„Dafür laß mich nur sorgen, wenn Jefferson kommt. Beruhige dich jetzt,

mein Herzchen, und weine dir nicht die Augen rot, sonst macht er mir

Vorwürfe, wenn er dich sieht. Uns droht keinerlei Gefahr, und du

brauchst nichts zu fürchten.“

John Ferrier sprach diese tröstlichen Worte mit großer Zuversicht, doch

konnte Lucy nicht umhin, zu bemerken, wie vorsichtig er alle Thüren zur

Nacht verschloß und verriegelte, nachdem er zuvor die alte, rostige

Jagdflinte, welche für gewöhnlich an der Wand seines Schlafzimmers

hing, aufs sorgfältigste gereinigt und geladen hatte.

Elftes Kapitel.

Eine Flucht auf Leben und Tod.

Am Morgen nach seiner Unterredung mit dem Propheten begab sich John

Ferrier nach der Salzseestadt, suchte dort seinen Bekannten auf,

welcher im Begriff stand, ins Gebirge von Nevada zu reisen, und

vertraute ihm die Botschaft für Jefferson Hope an. Er hatte dem jungen

Manne geschrieben, von welcher furchtbaren Gefahr sie bedroht seien und

ihn aufgefordert, unverzüglich zurückzukehren. Nachdem dies geschehen

war, ging er erleichterten Herzens heim.

Als er sich seinem Hause näherte, sah er mit Verwunderung, daß an jedem

der Thürpfosten ein Pferd angebunden stand. Im Wohnzimmer aber traf er

zwei junge Männer, die sich höchst behaglich zu fühlen schienen. Der

eine, mit hageren, blassen Zügen, lag im Armstuhl ausgestreckt, die

Füße auf dem niedrigen Ofen. Der andere, ein Mensch mit aufgedunsenem,

gemeinem Gesicht und einem Stiernacken, stand, die Hände in den

Taschen, am Fenster und pfiff eine Melodie. Beide nickten Ferrier

vertraulich zu, und der junge Mensch im Armstuhl begann das Gespräch.

„Sie kennen uns vielleicht nicht,“ sagte er. „Dies hier ist der Sohn

des Aeltesten Drebber und ich bin Josef Stangerson, der mit im Zuge

war, als der Herr in der Wüste seine Hand ausstreckte, um Sie mit der

Herde der Gläubigen zu vereinen.“

„Wie er alle Völker versammeln wird zu seiner Zeit!“ fiel der andere

mit schnarrender Stimme ein. „Seine Mühlen mahlen langsam, aber sicher.“

John Ferrier verbeugte sich kühl; er hatte sich schon denken können,

wer die Besucher waren.

„Wir kommen auf den Rat unserer Väter,“ fuhr Stangerson fort, „und

werben um die Hand Ihrer Tochter für denjenigen von uns beiden, welcher

Ihnen und ihr am meisten zusagt. Da ich nur vier Frauen habe und Bruder

Drebber hier deren sieben besitzt, so scheint mir, daß ich den nächsten

Anspruch habe.“

„Bewahre, Bruder Stangerson,“ rief der andere; „es handelt sich nicht

darum, wie viele Frauen man hat, sondern wie viele man ernähren kann.

Mein Vater hat mir jetzt die Fabriken übergeben, und ich bin reicher

als du.“

„Aber ich habe bessere Aussichten,“ erwiderte jener eifrig. „Wenn der

Herr meinen Vater zu sich nimmt, bekomme ich die Lohgerberei und die

Lederfabrik. Auch bin ich älter als du und mein Ansehen in der Kirche

ist größer.“

„Das Mädchen soll zwischen uns entscheiden,“ entgegnete der junge

Drebber, sich wohlgefällig im Spiegel betrachtend; „wir wollen es ihr

ganz überlassen.“

Während dieses Zwiegesprächs stand John Ferrier schäumend vor Wut an

der Thür. Es zuckte ihm in allen Fingern, seine Reitpeitsche auf den

Rücken der beiden Bewerber niedersausen zu lassen.

