im Dezember 1854, im Mai und
August 1855
Leo Tolstoj war aus dem Kaukasus in die Heimat zurückgekehrt. Er
war Soldat und konnte sich -- nach den kleinen Scharmützeln mit den
ungebändigten Gebirgsstämmen, -- auch dem gewaltigen Völkerkriege
nicht entziehen, dessen Schauplatz die Krim ward. Vor Sewastopol fiel
die Entscheidung in diesem ungleichen Kampfe, den Rußland gegen zwei
Großmächte des Westens zu führen hatte.
Am 23. September hatten die Russen ihre ganze Flotte in das Schwarze
Meer versenkt, um den Angriff von der Seeseite her zu vereiteln, und
Totlebens Kunst hatte die Festung durch Aufführung von Forts und
Bastionen zu einer fast uneinnehmbaren gemacht. Die fortgesetzte
Beschießung aber mit ihren Opfern an Menschenleben, die Abschneidung
der Zufuhr von Lebensmitteln und die gänzliche Ermattung des russischen
Heeres führten endlich am 27. August 1855 nach einem furchtbaren
Sturmangriff zur Uebergabe Sewastopols.
Alle Leiden des russischen Heeres hatte der junge Offizier in der
vierten Bastion, an einer der gefährlichsten Stellen der belagerten
Festung, mitgemacht. Und gewohnt, das Erlebte im dichterischen
Spiegelbilde festzuhalten, bannte Leo Tolstoj auch die Leidenstage von
Sewastopol in drei gewaltige Schilderungen, die das entzückte Rußland
mit steigender Bewunderung las, während noch der Heldenmut seiner
Söhne vergeblich um den Sieg rang. Kaiser Nikolaus selbst, der Urheber
des großen Völkerunglücks, war von dem Werke des jungen Offiziers
begeistert. Er gab den Befehl, ihn von dem gefährlichen Orte zu
entfernen, damit das Leben eines zukunftsreichen Talents geschont werde.
Tolstoj wählte für seine Schilderungen den Anfang, den Höhepunkt und
das Ende der Kämpfe vor Sewastopol, und benennt sie äußerlich nach der
Zeit: Sewastopol im Dezember, Sewastopol im Mai, Sewastopol im August.
Aus diesen drei Augenblicksbildern sprechen mit beredten Worten das
tiefe Mitgefühl mit den Leiden des Volks, die Bewunderung für seine
unwandelbare Tapferkeit und Leidensfähigkeit, der große Schmerz um den
Völkerwahn des Krieges, die Geringschätzung für Eigenschaften, die eine
hergebrachte Anschauung Tugenden nennt -- genug, all die Grundideen
Tolstojscher Ethik, die auch in seinen anderen dichterischen Werken zum
Ausdruck kommen, und die erst im sechsten Jahrzehnt seines Lebens sich
zu einer systematischen Weltanschauung verdichten sollten.
Aber trotz des scheinbar auf sittliche Ziele gerichteten Inhalts ist
die Schilderung von ruhigster Sachlichkeit. Dem Dichter ist nichts
gut, nichts böse; nicht zur Nachahmung aneifern will er in seinen
Schilderungen der Tapferkeit, nicht abschrecken vom Bösen durch
grausige Darstellung des Entsetzlichen, nicht einmal in den einzelnen
Personen, die er handeln läßt, Muster kriegerischer Tugenden oder
abschreckende Beispiele des Gegenteils vorführen. Die Menschen alle
»können nicht die Uebelthäter, noch die Helden der Erzählung sein«.
»Der Held meiner Erzählung -- sagt Tolstoj -- den ich mit der ganzen
Kraft meiner Seele liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht
war, und der immer schön gewesen ist und immer schön sein wird -- ist
die Wahrheit.«
Erscheinen in dieser Hinsicht die Schilderungen der Sewastopoler Kämpfe
gewissermaßen als eine kunstlose Wiedergabe der Wirklichkeit, so zeigt
sich die berechnende Kunst des Dichters deutlich in der Steigerung, die
in der Wahl der drei Momente liegt, die von entscheidender Bedeutung
für den Krieg waren: die Zeit der Entwicklung, der Wendung und des
tragischen Abschlusses.
Alle drei Skizzen sind unter den Eindrücken der Sewastopoler
Leidenstage selbst geschrieben, in den Jahren 1854 und 1855. Zwischen
ihnen liegt nur die Abfassung der kurzen Erzählung: »Der Holzschlag«.
Die Kritik nahm die Sewastopoler Skizzen mit Bewunderung auf. Sie waren
das erste Werk Leo Tolstojs, das einen allgemeinen, unbestrittenen
Erfolg hatte. Das lesende Rußland sah in den poetischen Schilderungen
des Grafen Tolstoj nicht bloß interessante Thatsachen in der Wiedergabe
eines Augenzeugen, nicht bloß begeisterte Erzählungen von Heldenthaten,
die auch den Leidenschaftslosesten hätten fortreißen können; jeder
Leser erblickte darin die Verherrlichung der nationalen Tapferkeit und
die Verewigung ihres Andenkens.
Nie vorher hatte Rußland Soldatenschilderungen solcher Art gekannt.
Skobelews vielgelesene Erzählungen waren unter den Vorurteilen einer
schönfärberischen Vaterlandsliebe entstanden und sind die Schöpfungen
einer mittelmäßigen Dichtergabe. Tolstoj strebte nach einer treuen
Wirklichkeitsschilderung und besaß zugleich die Kraft, dem Alltäglichen
den Charakter des Erhabenen zu geben.