„Es währte lange, bevor ich die Spur meiner Feinde entdeckte, doch ließ

ich in meinen Erkundigungen nicht nach, bis ich wußte, wo ich sie zu

suchen hatte. Sie waren in Camberwell, auf dem jenseitigen Flußufer,

in einem Logierhaus abgestiegen. Nun ich ihren Aufenthaltsort kannte,

heftete ich mich an ihre Fersen -- es gab für sie kein Entrinnen mehr.

Daß sie mich wiedererkennen würden, fürchtete ich nicht; ich hatte mir

den Bart wachsen lassen, und mein Aussehen war völlig verändert; nur

eine günstige Gelegenheit, um mein Vorhaben auszuführen, wollte ich

abwarten.

„Ich folgte ihnen auf Schritt und Tritt, manchmal zu Fuß, meistens aber

mit meiner Droschke, weil ich dann sicher war, sie einzuholen. Nur am

frühen Morgen oder spät am Abend konnte ich noch dem Dienst nachgehen,

und kam bald in Rückstand bei meinen Brotherren. Das kümmerte mich

jedoch wenig, denn ich trachtete nur danach, mir die Leute nicht

entgehen zu lassen.

„Sie mochten wohl ahnen, daß ihnen Gefahr drohe, und waren schlau

genug, die äußerste Vorsicht zu beobachten. Nie gingen sie nach

Einbruch der Dunkelheit aus, und stets traf man sie zusammen. Zwei

Wochen lang fuhr ich täglich hinter ihnen her, aber ich bekam niemals

den einen ohne den andern zu sehen. Drebber war fast immer betrunken,

aber dafür hielt Stangerson unablässig die Augen offen. Hatte sich

auch, trotz meiner Ausdauer und Wachsamkeit, bisher keine Gelegenheit

zur Ausführung meines Planes geboten, so verlor ich doch den Mut nicht,

denn eine innere Stimme sagte mir, daß die Stunde der Vergeltung

nicht mehr fern sei. Was ich am meisten fürchtete, war, daß mich mein

Herzleiden an der Vollendung des Werkes hindern könne.

„Eines Abends fuhr ich, wie ich öfters that, in der Straße auf und

ab, in der sie wohnten, und sah, daß eine Droschke vor der Thür ihres

Hauses hielt. Bald darauf wurden Koffer herausgebracht, Drebber und

Stangerson erschienen auf der Schwelle, stiegen ein, und der Wagen

rollte mit ihnen fort. Ich folgte in großer Eile und Bestürzung, um

sie nicht aus den Augen zu verlieren. Als ich sie am Eustoner Bahnhof

aussteigen sah, rief ich einen Knaben herbei, um mein Pferd zu halten,

und betrat gleich nach ihnen den Bahnsteig. Sie kamen jedoch zu

spät, der Zug nach Liverpool, den sie benützen wollten, war bereits

abgefahren und bis zu dem nächsten hatte es noch mehrere Stunden Zeit,

wie ihnen der Schaffner auf ihre Frage mitteilte. Stangerson schien

hierüber sehr ungehalten, während Drebbers Miene eher Befriedigung

verriet. Es gelang mir, ihnen in dem Gedränge so nahe zu kommen, daß

ich jedes Wort ihres Gesprächs verstand. Drebber sagte, er habe noch

eine kleine Angelegenheit zu ordnen, sein Gefährte möge hier auf seine

Rückkehr warten. Als Stangerson Einspruch erhob, weil sie beschlossen

hätten, beisammen zu bleiben, entgegnete Drebber, sein Geschäft sei

delikater Natur, er müsse es allein besorgen. Stangersons Antwort

konnte ich nicht verstehen, aber sie versetzte den andern in Wut; mit

einem wilden Fluche fuhr er auf und schrie, er möge nicht vergessen,

daß er nur ein bezahlter Diener sei, und ihm nichts zu befehlen habe.

Der Sekretär gab nun den vergeblichen Widerstand auf und äußerte nur

noch, daß Drebber ihn in Hallidays Privathotel aufsuchen möge, falls

er auch noch den letzten Zug versäume. Jener versicherte jedoch, er

werde vor elf Uhr wieder da sein, und verließ den Bahnhof.