„Hört einmal,“ sagte er endlich, auf sie zuschreitend, „wenn meine

Tochter euch rufen läßt, mögt ihr kommen; bis dahin bitte ich mir aus,

daß ihr mir den Anblick eurer Gesichter erspart!“

Die jungen Mormonen starrten ihn in maßlosem Erstaunen an. In ihren

Augen war dieser Wettbewerb um die Hand des Mädchens die höchste Ehre,

welche sie Vater und Tochter erweisen konnten.

„Es giebt zwei verschiedene Ausgänge aus diesem Zimmer,“ fuhr Ferrier

zornglühend fort, „einen durch die Thür, den anderen durch das Fenster.

Ihr habt die Wahl.“

Seine Miene war so drohend und seine hagern Hände schienen so

eisenstark, daß die beiden unwillkommenen Besucher eilig aufsprangen

und den Rückzug antraten. Der alte Mann folgte ihnen bis zur Thür.

„Sobald ihr untereinander ausgemacht habt, wer es sein soll, laßt

mich’s wissen,“ rief er ihnen höhnisch nach.

„Dafür sollt Ihr büßen,“ schrie Stangerson bleich vor Erregung. „Ihr

habt dem Propheten getrotzt und dem hohen Rat der Vier -- das sollt Ihr

bereuen bis an Euer Lebensende.“

„Die Hand des Herrn werdet Ihr fühlen,“ stimmte der junge Drebber ein.

„Er wird wider Euch aufstehen und Euch schlagen.“

„Mit dem Schlagen kann es gleich seinen Anfang nehmen,“ rief Ferrier

zornbebend. Er wollte die Flinte von der Wand reißen, aber Lucy war

herzugeeilt und fiel ihm in den Arm. Bevor er sich noch von ihr

losmachen konnte, tönte schallender Hufschlag und die Flüchtlinge waren

außer seinem Bereich.

„Die jungen heuchlerischen Schurken,“ murmelte er voll Ingrimm; „weit

lieber möchte ich dich im Grabe sehen, mein Herzenskind, als daß dich

einer von ihnen als sein Weib heimführte.“

„Ja Vater, -- lieber sterben!“ erwiderte sie entschlossen. „Doch bald

wird Jefferson hier sein.“

„Freilich -- und je früher er kommt, desto besser ist es. Wer kann

wissen, was jene gegen uns im Schilde führen.“

Es war in der That hohe Zeit, daß ein kluger Ratgeber und Helfer dem

wackern alten Ferrier und seiner Tochter in ihrer Not beistand. Seit

der Gründung der Niederlassung war ein solches Beispiel von Ungehorsam

und Widersetzlichkeit gegen die Befehle der Aeltesten noch niemals

vorgekommen. Wenn schon kleine Vergehen mit unnachsichtiger Strenge

bestraft wurden, welches Schicksal erwartete dann diesen Erzrebellen?

Ferrier wußte, daß weder sein Reichtum noch seine Stellung ihn schützen

würde. Leute, die über ebenso große Mittel verfügten und in nicht

geringerem Ansehen standen wie er, waren schon spurlos verschwunden und

ihre Güter der Kirche anheimgefallen. Der tapfere Mann hätte sich jeder

offenen Gefahr kühn entgegengestellt, aber das düstere unheimliche

Verhängnis, das über ihm schwebte, erschütterte seine starke Seele und

flößte ihm Grauen ein. Zwar verbarg er seine Furcht vor der Tochter und

that, als lege er der ganzen Sache nicht viel Wert bei, allein, mit dem

scharfen Auge der Liebe erkannte Lucy nur zu deutlich die Unruhe in

seinem Gemüt.

