Er ging zuerst nach dem Pavillon, neben dem die Musikanten standen,
denen statt der Pulte andere Soldaten desselben Regiments die Noten
hielten und umblätterten, und um die, mehr als Zuschauer, denn
als Zuhörer, Schreiber, Junker und Wärterinnen mit Kindern einen
Kreis gebildet hatten. Rings um den Pavillon standen, saßen und
gingen meistenteils Seeleute, Adjutanten und Offiziere in weißen
Handschuhen. In der großen Allee des Boulevards spazierten Offiziere
aller Art und Frauen aller Art, hin und wieder in Hüten, meist aber
in Kopftüchern (es gab auch welche ohne Tücher und ohne Hüte), aber
nicht eine von ihnen war alt, ja, merkwürdig, alle waren jung. Unten
in den schattigen, duftenden Alleen weißer Akazien gingen und saßen
abgesonderte Gruppen.
Niemand war sonderlich erfreut, auf dem Boulevard dem Stabskapitän
Michajlow zu begegnen, ausgenommen vielleicht Kapitän Obshogow
und Kapitän Ssuslikow von seinem Regiment, die ihm herzlich die
Hand schüttelten, aber der erstere war in Kamelhaar-Beinkleidern,
hatte keine Handschuhe an, einen abgetragenen Mantel und ein so
rotes, schweißtriefendes Gesicht, und der zweite schrie so laut und
ausgelassen, daß es eine Schande war, mit ihnen zu gehen, besonders vor
den Offizieren in weißen Handschuhen (von diesen begrüßte Stabskapitän
Michajlow den einen Adjutanten, einen zweiten Stabsoffizier hätte er
begrüßen können, denn er war mit ihm zweimal bei einem gemeinsamen
Bekannten zusammengetroffen). Im übrigen aber, welches Vergnügen hätte
es für ihn sein können, mit diesen Herren Obshogow und Ssuslikow
spazieren zu gehen, da er auch so sechsmal am Tage mit ihnen
zusammentraf und ihnen die Hand drückte? Nicht darum war er *zur Musik*
gekommen.
Er wäre gern zu dem Adjutanten herangetreten, den er begrüßt hatte,
und hätte gern mit diesen Herren geplaudert, keineswegs etwa, damit
die Kapitäne Obshogow und Ssuslikow und der Leutnant Paschtezki und
die anderen sähen, daß er mit ihnen spricht, sondern einfach, weil sie
nette Menschen waren und zudem alle Neuigkeiten wissen und sie erzählt
hätten.
Warum aber scheut sich der Stabskapitän Michajlow, warum entschließt
er sich nicht, zu ihnen heranzutreten? »Wie, wenn sie mich auf einmal
nicht wiedergrüßen -- denkt er -- oder wenn sie mich grüßen und in
ihrem Gespräch fortfahren, als ob ich nicht da wäre, oder sich ganz von
mir entfernen und ich allein dort bleibe unter den *Aristokraten*?«
Das Wort Aristokraten (im Sinne eines höheren, auserwählten Kreises,
gleichviel in welchem Stande) hat bei uns in Rußland, wo es, wie
man glauben müßte, gar nicht existieren sollte, seit einiger Zeit
eine große Popularität bekommen und ist in alle Gegenden und in
alle Schichten der Gesellschaft eingedrungen, wo nur der Dünkel
eingedrungen ist (und in welche Zeit und in welche Verhältnisse dringt
diese klägliche Sucht nicht ein?): in die Kreise der Kaufleute, der
Beamten, der Schreiber, der Offiziere, in Ssaratow, in Mamadysch, in
Winniza -- überall, wo es Menschen giebt. Und da es in der belagerten
Stadt Sewastopol viel Menschen giebt, giebt es auch viel Dünkel, d. h.
auch viel *Aristokraten*, obgleich jede Minute der Tod schwebt über dem
Haupte jedes *Aristokraten* und *Nicht-Aristokraten*.
