In der belagerten Stadt Sewastopol spielte auf dem Boulevard bei einem
Pavillon eine Regimentskapelle, und Scharen von Soldaten und Frauen
bewegten sich müßig in den Gängen. Die helle Frühlingssonne, die am
Morgen über den englischen Verschanzungen aufgegangen war, hatte ihren
Weg über die Bastionen, dann über die Stadt, über die Nikolai-Kaserne
zurückgelegt und allen mit gleicher Freude geleuchtet; jetzt senkte
sie sich zu dem fernen, blauen Meer hinab, dessen gleichmäßig wogende
Wellen im Silberglanze funkelten.
Ein hochgewachsener, etwas gebückter Infanterieoffizier, der einen
nicht ganz weißen, aber sauberen Handschuh über die Hand zog, trat
aus dem Pförtchen eines der kleinen Matrosenhäuschen heraus, die
auf der linken Seite der Seestraße standen, und ging, nachdenklich
seine Füße besehend, über eine Anhöhe zum Boulevard. Der Ausdruck
des unschönen Gesichts dieses Offiziers verriet nicht gerade große
Geistesanlagen, wohl aber Geradheit, Besonnenheit, Ehrenhaftigkeit
und Ordnungsliebe. Er war nicht schön gebaut, ein wenig linkisch,
gewissermaßen verschämt in seinen Bewegungen. Er trug eine noch wenig
gebrauchte Mütze, einen dünnen Mantel von etwas eigentümlicher,
veilchenblauer Farbe, unter dem eine goldene Uhrkette, Hosen mit
Strippen und reine, glänzende Kalblederstiefeln sichtbar waren. Man
hätte ihn für einen Deutschen halten können, wenn seine Gesichtszüge
nicht seine rein russische Abkunft verraten hätten, oder für einen
Adjutanten oder Regiments-Quartiermeister (aber dann hätte er Sporen
tragen müssen), oder für einen Offizier, der für die Zeit des Feldzugs
von der Kavallerie, vielleicht auch von der Garde übergetreten war. Es
war wirklich ein Offizier, der aus der Kavallerie übergetreten war,
und in diesem Augenblick, wo er zum Boulevard hinaufschritt, dachte
er an einen Brief, den er eben von einem ehemaligen Kameraden, der
jetzt außer Dienst war, einem Gutsbesitzer im Gouvernement T. und
seiner Gattin, der blassen, blauäugigen Natascha, seiner Busenfreundin,
erhalten hatte. Ihm war eine Stelle des Briefes eingefallen, in dem
der Kamerad schreibt:
»Wenn der *Invalide* bei uns eintrifft, stürzt *Pupka* (so pflegte
der frühere Ulan seine Gattin zu nennen) kopfüber in das Vorzimmer,
greift nach der Zeitung und rennt damit nach der *Plauderecke*, in das
*Empfangszimmer* (in dem wir so schön die Winterabende zusammen verlebt
haben, weißt du noch, als das Regiment bei uns in der Stadt lag) und
liest mit solchem Feuereifer *Euere* Heldenthaten, daß Du Dir's kaum
vorstellen kannst. Sie spricht oft von Dir. >Nicht wahr, Michajlow --
sagt sie -- ist doch eine *Seele von Mensch*. Ich könnte ihn abküssen,
wenn ich ihn sehe. *Er kämpft auf den Bastionen* und bekommt gewiß das
Georgskreuz, und die Zeitungen werden über ihn schreiben ...< u. s.
w. u. s. w., so daß ich entschieden anfange, auf Dich eifersüchtig zu
werden.« An einer anderen Stelle schreibt er: »Die Zeitungen bekommen
wir schrecklich spät, und wenn es auch viele mündliche Nachrichten
giebt, so kann man doch nicht allen Glauben schenken. Gestern z. B.
haben die Dir bekannten *jungen Damen mit der Musik* erzählt, Napoleon
sei schon von unseren Kosaken gefangen genommen und nach Petersburg
transportiert; aber Du kannst Dir denken, wie wenig ich das glaube.
Ein Fremder aus Petersburg hat uns erzählt (er ist im Ministerium
für besondere Aufträge, ein reizender Mensch, und jetzt, wo niemand
in der Stadt ist, eine solche *Ressource* für uns, daß Du Dir's kaum
vorstellen kannst ...), er sagt bestimmt, die Unsrigen hätten Eupatoria
genommen, *so daß die Franzosen von Balaklava abgeschnitten* sind, und
wir hätten dabei 200 Mann, die Franzosen aber 15000 Mann verloren.
Meine Frau war so entzückt davon, daß sie die ganze Nacht *gezecht*
hat, sie meint, Du bist sicher bei diesem Treffen gewesen, sie ahne
das, und hättest Dich ausgezeichnet.«
Trotz der Worte und Ausdrücke, die ich absichtlich durch die Schrift
ausgezeichnet habe, und trotz des ganzen Tons dieses Briefes dachte der
Stabskapitän Michajlow mit unsagbar trauriger Wonne an seine blasse
Freundin in der Provinz, und wie er mit ihr die Abende in dem Erker
gesessen und über »das Gefühl« gesprochen hatte, er dachte an den
guten Kameraden, den Ulan, wie er böse war und brummte, wenn sie in
seinem Arbeitszimmer um eine Kopeke spielten, wie seine Gattin über ihn
lachte -- dachte an die Freundschaft, die diese Menschen für ihn hatten
(vielleicht glaubte er auch, es sei etwas mehr von seiten der blassen
Freundin); alle diese Personen mit ihrer Umgebung huschten durch seine
Phantasie in einem wunderbar süßen, beseligend-rosigen Lichte und,
lächelnd bei seinen Erinnerungen, legte er die Hand an die Tasche, in
der dieser ihm so liebe Brief steckte.
Von Erinnerungen ging der Stabskapitän Michajlow unwillkürlich zu
Träumen und Hoffnungen über. »Wie groß wird Nataschas Verwunderung
und Freude sein -- dachte er, während er durch das schmale Gäßchen
dahinschritt, -- wenn sie auf einmal im *Invaliden* die Schilderung
lesen wird, wie ich zuerst die Kanone erklettert und das Georgskreuz
bekommen habe! Kapitän muß ich nach altem Brauch werden. Dann kann
ich leicht noch in demselben Jahre Major in der Linie werden, denn es
sind viele von unseren Leuten gefallen und werden gewiß noch viele in
diesem Feldzug fallen. Und dann wird es wieder eine Schlacht geben, und
ich als ein berühmter Mann bekomme ein Regiment ... Oberstleutnant ...
den Annenorden um den Hals ... Oberst ...« und er war schon General,
und würdig, Natascha zu besuchen, die Witwe des Kameraden, der, wie
er es sich ausmalte, bis dahin gestorben war -- als die Töne der
Boulevard-Musik deutlicher an sein Ohr schlugen, das drängende Volk ihm
in die Augen fiel und er auf dem Boulevard erwachte -- als der alte
Stabskapitän von der Infanterie.