Nach dem, was vorgefallen war, mußte er sich darauf gefaßt machen, von

Young wegen seines Benehmens eine Rüge oder Warnung zu erhalten. Die

Botschaft traf auch wirklich ein, aber sie kam auf eine ihm völlig

unerwartete Weise. Als er am nächsten Morgen erwachte, fand er auf der

Bettdecke gerade über seiner Brust einen kleinen viereckigen Zettel

angesteckt, auf welchem mit großen deutlichen Buchstaben die Worte

standen: „Neunundzwanzig Tage sind dir zur Sühne gewährt, und dann --

--“

Jede Drohung wäre weniger furchtbar gewesen als der beängstigende

Gedankenstrich. John Ferrier zerbrach sich vergebens den Kopf, wie der

Zettel in sein Zimmer gekommen sein könne, denn das Gesinde schlief in

einem Nebenbau und er hatte mit eigener Hand alle Fenster und Thüren

wohl verwahrt und verschlossen. Er vernichtete das Papier und sagte

seiner Tochter nichts von dem Vorfall, aber ihn schauderte doch, wenn

er daran dachte. Die neunundzwanzig Tage waren offenbar der Rest des

Monats, den Brigham Young ihm zugesagt hatte. Was vermochten aller Mut

und alle Kraft gegen einen Feind auszurichten, der so geheimnisvolle

Hilfsmittel besaß? Die Hand, welche jenen Zettel befestigte, hätte

ihn ebenso gut ins Herz treffen können und kein Mensch würde jemals

erfahren haben, wer ihn erschlagen.

Am folgenden Morgen wurde er noch heftiger erschüttert. Sie

saßen zusammen beim Frühstück, als Lucy plötzlich einen Schrei

der Ueberraschung ausstieß und nach oben blickte. Mitten auf der

Zimmerdecke stand in schwarzer Schrift die Zahl 28. Seine Tochter

wußte nicht, was das zu bedeuten habe und er klärte sie nicht auf.

Die folgende Nacht hindurch saß Ferrier mit der geladenen Flinte da

und hielt Wache. Alles blieb still, er vernahm keinen Laut, aber am

nächsten Morgen fand er die Zahl 27 auf seiner Hausthür angeschrieben.

So verging ein Tag nach dem andern und jeder neue Morgen brachte ihm

Kunde, daß seine unsichtbaren Feinde ihre Rechnung weiter führten.

An irgend einer Stelle, die ihm ins Auge fallen mußte, hatten sie

die Anzahl der Tage verzeichnet, die ihm noch von der Gnadenfrist

übrig blieb. Bald tauchten die verhängnisvollen Nummern an den

Wänden auf, bald auf dem Fußboden, manchmal standen sie auf kleinen

Anschlagzetteln, die an dem Gartenthor oder den Gitterstäben befestigt

waren. Trotz aller Wachsamkeit konnte Ferrier nicht entdecken,

woher diese täglichen Mahnzeichen kamen und er empfand ein fast

abergläubisches Grauen, so oft er eine neue Zahl gewahrte. Er kam sich

vor wie ein gehetztes Wild, eine verzehrende Unruhe ergriff ihn und wer

in seinem Auge zu lesen verstand, konnte sehen, welche Qualen er litt.

Nur der Gedanke, daß der junge Jäger jetzt bald aus Nevada eintreffen

müsse, hielt ihn noch aufrecht.

Aus 20 war 15, aus 15 war 10 geworden, aber noch traf keine Nachricht

von dem fernen Freunde ein. Immer kleiner ward die Zahl der noch

übrigen Tage und Jefferson ließ sich nicht blicken. Vernahm man einen

Hufschlag oder kam ein Fuhrmann des Weges gefahren, so eilte der alte

Farmer an das Thor, weil er glaubte, daß die ersehnte Hilfe da sei.

Erst als auf die 5 die 4 folgte und aus dieser eine 3 wurde, sank ihm

der Mut, und er gab jede Hoffnung verloren.

Wenig vertraut mit Weg und Steg in den Gebirgen, welche die Ansiedlung

umgaben, konnte er, auf sich allein angewiesen, die Rettung nicht

ins Werk setzen; alle bekannten Pfade wurden aufs strengste bewacht,

und jeder Wanderer, der sich darauf betreten ließ, mußte einen

Passierschein des Hohen Rats vorweisen können. Wohin sich also Ferrier

wenden mochte, nirgends bot sich ihm die Möglichkeit, dem Verhängnis zu

entfliehen, das ihn bedrohte; dennoch schwankte der alte Mann keinen

Augenblick in seinem Entschluß, lieber das Leben zu verlieren, als

seine Tochter jener Verbindung preiszugeben.