„Nun endlich war der Augenblick gekommen, auf den ich so lange geharrt

hatte: die Bösewichte waren in meine Hand gegeben. Vereint konnten sie

einander schützen, getrennt hatte ich Gewalt über sie. Doch wollte ich

nichts übereilen und ging mit der größten Besonnenheit zu Werke. Die

Rache gewährt nur Befriedigung, wenn unser Feind sich selbst bewußt

wird, wessen Hand es ist, die den Streich gegen ihn führt, und weshalb

ihn die Vergeltung trifft. Mir lag bei meinem Plan vor allem daran, dem

Schändlichen keinen Zweifel zu lassen, daß er die Strafe für seine alte

Schuld erleide. Einige Tage zuvor hatte ein Herr, der sich nach der

Brixtonstraße fahren ließ, um dort verschiedene Häuser zu besichtigen,

den Schlüssel zu einem derselben zufällig in meiner Droschke vergessen.

Er forderte ihn mir zwar noch am selben Abend ab und erhielt ihn auch

zurück, aber ich hatte doch Zeit gehabt, einen Abdruck davon zu nehmen,

nach welchem ich einen Schlüssel zu meinem Gebrauch anfertigen ließ. So

verschaffte ich mir den Zugang zu einem Platz in dieser großen Stadt,

an dem ich sicher war, ungestört zu bleiben. Es galt jetzt nur noch,

die schwierige Aufgabe zu lösen, Drebber nach diesem Hause zu bringen.

„Er ging die Straße hinunter und trat bald in diese bald in jene

Schenke; in der letzten, welche er aufsuchte, blieb er wohl eine halbe

Stunde. Als er wieder zum Vorschein kam, schwankte er unsicher hin

und her und ich sah ihn in eine Droschke steigen. Natürlich fuhr ich

dicht hinter ihm drein, über die Waterloo-Brücke und durch endlose

Straßen, bis wir uns schließlich zu meiner Verwunderung wieder vor dem

Logierhaus befanden, welches er vor kurzem verlassen hatte. Was ihn

dorthin zurückführen könne, begriff ich nicht. Während er ausstieg,

seine Droschke fortschickte und in das Haus trat, fuhr ich noch etwa

hundert Schritt weiter und wartete. Eine Viertelstunde verging, da

wurden plötzlich im Innern des Hauses zornige Stimmen laut, die

Thür ward aufgestoßen und ich sah einen jungen, mir unbekannten

Menschen, der Drebber am Kragen gepackt hatte. Mit einem kräftigen

Stoß schleuderte er ihn die Stufen hinunter, bis in die Mitte der

Straße. ‚Warte, du Hund,‘ rief er und hob drohend den Stock, den

er in der Hand hielt, ‚ich will dich lehren, ein rechtschaffenes

Mädchen zu beschimpfen!‘ -- Er war in so heftigem Zorn, daß Drebber

es wohl geraten fand, sich davonzumachen, so rasch ihn seine Beine

tragen wollten. Er lief geradewegs auf meine Droschke zu, die an der

Straßenecke hielt. ‚Nach Hallidays Hotel!‘ rief er und sprang hinein.

„Als ich ihn glücklich im Wagen hatte, pochte mein Herz vor Freude so

laut, als wollte es zerspringen. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben, fuhr

langsam weiter und überlegte, was nun zu thun sei. Einen Augenblick

schwankte ich, ob ich ihn nicht zur Stadt hinausfahren und in irgend

einer abgelegenen Gegend die letzte Unterredung mit ihm halten

solle; fast war ich schon dazu entschlossen, als er selbst die Frage

entschied. Wir kamen an einer Schenke vorbei und der Trunkenbold konnte

dem Verlangen, einzukehren, nicht widerstehen; er befahl mir zu warten,

und kam erst wieder heraus, als die Wirtschaft geschlossen wurde. Sein

Zustand war jetzt derart, daß er keinen Widerstand mehr zu leisten

vermochte.

„Glauben Sie aber nicht, daß meine Absicht war, ihn mit kaltem Blute

umzubringen. Längst hatte ich beschlossen, ihm noch eine Möglichkeit

der Rettung zu gönnen, wenn er auf meinen Plan eingehen wollte.

