*Sewastopol* im December 1854
Eben beginnt die Morgenröte den Horizont über dem Ssapunberg zu
färben; die dunkelblaue Meeresfläche hat bereits das nächtliche Dunkel
abgestreift und erwartet den ersten Sonnenstrahl, um in glänzenden
Farben zu spielen; von der Bucht her weht es kalt und neblig; es
liegt kein Schnee, alles ist schwarz, aber der scharfe Morgenfrost
greift das Gesicht an und macht die Erde unter den Füßen knirschen;
nur das entfernte, unaufhörliche, bisweilen von rollenden Schüssen in
Sewastopol übertönte Brausen des Meeres unterbricht die Stille des
Morgens. Auf den Schiffen ist es still; die achte Stunde schlägt.
Auf der Nordseite beginnt allmählich die Ruhe der Nacht der Thätigkeit
des Tages zu weichen: hier marschiert eine Wachablösung, mit den
Gewehren klirrend, vorbei; dort eilt ein Arzt schon ins Lazarett;
hier kriecht ein Soldat aus einer Erdhütte, wäscht sich mit eisigem
Wasser das sonnenverbrannte Gesicht und betet, nach dem sich rötenden
Osten gewendet und sich schnell bekreuzigend, zu Gott; hier
schleppt knarrend eine hohe, schwere, mit Kamelen bespannte Madshara
(tatarischer Bauernwagen) blutige Leichen, mit denen sie fast bis an
den Rand beladen ist, zur Beerdigung auf den Kirchhof ... Wir gehen
auf den Hafen zu, -- hier schlägt uns ein eigentümlicher Geruch von
Steinkohlen, Dünger, Feuchtigkeit und Fleisch entgegen; tausend
verschiedenartige Gegenstände -- Brennholz, Fleisch, Schanzkörbe, Mehl,
Eisen u. s. w. -- liegen haufenweis am Hafen; Soldaten verschiedener
Regimenter, mit Säcken und Gewehren, ohne Säcke und ohne Gewehre,
drängen sich hier, rauchen, zanken sich, schleppen Lasten auf den
Dampfer, der rauchend an der Landungsbrücke liegt; Privatkähne, voll
von allerlei Volk, -- von Soldaten, Seeleuten, Kaufleuten, Weibern, --
legen an oder stoßen ab.
Nach der Grafßkaja, Euer Wohlgeboren, wenn's gefällig ist! bieten uns
zwei oder drei verabschiedete Matrosen ihre Dienste an, indem sie in
ihren Böten aufstehen.
Wir wählen den, der uns am nächsten ist, schreiten über den
halbverfaulten Kadaver eines braunen Pferdes, der hier im Schmutz in
der Nähe des Bootes liegt, und gehen an's Steuerruder. Wir stoßen vom
Ufer ab. Rings um uns haben wir das schon in der Morgensonne glänzende
Meer, vor uns den alten Matrosen, in einem Überrock aus Kamelhaar, und
einen blonden Knaben, die unter Schweigen emsig die Ruder führen.
Wir sehen die vielen segelfertigen Schiffe, die nah und fern in der
Bucht zerstreut sind, die kleinen, schwarzen Punkte der auf dem
glänzenden Azur des Meeres sich bewegenden Schaluppen und die auf der
andern Seite der Bucht befindlichen, durch die hellroten Strahlen der
Morgensonne gefärbten, schönen und hellen Häuser der Stadt; wir sehen
die schaumbespritzte Linie des Molo und der versenkten Schiffe, deren
schwarze Mastenspitzen hie und da düster aus dem Wasser ragen; unserm
Blicke begegnet die entfernte feindliche Flotte, die am kristallenen
Horizont des Meeres unthätig daliegt, endlich sehen wir die durch
unsere Ruder in den schäumenden Wellen in die Höhe geworfenen und
springenden Tropfen der Salzflut; wir hören den einförmigen Laut von
Stimmen, die über das Wasser her zu uns dringen, und die majestätischen
Töne der Kanonade, die, wie uns scheint, immer stärker wird in
Sewastopol.
Es ist unmöglich, daß bei dem Gedanken: auch wir sind in Sewastopol,
unsere Seele nicht das Gefühl eines gewissen Mutes und Stolzes
durchdringe, und das Blut nicht schneller in unsern Adern fließe.
Euer Wohlgeboren! Steuern Sie direkt auf den Kistentin (das Schiff
»Konstantin«), sagt zu uns der alte Matrose, indem er sich rückwärts
wendet, um die Richtung, die wir dem Boote geben, zu berichtigen, das
Steuerruder rechts!
Und er hat noch all seine Kanonen! bemerkt der blonde Bursche, während
er am Schiffe vorbeirudert und es betrachtet.
Freilich. Er ist neu, Kornilow hat ihn befehligt, bemerkt der Alte,
indem er ebenfalls das Schiff betrachtet.
Sieh, wie sie geplatzt ist! sagt der Knabe nach einem längeren
Schweigen, indem er auf ein weißes Wölkchen zerfließenden Rauches
sieht, das sich plötzlich hoch über der südlichen Bucht erhebt und von
dem lauten Krachen einer platzenden Bombe begleitet ist.
Er feuert heut aus einer neuen Batterie, fügt der Alte hinzu, indem
er sich gleichmütig in die Hände spuckt. Nun, Mischka, zugerudert,
wir wollen die Barkasse überholen! ... Und unser Boot eilt schneller
vorwärts über die weite, wogende Bucht, überholt wirklich die schwere
Barkasse, die mit Säcken beladen ist und von ungeschickten Soldaten
ungleich gerudert wird, und landet, zwischen einer Menge am Ufer
befestigter Böte, im Grafßkaja-Hafen.