Er war in schweren Sorgen abends allein aufgeblieben und sann vergebens

nach, ob denn kein Entrinnen mehr möglich sei. Am Morgen war die

Zahl 2 auf der Hauswand erschienen und mit dem nächsten Tage ging

die festgesetzte Frist zu Ende. Was würde dann geschehen? -- Seine

Einbildungskraft war geschäftig, sich alle erdenklichen Schrecken

auszumalen. Und was sollte aus seiner Tochter werden, wenn er ihr nicht

mehr zur Seite stand? -- Er sah sich rings von einem unsichtbaren Netz

umgeben, das sich immer dichter zusammenzog. Von dem Gefühl seiner

Ohnmacht überwältigt, brach er in schmerzliches Schluchzen aus und das

Haupt sank ihm auf die Brust.

Aber was war das? -- Durch die Stille der Nacht kam plötzlich ein

leiser, schnarrender Ton deutlich zu ihm herüber. Er schien von der

Hausthür zu kommen. Ferrier schlich geräuschlos durch den Gang und

horchte scharf hinaus. Einige Augenblicke vergingen, dann ließ sich

der seltsame, schwache Laut wieder vernehmen. Es klopfte jemand mit

großer Behutsamkeit an der Thür. War es ein nächtlicher Abgesandter

des heimlichen Gerichts, der gekommen war, um dessen Mordbefehl

auszuführen, oder sollte ihm noch besonders angekündigt werden, daß der

letzte Tag herannahe? Die furchtbare Ungewißheit schüttelte ihn wie

im Fieber und nahm ihm jede Widerstandskraft. Länger vermochte er die

Qual nicht mehr zu ertragen, mit der verglichen der Tod eine Erlösung

schien. Rasch entschlossen zog er den Riegel zurück und öffnete die

Thür.

[Illustration]

Draußen war alles still. Die Sterne flimmerten am klaren Nachthimmel

und weder in dem kleinen Vorgarten, den der Zaun umschloß, noch auf

der Straße jenseits des Gitterthors, war ein menschliches Wesen

zu erblicken. Ferrier sah nach rechts und nach links und atmete

erleichtert auf. Als er aber zufällig gerade vor sich auf den Boden

schaute, sah er mit Entsetzen zu seinen Füßen einen Mann platt auf der

Erde liegen, Arme und Beine weit von sich gestreckt.

Der Anblick erschütterte ihn so sehr, daß er gegen die Wand taumelte

und Mühe hatte, den wilden Schrei zu ersticken, der sich ihm auf die

Lippen drängte. Sein erster Gedanke war, daß es ein Verwundeter oder

Sterbender sein müsse; allein plötzlich kam Leben in die Gestalt,

sie wand sich wie eine Schlange behende und geräuschlos am Boden

entlang und erreichte den Hausflur. Sobald der Mann über die Schwelle

gekommen war, sprang er rasch in die Höhe, schloß die Thür und

vor dem überraschten Farmer stand Jefferson Hope mit ingrimmiger,

entschlossener Miene.

„Großer Gott -- du bist es --,“ keuchte John Ferrier; „weshalb kommst

du so geschlichen? Du hast mich furchtbar erschreckt.“

„Gieb mir zu essen,“ rief jener mit heiserer Stimme, „seit

achtundvierzig Stunden habe ich weder Trank noch Speise zu mir

genommen.“ Er griff gierig nach Brot und Fleisch, das noch von Ferriers

Abendmahlzeit auf dem Tische stand. „Hält sich Lucy tapfer?“ war seine

erste Frage, sobald er seinen Heißhunger gestillt hatte.

