John Ferrier und seine kleine Schicksalsgefährtin, die er an

Kindesstatt angenommen, hatten die Mormonen bis ans Ende ihrer

Pilgerfahrt begleitet. Die kleine Lucy war unterwegs keinen allzugroßen

Fährlichkeiten ausgesetzt gewesen. Sie durfte den Zug in dem Wagen

des Aeltesten Stangerson mitmachen, in welchem sich außer ihr noch die

drei Frauen des Mormonen befanden und sein Sohn, ein eigenwilliges,

zwölfjähriges Bürschchen. Mit leichtem Kindersinn hatte sie sich

schnell von dem Kummer erholt, den ihr der Mutter Tod bereitet. Sie

wurde der Liebling der Frauen und gewöhnte sich bald an das neue

Leben unter dem beweglichen Leinwandzelt. Auch Ferrier erholte sich

nach kurzer Zeit von den ausgestandenen Beschwerden; er wußte sich

als erfahrener Führer und unermüdlicher Jäger seinen neuen Gefährten

nützlich zu machen und ihre Achtung zu erwerben. Als man das Ziel der

Wanderung endlich erreicht hatte, wurde ihm ein ebenso großes und

fruchtbares Ackerland zugewiesen wie allen übrigen Ansiedlern. Außer

Brigham Young selbst erhielten nur die vier Hauptältesten Stangerson,

Kemball, Johnston und Drebber ansehnlichere Besitztümer.

Auf dem ihm zugefallenen Strich Landes baute sich John Ferrier ein

festes Blockhaus, das er im Laufe der Jahre vergrößerte, bis es ein

geräumiger Landsitz wurde. Er war eine durchaus praktische Natur,

geschickt zu jedem Handgriff, klug und besonnen in allem, was er

unternahm. Eine eiserne Gesundheit setzte ihn in den Stand, von früh

bis spät thätig zu sein beim Anbau seines Grund und Bodens. Dieser

angestrengte Fleiß brachte ihm reichliche Früchte, und sein Hab und Gut

mehrte sich zusehends.

Nach Ablauf von drei Jahren besaß er mehr als seine Nachbarn, nach

sechs Jahren war er wohlhabend, nach neun Jahren reich, und als zwölf

Jahre um waren, gab es in der ganzen Stadt am Salzsee kaum ein Dutzend

Leute, die sich mit ihm vergleichen konnten. Von dem großen Binnensee

bis zu dem Wahsatch-Gebirge kannte und schätzte man John Ferriers Namen

allgemein.

Einen Punkt gab es jedoch, in welchem er den Anforderungen seiner

Glaubensbrüder nicht genügte. Kein Drängen und keine Ueberredungskunst

konnte ihn bewegen, sich einen weiblichen Hausstand nach Art seiner

Gefährten einzurichten. Er gab für seine hartnäckige Weigerung keine

Gründe an, sondern begnügte sich damit, unerschütterlich bei seinem

Entschluß zu verharren. Manche beschuldigten ihn deshalb der Lauheit

gegen die Religionsgemeinschaft, der er beigetreten war, andere

meinten, er handle aus Habgier und wünsche die Kosten zu sparen.

Wieder andere sprachen von einer früheren Liebesgeschichte, und

sagten, er habe im Osten ein blondes Mädchen zurückgelassen, das er

nicht vergessen könne. +Eins+ nur war sicher -- Ferrier blieb ein für

allemal unvermählt. In jeder andern Hinsicht unterwarf er sich aber den

herrschenden Gebräuchen und galt für ein strenggläubiges Mitglied der

jungen Ansiedlung.

Lucy Ferrier wuchs in dem Blockhaus auf und half ihrem Pflegevater bei

allen seinen Unternehmungen. Das Kind gedieh in der scharfen Bergluft

und den balsamischen Fichtenwäldern besser, als wenn es die Pflege der

besorgtesten Mutter und Wärterin genossen hätte. Wie die Jahre flohen,

wurde ihre Gestalt schlanker und kräftiger, ihre Wangen röteten sich,

ihr Schritt gewann an Elastizität; allmählich und unmerklich hatte sich

die Knospe zur Blume entfaltet. Mancher Wanderer, den sein Weg auf

der Landstraße an Ferriers Besitztum vorbeiführte, sah dem anmutigen

Mädchen mit Wohlgefallen nach, wenn sie durch die Weizenfelder schritt

oder auf ihres Vaters Mustang einhergeritten kam, den sie leicht und

sicher zu regieren verstand, wie ein echtes Kind des Westens.