Während meines Wanderlebens in Amerika hatte ich auch eine Zeitlang

den Aufseherposten in einem Laboratorium bekleidet. Eines Tages zeigte

der Professor bei seiner Vorlesung über die Gifte, den Studenten ein

Alkaloid, wie er es nannte, welches er aus einem südafrikanischen

Pfeilgift bereitet hatte, und von dem, wie er sagte, selbst die

kleinste Dosis unmittelbar den Tod nach sich ziehe. Ich merkte mir das

Fläschchen und sobald ich allein war, entnahm ich demselben einige

Tropfen der Flüssigkeit. Da ich mich auch auf das Apothekerhandwerk

verstand, fertigte ich mir eine Anzahl Pillen an, von denen einige

vergiftet, die andern ganz unschädlich waren. Eine Pille von jeder

Sorte that ich in eine Schachtel, mit der Absicht, am Tage der

Rechenschaft meinem Feinde die Wahl zwischen beiden zu lassen und

selbst diejenige zu verschlucken, welche er übrig ließ. Es war so gut

ein Zweikampf auf Tod und Leben wie jeder andere, nur würde er in der

Stille vor sich gehen. Seit jener Zeit trug ich die Pillenschachteln

stets bei mir, und jetzt war der Augenblick gekommen, da sie ihren

Zweck erfüllen sollten.

„Mitternacht war längst vorüber, ein heftiger Wind hatte sich

erhoben und der Regen fiel in Strömen. Obgleich von Nässe und Kälte

durchfröstelt, jubelte ich doch innerlich vor Freude. Zwanzig Jahre

lang hatte ich vergebens danach getrachtet, Wiedervergeltung zu üben,

jetzt endlich sollte mein heißes Verlangen Befriedigung finden. Aus

dem Dunkel tauchte vor meinem Geist John Ferriers Gestalt auf und

ich sah meine geliebte Lucy mir zulächeln, so deutlich, wie ich jetzt

Sie, meine Herren, hier im Zimmer sehe. Auf der ganzen Fahrt schwebten

die teuern Schatten neben mir, bis ich endlich vor dem Hause in der

Brixtonstraße hielt.

„Kein Mensch war zu sehen, nicht ein Laut ließ sich vernehmen, nur der

Regen rauschte hernieder. In der Droschke lag Drebber zusammengekrümmt

da in seinem Rausch und schlief. Ich faßte ihn beim Arm. ‚Sie müssen

aussteigen,‘ rief ich.

„‚Schon gut, Kutscher,‘ gab er zur Antwort.

„Ohne Zweifel glaubte er, bei dem Hotel angekommen zu sein, nach

welchem er fahren wollte, denn er verließ die Droschke ohne ein

weiteres Wort und folgte mir durch den Garten in das Haus. Er schwankte

hin und her, so daß ich ihn stützen mußte. Nun schloß ich die Thür auf

und brachte ihn in das Vorderzimmer. Den ganzen Weg lang schritten

meine Lucy und ihr Vater immer vor uns her -- ich versichere Sie.

„‚Hier ist’s verteufelt dunkel,‘ murmelte Drebber umhertastend.

„‚Wir wollen gleich Licht machen,‘ erwiderte ich, holte Streichhölzer

aus der Tasche und zündete die Wachskerze an, welche ich mitgebracht

hatte.

„‚Und jetzt, Enoch Drebber,‘ rief ich, das Licht emporhaltend, ‚seht

mich an -- kennt Ihr mich?‘ --

[Illustration]

„Er starrte mich eine Weile mit ausdruckslosen Blicken an, plötzlich

aber zuckte es krampfhaft in seinen Zügen und das Entsetzen, welches

sich darin spiegelte, sagte deutlicher als Worte, daß er seinen Feind

erkannt habe. Sein Gesicht ward erdfahl, der Angstschweiß trat ihm auf

die Stirn und er bebte wie Espenlaub.

„Ich lehnte ihm gegenüber an der Thür und betrachtete ihn mit Wollust;

so süß hatte ich mir die Rache kaum vorgestellt.