Auf dem Uferdamm bewegen sich lärmend Scharen von Soldaten in
grauen Mänteln, von Matrosen in schwarzen Winterröcken und von
buntgekleideten Frauen. Alte Weiber verkaufen Semmeln, Bauern mit
Theemaschinen schreien: »Heißer Sbitjen!«[A] und dort auf den ersten
Stufen der nach dem Landungsplatz führenden Treppe liegen verrostete
Kanonenkugeln, Bomben, Kartätschen und gußeiserne Kanonen verschiedenen
Kalibers; etwas weiter ist ein großer Platz, auf dem mächtige Balken,
Kanonenlafetten, schlafende Soldaten liegen, und Pferde, Fuhrwerke,
grüne Pulverkasten mit Geschützen, und Sturmgeräte der Infanterie
stehen; Soldaten, Matrosen, Offiziere, Weiber, Kinder und Kaufleute
bewegen sich durcheinander; Bauernwagen mit Heu, mit Säcken und Fässern
kommen angefahren; hier reitet ein Kosak und ein Offizier, dort fährt
ein General in einer Droschke. Rechts ist die Straße durch eine
Barrikade gesperrt, auf der in Schießscharten kleine Kanonen stehen;
neben diesen sitzt, seine Pfeife rauchend, ein Matrose. Links erhebt
sich ein hübsches Haus mit römischen Ziffern an der Stirnseite, vor
dem Soldaten neben blutigen Tragbahren stehen, -- überall sehen wir
die häßlichen Spuren des Lagerlebens im Kriege. Der erste Eindruck,
den wir empfinden, ist jedenfalls der unangenehmste; die eigentümliche
Vermischung des Lagerlebens mit städtischem Leben und Treiben, der
schönen Stadt mit dem schmutzigen Biwak ist nicht nur unschön, sondern
kommt uns wie ein widerwärtiges Durcheinander vor; es scheinen uns
sogar alle bestürzt und unruhig, und nicht zu wissen, was sie thun
sollen. Aber wenn wir den Menschen, die sich um uns herum bewegen,
näher ins Gesicht sehen, kommen wir zu einer ganz andern Ansicht.
Betrachten wir nur diesen Train-Soldaten, der seine drei Braunen zur
Tränke führt, und so ruhig vor sich hinsummt, daß man ihm anmerkt, er
wird sich in dieser bunten Menge, die für ihn nicht existiert, nicht
verirren, er verrichtet seine Arbeit, welche es immer sei, ob Pferde
zu tränken, oder am Geschütz zu ziehen, ebenso ruhig, selbstvertrauend
und gleichgültig, als wenn das alles irgendwo in Tula oder Saransk
geschehe. Denselben Ausdruck lesen wir auch auf dem Gesicht des jungen
Offiziers, der in tadellosen weißen Handschuhen vorbeigeht, auf dem
Gesicht des Matrosen, der rauchend auf der Barrikade sitzt, auf den
Gesichtern der als Träger verwendeten Soldaten, die mit Bahren auf der
Außentreppe des ehemaligen Kasinos warten, und auf dem Gesicht des
Mädchens, das, in der Furcht, sein rosafarbenes Kleid naß zu machen,
von Stein zu Stein über die Straße hüpft.
[A] Getränk aus Wasser, Honig und Lorbeerblättern oder Salbei, das von
den Aermeren als Thee getrunken wird. Anm. d. Herausg.
Wenn wir zum erstenmal in Sewastopol ankommen, sind wir unbedingt
enttäuscht. Wir suchen vergebens, auch nur auf einem Gesicht, Spuren
von Unruhe und Kopflosigkeit, oder auch von Begeisterung, Todesmut
und Entschlossenheit, -- nichts von alledem: wir sehen ruhig mit
ihrer Alltagsarbeit beschäftigte Alltagsmenschen, so daß wir uns
vielleicht selbst ein Übermaß von Enthusiasmus vorwerfen, daß wir leise
Zweifel hegen an der Richtigkeit der Vorstellung von dem Heldenmut
der Verteidiger Sewastopols, die wir uns nach den Erzählungen, den
Beschreibungen gebildet haben und dem, was wir auf der Nordseite
gesehen und gehört. Aber ehe wir zweifeln, gehen wir auf die Bastionen,
betrachten wir Sewastopols Verteidiger auf dem Schauplatz der
Verteidigung selber, -- oder noch besser, gehen wir direkt in das Haus
gegenüber, das früher das Sewastopoler Kasinogebäude gewesen und auf
dessen Außentreppe Soldaten mit Tragbahren stehen, -- da werden wir die
Verteidiger Sewastopols sehen, da werden wir schreckliche, traurige,
große, Erstaunen erregende und herzerhebende Szenen sehen.
Wir wollen in den großen Saal des Kasinos gehen. Kaum haben wir die
Thür geöffnet, da erschreckt uns plötzlich der Anblick und der Geruch
von vierzig oder fünfzig amputierten, sehr schwer verwundeten Kranken,
die einen auf Pritschen, die meisten auf der Diele liegend. Wir dürfen
dem Gefühl, das uns an der Schwelle zurückhält, nicht nachgeben -- es
ist kein schönes Gefühl; gehen wir nur vorwärts, schämen wir uns nicht,
daß wir gekommen, von den quälendsten Schmerzen Gepeinigte zu *sehen*
-- schämen wir uns nicht, zu ihnen zu gehen und mit ihnen zu sprechen:
die Unglücklichen sehen gern ein mitfühlendes Menschenantlitz, sprechen
gern von ihren Qualen und hören gern Worte der Liebe und Teilnahme ...
Wir wollen in der Mitte der Lagerstätten entlang gehen und ein weniger
düsteres und schmerzdurchfurchtes Gesicht suchen, zu dem wir hingehen
können, um zu sprechen.
Wo bist du verwundet? -- fragen wir unentschlossen und zaghaft einen
alten, abgemagerten Soldaten, der auf einer Pritsche sitzt, uns mit
einem treuherzigen Blicke verfolgt und uns aufzufordern scheint, an
ihn heranzukommen. Ich sage: zaghaft fragen wir, weil Leiden nicht nur
tiefes Mitgefühl, sondern auch Scheu vor der Möglichkeit zu beleidigen
und Hochachtung vor dem, der sie erträgt, einflößen.
