Zeit zur Besinnung blieb, doch erinnere ich mich deutlich an den
triumphierenden Ausdruck in Holmes’ Blick und Ton und an des Kutschers
verdutzte, ingrimmige Miene, mit der er die Handschellen betrachtete,
welche ihn wie durch Zauberkunst gefesselt hielten.
Wir standen starr wie Bildsäulen, aber nur einen Augenblick, denn
plötzlich stieß der Gefangene einen Schrei wilder Wut aus, riß sich
mit gewaltiger Kraft von Holmes los und rannte nach dem Fenster; Glas
und Holzwerk brachen in tausend Splitter bei seinem mächtigen Anprall.
Noch ehe er sich jedoch hinausstürzen konnte, sprangen Lestrade,
Gregson und Holmes auf ihn, wie Jagdhunde auf ihre Beute; er ward ins
Zimmer zurückgezogen und nun entspann sich ein furchtbarer Kampf.
Wieder und immer wieder gelang es ihm, uns alle vier abzuschütteln;
mit der Riesenstärke eines Wahnsinnigen wehrte er sich gegen seine
Angreifer. Die zertrümmerten Fensterscheiben hatten ihm Gesicht und
Hände schrecklich verletzt, aber der Blutverlust schwächte seine
Widerstandskraft nicht. Erst als es Lestrade gelang, ihm von hinten die
Hand in den Halskragen zu stecken und ihn fast zu erwürgen, sah er ein,
daß jeder weitere Versuch, uns zu entrinnen, vergeblich sein würde. Der
Sicherheit halber banden wir ihn noch an den Füßen und konnten nun erst
wieder zu Atem kommen.
„Seine Droschke steht noch unten, wir wollen sie gleich benützen, um
ihn auf die Polizei zu bringen,“ sagte Sherlock Holmes. „Und nun,
meine Herren,“ fuhr er fort, „bin ich bereit, alle Ihre Fragen zu
beantworten. Mein kleines Geheimnis ist enthüllt, und Sie brauchen
nicht zu fürchten, daß ich Ihnen die gewünschte Auskunft verweigere.“
[Illustration]
Im Lande der Heiligen.
Achtes Kapitel.
Auf der großen Alkali-Ebene.
Im Innern des Festlandes von Nordamerika liegt eine dürre, unwirtliche
Wüstengegend, die sich Jahrhunderte lang als ein unübersteigliches
Hemmnis für jeden Fortschritt der Zivilisation erwiesen hat. Diese
große Einöde, welche der Yellowstonefluß im Norden, der Colorado im
Süden begrenzt, dehnt sich von der Sierra Nevada bis Nebraska in
schauerlichem Todesschweigen aus. Es herrscht zwar auch hier keine
Einförmigkeit in der Natur -- hohe Schneeberge wechseln mit düstern
Thalgründen, reißende Ströme stürzen durch zerklüftete Bergschluchten,
die endlosen Ebenen, die der Winter in ungeheure Schneefelder
verwandelt, sind im Sommer unter einer grauen Decke von salzigem
Alkalistaub begraben -- doch eine schrecklichere, trostlosere Gegend
findet sich nirgends.
Dies Land des Grauens ist menschenleer. Einzelne Scharen von Pawnees
oder Schwarzfuß-Indianern durchstreifen es wohl, um andere Jagdgründe
aufzusuchen, aber selbst die tapfersten Rothäute frohlocken, wenn die
gefürchteten Salzebenen hinter ihnen liegen und sie wieder über ihre
geliebte Steppe schweifen. Hier lauert nur der Coyote im Gestrüpp, der
Bussard fliegt schwerfällig durch die Luft und der täppische graue
Bär sucht in den dunkeln Schluchten der Felsengebirge seine kärgliche
Nahrung. Dies sind die einzigen Bewohner der schauerlichen Wüste.
Eine trübseligere Aussicht findet man auf Erden nicht, als den Blick
von den nördlichen Höhen der Sierra Blanca. Soweit das Auge reicht,
nichts als die endlose, flache Ebene, hier und da ein verkrüppeltes
Chapparal-Gebüsch und Haufen von Alkalistaub, der die ganze Gegend
bedeckt. Am fernsten Horizont zieht sich eine Gebirgskette hin, deren
zerklüftete Gipfel mit Schnee bedeckt sind. Meist ist kein lebendiges
Wesen zu erblicken, kein Laut unterbricht die fürchterliche Stille,
starres, totes Schweigen herrscht rings umher.