Zur Zeit, als John Ferrier für den reichsten Farmer an den westlichen

Abhängen des Felsengebirges galt, war Lucy zur Jungfrau erblüht;

unversehens hatte sie die Schwelle der Kindheit überschritten, und

nun kam auch für sie der Tag, an dem sie das Erwachen eines neuen,

schöneren Lebens in ihrem Innern mit Stolz und Freude empfand. Ein

Ereignis trat ein, das nicht nur für Lucys Zukunft von den wichtigsten

Folgen war, sondern auch auf das Schicksal vieler anderer einen

entscheidenden Einfluß übte.

An einem warmen Junimorgen waren die ‚Heiligen des Jüngsten Tages‘ nach

ihrer Gewohnheit geschäftig wie die Bienen, die sie sich zum Vorbild

erwählt haben. Ueberall auf den Feldern und in den Werkstätten vernahm

man das Gewirr und Gesumme menschlicher Thätigkeit. Auch auf den

staubigen Landstraßen herrschte ein buntes Leben; dort trabten lange

Züge schwerbeladener Maultiere einher, die alle nach dem Westen zogen,

denn das Goldfieber war in Kalifornien ausgebrochen und wer zu Lande

dorthin wollte, den führte sein Weg an der Stadt ‚der Auserwählten‘

vorbei. Zugleich mit den Scharen dieser Einwanderer, die sich mit ihren

ermatteten Tieren mühsam weiter schleppten auf der endlosen Fahrt,

begegnete man großen Herden von Schafen und Jungvieh, welche die ferner

gelegenen Weideplätze verlassen hatten.

Auf der Straße war ein dichtes Gedränge von Menschen und Tieren

entstanden, aber mitten durch das Gewühl hindurch galoppierte Lucy

Ferrier, sich als geschickte Reiterin einen Weg bahnend; ihre Wangen

waren gerötet von der raschen Bewegung, ihre kastanienbraunen Locken

flogen im Winde. Der Vater hatte sie mit einem Auftrag nach der

Stadt geschickt, und sie jagte in jugendlichem Mute, wie sie schon

so oft gethan, furchtlos dahin, um ihn auszurichten. Mehr als einer

der wegemüden Abenteurer blickte dem kühnen Mädchen bewundernd nach;

ja, selbst der stoische Indianer, der mit seinem erbeuteten Pelzwerk

beladen heimkehrte, ward von Staunen ergriffen über die Schönheit des

lieblichen Bleichgesichts.

[Illustration]

Schon hatte Lucy die ersten Häuser der Stadt erreicht, als eine große

Rinderherde, die in der Hut ihrer wildblickenden Treiber von der

Steppe daherzog, ihr plötzlich den Weg versperrte. Ungeduldig über

dies Hindernis, sprengte sie in die erste beste Lücke hinein, die sich

zu öffnen schien. Kaum aber hatte sie das gethan, als die gehörnten

Scharen hinter ihr nachdrängten und sie sich mit ihrem Pferde fest

eingekeilt sah in dem unaufhaltsam vorwärts flutenden Strome. Ohne

über ihre Lage zu erschrecken, benutzte sie geschickt jeden Vorteil,

der sich ihr bot, um weiter zu kommen, und trieb ihr Pferd an, in

der Hoffnung, sich einen Weg durch die Herde zu bahnen. Dabei geriet

jedoch ein junger, feuriger Stier in allzu nahe Berührung mit dem

Mustang und stieß seine Hörner in dessen Weichen. Das Pferd ward

wild, stieg auf die Hinterbeine, schnaubte und schüttelte sich mit

solcher Heftigkeit, daß Lucy ihre ganze Kunst anwenden mußte, um sich

im Sattel zu halten. Die Gefahr, in der sie schwebte, war groß, bei

jedem Sprunge stieß das Pferd wieder gegen die spitzigen Hörner und

wurde zu neuer Wut gereizt. Wenn es seine Reiterin abwarf, wäre diese

ohne Erbarmen von den Hufen der ungefügen, erschreckten Stiere zu Tode

getreten worden. Der aufgewirbelte Staub drohte sie zu ersticken,

ein Schwindel ergriff sie, und schon begann ihre Hand, die den Zügel

hielt, zu erlahmen. Die Kraft würde ihr versagt haben, wenn nicht in

diesem Augenblick ein herzhafter Zuruf dicht neben ihr sie mit neuem

Mut erfüllt hätte. Eine braune, sehnige Faust ergriff den Mustang beim

Zaume und machte ihm Bahn mitten durch die Herde, bis er wieder freien

Spielraum vor sich sah und sich ungehindert bewegen konnte.

