III

Er ging zuerst nach dem Pavillon, neben dem die Musikanten standen,

denen statt der Pulte andere Soldaten desselben Regiments die Noten

hielten und umblätterten, und um die, mehr als Zuschauer, denn

als Zuhörer, Schreiber, Junker und Wärterinnen mit Kindern einen

Kreis gebildet hatten. Rings um den Pavillon standen, saßen und

gingen meistenteils Seeleute, Adjutanten und Offiziere in weißen

Handschuhen. In der großen Allee des Boulevards spazierten Offiziere

aller Art und Frauen aller Art, hin und wieder in Hüten, meist aber

in Kopftüchern (es gab auch welche ohne Tücher und ohne Hüte), aber

nicht eine von ihnen war alt, ja, merkwürdig, alle waren jung. Unten

in den schattigen, duftenden Alleen weißer Akazien gingen und saßen

abgesonderte Gruppen.

Niemand war sonderlich erfreut, auf dem Boulevard dem Stabskapitän

Michajlow zu begegnen, ausgenommen vielleicht Kapitän Obshogow

und Kapitän Ssuslikow von seinem Regiment, die ihm herzlich die

Hand schüttelten, aber der erstere war in Kamelhaar-Beinkleidern,

hatte keine Handschuhe an, einen abgetragenen Mantel und ein so

rotes, schweißtriefendes Gesicht, und der zweite schrie so laut und

ausgelassen, daß es eine Schande war, mit ihnen zu gehen, besonders vor

den Offizieren in weißen Handschuhen (von diesen begrüßte Stabskapitän

Michajlow den einen Adjutanten, einen zweiten Stabsoffizier hätte er

begrüßen können, denn er war mit ihm zweimal bei einem gemeinsamen

Bekannten zusammengetroffen). Im übrigen aber, welches Vergnügen hätte

es für ihn sein können, mit diesen Herren Obshogow und Ssuslikow

spazieren zu gehen, da er auch so sechsmal am Tage mit ihnen

zusammentraf und ihnen die Hand drückte? Nicht darum war er *zur Musik*

gekommen.

Er wäre gern zu dem Adjutanten herangetreten, den er begrüßt hatte,

und hätte gern mit diesen Herren geplaudert, keineswegs etwa, damit

die Kapitäne Obshogow und Ssuslikow und der Leutnant Paschtezki und

die anderen sähen, daß er mit ihnen spricht, sondern einfach, weil sie

nette Menschen waren und zudem alle Neuigkeiten wissen und sie erzählt

hätten.

Warum aber scheut sich der Stabskapitän Michajlow, warum entschließt

er sich nicht, zu ihnen heranzutreten? »Wie, wenn sie mich auf einmal

nicht wiedergrüßen -- denkt er -- oder wenn sie mich grüßen und in

ihrem Gespräch fortfahren, als ob ich nicht da wäre, oder sich ganz von

mir entfernen und ich allein dort bleibe unter den *Aristokraten*?«

Das Wort Aristokraten (im Sinne eines höheren, auserwählten Kreises,

gleichviel in welchem Stande) hat bei uns in Rußland, wo es, wie

man glauben müßte, gar nicht existieren sollte, seit einiger Zeit

eine große Popularität bekommen und ist in alle Gegenden und in

alle Schichten der Gesellschaft eingedrungen, wo nur der Dünkel

eingedrungen ist (und in welche Zeit und in welche Verhältnisse dringt

diese klägliche Sucht nicht ein?): in die Kreise der Kaufleute, der

Beamten, der Schreiber, der Offiziere, in Ssaratow, in Mamadysch, in

Winniza -- überall, wo es Menschen giebt. Und da es in der belagerten

Stadt Sewastopol viel Menschen giebt, giebt es auch viel Dünkel, d. h.

auch viel *Aristokraten*, obgleich jede Minute der Tod schwebt über dem

Haupte jedes *Aristokraten* und *Nicht-Aristokraten*.