Am Bein, antwortet der Soldat, aber zugleich bemerken wir selber an den
Falten der Decke, daß ihm ein Bein bis zum Knie fehlt. Gott sei Dank,
fügt er hinzu: ich werde jetzt aus dem Lazarett entlassen werden.
Und ist es schon lange her, daß du verwundet worden bist?
Ja, vor sechs Wochen, Euer Wohlgeboren.
Schmerzt es dich jetzt?
Nein, jetzt schmerzt es nicht, -- gar nicht; nur die Wade scheint mir
weh zu thun, wenn schlechtes Wetter ist, das ist alles.
Wie und wo bist du verwundet worden?
Auf der fünften Bastion, Euer Wohlgeboren, wie das erste Bombardement
war, ich hatte das Geschütz hergerichtet, wollte nach einer anderen
Schießscharte gehen, und da traf er mich ins Bein, es war mir, als ob
ich in eine Grube stürzte, -- fort war das Bein.
Empfandest du nicht Schmerz in diesem ersten Augenblick?
Nein, nur ein Gefühl, als wenn ich mit etwas Heißem ans Bein gestoßen
würde.
Nun, aber dann?
Und dann war weiter nichts; nur als man mir die Haut straff zog, war
mir, als ob sie wund gerieben würde. Das Erste, Euer Wohlgeboren, ist,
*an nichts denken*; wenn man nichts denkt, dann ist auch weiter nichts.
Alles kommt daher, daß der Mensch denkt.
Da tritt an uns eine Frau heran, in einem grauen gestreiften Kleide,
mit einem um den Kopf gebundenen schwarzen Tuch, sie mischt sich in
unser Gespräch mit dem Matrosen und beginnt von ihm zu erzählen, von
seinen Leiden, dem verzweifelten Zustande, in dem er sich vier Wochen
lang befunden, -- wie er, verwundet, die Tragbahre hatte anhalten
lassen, um die Salve unserer Batterie zu sehen, wie die Großfürsten mit
ihm gesprochen und ihm 25 Rubel geschenkt, und wie er ihnen gesagt, daß
er wieder auf die Bastion wolle, um die jungen Leute zu unterweisen,
wenn er selber nicht mehr arbeiten könnte. Während die Frau dies in
einem Atem hersagt, sieht sie bald uns, bald den Matrosen an, der,
abgewandt und als wenn er nicht auf sie hörte, auf seinem Kopfkissen
Charpie zupft, -- und ihre Augen leuchten dabei von einem besonderen
Entzücken.
Das ist meine Hausfrau, Euer Wohlgeboren! bemerkt uns der Matrose, mit
einem Ausdrucke, als wenn er spräche: Sie müssen ihr schon verzeihen,
es ist einmal so, Weiber müssen dummes Zeug schwatzen.
Wir beginnen die Verteidiger Sewastopols zu verstehen, wir schämen
uns förmlich vor diesem Menschen. Wir möchten ihm gar viel sagen, um
ihm unser Mitgefühl und unsere Bewunderung auszudrücken, aber wir
finden keine Worte oder sind nicht zufrieden mit denen, die uns gerade
einfallen, und beugen uns schweigend vor dieser schweigsamen und
unbewußten Größe und Stärke des Geistes, dieser Scham vor dem eigenen
Werte.
Nun möge Gott dich bald gesund werden lassen, sagen wir zu ihm und
bleiben vor einem anderen Kranken stehen, der auf der Diele liegt und
in unerträglichen Schmerzen den Tod zu erwarten scheint.
Es ist ein blonder Mensch mit einem geschwollenen und bleichen Gesicht.
Er liegt auf dem Rücken, den linken Arm hinten unter gelegt, in
einer Lage, die fürchterliche Schmerzen ausdrückt. Der vertrocknete,
geöffnete Mund stößt mit Mühe röchelnden Atem aus; die blauen,
glanzlosen Augen rollen nach oben gerichtet, und aus der umgeschlagenen
Decke ragt der mit Binden umwundene Stumpf des rechten Arms hervor. Der
dumpfige Geruch, den der leblose Körper ausströmt, fällt uns stark auf
die Brust, und die verzehrende, innerliche Hitze, die alle Glieder des
Dulders durchdringt, bemächtigt sich auch unser.
Wie, ist er besinnungslos? fragen wir die Frau, die hinter uns geht und
uns, wie Verwandte, freundlich ansieht.
Noch nicht, er hört, befindet sich aber sehr schlecht, fügt sie
flüsternd hinzu, ich habe ihm heute Thee zu trinken gegeben; obwohl
er mir fremd ist, so muß man doch Mitleiden haben, -- er hat fast gar
nicht mehr getrunken.
Wie fühlst du dich? fragen wir ihn.
Der Verwundete bewegt auf unsere Frage die Pupillen, aber er sieht und
versteht uns nicht.
Im Herzen brennt's.
Ein wenig weiter sehen wir einen alten Soldaten, der die Wäsche
wechselt. Sein Gesicht und Körper sind ziegelfarbig und mager wie bei
einem Skelett. Der eine Arm fehlt ihm gänzlich, er ist ihm an der
Schulter abgenommen worden. Er sitzt gefaßt da, -- er befindet sich
auf dem Wege der Besserung; aber an dem toten, trüben Auge, an der
schrecklichen Magerkeit und den Runzeln des Gesichts erkennen wir, daß
dieses Wesen schon den größeren Teil seines Lebens durchlitten hat.
Auf der anderen Seite sehen wir auf einer Pritsche ein leidendes,
bleiches und zartes Frauengesicht, auf dessen Wangen flammende Röte
spielt.
Das ist unsere Matrosenfrau, am 5. hat sie eine Bombe am Bein
getroffen, sagt uns unsere Führerin, sie brachte ihrem Manne Essen auf
die Bastion.
Hat man sie amputiert?