„Ich hoffe, Sie haben keinen Schaden genommen, Fräulein,“ sagte Lucys

Retter in ehrfurchtsvollem Ton.

Sie sah ihm beherzt in das dunkle, kühne Antlitz und erwiderte

unbefangen. „Einen furchtbaren Schrecken habe ich gehabt, wer hätte

auch denken können, Poncho würde sich von einer Herde Ochsen ins

Bockshorn jagen lassen.“

„Gottlob, daß Sie sich fest im Sattel hielten,“ sagte der andere

ernst. Er war ein junger Bursche von kräftigem Gliederbau und etwas

verwildertem Aeußern, trug ein grobes Jägerwams, eine lange Büchse über

der Schulter und ritt auf einem mächtigen Braunfuchs.

„Sie sind wohl John Ferriers Tochter,“ fuhr er fort, „ich sah Sie unten

von seinem Hause wegreiten. Fragen Sie ihn doch einmal, ob er sich noch

an Jefferson Hope aus St. Louis erinnert. Wenn er der Ferrier ist, den

ich meine, müssen mein Vater und er gute Freunde gewesen sein.“

„Wollen Sie nicht lieber kommen und ihn selbst danach fragen?“

entgegnete sie mit freundlicher Miene.

Dem jungen Manne schien der Vorschlag zu behagen, seine dunklen Augen

glänzten vor Vergnügen. „Das will ich thun,“ sagte er; „ich bin zwar

jetzt mit meinen Kameraden zwei Monate im Gebirge gewesen, da sehen wir

nicht gerade besuchsmäßig aus, vielleicht nimmt Herr Ferrier aber mit

uns fürlieb wie wir sind.“

„Mein Vater ist Ihnen großen Dank schuldig,“ erwiderte sie, „und ich

gleichfalls. Er hat mich sehr lieb, und wenn mich die Tiere zu Boden

getreten hätten, wäre er nie wieder froh geworden.“

„Ich auch nicht,“ versicherte der Jäger.

„Sie? -- Ja, was sollten Sie sich denn groß darum kümmern? Sie gehören

ja nicht einmal zu unsern Freunden.“

Die Miene des jungen Mannes verfinsterte sich so sichtlich, als Lucy

Ferrier diese Aeußerung that, daß sie hell auflachte.

„Nein, so meine ich das nicht; natürlich sind Sie jetzt ein Freund

unseres Hauses. Kommen Sie nur recht bald uns zu besuchen. Doch ich muß

weiter, sonst läßt mich Vater nie wieder ein Geschäft für ihn besorgen.

Auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen,“ sagte er, sich über ihre kleine Hand beugend, und

nahm seinen breiten Sombrero ab. Sie ließ ihren Mustang eine kühne

Schwenkung machen, versetzte ihm einen leichten Schlag mit der Peitsche

und flog davon, die Landstraße hinunter, eine hohe Staubwolke hinter

sich aufwirbelnd.

Der junge Jefferson Hope ritt mit seinen Gefährten langsam und

schweigend weiter. Sie waren im Gebirge von Nevada gewesen, um nach

Silber zu suchen, und kamen jetzt in die Salzseestadt zurück, mit der

Hoffnung, dort ein Kapital zusammenzubringen, um die Erzgänge ausbeuten

zu können, welche sie entdeckt hatten. Er war voll Eifer für das

Unternehmen gewesen, bis das heutige Erlebnis seinen Gedanken eine

andere Richtung gab. Der Anblick des schönen jungen Mädchens, das so

frisch und frei war wie die Luft im Gebirge, hatte sein ungestümes,

leidenschaftliches Herz bis in die innersten Tiefen erregt. Als sie

ihm aus den Blicken entschwunden war, wußte er, daß ein Wendepunkt in

seinem Leben eingetreten sei, und daß weder die Silbermine noch sonst

etwas auf der Welt für ihn von Bedeutung war, neben dem neuen, ihn ganz

beherrschenden Gefühl. Die Liebe, die in seinem Innern erwachte, glich

nicht der plötzlichen und veränderlichen Laune eines Knaben, es war die

wilde, unbezwingbare Leidenschaft eines Mannes von stolzem Sinn und

starkem Willen. Alles was er bisher unternommen hatte, war von Erfolg

gekrönt gewesen. In seinem Herzen gelobte er sich, auch dies höchste

Gut zu erringen, wenn es für sein feuriges Streben irgend erreichbar

war.

