Beute zu stoßen, wiewohl er aus mancherlei Anzeichen erkannte, daß
Bären in der Nähe sein mußten. Schon wollte er nach mehrstündigem
fruchtlosem Suchen unverrichteter Sache zurückkehren, als er zu seiner
Freude auf einem Felsvorsprung, um einige hundert Fuß über der Stelle,
an der er stand, den gewaltigen Kopf eines Dickhorns gewahrte, jenes
wilden Bergschafes, das sich herdenweise in diesen Höhen findet. Rasch
warf sich Jefferson zu Boden, stützte sein Schießgewehr auf einen
Steinblock, zielte lange und gab Feuer. Das Tier that einen Sprung in
die Luft, schwankte einen Augenblick am Rande des Abgrunds und stürzte
dann jäh ins Thal hinab, wohin Jefferson eilig nachkletterte. Die ganze
Beute fortzuschaffen war unmöglich, der Jäger mußte sich begnügen,
mit seinem Jagdmesser einen Schenkel des Tieres abzuschneiden und auf
seine Schulter zu laden. Nachdem dies geschehen, machte er sich ohne
Zaudern auf den Rückweg, -- aber das war kein leichtes Beginnen. Der
Abend brach schon herein und in dem ungewissen Dämmerlicht war es
schwer, sich zurecht zu finden, denn das Thal verzweigte sich in viele
Schluchten, die alle einander zum Verwechseln ähnlich sahen. Mühsam war
Jefferson in der einen Schlucht emporgeklommen, als ihm ein Bergstrom
entgegenschoß und seinen Weg hemmte; nun ging er zurück und wählte
einen andern Aufstieg, aber ohne bessern Erfolg. Es war bereits Nacht
geworden, als er endlich an einen Hohlweg gelangte, der ihm bekannt
vorkam. Abermals kletterte er zwischen den steilen Felswänden aufwärts
mit seiner Last. Der Pfad lag im tiefsten Dunkel, denn der Mond war
noch nicht aufgegangen, und Jefferson strauchelte oft auf dem rauhen
Wege; doch der Gedanke, daß er mit jedem Schritt seiner geliebten Lucy
näher kam, trieb ihn rastlos weiter; auch brachte er ja genug Vorrat
mit, um sie während der ganzen Dauer der Flucht vor Mangel zu schützen.
Auf der Höhe angekommen, ward er zu seiner Freude gewahr, daß er von
der Stelle, wo er seine Schutzbefohlenen verlassen hatte, nicht mehr
allzufern sei; schon erkannte er, trotz der Finsternis, die schwachen
Umrisse der Felsspitzen am Eingang der Schlucht. Fast fünf Stunden war
er fortgeblieben -- mit wie banger Sehnsucht mochten sie ihn erwarten.
Um seine glückliche Rückkehr zu verkünden, rief er ein lautes Hallo!
in die Berge hinein. Dann stand er lauschend da, ob keine Antwort
käme, aber nur der Ton seiner eigenen Stimme schallte in vielfachem
Wiederhall von den Bergen; sonst blieb alles still. Noch stärker und
dringender ertönte jetzt sein Ruf, aber kein Laut aus geliebtem Munde
hieß ihn willkommen. Von unbestimmter Angst ergriffen, ließ er die
schwer errungene Beute zu Boden fallen und stürmte wie rasend vorwärts.
Jetzt bog er um die Ecke und vor ihm lag der Platz, wo er das Feuer
angezündet hatte. Noch glühte der Aschenhaufen, aber man hatte kein
Holz zugelegt und die Flamme war erloschen. Ringsumher herrschte
Todesschweigen. Seine Furcht ward zur Gewißheit; nirgends ließ sich
ein lebendes Wesen erblicken -- die Pferde, das Mädchen, der Alte,
waren spurlos verschwunden. Das Unheil mußte während seiner Abwesenheit
urplötzlich hereingebrochen sein, zu ihrer aller Verderben.