„‚Ihr erbärmlicher Mensch,‘ rief ich, ‚vom Salzsee her bin ich Eurer

Spur gefolgt und stets seid Ihr mir entgangen. Aber jetzt sind wir am

Ende unserer Wanderung, denn einer von uns beiden wird die Sonne des

morgenden Tages nicht mehr aufgehen sehen.‘

„Er schreckte noch weiter vor mir zurück; sicherlich glaubte er, daß

ich im Wahnsinn spräche. Ich war auch nahe daran, vor maßloser Erregung

den Verstand zu verlieren, meine Pulse pochten wild, und wer weiß, was

mir zugestoßen wäre, hätte mir nicht ein Blutstrom, der mir aus der

Nase quoll, plötzlich Erleichterung gebracht.

„‚Denkt an Lucy Ferrier,‘ rief ich und hob drohend den Schlüssel empor,

mit dem ich die Thür hinter uns abgeschlossen hatte. ‚Die Strafe für

Eure Missethat hat sich lange verzögert, aber endlich ereilt sie Euch

doch.‘ Mit bebenden Lippen stand der Feigling vor mir; er hätte wohl

gern um sein Leben gefleht, doch wußte er nur zu gut, daß ich kein

Erbarmen üben würde.

„‚Sie wollen mich ermorden?‘ stammelte er.

„‚Von Mord ist hier keine Rede. Wer einen tollen Hund tötet, mordet

nicht. Habt Ihr etwa Mitleid gefühlt für die Geliebte meines Herzens,

als Ihr sie von der Seite ihres erschlagenen Vaters risset, um sie in

Euern verruchten Harem zu schleppen?‘

„‚Ihr Vater ist nicht durch meine Hand gefallen.‘

„‚Aber, daß ihr das Herz brach, ist Eure Schuld. -- So soll denn der

große Gott Richter sein zwischen mir und Euch.‘ -- Ich hielt ihm die

Schachtel mit den Pillen hin. ‚Wählet,‘ rief ich, ‚in der einen ist

Tod, in der andern Leben; die, welche Ihr übrig laßt, nehme ich. Laßt

uns sehen, ob es noch Gerechtigkeit auf Erden giebt, oder ob uns der

Zufall regiert.‘

„Er wand sich vor Todesangst und flehte um Gnade; statt der Antwort zog

ich mein Messer und hielt es ihm an die Kehle, bis er mir den Willen

gethan hatte. Dann verschluckte ich die zweite Pille, und wir standen

einander eine Minute lang gegenüber in gespannter Erwartung, wer von

uns leben und wer sterben solle. -- Nie werde ich den grauenvollen

Ausdruck seiner Mienen vergessen, als er die ersten Anzeichen des

Gifts verspürte und wußte, er habe das Todeslos gezogen. Ich hielt ihm

triumphierend Lucys Trauring vor die Augen. Es war nur ein Moment, denn

die Wirkung des Alkaloids erfolgte schnell. Seine Züge verzerrten

sich, er griff mit den Händen in die Luft, stieß einen wilden Schrei

aus und fiel schwer zu Boden. Ich fühlte nach seinem Herzschlag, aber

nichts regte sich -- er war tot.

„Ich tauchte den Finger in mein Blut, das noch immer herabgetropft

war, ohne daß ich es beachtet hatte, und schrieb das Wort ‚Rache‘ an

die Wand. Ob ich das zu meiner eigenen Befriedigung that, oder um die

Polizei auf eine falsche Fährte zu locken, ist mir selbst nicht klar.

Ich hatte von geheimen Gesellschaften gehört, die auf solche Weise ihre

Opfer zeichnen.

„Nun verließ ich das Haus und bestieg meine Droschke wieder. Draußen

heulte noch der wilde Sturm, und die Straße war menschenleer. Ich

mochte schon eine ziemliche Strecke gefahren sein, als ich Lucys

Trauring vermißte, den ich immer in meiner Brusttasche trug. Es war

das einzige Erinnerungszeichen an sie, welches ich besaß, und der

Verlust traf mich wie ein Donnerschlag. Wahrscheinlich hatte ich den

Ring verloren, als ich mich über Drebbers Leiche beugte; ich mußte ihn

wieder haben, um jeden Preis. Rasch entschlossen kehrte ich um, ließ

die Droschke in einer Seitenstraße stehen und schritt beherzt auf das

Haus zu. Allein, fast wäre ich einem Polizisten in die Arme gelaufen,

der eben aus dem Gitterthor trat. Es gelang mir, seinen Argwohn zu

beschwichtigen, indem ich mich sinnlos betrunken stellte.