Noch am selben Abend besuchte er John Ferrier und ward seitdem ein

häufig gesehener Gast in seinem Hause. Der alte Farmer war in den

letzten zwölf Jahren ausschließlich mit seiner Arbeit beschäftigt

gewesen und hatte sich wenig um die Außenwelt gekümmert. Durch

Jefferson Hope erhielt er nun Kunde von dem, was sich draußen

zugetragen, und alles, was dieser erzählte, zog Lucy ebenso sehr an,

wie ihren Vater. Der junge Mann war als Pionier nach Kalifornien

gegangen und wußte seltsame Dinge davon zu berichten, wie Reichtümer

gewonnen und wieder verloren wurden in jenen Tagen wilder Begierde.

Auch Pfadfinder war er gewesen und Pelzjäger, Silbergräber und

Landwirt. Wo es galt, kühne Abenteuer zu bestehen, war Jefferson Hope

überall als einer der ersten zu finden. Der alte John Ferrier, dem er

bald lieb und wert wurde, ergriff jede Gelegenheit, um Gutes von ihm

zu reden und ihm Lob zu spenden. Lucy schwieg dann meist still, aber

ihre glühenden Wangen und hellen, glückstrahlenden Augen verrieten nur

zu deutlich, daß die Liebe in ihrem Herzen Einzug gehalten hatte. Ihr

wackerer Vater gewahrte vielleicht nichts von solchen Anzeichen, aber

dem Manne, welcher das holde Mädchen für sich zu gewinnen trachtete,

blieben sie nicht verborgen.

An einem Sommerabend stand Lucy auf der Schwelle des Hauses und sah

Jefferson die Straße herabreiten und am Gitterthor halten. Als sie die

Stufen hinunter eilte, um ihn zu begrüßen, band er rasch sein Pferd an

den Zaun, und kam ihr auf dem Fußsteig entgegen.

„Ich muß fort, Lucy,“ sagte er, ihre Hand ergreifend und ihr zärtlich

ins Auge blickend. „Ich will dich nicht bitten, mir schon jetzt

zu folgen, wirst du aber bereit sein, mit mir zu ziehen, wenn ich

zurückkehre?“

[Illustration]

„Und wann wird das sein?“ fragte sie mit freudigem Erröten.

„In einigen Monaten. Dann komme ich, Geliebte, und bitte um deine Hand.“

„Was wird aber der Vater sagen?“

„Er hat seine Einwilligung gegeben, wenn es uns mit den Silberminen

glückt. Davor ist mir nicht bange.“

„Nun, wenn ihr darüber eines Sinnes seid, der Vater und du, so darf ich

keinen Einspruch erheben,“ flüsterte sie und barg ihre glühenden Wangen

an seiner starken Brust.

„Gottlob!“ rief er beglückt, und drückte ihr einen innigen Kuß auf die

Lippen, „soweit ist alles gut. Lebe wohl, mein Herz, ich darf nicht

länger bleiben, sonst wird mir das Scheiden zu schwer. Die Kameraden

warten auf mich in der Bergschlucht. In zwei Monaten sehen wir uns

wieder. Lebe wohl!“

Er riß sich aus ihrer Umarmung, sprang in den Sattel und trabte mit

Windeseile davon. Nicht einen Blick warf er noch zurück, als fürchte

er, die Kraft möchte ihm versagen, wenn er sich noch einmal umschaute

nach dem Glück, welches er verließ. Sie blieb am Gitterthor stehen und

sah ihm nach, bis er ihren Augen entschwunden war. Dann kehrte sie ins

Haus zurück. Ein glückseligeres Mädchen als Lucy Ferrier gab es in

jenem Abend in ganz Utah nicht.

Zehntes Kapitel.

John Ferrier spricht mit dem Propheten.