Verwirrt und betäubt von dem schweren Schicksalsschlag, der ihn so
unvermutet traf, stützte sich Jefferson auf sein Gewehr, sonst wäre
er umgesunken. Doch rasch überwand er diesen Anfall von Schwäche,
denn er war seiner ganzen Natur nach ein Mann der That. Mit bebender
Hand zog er ein erst halbverkohltes Holzstück aus der Asche, blies
die glimmenden Funken zur Flamme an und untersuchte mit Hilfe
dieser Leuchte den Lagerplatz. Der Boden war nach allen Seiten hin
von Pferdehufen zerstampft, ein Beweis, daß die Flüchtlinge durch
eine große Schar Berittener eingeholt worden, welche dann, wie die
vorhandenen Spuren vermuten ließen, die Richtung nach der Salzseestadt
eingeschlagen hatten. Waren Vater und Tochter in ihre Hände gefallen
und beide von ihnen mit fortgeschleppt worden? -- Jefferson Hope
mochte dies zuerst geglaubt haben, allein plötzlich fuhr er zusammen,
und das Blut erstarrte ihm in den Adern. Etwas abseits von dem
Lagerplatz sah er einen frisch aufgeworfenen Haufen rötlicher Erde,
der vorher sicherlich nicht dagewesen war. Hatte man dort ein Grab
gegraben? -- Der junge Jäger trat näher hinzu -- im Boden steckte ein
Stab, an dem ein Blatt Papier befestigt war. Es trug eine kurze, aber
bedeutsame Inschrift:
[Illustration]
„John Ferrier aus der Salzseestadt,
gestorben den 4ten August 1860.“
Der wackere, alte Mann, den er vor wenigen Stunden erst in der Fülle
der Kraft verlassen, war also tot und dies seine ganze Grabschrift.
Jefferson sah sich mit wilden Blicken nach einem zweiten Hügel um,
aber ein solcher war nicht zu entdecken. Die Unmenschen mußten Lucy
mit sich geführt haben, um sie dem Sohn des Aeltesten zu übergeben,
damit sie das ihr bestimmte Geschick erfülle und ihm als Frau in seinen
Harem folge. Als Jefferson erkannte, wie völlig machtlos er sei, dies
Schicksal von ihr abzuwenden, da schien ihm im ersten Augenblick der
alte Ferrier beneidenswert, der da unten den stillen Schlaf des Todes
schlief. Doch nicht lange überließ er sich seiner dumpfen Verzweiflung.
War ihm nichts anderes geblieben, so konnte er wenigstens sein Leben
der Rache weihen.
Während er starren Auges dastand und in die Asche blickte, fühlte er,
daß es für seinen Schmerz keine Linderung gab, bevor er nicht mit
eigener Hand blutige Wiedervergeltung an seinen Feinden geübt hätte.
Neben unermüdlicher Geduld und Ausdauer lag in Jeffersons Charakter
eine nicht zu bezähmende Rachsucht, die er vielleicht von den Indianern
gelernt hatte, unter denen er solange gelebt. Sein starker Wille,
seine rastlose Thatkraft sollten jetzt nur noch das +eine+ Ziel
verfolgen, das war sein fester Entschluß. Mit bleicher, ingrimmiger
Miene kehrte er nach der Stelle zurück, wo seine Jagdbeute noch am
Boden lag, darauf blies er das Feuer an und bereitete sich Speise für
die nächsten Tage. Dann brach er auf, ohne seiner Ermüdung zu achten,
um der Spur der Würgengel durch das Gebirge zu folgen.
Fünf Tage lang pilgerte er mit wunden Füßen durch die Schluchten und
Hohlwege zurück, welche er vor kurzem hinaufgeritten war. Bei Einbruch
der Nacht warf er sich unter einem Felsvorsprung nieder, um ein paar
Stunden zu ruhen, und sobald der Morgen graute, begann er seine
Wanderung von neuem. Als er am sechsten Tage erschöpft und abgemattet
die Adlerschlucht erreichte, von wo aus ihre unheilvolle Flucht den
Anfang genommen, sah er die ‚Stadt der Heiligen‘ weit ausgebreitet zu
seinen Füßen liegen. In ohnmächtigem Zorn schüttelte er drohend die
geballte Faust gegen den Wohnplatz der Uebelthäter. Aber halt -- was
hatte das zu bedeuten? -- In den Hauptstraßen sah er Fahnen von den
Dächern wehen und festlichen Schmuck an den Häusern. Während er noch
darüber nachsann, schallte der Hufschlag eines Pferdes und ein Reiter
kam herangetrabt. Jefferson kannte den Mann, es war der Mormone Cowper,
dem er früher manchen Dienst erwiesen hatte; von ihm durfte er hoffen,
Nachricht über Lucys Schicksal zu erhalten.
