über »das Gefühl« gesprochen hatte, er dachte an den

guten Kameraden, den Ulan, wie er böse war und brummte, wenn sie in

seinem Arbeitszimmer um eine Kopeke spielten, wie seine Gattin über ihn

lachte -- dachte an die Freundschaft, die diese Menschen für ihn hatten

(vielleicht glaubte er auch, es sei etwas mehr von seiten der blassen

Freundin); alle diese Personen mit ihrer Umgebung huschten durch seine

Phantasie in einem wunderbar süßen, beseligend-rosigen Lichte und,

lächelnd bei seinen Erinnerungen, legte er die Hand an die Tasche, in

der dieser ihm so liebe Brief steckte.

Von Erinnerungen ging der Stabskapitän Michajlow unwillkürlich zu

Träumen und Hoffnungen über. »Wie groß wird Nataschas Verwunderung

und Freude sein -- dachte er, während er durch das schmale Gäßchen

dahinschritt, -- wenn sie auf einmal im *Invaliden* die Schilderung

lesen wird, wie ich zuerst die Kanone erklettert und das Georgskreuz

bekommen habe! Kapitän muß ich nach altem Brauch werden. Dann kann

ich leicht noch in demselben Jahre Major in der Linie werden, denn es

sind viele von unseren Leuten gefallen und werden gewiß noch viele in

diesem Feldzug fallen. Und dann wird es wieder eine Schlacht geben, und

ich als ein berühmter Mann bekomme ein Regiment ... Oberstleutnant ...

den Annenorden um den Hals ... Oberst ...« und er war schon General,

und würdig, Natascha zu besuchen, die Witwe des Kameraden, der, wie

er es sich ausmalte, bis dahin gestorben war -- als die Töne der

Boulevard-Musik deutlicher an sein Ohr schlugen, das drängende Volk ihm

in die Augen fiel und er auf dem Boulevard erwachte -- als der alte

Stabskapitän von der Infanterie.

Sewastopol · 第 19 / 86 题