Sie ist über'm Knie amputiert worden.
Jetzt gehen wir durch eine Thür links, wenn unsere Nerven stark sind;
in diesem Zimmer werden die Verwundeten verbunden und operiert. Wir
sehen hier die Ärzte mit Blut an den Armen bis zu den Ellbogen und mit
blassen, finsteren Gesichtern um eine Pritsche beschäftigt, auf der
mit geöffneten Augen und wie im Fieber sinnlose, bisweilen einfache
und rührende Worte sprechend, ein Verwundeter chloroformiert liegt.
Die Ärzte sind mit einer widerwärtigen, aber wohlthätigen Arbeit
beschäftigt. Wir sehen, wie ein scharfes krummes Messer in den weißen,
gesunden Körper einschneidet; -- wir sehen, wie der Verwundete mit
einem schrecklichen, herzzerreißenden Schrei und mit Verwünschungen
plötzlich zur Besinnung kommt; -- wir sehen, wie der Feldscher den
abgeschnittenen Arm in eine Ecke wirft; -- wir sehen in demselben
Zimmer, auf einer Tragbahre, einen anderen Verwundeten liegen, der
beim Anblick der Operation des Kameraden sich windet und stöhnt, nicht
so sehr aus körperlichem Schmerz, wie aus Qual und Erwartung; -- wir
sehen schreckliche, herzerschütternde Szenen, wir sehen den Krieg
nicht in dem üblichen schönen und glänzenden Gewande, mit Musik und
Trommelklang, mit wehenden Fahnen und Generalen hoch zu Rosse, wir
sehen den Krieg in seinem wahren Wesen -- in Blut, in Leiden, in Tod ...
Treten wir aus diesem Hause der Qualen heraus, so empfinden wir
unfehlbar ein tröstliches Gefühl, atmen voller die frische Luft ein,
empfinden Vergnügen im Bewußtsein unserer Gesundheit, schöpfen aber
zugleich aus der Anschauung dieser Leiden das Bewußtsein unserer
eigenen Nichtigkeit und gehen ruhig und entschlossen auf die Bastionen
...
»Was bedeutet der Tod und die Leiden eines so nichtigen Wurmes,
wie ich, im Vergleich zu dem Tode und dem Leiden so vieler?« Aber
der Anblick des klaren Himmels, der strahlenden Sonne, der schönen
Stadt, der geöffneten Kirche und des Kriegsvolks, das sich nach allen
Richtungen hin bewegt, versetzt unsern Geist schnell in den normalen
Zustand des Leichtsinns, der Alltagssorgen und des Genusses der
Gegenwart.
Vielleicht begegnen wir einem aus der Kirche kommenden Begräbnis eines
Offiziers, mit einem rosafarbenen Sarge, mit Musik und fliegenden
Fahnen; an unser Ohr dringen vielleicht die Töne der Kanonade von den
Bastionen, aber das versetzt uns nicht in die frühere Stimmung zurück:
das Leichenbegängnis erscheint uns als ein wunderschönes militärisches
Schauspiel, die Töne als ein minder schönes Kriegsgetön, und wir
verknüpfen weder mit diesem Schauspiel, noch mit diesen Tönen den
klaren, uns selbst betreffenden Gedanken an Leiden und Tod, wie wir das
an dem Verbandort gethan haben.
An der Kirche und Barrikade vorüber kommen wir nach dem belebtesten
Stadtteil. Auf beiden Seiten befinden sich Aushängeschilder von
Verkaufsläden und Gastwirtschaften. Kaufleute, Frauen in Hüten
und Tüchern, stutzerhafte Offiziere, -- alles spricht uns von der
Standhaftigkeit, dem Selbstvertrauen und der Sicherheit der Einwohner.
Wir müssen in ein Gasthaus rechter Hand gehen, wenn wir ein Gespräch
von Seeleuten und Offizieren hören wollen; hier werden jedenfalls
Gespräche über die verflossene Nacht, über Fenjka, über den 24.
geführt, darüber, wie schlecht und teuer man die Koteletts bekommt, und
wie der und jener Kamerad gefallen ist.
Hol's der Teufel, wie arg es heut bei uns ist! spricht mit Baßstimme
ein bartloser Marineoffizier mit blonden Augenbrauen und Wimpern, der
eine grüne, gestrickte Schärpe trägt.
Wo ist das -- bei uns? fragt ihn ein anderer.
Auf der vierten Bastion, antwortet der junge Offizier, und wir
betrachten unfehlbar mit großer Aufmerksamkeit und sogar mit einer
gewissen Achtung den blonden Offizier bei den Worten: »auf der vierten
Bastion«. Seine übermäßige Ausführlichkeit, sein Herumfuchteln mit den
Händen, sein lautes Lachen und Sprechen, die uns erst keck erscheinen,
erweisen sich als jene besondere prahlerische Stimmung, die leicht nach
einer Gefahr über junge Leute kommt; wir denken, daß er anfangen wird,
uns zu erzählen, wie arg es auf der vierten Bastion ist der Bomben und
Gewehrkugeln wegen -- weit gefehlt! arg ist es dort, weil es schmutzig
ist. -- »Man kann nicht nach der Batterie gehen, spricht er, indem er
auf seine bis über die Waden mit Schmutz bedeckten Stiefel zeigt. Und
heut habe ich meinen besten Kommandeur verloren, direkt in die Stirn
ist er getroffen worden,« sagt ein anderer. -- »Wer war es? Mitjuchin?«
»Nein ... Nun, wird man mir endlich den Kalbsbraten geben ... Seid ihr
Kanaillen!« fügt er hinzu, zu der Bedienung des Gasthauses gewandt.