„Enoch Drebber hatte seinen verdienten Lohn gefunden. Nun sollte auch

Stangerson für John Ferriers Tod büßen. Ich wartete den ganzen Tag

über auf ihn in der Nähe von Hallidays Hotel, aber er ließ sich nicht

blicken; Drebbers Ausbleiben mochte wohl Verdacht in ihm erregt haben.

Stangerson war schlau und stets auf seiner Hut, doch diesmal nützte

ihm alle Vorsicht nicht. Welches sein Stubenfenster sei, brachte ich

leicht in Erfahrung, und mit Hilfe einer Leiter, die noch von einem

Bau her in einer Nebengasse lag, stieg ich beim Morgengrauen in sein

Schlafzimmer ein. Ich weckte ihn und kündigte ihm an, daß die Stunde

der Rechenschaft gekommen sei, und er seine alte Schuld bezahlen müsse.

Nachdem ich ihm Drebbers Tod geschildert, bot ich ihm dieselbe Wahl an,

wie seinem Gefährten. Er aber hörte kaum auf mich; wie rasend sprang

er aus dem Bette und mir an die Kehle. Aus Notwehr stieß ich ihm, zu

meiner eigenen Rettung, mein Messer in die Brust. Der Tod hätte ihn

ja so wie so ereilt, denn sicherlich würde seine schuldige Hand die

vergiftete Pille gewählt haben -- die Wege der Vorsehung sind gerecht.

„Mir bleibt jetzt nur noch wenig zu berichten -- und das ist gut, weil

ich fühle, daß es mit meinen Kräften zu Ende geht. Ich wollte das

Kutscherhandwerk weitertreiben, bis ich genug Geld beisammen hätte, um

nach Amerika zurückzukehren. Als ich heute in unserm Hofe stand, hörte

ich einen zerlumpten Jungen nach einem Kutscher Namens Jefferson Hope

fragen. Er war von einem Herrn in der Bakerstraße geschickt, um meine

Droschke zu holen. Ohne den geringsten Argwohn folgte ich dem Boten;

bevor ich aber noch recht wußte, wie mir geschah, hatte mir schon der

junge Mann hier die Handschellen angelegt und ich war Ihr Gefangener.

Sie kennen jetzt meine ganze Lebensgeschichte. Vielleicht gelte ich in

Ihren Augen dennoch für einen Mörder. Ich aber, meine Herren, lebe der

festen Ueberzeugung, daß ich gerade so gut ein Diener der Gerechtigkeit

bin, wie Sie selber.“

Jefferson Hope hatte seine ergreifende Geschichte mit so

tiefinnerlichem Gefühl erzählt, daß wir ihm in atemloser Spannung

zuhörten. Sogar die beiden Detektivs, die doch durch ihren Beruf gegen

das Verbrechen in jeder Form abgestumpft waren, zeigten ein warmes

Interesse. Als er geendet hatte, saßen wir noch eine Weile stumm und

nachdenklich da, und man hörte nur Lestrades Bleistift über das Papier

fahren, während er seinem stenographischen Bericht die Schlußworte

hinzufügte.

„Nur +eins+ möchte ich noch wissen,“ unterbrach endlich Sherlock Holmes

die Stille: „Wer war Ihr Helfershelfer, der auf meine Anzeige hin den

Ring zu holen kam?“

Der Gefangene schüttelte den Kopf. „Anderer Leute Geheimnisse darf ich

nicht verraten,“ sagte er; „es könnte sie in Ungelegenheiten bringen.

Ich war ungewiß, ob man mir nicht eine Falle stelle und mein Freund

erbot sich, den Ring statt meiner zu holen. Sie werden zugeben, daß er

die Sache geschickt ausgeführt hat.“

„Das will ich meinen,“ bestätigte Holmes lächelnd.

„Nun, meine Herren,“ nahm der Inspektor das Wort, „dem Gesetz muß

Genüge geschehen. Nächsten Donnerstag wird der Gefangene dem Richter

vorgeführt werden, wobei Ihre Gegenwart erforderlich ist. Bis dahin

übernehme ich die Verantwortlichkeit für ihn.“

Er klingelte, worauf zwei Polizisten erschienen, welche Jefferson Hope

in Gewahrsam brachten. Ich aber kehrte in Begleitung meines Freundes

Holmes nach unserer Wohnung in der Bakerstraße zurück.