Der Mormone sah Jefferson zuerst mit ungläubigen Blicken an, als ihm
dieser in den Weg trat und seinen Namen nannte. Wer hätte auch in dem
verwilderten und zerzausten Wanderer mit den unheimlich rollenden Augen
und der bleichen Miene den früher so schmucken jungen Jäger erkennen
sollen? -- Sobald Cowper jedoch wußte, wen er vor sich hatte, erschrak
er heftig.
„Seid Ihr rasend, daß Ihr Euch hierher wagt?“ rief er. „Wenn man mich
hier im Gespräch mit Euch sieht, ist mein eigenes Leben verwirkt. Wißt
Ihr nicht, daß die ‚heiligen Vier‘ einen Haftbefehl gegen Euch erlassen
haben, weil Ihr den Ferriers zur Flucht behilflich gewesen seid?“
„Ich fürchte weder die Schurken noch ihren Haftbefehl,“ rief Jefferson
entrüstet. „Cowper,“ fuhr er dann, seine Erregung bezwingend, fort,
„wir sind immer Freunde gewesen -- bei allem, was Euch teuer ist,
beschwöre ich Euch, mir eine Frage zu beantworten. Um Gottes willen,
verweigert mir die Antwort nicht.“
„Was wünscht Ihr zu wissen?“ fragte der Mormone, sich ängstlich
umblickend; „redet schnell, hier hat alles Augen und Ohren, auch die
Felsen und Bäume.“
„Was ist aus Lucy Ferrier geworden?“
„Man hat sie gestern dem jungen Drebber zur Frau gegeben. -- Faßt Euch,
Mann, faßt Euch -- Ihr werdet ja bleich wie der Tod.“
Jefferson war auf den nächsten Felsblock niedergesunken, seine Lippen
bebten. „Drebbers Frau, sagt Ihr?“ stammelte er mit brechender Stimme.
„Ja, seit gestern -- deshalb seht Ihr auch die Stadt noch im
Fahnenschmuck. Drebber und Stangerson, die jüngeren, stritten sich um
ihren Besitz. Bei der Verfolgung, an der sich beide beteiligt hatten,
war ihr Vater von Stangersons Hand gefallen, was diesem ein größeres
Vorrecht zu geben schien. Als jedoch die Frage vor die Ratsversammlung
gebracht wurde, war Drebbers Anhang stärker und der Prophet entschied
zu seinen Gunsten. Es wird sie aber keiner lange sein eigen nennen, sie
sieht geisterbleich aus und der Tod stand ihr schon gestern im Gesicht
geschrieben. -- Wollt Ihr jetzt fort?“
„Ja, ich gehe,“ sagte Jefferson, sich mühsam erhebend; sein Antlitz war
bleich und starr, wie aus Marmor gemeißelt, nur in seinen Augen glühte
ein wildes Feuer.
„Wo wollt Ihr hin?“
„Fragt mich nicht,“ erwiderte er und hing sich die Flinte über die
Schulter. Dann schritt er die Schlucht hinab und vergrub sich tief in
den Bergen, wo nur Bären und Wölfe hausten; aber keines der reißenden
Tiere war grimmiger und blutdürstiger als er.
Was der Mormone vorausgesagt hatte, ging nur zu bald in Erfüllung. War
es der Schmerz über den plötzlichen Tod ihres Vaters, was der armen
Lucy am Lebensmark zehrte, oder der Abscheu vor der verhaßten Ehe, zu
der man sie gezwungen -- sie siechte von Tag zu Tag dahin und starb
noch ehe ein Monat um war. Der rohe Mensch, welcher sie nur geheiratet
hatte, um Ferriers reichen Besitz in die Hände zu bekommen, trug
wenig Kummer zur Schau über seinen Verlust. Aber seine andern Frauen
trauerten um die Tote und hielten in der Nacht vor dem Begräbnis bei
ihr die Leichenwache, nach Sitte der Mormonen. Sie saßen noch um die
Bahre, als beim ersten Morgengrauen die Thür plötzlich aufging und sie
mit Staunen und Entsetzen einen wilddreinschauenden, wettergebräunten
Mann in zerfetzter Kleidung eintreten sahen. Ohne auch nur einen
Blick auf die geängstigten Frauen zu werfen, schritt er nach dem
Totenschrein, in dem Lucys entseelte Hülle ruhte. Er beugte sich über
sie und berührte ihre kalte Stirn ehrfurchtsvoll mit den Lippen, dann
ergriff er sie bei der Hand und zog ihr den Trauring vom Finger. „Den
soll man ihr nicht mit ins Grab geben,“ murmelte er dumpf. Bevor
noch jemand die rätselhafte Erscheinung anhalten konnte, verschwand
sie wieder, wie sie gekommen war. Das alles geschah so rasch, und
der Vorgang schien so seltsam, daß man dem Bericht der Wächterinnen
schwerlich Glauben geschenkt hätte, ohne die Thatsache, daß der goldene
Reif wirklich vom Finger der Toten verschwunden war.