„Ja, doch kennt sie die Größe der Gefahr nicht.“

„Das ist gut. Das Haus wird von allen Seiten bewacht; ich konnte mich

nur kriechend nähern, um nicht bemerkt zu werden. Sie passen scharf

auf, doch sind sie nicht schlau genug, um einen Washoe-Jäger zu fangen.“

John Ferrier war wie umgewandelt, nun er auf den Beistand eines

getreuen Verbündeten zählen durfte. „Du bist ein Mann unter Tausenden,“

rief er, Jeffersons Hand herzlich schüttelnd; „nicht jeder wäre

gekommen, um Gefahr und Not mit uns zu teilen.“

„Wärst du allein in der Bedrängnis, Vater, wahrlich -- ich hätte es

mir wohl zweimal überlegt, bevor ich mich in dieses Wespennest wagte,“

erwiderte der junge Hope freimütig. „Um Lucys willen bin ich hier und

ehe ich zugebe, daß ihr ein Leid geschieht, müssen sie mir das Leben

nehmen.“

„Was soll denn aber nun werden? Laß uns rasch handeln!“

„Morgen ist euer letzter Tag; wenn wir nicht diese Nacht entfliehen,

seid ihr verloren. In der Adlerschlucht stehen zwei Pferde und ein

Maultier bereit. Wieviel Geld hast du?“

„Zweitausend Dollars in Gold und fünftausend in Banknoten.“

„Das genügt; ich kann etwa die gleiche Summe hinzulegen. Wir müssen

übers Gebirge nach Carson City. Lucy soll sich sogleich fertig machen.

Gut, daß die Dienstboten nicht im Hause schlafen.“

Während Ferrier ging, seine Tochter zu wecken, traf Jefferson Hope die

nötigen Vorkehrungen zur Flucht. Was sich von Eßwaren vorfand, packte

er in ein kleines Bündel und füllte einen Steinkrug mit Wasser, da er

wußte, daß sie in den Bergen nur auf wenige Quellen stoßen würden.

Jetzt kehrte auch Ferrier mit Lucy zurück; beide waren zum Aufbruch

bereit. Die Liebenden begrüßten einander mit wenigen herzlichen Worten,

jeder Augenblick war kostbar und es gab noch viel zu überlegen.

„Wir müssen auf der Stelle fort,“ sagte Jefferson mit leiser, aber

fester Stimme. „Es gilt der Gefahr mutig zu trotzen. Beide Eingänge,

der vordere sowohl als der hintere, werden bewacht, aber bei gehöriger

Vorsicht können wir durch das Seitenfenster entfliehen, das auf die

Felder geht. Haben wir erst die Straße erreicht, so sind wir nur eine

kurze halbe Stunde von der Schlucht entfernt, wo die Pferde warten. Bei

Tagesanbruch müssen wir schon tief im Gebirge sein.“

„Aber, wenn wir angehalten werden?“ fragte Ferrier.

Hope deutete auf die Mündung des Revolvers, den er in seinem Wamse

trug. „Wenn ihrer zu viele sind, müssen zwei oder drei ins Gras

beißen,“ sagte er mit grimmigem Lächeln.

Alles Licht im Hause war ausgelöscht und Ferrier warf durch das dunkle

Fenster noch einen Blick auf seine Wiesen und Felder hinaus, welche

er für immer verlassen sollte. Schon längst war er jedoch auf dies

Opfer vorbereitet und der Gedanke an seiner Tochter Glück und Ehre

verscheuchte allen Kummer über den Verlust seines Eigentums. Die Gegend

lag so still und friedlich da, die Bäume rauschten und das Korn wogte

im Winde; es war schwer zu glauben, daß da draußen allerwärts der Mord

auf sie lauere. Die bleiche, entschlossene Miene des jungen Jägers

verriet aber nur allzu deutlich, daß er auf dem Wege nach dem Hause

genug gesehen hatte, um darüber keinerlei Zweifel zu hegen.

Ferrier trug einen Sack mit dem Gold und den Banknoten, Jefferson

die Vorräte an Eßwaren und den Wasserkrug; Lucy hatte ihre liebsten

Besitztümer in ein Bündel geschnürt. Langsam und vorsichtig öffneten

sie das Fenster und warteten, bis eine dunkle Wolke, die herangezogen

kam, die Gegend in Finsternis hüllte, dann kletterten sie geräuschlos

in den Vorgarten hinab. Mit verhaltenem Atem, halb schleichend, halb

kriechend, erreichten sie glücklich den Heckenzaun, in dessen Schutze

sie vorwärts eilten, bis sie an eine Lücke kamen, durch welche man in

die Felder hinaus gelangte. Sie befanden sich gerade an dieser Stelle,

als Jefferson sich plötzlich zu Boden warf, und Vater und Tochter

mit sich zog. Das geübte Ohr des Steppenjägers hatte ein Geräusch

vernommen. Kaum lauerten sie in ihrem Versteck, als wenige Schritte

von ihnen der trübselige Ruf einer Bergeule ertönte, dem ein anderer

Eulenruf aus einiger Entfernung antwortete. Gleich darauf sahen sie den

Schatten eines Mannes an der Zaunlücke vorbeigleiten und eine zweite

Gestalt tauchte aus dem Dunkel auf.