Für den Kapitän Obshogow ist der Stabskapitän Michajlow ein Aristokrat,

für den Stabskapitän Michajlow ist der Adjutant Kalugin ein Aristokrat,

weil er Adjutant ist und mit dem andern Adjutanten auf du und du steht.

Für den Adjutanten Kalugin ist Graf Norden ein Aristokrat, weil er

Flügeladjutant ist.

Dünkel, Dünkel, Dünkel überall, selbst am Rande des Grabes und unter

Menschen, die bereit sind, aus einer edlen Überzeugung in den Tod zu

gehen, überall Dünkel. Er ist also wohl ein charakteristischer Zug und

eine besondere Krankheit unseres Zeitalters. Warum hat man unter den

Menschen vergangener Zeit nichts gehört von dieser Leidenschaft, wie

von den Pocken oder der Cholera? Warum giebt es in unserer Zeit nur

drei Arten von Menschen: Solche, die die Quelle des Dünkels als eine

notwendigerweise existierende, darum berechtigte Thatsache hinnehmen

und sich ihr freiwillig unterwerfen; eine zweite, die sie wie einen

unheilvollen, aber unüberwindlichen Umstand hinnehmen, und eine dritte,

die unbewußt sklavisch unter ihrem Einflusse handeln? Warum haben Homer

und Shakespeare von Liebe, von Ruhm, von Leiden gesprochen, und das

Schrifttum unseres Jahrhunderts ist nichts als eine endlose Erzählung

von Snobs und Dünkel?

Der Stabskapitän ging zweimal an der Gruppe *seiner Aristokraten*

vorüber, beim drittenmal überwand er sich und trat zu ihnen heran.

Diese Gruppe bildeten vier Offiziere: der Adjutant Kalugin, Michajlows

Bekannter, der Adjutant Fürst Galzin, der sogar für Kalugin selbst ein

wenig Aristokrat war, der Oberst Neferdow, einer von den sogenannten

*Hundertzweiundzwanzig* Bürgerlichen (Verabschiedete, die für diesen

Feldzug wieder in den Dienst getreten waren) und der Rittmeister

Praßkuchin, auch einer von den Hundertzweiundzwanzig. Zu Michajlows

Glück war Kalugin in vortrefflicher Stimmung (der General hatte soeben

erst mit ihm höchst vertraulich gesprochen, und Fürst Galzin, der eben

aus Petersburg gekommen, war bei ihm abgestiegen), er hielt es nicht

für erniedrigend, dem Stabskapitän Michajlow die Hand zu reichen, was

Praßkuchin jedoch sich nicht entschließen konnte zu thun, obgleich

er sehr häufig mit Michajlow auf der Bastion zusammengetroffen war,

mehr als einmal seinen Wein und Schnaps getrunken hatte und ihm sogar

vom Préférence her zwölf und einen halben Rubel schuldete. Da er

den Fürsten Galzin noch nicht näher kannte, wollte er vor ihm seine

Bekanntschaft mit einem einfachen Stabskapitän der Infanterie nicht

zeigen. Er grüßte ihn mit einem leichten Kopfnicken.

Wie, Kapitän, sagte Kalugin, wann geht's wieder auf die Bastion? ...

Erinnern Sie sich, wie wir uns auf der Schwarzow-Redoute trafen, es

ging heiß her?

Ja, es ging heiß her, sagte Michajlow, indem er sich erinnerte, wie er

in jener Nacht im Laufgraben der Bastion Kalugin getroffen, der kühn

und mutig mit dem Säbel klirrend, vorwärts ging.

Eigentlich sollte ich erst morgen gehen, da aber bei uns ein Offizier

krank ist, fuhr Michajlow fort, so ...

Er wollte sagen, daß die Reihe nicht an ihm sei; da aber der Kommandeur

der achten Kompagnie krank und in der Kompagnie nur der Fähnrich übrig

sei, hätte er es für seine Pflicht gehalten, sich für die Stelle des

Leutnants Nepschißezki zu melden und ginge daher heut auf die Bastion.