Wir hatten sämtlich eine gerichtliche Vorladung auf Donnerstag

erhalten. Als jedoch der festgesetzte Termin herankam, bedurfte man

unseres Zeugnisses nicht mehr. Ein höherer Richter hatte die Sache

in die Hand genommen und Jefferson Hope zur Rechenschaft vor sein

Tribunal gefordert. In der Nacht nach seiner Gefangennahme trat das

erwartete Ende ein und man fand ihn am Morgen tot in seiner Zelle. Ein

friedliches Lächeln lag in seinen Zügen, als habe die Erinnerung an ein

wohl angewendetes Leben und glücklich vollbrachtes Werk ihm noch die

letzten Augenblicke versüßt.

Am Abend saß ich mit Holmes in unserem gemeinschaftlichen Wohnzimmer am

Kamin und wir besprachen das Ereignis.

„Dieser Todesfall macht Gregson und Lestrade einen rechten Strich durch

ihre Rechnung,“ sagte mein Freund. „Sie werden sehr unglücklich darüber

sein; wo bleibt nun ihr pomphafter Zeitungsbericht und der Lohn für

alle ihre Anstrengung?“

„Mir scheint doch, daß sie mit der Gefangennahme wenig zu thun gehabt

haben,“ versetzte ich.

„O, in dieser Welt kommt es nicht sowohl darauf an, was man wirklich

thut,“ rief mein Gefährte, nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit,

„als darauf, daß man den Leuten einen hohen Begriff von seinen Thaten

beizubringen weiß. Aber, einerlei,“ fuhr er nach einer Pause in

heiterem Tone fort, „ich hätte mir den Fall um keinen Preis entgehen

lassen mögen; es ist einer der besten, die mir je vorgekommen sind.

Trotz seiner Einfachheit enthielt er mehrere äußerst lehrreiche Punkte.“

[Illustration]

„Das nennen Sie einfach?! --“

Holmes lächelte über mein Erstaunen. „Nun ja, wie wollen Sie es anders

bezeichnen?“ sagte er. „Schon der Umstand, daß ich ganz allein, nur

mit Hilfe einiger alltäglicher Schlußfolgerungen, innerhalb drei Tagen

des Verbrechers habhaft geworden bin, ist doch der schlagendste Beweis

für die Einfachheit des Falles.“

„Wohl wahr,“ gab ich zu.

„Ich habe Ihnen schon früher einmal auseinander gesetzt, daß alles

Ungewöhnliche eher eine Erleichterung als ein Hindernis ist. Bei der

Lösung eines solchen Problems kommt es hauptsächlich darauf an, ob man

imstande ist, Rückschlüsse zu machen. Das ist eine sehr nützliche und

leicht zu erwerbende Fertigkeit, aber nur wenige Leute haben Uebung

darin. Die synthetische Methode erscheint den meisten leichter als die

analytische.“

„Was das heißen soll, verstehe ich nicht.“

„Das glaube ich gern und will mich näher erklären: Nach meiner

Erfahrung werden die meisten Leute, denen man verschiedene Ereignisse,

die stattgefunden haben, der Reihe nach erzählt, zu sagen wissen,

welches Resultat sich daraus ergeben wird. Dagegen giebt es nur wenige

Menschen, die, wenn man ihnen ein Resultat mitteilt, imstande sind,

sich zu vergegenwärtigen, auf welche Art es sich entwickelt, welche

Schritte stufenweise zu dem Ergebnis hingeleitet haben können. Diese

Fähigkeit, Rückschlüsse zu machen, nenne ich die analytische Methode.“

„Das klingt schon weniger dunkel,“ sagte ich.