»Nicht Mitjuchin, sondern Abramow. Es war ein braver Kamerad -- sechs
Ausfälle hat er mitgemacht!«
Am andern Ende des Tisches sitzen bei Koteletts mit Schoten und einer
Flasche sauren Krimweins, sogenannten Bordeaux, zwei Offiziere von der
Infanterie: der eine mit rotem Kragen und zwei Sternen auf dem Mantel,
ein junger Mann, erzählt dem andern, mit schwarzem Kragen und ohne
Sterne, von dem Treffen an der Alma. Der erstere hat schon ein wenig
getrunken, und man merkt es an den Pausen, die er in seiner Erzählung
macht, an dem unentschlossenen Blick, der zweifelnd zu fragen scheint,
ob man ihm auch glaube, hauptsächlich aber an der allzu großen Rolle,
die er in allem spielt, und weil alles zu furchtbar klingt, daß er
stark von der strengen Wiedergabe der Wahrheit abweicht. Aber wir sind
nicht in der Stimmung, diese Erzählungen mit anzuhören, die wir noch
lange an allen Enden Rußlands werden zu hören bekommen; wir wollen
so schnell als möglich auf die Bastionen, besonders auf die vierte,
von der man uns so vieles und so verschiedenartiges erzählt hat. Wenn
jemand sagt, er sei auf der vierten Bastion gewesen, so sagt er das
mit besonderer Befriedigung und mit Stolz; sagt jemand: ich gehe auf
die vierte Bastion, so sieht man ihm sicher eine kleine Erregung oder
allzugroßen Gleichmut an; will man jemanden necken, so sagt man: dich
sollte man in die vierte Bastion schicken; begegnet man Tragbahren und
fragt: woher? -- so bekommt man meist die Antwort: von der vierten
Bastion. Es giebt überhaupt zwei völlig verschiedene Meinungen über
diese schreckliche Bastion: die Meinung solcher, die nie dort waren und
die überzeugt sind, daß die vierte Bastion das sichere Grab für jeden
ist, der dorthin geht -- und solcher, die dort hausen, wie der blonde
Midshipman, und die, wenn sie von der vierten Bastion sprechen, uns
sagen, ob es in der Erdhütte trocken oder schmutzig, warm oder kalt ist
u. s. w.
In der halben Stunde, die wir im Gasthaus zugebracht haben, hat sich
das Wetter geändert: der Nebel, der über das Meer gebreitet lag, hat
sich zu grauen, düsteren, feuchten Wetterwolken geballt und verhüllt
die Sonne; ein trauriger Staubregen sprüht vom Himmel und netzt die
Dächer, die Straßen und die Soldatenmäntel ...
Wir gehen noch durch eine Barrikade hindurch, dann treten wir zur Thür
heraus, wenden uns rechts und steigen auf einer langen Straße bergauf.
Hinter dieser Barrikade sind die Häuser zu beiden Seiten unbewohnt,
Schilder fehlen, die Thüren sind mit Brettern vernagelt, die Fenster
eingeschlagen, hier ist eine Mauerecke fortgeschossen, dort ein Dach
durchgeschlagen. Die Gebäude gleichen Veteranen, die alle Not und
Sturm erfahren haben, und scheinen stolz und geringschätzig auf uns
herabzusehen. Unterwegs stolpern wir über herumliegende Kanonenkugeln
und fallen in Löcher voll Wasser, welche die Bomben auf dem steinigen
Grunde gerissen. Auf der Straße treffen wir Soldatendetachements,
Grenzkosaken, Offiziere. Bisweilen begegnen wir einer Frau oder einem
Kinde, aber die Frau geht nicht in Weiberkleidung; sie ist eine
Matrosenfrau und trägt einen alten Pelz und Soldatenstiefel. Wenn wir
auf der Straße weitergehen und unter eine kleine Anhöhe gelangt sind,
bemerken wir um uns nicht mehr Häuser, sondern sonderbare Trümmerhaufen
-- Steine, Bretter, Lehm, Balken; vor uns sehen wir auf einer steilen
Anhöhe eine schwarze, schmutzige, von Gräben durchzogene Fläche,
und dies vor uns ist die vierte Bastion ... Hier begegnen wir noch
weniger Menschen, Frauen sind gar nicht zu sehen, die Soldaten gehen
schnell, auf dem Wege zeigen sich Blutstropfen, und unfehlbar treffen
wir hier vier Soldaten mit einer Tragbahre, und auf der Bahre ein
fahlgelbes Gesicht und einen blutigen Mantel. Wenn wir fragen: »Wo ist
er verwundet?« sagen die Träger ärgerlich, ohne sich zu uns zu wenden,
am Bein oder am Arm, wenn der Kranke leicht verwundet ist; oder sie
schweigen mürrisch, wenn auf der Bahre der Kopf nicht sichtbar und der
Getragene bereits tot oder schwer verwundet ist.