„Morgen um Mitternacht, wenn das Käuzchen dreimal ruft,“ sagte der

erste im Ton des Befehls.

„Wohl,“ versetzte der zweite; „soll ich Bruder Drebber benachrichtigen?“

„Sage ihm die Weisung, er soll sie weiter geben. +Neun und sieben.+“

„+Sieben und fünf!+“ entgegnete der andere, und die beiden entfernten

sich nach verschiedenen Richtungen. Ihre letzten Worte sollten offenbar

eine Art Losung sein. Kaum waren ihre Tritte verhallt, als Jefferson

aufsprang und mit seinen Gefährten, so rasch sie ihre Füße trugen, quer

durch die Felder lief.

„Vorwärts, vorwärts,“ keuchte er von Zeit zu Zeit; „wir sind schon an

den Wachtposten vorbei, nur die größte Eile kann uns retten.“

Wenn Lucys Kräfte zu versagen drohten, half er ihr und stützte sie mit

starkem Arm. Auf der Landstraße angelangt, kamen sie rasch weiter, und

kurz vor der Stadt bog ihr Führer in einen schmalen, steilen Pfad ab,

der zu den Bergen aufstieg. Zwei dunkle, zerklüftete Felsspitzen ragten

vor ihnen empor in der Finsternis; zwischen diesen öffnete sich die

Adlerschlucht, wo die Pferde warteten. Von sicherm Instinkt geleitet,

fand Jefferson den Weg zwischen Felsblöcken und in dem trockenen Bett

eines Waldbachs, bis sie den versteckten Schlupfwinkel erreichten,

wo er die treuen Tiere festgebunden hatte. Das Mädchen bestieg das

Maultier und Ferrier mit dem Geldsack eines der Pferde, während

Jefferson Hope das andere auf dem gefährlichen Pfade am Zügel führte.

Rechter Hand ragte eine wohl tausend Fuß hohe Felswand und zur Linken

lagen Steinblöcke und Trümmer wild durcheinander geworfen. Der Fußsteg,

der in regelmäßigem Zickzack mitten durch diese Wildnis führt, war an

manchen Stellen so schmal, daß sie ihn hintereinander einzeln verfolgen

mußten, und so rauh, daß nur die geübtesten Reiter ihn ohne Unfall

passieren konnten.

Trotz aller Mühsal und Beschwerde war den Flüchtlingen dennoch fröhlich

zu Mut, weil jeder Schritt, den sie vorwärts thaten, sie weiter aus dem

Bereich des Tyrannen brachte, dem sie entrinnen wollten.

Bald jedoch erhielten sie den Beweis, daß sie noch immer nicht dem

Bann der ‚Heiligen‘ entflohen waren. Sie hatten eben die ödeste und

wildeste Stelle des Gebirgspasses erreicht, als Lucy mit einem Ausruf

des Schreckens nach oben deutete. Auf einem Felsvorsprung, der den Pfad

beherrschte und sich klar gegen den Himmel abhob, stand ein einsamer

Wachtposten. Er hatte die Reiter gleichfalls bemerkt und seine Frage:

„Wer geht da?“ klang herausfordernd durch die stille Schlucht.

„Reisende nach Nevada,“ rief Jefferson Hope, die Hand an der Flinte,

welche am Sattel hing.

„Mit wessen Erlaubnis?“ schallte es von oben herunter.

„Der heiligen Vier,“ gab Jefferson zur Antwort. Er wußte von seinem

Aufenthalt bei den Mormonen, daß dies die höchste Obergewalt sei.

„+Neun und sieben!+“ rief die Schildwache.

„+Sieben und fünf!+“ entgegnete Jefferson rasch, sich der Losung

erinnernd, die er im Garten gehört hatte.

[Illustration]

„Passiert -- der Herr sei mit euch!“ ertönte es von der Felsspitze.

Bald darauf war der Weg breiter und die Pferde konnten sich in Trab

setzen. Noch einmal sahen sie zurück nach dem einsamen Wächter, der

sein Gewehr im Arm, an dem Felsen lehnte. Sie wußten, daß sie den

letzten Posten der Mormonen hinter sich hatten und die Freiheit vor

ihnen lag.