Drei Wochen waren vergangen, seit Jefferson Hope mit seinen Gefährten

die Salzseestadt verlassen hatte. Bei dem Gedanken an seine Rückkunft

und den Abschied von der geliebten Pflegetochter wollte John

Ferrier das Herz wohl oft schwer werden; aber ein Blick in ihre

glückstrahlenden Augen ließ ihn das eigene Leid vergessen. Er hatte von

jeher fest bei sich beschlossen, daß ihn nichts in der Welt bewegen

sollte, sein Kind einem Mormonen zur Frau zu geben, weil er eine solche

Ehe als Schmach und Schande ansah. Was er auch sonst über die Lehren

der Mormonen denken mochte, in diesem +einen+ Punkt war er unbeugsam.

Doch hütete er sich wohl, etwas von seiner abweichenden Ueberzeugung

verlauten zu lassen, denn im Lande der Heiligen galt es damals für ein

gefährliches Ding, andere, als die strenggläubigsten Meinungen zu hegen.

Selbst die Frömmsten wagten es nur mit der größten Vorsicht, über

religiöse Angelegenheiten zu reden, aus Furcht, eins ihrer Worte

möchte falsch ausgelegt werden und ein schnelles Strafgericht über

sie heraufbeschwören. Die ehemaligen Opfer der Verfolgung waren

jetzt selbst zu Verfolgern geworden und betrieben ihr Handwerk

auf entsetzliche Art. Weder die spanischen Inquisitoren, noch die

Vehmgerichte des Mittelalters oder die geheimen Gesellschaften

Italiens, besaßen je eine so furchtbare Gewalt, wie sie hier in Utah

herrschte und die Gemüter mit Angst und Grauen erfüllte.

Daß diese Herrschaft eine so unsichtbare und geheimnisvolle war, machte

sie noch gefürchteter. Sie schien allwissend und allmächtig, und doch

war nichts von ihr zu sehen und zu hören. Ein Gemeindeglied, das

sich dem Willen der Kirche nicht fügte, verschwand spurlos, ohne daß

irgend jemand erfuhr, was aus ihm geworden sei. Daheim warteten die

Seinigen auf den Vater, aber er kehrte nicht zu Weib und Kind zurück,

um zu erzählen, was das heimliche Gericht über ihn verhängt habe. Auf

ein rasches Wort, eine vielleicht unbedachte That folgte oft Tod und

Vernichtung, aber niemand wußte, wann das Verhängnis über ihm schwebte

oder wessen Hand die Strafe vollzog.

Anfangs sahen sich nur die Abtrünnigen bedroht, welche den Glauben

der Mormonen bekannt hatten, sich aber später von ihnen loszumachen

strebten. Dies ward jedoch bald anders. Um die Vielweiberei aufrecht zu

erhalten, bedurfte man einer zahlreichen weiblichen Bevölkerung und

der Zuzug von Frauen begann abzunehmen. Es gingen seltsame Gerüchte um,

daß Einwanderer auf dem Zuge ermordet worden seien und ihre Lagerplätze

ausgeplündert, in Gegenden, wohin keine Indianer je den Fuß gesetzt

hatten. Zur selben Zeit sah man in den Harems der Aeltesten fremde

Frauen auftauchen, welche trostlos weinten und dahinsiechten, im

Antlitz den Ausdruck untilgbaren Entsetzens.

Verspätete Wanderer im Gebirge erzählten von Banden bewaffneter und

vermummter Gestalten, die geräuschlos und verstohlen im Dunkel an ihnen

vorübergehuscht waren. Die zuerst unbestimmten Gerüchte traten bald in

greifbarer Form und mit größerer Gewißheit auf; sie wurden von allen

Seiten bestätigt und geglaubt. Bis auf den heutigen Tag spricht man

in den abgelegenen Farmhäusern des Westens noch mit Grausen von den

Danitischen Banden, die im Volksmunde auch ‚Würgengel‘ genannt wurden.