Das nahe Pfeifen einer Kanonenkugel oder Bombe, gerade da wir den
Berg zu besteigen beginnen, überrascht uns in unangenehmer Weise. Wir
begreifen plötzlich, und ganz anders, als wir es vorher begriffen
haben, die Bedeutung der Kanonentöne, die wir in der Stadt gehört
haben. Ein friedlich tröstliches Erinnern blitzt in unsern Gedanken
auf; unser eigenes Ich beginnt uns mehr zu beschäftigen, als die
Beobachtungen: die Aufmerksamkeit für alles, was uns umgiebt, nimmt
ab, und ein unangenehmes Gefühl der Unentschlossenheit überkommt uns
plötzlich. Wir achten dieser kleinlichen Stimme nicht, die bei dem
Anblick der Gefahr plötzlich in unserm Innern sich vernehmen läßt,
und bringen, -- besonders da wir den Soldaten betrachten, der mit
ausgebreiteten Händen über den flüssigen Kot schnell lachend an uns
vorbei den Berg hinanklimmt, -- diese Stimme zum Schweigen, strecken
unwillkürlich die Brust vor, heben den Kopf empor und klettern den
schlüpfrigen, lehmigen Berg hinauf. Kaum haben wir uns etwas auf den
Berg hinaufgearbeitet, so beginnen rechts und links Kugeln aus Stutzen
zu pfeifen, und wir denken vielleicht, ob wir nicht besser thäten, den
Laufgraben entlang zu gehen, der mit dem Wege parallel läuft; aber
der Laufgraben ist *so* voll von flüssigem, gelbem, übelriechendem,
bis über die Knie reichendem Schmutz, daß wir unbedingt den Weg auf
dem Berge wählen, umsomehr, als wir alle ihn gehen sehen. Zweihundert
Schritt weiter gelangen wir zu einer aufgerissenen, schmutzigen Fläche,
die auf allen Seiten von Schanzkörben und von Erdaufschüttungen
umgeben ist, in denen sich Pulverkeller und Erdwohnungen befinden,
und auf denen große gußeiserne Kanonen, mit regelmäßigen Haufen von
Kugeln daneben, stehen. Das alles scheint uns ohne Zweck und Ordnung
aufgetürmt zu sein. Da in der Batterie sitzt eine Schar Matrosen,
dort in der Mitte des Platzes liegt eine halb in Schmutz versunkene,
zerschossene Kanone; da geht ein Infanterist mit seinem Gewehr durch
die Batterien und zieht mit Mühe seine Füße aus dem Schmutz. Aber
überall, auf allen Seiten und allen Punkten, sehen wir Sprengstücke,
nichtgeplatzte Bomben, Kanonenkugeln, Spuren des Lagerlebens, und
das alles ist in flüssigen, morastigen Schmutz versunken; wir hören
das Aufschlagen einer Kanonenkugel, hören die verschiedenen Töne der
Gewehrkugeln, die wie Bienen summen, schnell pfeifen oder wie eine
Darmsaite klingen, wir hören furchtbaren Geschützdonner, der uns alle
erschüttert und mit furchtbarem Entsetzen erfüllt.
»Das ist also die vierte Bastion, das ist also der schreckliche,
wirklich furchtbare Ort!« denken wir und empfinden ein kleines Gefühl
des Stolzes und ein großes Gefühl unterdrückter Angst. Aber wir
sind enttäuscht, das ist noch nicht die vierte Bastion. Das ist die
Jasonow-Redoute, ein verhältnismäßig sehr gefahrloser und durchaus
nicht schrecklicher Platz. Um nach der vierten Bastion zu gelangen,
müssen wir rechts einen engen Laufgraben verfolgen, in dem ein
Infanterist gebückt einhergeht. In diesem Graben treffen wir vielleicht
wieder Tragbahren, Matrosen, Soldaten mit Schaufeln, sehen Leitungen
zu Minen, Erdhütten voll Schmutz, in denen nur zwei Menschen gebückt
herumkriechen können, wir sehen die hier wohnenden Plastuns[B] der
Bataillone vom Schwarzen Meer, die sich dort umkleiden, essen, Tabak
rauchen, wohnen, und sehen wiederum überall denselben übelriechenden
Schmutz, die Spuren des Lagerlebens und in jedweder Gestalt
umherliegendes Gußeisen. Nach dreihundert Schritten kommen wir wieder
zu einer Batterie, -- zu einem kleinen mit Löchern bedeckten Platze,
der von Schanzkörben voll Erde, von Geschützen auf Plattformen und von
Erdwällen umgeben ist. Hier sehen wir nun fünf Mann Matrosen, die unter
der Brustwehr Karten spielen, und einen Marineoffizier, der uns, als
neugierigen Neulingen, seine Wirtschaft und alles uns Interessierende
zeigt. Dieser Offizier dreht sich so ruhig, auf dem Geschütz sitzend,
eine Cigarette aus gelbem Papier, geht so ruhig von einer Schießscharte
zur andern, spricht so ruhig mit uns, so gänzlich ungezwungen, daß
wir ungeachtet der Gewehrkugeln, die häufiger als früher über uns
pfeifen, kaltblütig bleiben, aufmerksam fragen und den Erzählungen
des Offiziers lauschen. Dieser Offizier wird uns, aber nur, wenn wir
ihn fragen, von dem Bombardement am 5. erzählen; er wird erzählen,
wie in seiner Batterie nur ein einziges Geschütz thätig sein konnte,
und von der ganzen Bedienungsmannschaft nur acht Mann übrig geblieben
waren, und wie er dennoch am folgenden Morgen, am 6., aus allen
Geschützen gefeuert; er wird uns erzählen, wie am 5. eine Bombe in
eine Matrosen-Erdhütte eingeschlagen und elf Mann niedergestreckt hat;
er wird uns von der Schießscharte aus die nicht mehr als dreißig bis
vierzig Faden entfernten Batterien und Laufgräben des Feindes zeigen.
Nur das eine fürchte ich, daß wir, zur Schießscharte hinausgelehnt, um
zu dem Feinde hinüberzuschauen, unter dem Einflusse des Sausens der
Kugeln nichts sehen, und wenn wir etwas sehen, uns sehr wundern werden,
daß dieser uns so nahe weiße Steinwall, über dem weiße Rauchwölkchen
emporsteigen, der Feind ist -- »er«, wie die Soldaten und Matrosen
sagen.
[B] Plastuns hießen die am östlichen Ufer des Schwarzen Meeres und am
Kuban lebenden Kosaken.
Es ist sogar leicht möglich, daß der Marineoffizier aus Eitelkeit oder
nur so, um sich ein Vergnügen zu machen, in unserer Gegenwart ein wenig
schießen lassen will. »Den Kommandor herschicken, Bedienungsmannschaft
ans Geschütz!« -- und an vierzehn Mann Matrosen, der eine seine Pfeife
in die Tasche steckend, der andere Zwieback kauend, gehen frisch
und munter, mit den beschlagenen Stiefeln auf der Plattform laut
auftretend, an die Kanone und laden sie. Wir betrachten die Züge,
die Haltung und die Bewegung dieser Leute: in jeder Falte dieses
verbrannten Gesichts mit den starken Backenknochen, in jeder Muskel, in
diesen breiten Schultern, in diesen kräftigen Beinen, die in gewaltigen
Stiefeln stecken, in jeder dieser ruhigen, sicheren, langsamen
Bewegungen erkennt man die Hauptcharakterzüge, die die Kraft des Russen
ausmachen -- Schlichtheit und Festigkeit; aber hier, dünkt uns, hat
die Gefahr, der Zorn und die Leiden des Krieges jedem Gesicht außer
diesen Hauptzügen noch die Spuren des Bewußtseins des eigenen Wertes,
erhabenen Denkens und Empfindens eingeprägt.