Kalugin ließ ihn nicht aussprechen.

Ich fühle, daß es dieser Tage etwas geben wird, sagte er zum Fürsten

Galzin.

Wie, wird es heut nichts geben? fragte schüchtern Michajlow, indem er

bald Kalugin, bald Galzin ansah.

Niemand antwortete ihm. Fürst Galzin runzelte nur eigentümlich die

Stirn, ließ seinen Blick an seiner Mütze vorbeischweifen und sagte nach

einer kurzen Pause:

Ein prächtiges Mädchen, die in dem roten Tuche. Kennen Sie sie nicht,

Kapitän?

Nicht weit von meiner Wohnung, die Tochter eines Matrosen, antwortete

der Stabskapitän.

Gehen wir, sehen wir sie uns an.

Und Fürst Galzin nahm auf der einen Seite Kalugin, auf der anderen --

den Stabskapitän unter den Arm; er war im voraus überzeugt, daß dies

dem letzteren ein großes Vergnügen bereiten müsse, was in der That

zutreffend war.

Der Stabskapitän war abergläubisch und hielt es für eine große Sünde,

sich vor einem Kampfe mit Weibern abzugeben; aber in diesem Falle

spielte er den Schwerenöter, was ihm Fürst Galzin und Kalugin offenbar

nicht glaubten, und was das Mädchen in dem roten Tuch außerordentlich

verwunderte, da sie öfter bemerkt hatte, wie der Stabskapitän errötet

war, wenn er an ihrem Fenster vorüberging. Praßkuchin ging hinterdrein,

stieß den Fürsten Galzin am Arm und machte allerlei Bemerkungen in

französischer Sprache; da es aber nicht möglich war, zu Vieren den

schmalen Weg zu gehen, war er gezwungen, allein zu gehen und nahm

nur in der zweiten Gruppe den berühmten, tapferen Marineoffizier

Sserwjagin unter den Arm, der herangekommen war und ein Gespräch mit

ihm begonnen hatte, und der auch den Wunsch hatte, sich der Gruppe der

*Aristokraten* anzuschließen. Und der berühmte Held schob mit Freuden

seine nervige, ehrenfeste Hand unter den Arm Praßkuchins, der allen,

auch Sserwjagin selbst, gut bekannt war, als ein nicht besonders guter

Mensch. Als Praßkuchin dem Fürsten Galzin seine Bekanntschaft mit

*diesem* Marineoffizier erklärte und ihm zuraunte, er sei ein berühmter

Held, schenkte Fürst Galzin Sserwjagin doch gar keine Aufmerksamkeit;

er war gestern auf der vierten Bastion gewesen, hatte dort in einer

Entfernung von zwanzig Schritt eine Bombe krepieren sehen, hielt sich

daher für keinen geringeren Helden, als dieser Herr war und meinte, so

mancher Ruhm werde für nichts gewonnen.

Dem Stabskapitän Michajlow machte es so viel Vergnügen, in dieser

Gesellschaft umherzuschlendern, daß er den *lieben* Brief aus T.

und die düsteren Gedanken, die ihm bei dem bevorstehenden Abgange

auf die Bastion überkommen hatten, vergaß. Er blieb so lange in

ihrer Gesellschaft, bis sie ausschließlich untereinander zu plaudern

begannen und seinen Blicken auswichen und ihm so zu verstehen gaben,

daß er gehen könne, und sich schließlich ganz von ihm entfernten. Der

Stabskapitän war trotzdem zufrieden und kränkte sich nicht im mindesten

über die verdächtig-hoffärtige Art, in der der Junker Baron Pest sich

brüstete und die Mütze vor ihm zog, als er an ihm vorüberging; der

Junker war nämlich seit der gestrigen Nacht, -- die er zum ersten Male

in der Blindage der fünften Bastion zugebracht hatte, weshalb er sich

für einen Helden hielt, -- besonders stolz und selbstbewußt.

Sewastopol · 第 20 / 86 题