Je mehr man von dem Walten dieser Schrecklichen erfuhr, um so größer

ward das Entsetzen vor ihnen in den Gemütern. Man wußte nicht, wer zu

der greuelvollen Gesellschaft gehörte; die Namen derer, welche unter

dem Deckmantel der Religion ihre blutigen Gewaltthaten verübten,

blieben in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Dem besten Freunde

selbst durfte man seine etwaigen Zweifel an der Sendung des Propheten

nicht anvertrauen, denn leicht konnte er zu der Zahl der Rächer

gehören, welche in nächtlichem Graus Vergeltung zu üben kamen. So

mißtraute denn ein Nachbar dem andern und keiner wagte von den Dingen

zu reden, die ihm vor allem am Herzen lagen. --

Eines Morgens wollte sich John Ferrier gerade zu einem Gang durch

seine Weizenfelder rüsten, als er die Gitterthür gehen hörte und einen

starken, blondhaarigen Mann mittleren Alters den Fußweg heraufkommen

sah. Er erschrak heftig, denn es war niemand anderes als der große

Brigham Young in eigener Person. Voll böser Ahnungen, denn er wußte

wohl, daß ein solcher Besuch nichts Gutes für ihn zu bedeuten habe,

eilte Ferrier dem Oberhaupt der Mormonen entgegen. Brigham Young nahm

seine ehrerbietige Begrüßung mit Kälte auf und folgte ihm schweigend

ins Wohnzimmer.

„Bruder Ferrier,“ sagte er, mit strenger Miene Platz nehmend, und warf

unter seinen hellfarbenen Augenbrauen hervor einen durchdringenden

Blick auf den alten Farmer, „die wahren Gläubigen haben dir treue

Freundschaft erwiesen. Als du nahe daran warst, in der Wüste zu

verschmachten, nahmen wir dich auf in unsere Mitte, labten dich mit

Trank und Speise und führten dich sicher in das Land der Verheißung;

dort gaben wir dir ein schönes Ackerland und ließen dich reich werden

in unserm Schutz. Ist es nicht, wie ich sage?“

„Ja, so ist es,“ bestätigte Ferrier.

„Zum Dank für alle Wohlthaten stellten wir nur die +eine+ Bedingung,

daß du den wahren Glauben annehmen und dich unsern Sitten und

Gebräuchen unterwerfen solltest. Du gelobtest dies zu thun; aber, wenn

wir recht berichtet sind, hast du dein Versprechen nicht gehalten.“

„Worin habe ich denn gefehlt?“ rief Ferrier. „Habe ich nicht in die

gemeinsame Kasse gesteuert? Habe ich nicht die Versammlungen im Tempel

besucht? Habe ich nicht --“

„Wo sind deine Frauen?“ fragte Young, sich umblickend. „Rufe sie

herbei, daß ich sie begrüßen kann.“

„Es ist wahr,“ versetzte der Farmer, „ich habe nicht geheiratet.

Aber es war nur eine geringe Anzahl Frauen vorhanden und andere

Gemeindeglieder hatten bessere Ansprüche als ich. Auch lebte ich nicht

einsam; meine Tochter sorgte für meine Notdurft.“

„Gerade deine Tochter ist es, von der ich mit dir reden möchte,“

sagte der Führer der Mormonen. „Sie ist zur Blume von Utah erblüht

und Männer, die in hohem Ansehen unter uns stehen, haben ein Auge des

Wohlgefallens auf sie geworfen.“

John Ferrier gingen die Worte wie ein schneidendes Schwert durchs Herz.

„Man erzählt von ihr, was ich nur ungern wiederhole -- daß sie sich

einem Ungläubigen versiegelt hat. Es muß wohl ein Geschwätz müßiger

Zungen sein, denn -- wie lautet die dreizehnte Regel im Gesetz Josef

Smiths, des Heiligen? -- ‚Eine Tochter, die sich zum wahren Glauben

bekennt, darf nur mit einem der Auserwählten in die Ehe treten.

Heiratet sie einen Ungläubigen, so macht sie sich einer schweren

Sünde schuldig.‘ Es ist nicht möglich, daß du, als Anhänger unserer

heiligen Lehre, deiner Tochter gestattet haben solltest, dies Gebot zu

übertreten.“

John Ferrier gab keine Antwort, er atmete schwer.

„Im heiligen Rat der Vier ist beschlossen worden, daß dieser eine Punkt

zum Prüfstein für deinen Glauben dienen soll,“ fuhr der Prophet fort.