Plötzlich überrascht uns ein schrecklicher, nicht nur unser Gehör,
sondern unseren ganzen Organismus erschütternder Knall, so daß wir am
ganzen Leibe erzittern. Gleich darauf hören wir, wie das Geschoß sich
pfeifend entfernt, und dichter Pulverdampf hüllt uns, die Plattform
und die schwarzen Gestalten der hin- und hergehenden Matrosen ein.
Wir hören verschiedene Gespräche der Matrosen über diesen Schuß. Wir
sehen, wie sie lebhaft werden und ein Gefühl offenbaren, das wir kaum
erwartet hätten -- das Gefühl der Wut, der Rache am Feinde, das in
der Seele eines jeden verborgen ruht. »Gerade in die Schießscharte
hat es getroffen; wie es scheint, sind zwei gefallen ... dort trägt
man sie heraus,« hören wir freudig ausrufen. »Sieh, er ärgert sich,
-- gleich wird er hierher schießen,« sagt jemand, und wirklich sehen
wir bald darauf Blitz und Rauch vor uns; der auf der Brustwehr
stehende Posten schreit: »Kano--one!« und gleich darauf kommt eine
Kanonenkugel an uns vorbeigeflogen, schlägt auf die Erde auf und wirft,
sich trichterförmig einbohrend, Steine und Erdstücke um sich. Der
Batteriechef, ärgerlich wegen dieser Kugel, befiehlt ein zweites und
drittes Geschütz zu laden, -- der Feind beginnt uns zu antworten, und
wir durchleben interessante Empfindungen, hören und sehen interessante
Dinge. Der Posten schreit wiederum: »Kanone!« und wir hören denselben
Ton und Schlag, sehen dieselben Erdstücke; oder er schreit: »Mörser!«
-- und wir hören ein gleichmäßiges, ziemlich angenehmes Pfeifen der
Bombe, mit dem man nur mühsam den Gedanken an etwas Furchtbares in
Verbindung bringt, wir hören das Pfeifen, das sich uns nähert und sich
beschleunigt, dann sehen wir eine schwarze Kugel, ihr Aufschlagen
auf die Erde und das von einem starken Krach begleitete Platzen der
Bombe. Mit Pfeifen und Zischen fliegen dann die Splitter umher,
schwirren Steine durch die Luft und wir werden mit Schmutz beworfen.
Bei diesen Tönen empfinden wir ein sonderbares Gefühl, gemischt aus
Angst und Genuß. In dem Augenblicke, wo das Geschoß auf uns zufliegt,
schießt uns unbedingt der Gedanke durch den Kopf, daß es uns tötet;
aber das Gefühl der Eigenliebe stachelt uns, und niemand bemerkt das
Messer, das uns ins Fleisch schneidet. Dafür aber leben wir, wenn
das Geschoß vorübergeflogen ist, ohne uns zu streifen, wieder auf,
und ein erquickendes, unsagbar angenehmes Gefühl kommt, wenn auch
nur einen Augenblick, über uns, so daß wir an der Gefahr, an diesem
Spiel um Leben und Tod einen besonderen Genuß finden; wir wünschen, es
möchten noch näher und näher bei uns Kugeln oder Bomben niederfallen.
Da schreit der Posten noch einmal mit seiner lauten, tiefen Stimme:
»Mörser!« -- wiederum ertönt das Pfeifen, Aufschlagen und Platzen der
Bombe, aber zugleich mit diesem Ton erschreckt uns das Stöhnen eines
Menschen. Wir gehen zu gleicher Zeit mit den Trägern zu dem Verwundeten
heran, der blutig und beschmutzt ein seltsames, nicht menschliches
Aussehen hat. Einem Matrosen ist ein Teil der Brust fortgerissen
worden. In dem ersten Augenblick ist in seinem mit Schmutz bespritzten
Gesicht nur Schreck und ein unechter, vorzeitiger Ausdruck von Leiden
zu lesen, wie er einem Menschen in solcher Lage eigen ist; aber in dem
Augenblick, wo man ihm die Tragbahre bringt, und er sich selbst mit
seiner gesunden Seite darauf legt, bemerken wir, daß dieser Ausdruck
sich in den Ausdruck einer gewissen Begeisterung und eines erhabenen,
unausgesprochenen Gedankens verwandelt: die Augen leuchten heller, die
Zähne pressen sich aufeinander, der Kopf richtet sich mit Anstrengung
in die Höhe und in dem Augenblick, wo man ihn aufhebt, hält er die
Bahre an und spricht mühsam mit zitternder Stimme zu den Kameraden:
»Lebt wohl, Brüder!« -- er will noch etwas sagen, man sieht, er will
etwas Rührendes sagen, aber er wiederholt noch einmal: »Lebt wohl,
Brüder!« Da geht ein Kamerad, ein Matrose, zu ihm, setzt ihm die
Mütze auf den Kopf, den ihm der Verwundete hinhält, und kehrt ruhig,
gleichmäßig die Arme schwenkend, zu seinem Geschütz zurück. »So ist es
jeden Tag -- sieben oder acht Mann,« sagt uns der Marineoffizier, indem
er uns antwortet auf den Ausdruck des Entsetzens, das aus unsern Zügen
spricht, und dabei gähnt und aus gelbem Papier eine Cigarette dreht.