Zwölftes Kapitel.

Die Würgengel.

Die ganze Nacht hindurch wanderten die Flüchtlinge über felsiges

Gestein und durch die verschlungensten Pfade. Kamen sie auch öfters vom

Wege ab, so wußte sich doch Jefferson, bei seiner genauen Kenntnis des

Gebirges, immer wieder zurecht zu finden. Beim Morgengrauen enthüllte

sich ihnen ein Schauspiel von wilder, aber wunderbarer Schönheit. In

der weiten Runde sahen sie sich ringsum von hohen, schneebedeckten

Berggipfeln eingeschlossen, die bis zu unabsehbaren Fernen neben und

über einander emporragten. Droben im Gestein wurzelten Lärchen- und

Fichtenbäume, die der nächste Windstoß von den steilen Felswänden

auf ihre Häupter herabschleudern konnte; es lagen Steintrümmer und

Baumstämme genug unten im Thal verstreut, zum Zeichen, daß ein solcher

Absturz wohl zu fürchten sei. Eben jetzt löste sich wieder ein großes

Felsstück und fiel donnernd in die Tiefe; erschreckt fuhren die müden

Pferde auf und setzten sich in schärferen Trab.

Nun stieg die Sonne über den östlichen Horizont und entzündete die

Berggipfel wie Lampen bei einem Fest, einen nach dem andern, bis

sie alle glühten und leuchteten. Es war ein Anblick von solcher

Erhabenheit, wie ihn die Flüchtlinge noch nie geschaut; er erfreute

ihre Herzen und stärkte sie mit neuer Kraft und Zuversicht. Am Ufer

eines Waldbaches, der aus der Schlucht hervorbrauste, machten sie bald

darauf Halt, tränkten ihre Pferde und nahmen ein hastiges Mahl ein.

Lucy und ihr Vater hätten gern eine Weile gerastet, aber Jefferson gab

das nicht zu. „Sie sind uns jetzt gewiß schon auf der Spur,“ sagte er;

„Eile thut vor allem not. Erst wenn wir sicher in Carson angelangt

sind, dürfen wir daran denken, der Ruhe zu pflegen.“

Den ganzen Tag lang ging es weiter durch Hohlwege und Schluchten;

am Abend mußten sie nach ihrer Berechnung weit mehr als dreißig

Meilen zurückgelegt haben. Erschöpft suchten sie nun unter einer

vorspringenden Klippe Schutz vor dem kühlen Nachtwind, schmiegten sich

fest aneinander, um sich zu erwärmen und gönnten sich einige Stunden

Schlaf. Bis jetzt hatten sie nicht das geringste Anzeichen einer

Verfolgung entdeckt und Jefferson Hope glaubte schon, dem grimmigen

Feinde glücklich entronnen zu sein. Ach, er ahnte nicht, wie weit

dessen gefürchteter Arm reichte, und wie bald er sich ausstrecken

würde, um sie erbarmungslos zu zerschmettern.

Um die Mittagszeit des zweiten Tages ihrer Flucht begann ihr geringer

Vorrat von Lebensmitteln auf die Neige zu gehen. Dem Jäger machte

das wenig Sorge; es mangelte nicht an Wildpret im Gebirge und seine

Flinte hatte ihm schon öfters die nötige Nahrung verschafft. An

einer geschützten Stelle häufte er trockene Zweige auf und zündete

ein mächtiges Feuer an, damit sich Vater und Tochter wärmen könnten,

denn sie befanden sich jetzt in einer Höhe von 5000 Fuß über dem

Meeresspiegel und die Luft wehte scharf und kalt. Jefferson band die

Pferde fest, nahm Abschied von Lucy, warf die Flinte über die Schulter

und zog aus, um sein Waidmannsglück zu versuchen. Als er sich noch

einmal umwandte, sah er den Alten neben dem jungen Mädchen am Feuer

sitzen und im Hintergrunde die drei Reitpferde, bewegungslos, wie aus

Stein gehauen. Schon im nächsten Augenblick hatten die Felsen ihm das

Bild verdeckt.

Späte Rache · 第 7 / 10 段