Monatelang hauste Jefferson Hope noch in den Bergen, wo er ein unstätes
Jägerleben führte und für seinen Rachedurst täglich neue Nahrung
einsog. Man begann sich allerwärts von dem unheimlichen Gesellen zu
erzählen, der bald hier, bald da, in der Umgegend der Stadt oder in den
rauhen Bergschluchten sein Wesen trieb. Einmal kam eine Kugel durch
Stangersons Fenster geflogen und pfiff dicht an seinem Kopf vorbei. Ein
andermal, als Drebbers Weg ihn am Bergabhang hinführte, ward aus der
Höhe ein Felsstück auf ihn herabgeschleudert. Er konnte nur dadurch
einem gräßlichen Tode entgehen, daß er sich platt zu Boden warf.
Die beiden jungen Mormonen errieten bald, wer ihnen nach dem Leben
trachtete, und unternahmen mehrere bewaffnete Streifzüge ins Gebirge,
in der Hoffnung, ihren Todfeind zu fangen oder zu erlegen -- aber
immer vergebens. Sie gingen nun aus Vorsicht niemals allein oder nach
Dunkelwerden ins Freie, und stellten Wachen um ihre Häuser her. Nun
verstrich jedoch eine geraume Zeit, ohne weitere Angriffe von seiten
ihres Gegners und allmählich schwand ihre Furcht. Sie hofften, sein
heißes Blut habe sich abgekühlt und er werde das tollkühne Vorhaben
aufgeben.
Daran dachte jedoch Jeffersons Seele nicht. Rache zu nehmen war und
blieb sein einziger Zweck und Gedanke. Bei seiner durchaus praktischen
Natur hatte er jedoch richtig erkannt, daß selbst die eisernste
Gesundheit ein Leben, wie er es führte, auf die Dauer nicht ertragen
könne. Mangel an gesunder Nahrung und Beschwerden aller Art mußten
bald seine Kräfte verzehren. Was aber sollte aus seiner Rache werden,
wenn er in den Bergen eines elenden Todes starb? -- Nein, seine Feinde
durften nicht triumphieren!
So war er denn nach dem Bergwerk in Nevada zurückgekehrt, mit der
Absicht, sich von den Entbehrungen der letzten Zeit zu erholen und
Geld genug zu erwerben, um seinen Lebenszweck weiter verfolgen zu
können. Ursprünglich gedachte er höchstens ein Jahr lang dort zu
bleiben, allein die Umstände fügten es so, daß fünf Jahre vergingen,
bevor er zurückkehren konnte. Doch die Erinnerung an das erlittene
Unrecht und sein Verlangen nach Rache war noch ebenso lebendig in ihm,
wie in jener entsetzlichen Nacht an John Ferriers Grabe. Verkleidet
und unter falschem Namen kam er nach der Salzseestadt, um die gerechte
Sühne zu fordern, sei es auch mit Gefahr des eigenen Lebens. Dort
erwartete ihn jedoch eine schlimme Kunde, die seine Pläne zu vereiteln
drohte. Einige Monate zuvor war nämlich unter dem ‚auserwählten Volke‘
eine Spaltung entstanden. Die Mißvergnügten lehnten sich gegen die
Obergewalt der Aeltesten auf; viele der jüngeren Gemeindeglieder
verließen Utah und gesellten sich den Ungläubigen zu. Auch Drebber
und Stangerson befanden sich unter dieser Zahl. Es ging ein Gerücht,
daß Drebber es verstanden habe, den größten Teil seines Eigentums zu
Geld zu machen, so daß er als reicher Mann fortgezogen war, während
Stangerson, sein Gefährte, wenig Mittel besaß. Wohin sie sich aber
gewandt hatten, darüber war kein Aufschluß zu erlangen.