* * * * *
So haben wir die Verteidiger Sewastopols an dem Orte der Verteidigung
selber gesehen und gehen zurück, ohne den Kanonen- und Gewehrkugeln,
die den ganzen Weg entlang bis zu dem niedergeschossenen Theater hin
pfeifen, Beachtung zu schenken, -- wir gehen mit ruhiger, erhobener
Seele. Die hauptsächliche, tröstliche Überzeugung, die wir davontragen,
ist die Überzeugung von der Unmöglichkeit, die Kraft des russischen
Volkes an irgend einem Punkte zu erschüttern. Und diese Unmöglichkeit
haben wir nicht in der Menge der Quergänge, der Brustwehren, der
kunstvoll gezogenen Laufgräben, der Minengänge und Geschosse, die
übereinander getürmt sind, gesehen, wovon wir nichts verstanden haben,
nein, wir haben sie in dem Blick, in der Rede, in dem Gebahren gesehen,
in dem, was man den Geist der Verteidiger Sewastopols nennt. Was sie
thun, thun sie so schlicht, so ohne Anspannung und Anstrengung, daß
wir die Überzeugung gewinnen, sie können noch hundertmal mehr -- sie
können alles. Wir begreifen, daß das Gefühl, das sie schaffen heißt,
nicht das Gefühl der Kleinlichkeit, der Eitelkeit, der Unbedachtsamkeit
ist, das wir selbst empfunden haben, sondern ein anderes Gefühl,
ein gewaltigeres, das sie zu Menschen gemacht hat, die ebenso ruhig
unter dem Regen der Kugeln leben, unter hundert Möglichkeiten des
Todes anstatt der einen, der diese Menschen alle unterworfen sind,
und die unter diesen Bedingungen leben mitten in ununterbrochener
Arbeit, in Wachen und Schmutz. Um eines Ordens willen, um eines Titels
willen, um des Zwanges willen können Menschen sich so entsetzlichen
Lebensbedingungen nicht fügen: es muß eine andere, eine erhabenere
Triebfeder sein. Und diese Triebfeder ist ein Gefühl, das selten,
verschämt bei dem Russen in die Erscheinung tritt, das aber auf dem
Grunde der Seele eines jeden ruht -- die Liebe zum Vaterland. Erst
jetzt sind uns die Erzählungen von den ersten Zeiten der Belagerung
Sewastopols, da es noch keine Befestigungen, keine Armee hatte,
da es physisch unmöglich war, es zu halten, und doch nicht der
mindeste Zweifel bestand, daß es sich dem Feinde nicht ergeben würde,
glaubhaft geworden, -- die Erzählungen von den Zeiten, da Kornilow,
dieser des alten Griechenlands würdige Held, bei einer Musterung der
Truppen sprach: »Wir wollen sterben, Kinder, aber Sewastopol nicht
übergeben,« und unsere Russen, die kein Talent zur Phrasenmacherei
haben, antworteten: »Wir wollen sterben! Urra!« -- erst jetzt haben
die Erzählungen aus jener Zeit aufgehört, für uns eine schöne
geschichtliche Überlieferung zu sein, und sind zur Wahrheit, zur
Thatsache geworden. Wir verstehen klar und würdigen die Menschen, die
wir soeben gesehen, als die Helden, die in jener schweren Zeit den Mut
nicht sinken ließen, sondern steigerten, und die freudig in den Tod
gegangen sind, nicht für die Stadt, sondern für das Vaterland. Lange
wird in Rußland diese Epopöe von Sewastopol, deren Held das russische
Volk war, tiefe Spuren zurücklassen ...
Der Tag neigt sich schon. Die Sonne ist vor ihrem Untergange aus den
grauen Wolken hervorgetreten, die den Himmel bedecken, und beleuchtet
plötzlich mit purpurnem Licht: lilafarbene Wolken, das mit Schiffen und
Böten bedeckte, gleichmäßig wogende grünliche Meer, die weißen Häuser
der Stadt und die in den Straßen wogenden Menschen. Über das Wasser
tönen die Klänge eines alten Walzers, den die Regimentsmusik auf dem
Boulevard spielt, und der Schall der Geschosse von den Bastionen, der
sie seltsam begleitet.
*Sewastopol*, den 25. April 1885.
*Sewastopol* im Mai 1855
I
Schon sind sechs Monate vergangen seit der Zeit, da die erste
Kanonenkugel von den Bastionen Sewastopols pfiff und die Erde in
den feindlichen Werken aufriß, und seit der Zeit sind unaufhörlich
Tausende von Bomben, Kanonen- und Gewehrkugeln von den Bastionen in
die Laufgräben und aus den Laufgräben nach den Bastionen geflogen, und
unaufhörlich hat der Engel des Todes über ihnen geschwebt.
Tausendfach ist hier menschliche Eigenliebe gekränkt, tausendfach
befriedigt und genährt, tausendfach in den Umarmungen des Todes zum
Schweigen gebracht worden. Wie viel blumengeschmückte Särge, wie viel
linnene Leichentücher! Und noch immer erschallen dieselben Töne von den
Bastionen, noch immer sehen, mit unwillkürlichem Schrecken und Zittern,
die Franzosen an einem klaren Abende aus ihrem Lager auf die gelbliche,
aufgerissene Erde der Bastionen Sewastopols und die schwarzen,
auf ihnen umherwogenden Gestalten unserer Matrosen und zählen die
Schießscharten, aus welchen gußeiserne Kanonen trutzig hervorragen;
noch immer beobachtet ein Unteroffizier vom Steuer vom Telegraphenhügel
aus durch ein Fernrohr die bunten Gestalten der Franzosen, ihre
Batterien, ihre Zelte, die Truppenmassen, die sich auf der grünen
Höhe bewegen, und die in den Laufgräben aufsteigenden Rauchwölkchen,
-- und immer noch streben von allen Enden der Welt verschiedene
Menschenscharen mit derselben Glut und mit noch verschiedenartigeren
Wünschen nach dieser schicksalsreichen Stätte. Und immer noch ist die
Frage, die die Diplomaten nicht gelöst haben, nicht gelöst durch Pulver
und Blut.