Für den Kapitän Obshogow ist der Stabskapitän Michajlow ein Aristokrat,
für den Stabskapitän Michajlow ist der Adjutant Kalugin ein Aristokrat,
weil er Adjutant ist und mit dem andern Adjutanten auf du und du steht.
Für den Adjutanten Kalugin ist Graf Norden ein Aristokrat, weil er
Flügeladjutant ist.
Dünkel, Dünkel, Dünkel überall, selbst am Rande des Grabes und unter
Menschen, die bereit sind, aus einer edlen Überzeugung in den Tod zu
gehen, überall Dünkel. Er ist also wohl ein charakteristischer Zug und
eine besondere Krankheit unseres Zeitalters. Warum hat man unter den
Menschen vergangener Zeit nichts gehört von dieser Leidenschaft, wie
von den Pocken oder der Cholera? Warum giebt es in unserer Zeit nur
drei Arten von Menschen: Solche, die die Quelle des Dünkels als eine
notwendigerweise existierende, darum berechtigte Thatsache hinnehmen
und sich ihr freiwillig unterwerfen; eine zweite, die sie wie einen
unheilvollen, aber unüberwindlichen Umstand hinnehmen, und eine dritte,
die unbewußt sklavisch unter ihrem Einflusse handeln? Warum haben Homer
und Shakespeare von Liebe, von Ruhm, von Leiden gesprochen, und das
Schrifttum unseres Jahrhunderts ist nichts als eine endlose Erzählung
von Snobs und Dünkel?
Der Stabskapitän ging zweimal an der Gruppe *seiner Aristokraten*
vorüber, beim drittenmal überwand er sich und trat zu ihnen heran.
Diese Gruppe bildeten vier Offiziere: der Adjutant Kalugin, Michajlows
Bekannter, der Adjutant Fürst Galzin, der sogar für Kalugin selbst ein
wenig Aristokrat war, der Oberst Neferdow, einer von den sogenannten
*Hundertzweiundzwanzig* Bürgerlichen (Verabschiedete, die für diesen
Feldzug wieder in den Dienst getreten waren) und der Rittmeister
Praßkuchin, auch einer von den Hundertzweiundzwanzig. Zu Michajlows
Glück war Kalugin in vortrefflicher Stimmung (der General hatte soeben
erst mit ihm höchst vertraulich gesprochen, und Fürst Galzin, der eben
aus Petersburg gekommen, war bei ihm abgestiegen), er hielt es nicht
für erniedrigend, dem Stabskapitän Michajlow die Hand zu reichen, was
Praßkuchin jedoch sich nicht entschließen konnte zu thun, obgleich
er sehr häufig mit Michajlow auf der Bastion zusammengetroffen war,
mehr als einmal seinen Wein und Schnaps getrunken hatte und ihm sogar
vom Préférence her zwölf und einen halben Rubel schuldete. Da er
den Fürsten Galzin noch nicht näher kannte, wollte er vor ihm seine
Bekanntschaft mit einem einfachen Stabskapitän der Infanterie nicht
zeigen. Er grüßte ihn mit einem leichten Kopfnicken.
Wie, Kapitän, sagte Kalugin, wann geht's wieder auf die Bastion? ...
Erinnern Sie sich, wie wir uns auf der Schwarzow-Redoute trafen, es
ging heiß her?
Ja, es ging heiß her, sagte Michajlow, indem er sich erinnerte, wie er
in jener Nacht im Laufgraben der Bastion Kalugin getroffen, der kühn
und mutig mit dem Säbel klirrend, vorwärts ging.
Eigentlich sollte ich erst morgen gehen, da aber bei uns ein Offizier
krank ist, fuhr Michajlow fort, so ...
Er wollte sagen, daß die Reihe nicht an ihm sei; da aber der Kommandeur
der achten Kompagnie krank und in der Kompagnie nur der Fähnrich übrig
sei, hätte er es für seine Pflicht gehalten, sich für die Stelle des
Leutnants Nepschißezki zu melden und ginge daher heut auf die Bastion.