Angesichts solcher Schwierigkeiten hätte mancher noch so rachsüchtige
Mensch sein Vorhaben aufgegeben; daran dachte Jefferson jedoch keinen
Augenblick. Er reiste von Ort zu Ort durch die Vereinigten Staaten,
um seine Feinde aufzusuchen. Das kleine Kapital, welches er besaß,
sicherte ihm zur Not sein Auskommen, doch nahm er Arbeit an, wo er sie
fand. Jahre vergingen, sein schwarzes Haar war grau geworden, aber
immer noch wanderte er weiter, das Ziel verfolgend, dem er sein Leben
gewidmet hatte. Endlich ward seine Ausdauer belohnt. In Cleveland im
Staate Ohio war es, wo er eines Tages Drebbers verhaßtes Gesicht an
einem Fenster gewahrte. So hatte er seine Beute doch zuletzt noch
aufgespürt. Rasch kehrte er in seine ärmliche Wohnung zurück, um
seinen Racheplan vorzubereiten. Aber das Unglück wollte, daß auch
Drebber bei dem flüchtigen Blick seinen Todfeind erkannt hatte. Er war
mit Stangerson, der bei ihm das Amt eines Privatsekretärs versah, zu
einem Friedensrichter geeilt, den er um Schutz gegen einen früheren
Nebenbuhler bat, welcher ihnen aus Haß und Eifersucht nach dem Leben
trachtete. An jenem Abend ward Jefferson Hope plötzlich in Haft
genommen und da er außer stande war, Bürgschaft zu leisten, hielt man
ihn mehrere Wochen im Gefängnis zurück. Sobald er wieder in Freiheit
war, begab er sich nach Drebbers Hause, allein er fand es verlassen und
erfuhr, der Besitzer habe mit seinem Sekretär eine Reise nach Europa
angetreten.
Wieder war Jeffersons Rachewerk vereitelt und wieder trieb ihn sein
grimmiger Haß, die Verfolgung fortzusetzen. Zuvor mußte er sich
jedoch die nötigen Mittel für die Ueberfahrt erwerben. Als er genug
zusammengespart hatte, um unterwegs sein Leben fristen zu können,
schiffte er über den Ozean und folgte der Spur seiner Feinde von Stadt
zu Stadt. Immer wieder mißlang es ihm, die Flüchtlinge einzuholen.
Bei seiner Ankunft in Petersburg waren sie eben nach Paris gereist,
und als er ihnen dahin folgte, hatten sie sich gerade nach Kopenhagen
eingeschifft; auch dorthin kam er um einige Tage zu spät, da sie
bereits nach London unterwegs waren. In der englischen Hauptstadt
gelang es ihm zuletzt doch noch ihrer habhaft zu werden. Auf welche
Weise dies geschah, erfahren wir am besten aus Jefferson Hopes
eigenem Bericht, welchen Dr. Watson ausführlich in seinem Tagebuch
niedergeschrieben hat.
Wir kehren daher wieder zu den Aufzeichnungen des jungen Militärarztes
zurück, denen wir schon im ersten Teil unserer Erzählung bis zu
Jeffersons Festnehmung gefolgt sind.
Fortsetzung von Dr. Watsons Erinnerungen.
Trotz des rasenden Widerstands, den unser Gefangener geleistet hatte,
schien er doch nicht feindlich gegen uns gesinnt zu sein. Sobald ihm
klar geworden war, daß er bei unserer Uebermacht nichts auszurichten
vermöge, ergab er sich in sein Schicksal und sprach mit verbindlichem
Lächeln die Hoffnung aus, daß keiner von uns bei dem Handgemenge zu
Schaden gekommen sein möchte.