„In unserem Fall lag das Ergebnis klar zu Tage, alles übrige mußten

wir aber selber finden. Ich will Ihnen nun einmal Schritt für Schritt

zeigen, wie ich meine Schlüsse gezogen habe. Fangen wir beim Anfang

an: Ich näherte mich, wie Sie wissen, dem Hause zu Fuß und ohne alle

Voreingenommenheit. Natürlich untersuchte ich zunächst die Straße,

und fand da, wie ich Ihnen schon sagte, deutliche Anzeichen, daß eine

Droschke bei Nacht vorgefahren sein müsse; daß es kein Privatwagen

gewesen, erkannte ich an der schmaleren Räderspur. Bei unsern Londoner

Fuhrwerken ist der Unterschied ziemlich bedeutend.“

„Nachdem ich über diesen Punkt Gewißheit hatte, ging ich langsam den

Gartenpfad hinunter; in dem lehmigen Boden waren alle Fußstapfen mit

großer Deutlichkeit abgedrückt. Sie haben vielleicht nur Pfützen

gesehen und zertretenes Erdreich, aber für mein erfahrenes Auge war

jedes Merkmal von Bedeutung. Die Beobachtung der Fußspuren wird

im allgemeinen von den Detektivs viel zu sehr vernachlässigt; ich

habe stets großen Wert darauf gelegt und sie ist mir durch fleißige

Uebung zur zweiten Natur geworden. Ich konnte die schweren Tritte

der Schutzleute verfolgen, aber ich sah auch die Spuren der beiden

Männer, die zuerst durch den Garten gegangen waren. Daß jene den Weg

später gemacht hatten, unterlag keinem Zweifel, denn ihre Fußstapfen

verdeckten die andern an manchen Stellen gänzlich. Somit war das zweite

Glied in meiner Kette gefunden: ich wußte, daß zwei nächtliche Besucher

dagewesen waren, der eine ungewöhnlich groß -- was sich aus der Länge

seines Schrittes ergab, -- der andere fein und modisch gekleidet, wie

der Abdruck der schmalen, eleganten Stiefel bekundete.

„Beim Eintritt in das Haus fand ich letztere Vermutung bestätigt: der

feingestiefelte Mann lag vor mir. Also mußte der andere, der große,

den Mord begangen haben, wenn ein solcher überhaupt verübt worden

war. Eine Wunde ließ sich an dem Toten nicht entdecken, doch bewies

die leidenschaftliche Erregung in seinen Zügen, daß er sein Schicksal

vorausgesehen habe. Ein solcher Ausdruck der Unruhe findet sich nie bei

einem Menschen, der an Herzschlag oder aus einer andern natürlichen

Ursache eines plötzlichen Todes stirbt. Ich roch an des Mannes Lippen,

entdeckte eine verdächtige Säure und schloß daraus, daß er gezwungen

worden sei, Gift zu nehmen. Freiwillig hatte er es nicht gethan, denn

grimmiger Haß und Todesfurcht standen ihm im Gesicht geschrieben. Ein

solcher Giftmord ist übrigens durchaus kein unerhörtes Vorkommnis in

der Geschichte des Verbrechens und steht nicht vereinzelt da. Jeder,

der sich mit Toxikologie beschäftigt hat, denkt dabei unwillkürlich an

die Fälle Dolsky in Odessa und Leturier in Montpellier.

„Nun aber kam die große Frage nach dem Beweggrund. Ein Raub konnte

nicht beabsichtigt sein, denn weder des Toten Börse noch seine Uhr

waren entwendet worden. Handelte es sich vielleicht um politische

Zwecke oder war eine Frau im Spiele? -- Ich neigte mich von Anfang an

letzterer Meinung zu. Der politische Fanatiker bringt seine Opfer so

rasch als möglich um und ergreift die Flucht. Dieser Mord war aber

im Gegenteil mit allem Vorbedacht ausgeführt worden und man konnte

im ganzen Zimmer die Spur des Thäters verfolgen. Allem Anschein nach

handelte es sich um einen Akt der Privatrache. Die Inschrift an der

Wand bestärkte mich nur in dieser Ansicht, und als zuletzt der Trauring

zum Vorschein kam, hielt ich die Frage für entschieden. Der Mörder

hatte ihn vermutlich benützt, um sein Opfer an ein früheres Verhältnis

zu irgend einem Mädchen zu erinnern. Um hierüber Aufschluß zu erhalten,

fragte ich Gregson, ob er in seinem Telegramm um Nachricht über

Drebbers Vorgeschichte gebeten habe, das hatte er jedoch unterlassen.

Späte Rache · 第 9 / 10 段