„Das Mädchen ist jung, wir wollen sie nicht einem Graubart vermählen,

und ihr sogar die Wahl lassen. Wir, die Aeltesten, sind bereits wohl

versehen, aber wir müssen auch für unsere Kinder sorgen. Stangerson

und Drebber haben Söhne und jeder von ihnen würde deine Tochter mit

Freuden in seinem Hause willkommen heißen. Sie soll sich für einen von

ihnen entscheiden. Beide sind jung, reich und bekennen sich zu dem

wahren Glauben. Was hast du darauf zu erwidern?“

Ferrier zog die Stirn in düstere Falten und schwieg eine Weile.

„Ihr werdet uns Zeit lassen,“ sagte er endlich. „Meine Tochter ist sehr

jung -- noch kaum in heiratsfähigem Alter.“

„Sie soll einen Monat Bedenkzeit haben,“ sagte Young von seinem Sitz

aufstehend. „Ist diese Frist zu Ende, so erwarten wir ihre Antwort.“

In der Thür wandte er sich noch einmal zurück; sein Gesicht war

gerötet, seine Augen funkelten. „Wenn jetzt dein und ihr Gebein im

Wüstenstaub bei der Sierra Blanca moderte,“ rief er mit Donnerstimme,

„es wäre weit besser für dich, John Ferrier, und für sie, als wenn ihr

in eurer Ohnmacht wagen solltet, dem Befehl des heiligen Rats der Vier

zu trotzen.“

Er erhob die Hand mit drohender Gebärde, dann verließ er das Haus und

man hörte den Kies auf dem Fußweg unter seinen Tritten knirschen.

Ferrier saß noch in trübem Sinnen, den Kopf in die Hand gestützt,

als er sich leise an der Schulter berührt fühlte. Er blickte auf und

sah Lucy neben sich stehen. Ihr bleiches, verstörtes Gesicht ließ ihm

keinen Zweifel, daß sie wußte, was geschehen war.

[Illustration]

„Ich konnte nicht anders,“ flüsterte sie voll Bangigkeit, „ich habe

alles gehört -- seine Stimme schallte durch das ganze Haus. O Vater,

Vater -- was sollen wir thun?“

„Sei ohne Furcht,“ sagte er, sie an sich ziehend, und ließ seine

breite, rauhe Hand zärtlich über ihr braunes Haar gleiten. „Irgendwie

wollen wir’s schon einrichten. Du hängst doch wohl nach wie vor an

deinem Verlobten, nicht wahr?“

Sie schluchzte nur leise und drückte ihm die Hand.

„Ich hab’ mir’s gleich gedacht; so ein hübscher Bursche und ein

ordentlicher Christenmensch obendrein; denn das ist hier keiner von

allen, trotz ihrer vielen Gebete und Predigten. -- Morgen reist eine

Gesellschaft nach Nevada ab, da werde ich zusehen, daß ich ihm eine

Botschaft schicken kann, um ihn wissen zu lassen, in welcher Not wir

stecken. Wenn er dann nicht hier ist, wie der Wind, müßte ich mich sehr

in dem jungen Mann getäuscht haben.“

Lucy lächelte unter Thränen. „Wenn er kommt, wird er uns zu raten und

zu helfen wissen,“ sagte sie zuversichtlich. „Aber ich ängstige mich

deinetwegen, Väterchen. Man hört so schreckliche Dinge erzählen, wie es

denen ergeht, die sich dem Willen des Propheten widersetzt haben.“

„Aber wir haben das noch gar nicht gethan,“ entgegnete der Alte, „und

brauchen uns vorläufig nicht zu fürchten. Noch haben wir einen ganzen

Monat vor uns und ehe der zu Ende geht, werden wir gut thun, Utah den

Rücken zu kehren.“

„Was wird denn aber aus deinem Besitztum?“

„Wir machen zu Geld, was wir können, und lassen das Uebrige zurück.

Ich will dir nur offen gestehen, Lucy, daß ich schon längst mit diesem

Gedanken umgehe. Ich mag vor keinem Menschen zu Kreuze kriechen, wie

die Leute hier vor ihrem verwünschten Propheten. Als freier Mann bin

ich geboren und kann mich in diese Art nicht mehr finden -- ich bin

wohl zu alt dazu. Er soll sich hüten, mir noch einmal ins Gehege

zu kommen, sonst hat er eine Ladung Schrot im Leibe, ehe er sich’s

versieht.“

„Sie werden uns aber nicht fortlassen wollen,“ warf Lucy ängstlich ein.

Späte Rache · 第 6 / 10 段