Kalugin ließ ihn nicht aussprechen.
Ich fühle, daß es dieser Tage etwas geben wird, sagte er zum Fürsten
Galzin.
Wie, wird es heut nichts geben? fragte schüchtern Michajlow, indem er
bald Kalugin, bald Galzin ansah.
Niemand antwortete ihm. Fürst Galzin runzelte nur eigentümlich die
Stirn, ließ seinen Blick an seiner Mütze vorbeischweifen und sagte nach
einer kurzen Pause:
Ein prächtiges Mädchen, die in dem roten Tuche. Kennen Sie sie nicht,
Kapitän?
Nicht weit von meiner Wohnung, die Tochter eines Matrosen, antwortete
der Stabskapitän.
Gehen wir, sehen wir sie uns an.
Und Fürst Galzin nahm auf der einen Seite Kalugin, auf der anderen --
den Stabskapitän unter den Arm; er war im voraus überzeugt, daß dies
dem letzteren ein großes Vergnügen bereiten müsse, was in der That
zutreffend war.
Der Stabskapitän war abergläubisch und hielt es für eine große Sünde,
sich vor einem Kampfe mit Weibern abzugeben; aber in diesem Falle
spielte er den Schwerenöter, was ihm Fürst Galzin und Kalugin offenbar
nicht glaubten, und was das Mädchen in dem roten Tuch außerordentlich
verwunderte, da sie öfter bemerkt hatte, wie der Stabskapitän errötet
war, wenn er an ihrem Fenster vorüberging. Praßkuchin ging hinterdrein,
stieß den Fürsten Galzin am Arm und machte allerlei Bemerkungen in
französischer Sprache; da es aber nicht möglich war, zu Vieren den
schmalen Weg zu gehen, war er gezwungen, allein zu gehen und nahm
nur in der zweiten Gruppe den berühmten, tapferen Marineoffizier
Sserwjagin unter den Arm, der herangekommen war und ein Gespräch mit
ihm begonnen hatte, und der auch den Wunsch hatte, sich der Gruppe der
*Aristokraten* anzuschließen. Und der berühmte Held schob mit Freuden
seine nervige, ehrenfeste Hand unter den Arm Praßkuchins, der allen,
auch Sserwjagin selbst, gut bekannt war, als ein nicht besonders guter
Mensch. Als Praßkuchin dem Fürsten Galzin seine Bekanntschaft mit
*diesem* Marineoffizier erklärte und ihm zuraunte, er sei ein berühmter
Held, schenkte Fürst Galzin Sserwjagin doch gar keine Aufmerksamkeit;
er war gestern auf der vierten Bastion gewesen, hatte dort in einer
Entfernung von zwanzig Schritt eine Bombe krepieren sehen, hielt sich
daher für keinen geringeren Helden, als dieser Herr war und meinte, so
mancher Ruhm werde für nichts gewonnen.
Dem Stabskapitän Michajlow machte es so viel Vergnügen, in dieser
Gesellschaft umherzuschlendern, daß er den *lieben* Brief aus T.
und die düsteren Gedanken, die ihm bei dem bevorstehenden Abgange
auf die Bastion überkommen hatten, vergaß. Er blieb so lange in
ihrer Gesellschaft, bis sie ausschließlich untereinander zu plaudern
begannen und seinen Blicken auswichen und ihm so zu verstehen gaben,
daß er gehen könne, und sich schließlich ganz von ihm entfernten. Der
Stabskapitän war trotzdem zufrieden und kränkte sich nicht im mindesten
über die verdächtig-hoffärtige Art, in der der Junker Baron Pest sich
brüstete und die Mütze vor ihm zog, als er an ihm vorüberging; der
Junker war nämlich seit der gestrigen Nacht, -- die er zum ersten Male
in der Blindage der fünften Bastion zugebracht hatte, weshalb er sich
für einen Helden hielt, -- besonders stolz und selbstbewußt.