„Vermutlich wollen Sie mich auf die Polizei bringen,“ wandte er sich
an Sherlock Holmes; „meine Droschke steht noch unten; wenn Sie mir die
Füße losbinden, kann ich selbst hinunter gehen; es dürfte Ihnen doch
schwer fallen, mich zu tragen.“
Gregson und Lestrade wechselten bedeutsame Blicke, der Vorschlag mochte
ihnen wohl allzu gewagt erscheinen, aber Holmes nahm den Gefangenen
sogleich beim Wort und befreite ihn von dem Tuch, mit welchem wir
ihm die Fußgelenke zusammengeschnürt hatten. Als er aufstand, dehnte
und reckte er sich, wie um sich zu überzeugen, daß er wirklich
der Bande ledig sei. Selten war mir ein Mann mit so gewaltigem
Gliederbau vorgekommen, und dabei lag ein Ausdruck von Willensstärke
und Entschlossenheit in seinem sonnverbrannten Gesicht, der mir noch
furchtbarer erschien als seine riesige Körperstärke.
„Sie sollten Polizeichef werden,“ sagte er, Holmes mit aufrichtiger
Bewunderung betrachtend. „Die Art, wie Sie meine Spur verfolgt haben,
war meisterhaft.“
Mein Freund lächelte. „Sie kommen mit, nicht wahr?“ wandte er sich an
die beiden Polizisten.
„Ich kann Sie fahren,“ versetzte Lestrade.
„Gut, und Gregson steigt mit ein; Sie auch, Doktor -- da der Fall Sie
interessiert, müssen Sie ihn auch weiter verfolgen.“
Ich willigte gern ein und wir begaben uns alle zusammen hinunter. Der
Gefangene machte keine Miene zu entfliehen, sondern stieg ruhig in
seine Droschke und wir folgten ihm. Lestrade nahm auf dem Bock Platz;
er trieb die Pferde an, und bald befanden wir uns an Ort und Stelle.
Man führte uns in ein kleines Zimmer, wo ein Polizeiinspektor die
Angaben des Gefangenen nebst den Namen der beiden Männer aufschrieb,
als deren Mörder man ihn anklagte. Der Inspektor, ein Mann mit blassem
Gesicht und bewegungslosen Zügen, wartete mechanisch seines Amtes.
[Illustration]
„Im Laufe der Woche wird der Angeklagte dem Richter vorgeführt werden,“
sagte er, „inzwischen thun Sie jedenfalls am besten, Jefferson Hope,
wenn Sie keinerlei Aussagen machen und Ihre Worte mit Vorsicht wägen,
da dieselben vor Gericht gegen Sie zeugen könnten.“
„Ich habe sehr viel zu sagen,“ versetzte der Gefangene eifrig; „es ist
mein dringender Wunsch, Ihnen meine Herren, die ganze Geschichte zu
erzählen.“
„Besser, Sie schieben es auf, bis zu Ihrem Verhör,“ sagte der Beamte.
„Wer weiß, ob es dazu überhaupt kommt,“ entgegnete Hope. „Fürchten
Sie nichts, ich habe keine Selbstmordgedanken, aber doch könnte ein
Hindernis eintreten. -- Nicht wahr, Sie sind ein Doktor?“ Er sah mich
mit seinen dunklen Augen fragend an.
Ich nickte bejahend.
„Dann legen Sie Ihre Hand auf meine Brust.“
Ich that, wie er sagte und erschrak, als ich ein heftiges Pulsieren
fühlte und auffällige Geräusche im Innern vernahm. Sein Brustkasten
schien zu erzittern und zu erbeben, wie ein schwacher Bau, in dem eine
mächtige Maschine arbeitet.
„Was ist das?“ rief ich, „Sie haben ja ein Herzleiden, das bereits im
gefährlichsten Stadium der Entwicklung ist.“
„Ganz recht,“ erwiderte er gelassen. „Letzte Woche bin ich deswegen bei
einem Arzt gewesen, der mir gesagt hat, es könne nur noch wenige Tage
dauern, bis der Tod eintritt. Ich habe mir das Uebel durch schlechte
Nahrung und Entbehrungen aller Art zugezogen, während ich im Gebirge am
Salzsee hauste und es hat sich seitdem von Jahr zu Jahr verschlimmert.
Jetzt ist das Werk meines Lebens gethan und mich kümmert’s nicht, wenn
es mit mir zu Ende geht; doch möchte ich zuvor berichten, wie sich
alles zugetragen hat, damit man mich nicht für einen gewöhnlichen
Mordgesellen hält.“
Nach einer kurzen Besprechung mit den beiden Polizisten, ob es ratsam
sei, ihm den Willen zu thun, wandte sich der Inspektor an mich:
„Glauben Sie, daß eine unmittelbare Gefahr vorliegt, Doktor?“ fragte er.
„Ohne allen Zweifel,“ erwiderte ich mit Bestimmtheit.
„In diesem Fall fordert schon unsere Pflicht im Interesse der
Gerechtigkeit, daß wir ein Protokoll aufnehmen. Reden Sie also,
Jefferson Hope, wenn Sie es wünschen, aber vergessen Sie nicht, daß
Ihre Aussagen zu Ihren Ungunsten gereichen könnten.“
„Wenn Sie nichts dawider haben, will ich mich setzen,“ sagte der
Gefangene, Platz nehmend. „Seit einiger Zeit werde ich leicht müde;
mein Uebel bringt das mit sich. Auch mag der Kampf, den wir vor einer
halben Stunde durchgemacht haben, mir nicht sehr zuträglich gewesen
sein. Ich stehe am Rande des Grabes, da pflegt man nicht zu lügen; was
ich sage, ist die lauterste Wahrheit und mir kann gleichgültig sein,
welchen Gebrauch Sie von meinen Worten machen.“
Er legte sich in seinen Stuhl zurück und sprach in so ruhigem,
bedächtigem Ton, als handle es sich um die alltäglichsten Vorkommnisse.
Für die Genauigkeit des hier folgenden Berichts kann ich mich
verbürgen, denn Lestrade hat jedes Wort des Gefangenen nachgeschrieben
und mir später sein Notizbuch zur Verfügung gestellt.
„Aus welcher Ursache ich jene beiden Männer so grimmig haßte,“ begann
Jefferson Hope seine Erzählung, „brauche ich nicht näher zu erörtern.
Sie hatten den Tod zweier Menschen, eines Vaters und seiner Tochter,
auf dem Gewissen, und ihr eigenes Leben war verwirkt. Doch hätte kein
Gerichtshof die Missethäter mehr zur Rechenschaft gezogen, weil schon
zu lange Zeit verstrichen war, seitdem sie das Verbrechen begangen
hatten. Ich aber wußte um ihre Schuld und fühlte mich berufen,
zugleich ihr Richter und der Vollstrecker des Urteils in einer Person
zu sein. Ich müßte kein Herz im Leibe haben, hätte ich anders handeln
können.
„Das Mädchen, von dem ich sprach, sollte vor zwanzig Jahren meine
Gattin werden. Man zwang sie, jenen Drebber zu heiraten und sie
starb vor Gram. Ich zog der Toten den Trauring vom Finger und that
den Schwur, daß Drebber mit seinem Blut für die Schandthat zahlen
solle. Noch in seiner Todesstunde wollte ich die Erinnerung daran in
dem Bösewicht wachrufen und ihm den Ring zeigen. Ich folgte ihm und
seinem Mitschuldigen durch Länder und Meere, bis ich sie endlich in
meine Gewalt bekam; den Ring trug ich stets bei mir. Wenn sie sich
vorgespiegelt hatten, ich würde jemals von ihnen ablassen, so täuschten
sie sich völlig. Jetzt kann ich mit dem Bewußtsein sterben, daß mein
Lebenszweck erfüllt ist: sie sind durch meine Hand gefallen und ich
habe nun nichts mehr zu wünschen und zu hoffen auf der Welt.
„Ihre Verfolgung ließ sich nicht leicht ins Werk setzen, denn sie waren
reich und ich arm. Mit leeren Taschen kam ich in London an und sah ein,
daß ich irgend etwas ergreifen mußte, um meinen Unterhalt zu erwerben.
Da ich mit Wagen und Pferden gut umzugehen verstehe, begab ich mich
nach einem Droschkenbureau und fand bald Beschäftigung. Wöchentlich
mußte ich eine bestimmte Summe abliefern; den Ueberschuß durfte ich
behalten, er war zwar nur gering, aber ich hatte gelernt, mich mit
wenigem zu begnügen. Um mich in dem Straßenlabyrinth zurechtzufinden,
schaffte ich mir eine Karte an, die ich zu Rate zog. Anfänglich machte
das große Schwierigkeiten, aber sobald mir einmal die hauptsächlichsten
Hotels und Bahnhöfe geläufig waren, half mein guter Ortssinn alle
Hindernisse zu überwinden.