Mitten in der Wüste aber gewahrt man, in der weiten Ferne sich
verlierend, eine Karawanenstraße. Manches Fuhrwerk hat dort tiefe
Räderspuren im Boden zurückgelassen, viele Glücksjäger haben mit
wanderndem Fuß das Erdreich festgetreten. Hier und da glänzt etwas
Weißes in der Sonne und hebt sich grell von der grauen Alkalischicht
ab. Wir betrachten es näher und erkennen, daß es Gebeine sind
-- die derberen sind Knochen von Zugstieren, die feineren von
Menschen. Fünfzehnhundert Meilen lang läßt sich diese Totenstraße
an den irdischen Ueberresten derjenigen verfolgen, die hier am Wege
niedergesunken sind.
Dies war der Ausblick, der sich am vierten Mai des Jahres 1847 einem
einsamen Wanderer darbot, welcher von einer kleinen Anhöhe ins Thal
hinabsah. Ob der Mann ein Vierziger oder Sechziger war, ließ sich
schwer entscheiden. Sein eingefallenes, abgezehrtes Gesicht, die
vorstehenden Backenknochen, die braune runzlige Haut, das lange,
wie mit weißen Fäden durchzogene Haupt- und Barthaar, gaben ihm das
Ansehen eines hinfälligen Greises. Seine Augen, die mit unnatürlichem
Glanz funkelten, lagen tief in den Höhlen, die Hand, welche die
Flinte hielt, war dürr und abgemagert wie bei einem Gerippe, seine
Kleider schlotterten ihm am Leibe. Und doch, wie er so dastand,
auf die Waffe gelehnt, ließ seine hohe, starkknochige Gestalt auf
eine zähe, urkräftige Natur schließen. Das hagere Gesicht, die
zusammengeschrumpften Glieder, verrieten nur zu deutlich den Grund
seines verfallenen Aussehens. Der Mann war dem Tode nahe -- er kam
langsam um vor Hunger und Durst.
Mühselig hatte er sich in die Schlucht hinuntergeschleppt und den
Hügel hinauf, in der vergeblichen Hoffnung, irgend ein Anzeichen zu
entdecken, daß Wasser in der Nähe sei. Jetzt lag die große Salzwüste
vor ihm, von der fernen Bergkette eingerahmt, rings umher weder Baum
noch Kraut, keine Spur einer Feuchtigkeit. Er schaute nach Norden, nach
Osten und Westen mit gierigen Blicken, aber wie weit sich das Land
auch dehnte, nirgends war für ihn ein Schimmer von Hoffnung. Nun sah
er ein, daß seine Wanderung ihr Ende erreicht habe, und er hier auf
der öden Klippe seine Todesstunde erwarten müsse. „Ob jetzt auf hartem
Stein, oder zwanzig Jahre später im weichen Bett -- es macht wenig
Unterschied,“ murmelte er, sich an die Felswand lehnend.
Ehe er sich niedersetzte, hatte er zuvor seine Flinte auf den Boden
gelegt und daneben ein großes Bündel, das er in einem grauen Shawl
eingeknüpft über der rechten Schulter getragen. Das Bündel schien
zu schwer für seine geschwächten Kräfte und fiel etwas unsanft zur
Erde, als er es abnahm. Da ließ sich ein leiser Schmerzensschrei
vernehmen und aus der grauen Umhüllung kam ein erschrecktes Gesichtchen
mit hellen, braunen Augen zum Vorschein und zwei niedliche, kleine
Fäustchen.
„Du hast mir wehgethan,“ klagte eine Kinderstimme in vorwurfsvollem Ton.
„Wirklich?“ erwiderte der Mann bedauernd, „das thut mir leid.“ Dabei
knüpfte er das Bündel auf, und heraus sprang ein etwa fünfjähriges
Mädchen, dessen zierliche Schuhe, rosa Röckchen und weißleinenes
Schürzchen auf mütterliche Sorgfalt deuteten. Die Kleine war bleich und
mager, doch ließen die rundlichen Aermchen und Beinchen erkennen, daß
sie weniger Mangel gelitten hatte, als ihr Gefährte.
„Ist’s denn noch nicht wieder gut?“ fragte er ängstlich, als sie sich
noch immer das goldgelbe Lockenhaar auf dem Hinterkopf rieb.
„Gieb mir einen Kuß drauf, dann wird es heil,“ versetzte sie ernsthaft,
auf die schmerzende Stelle zeigend. „So macht es meine Mutter immer. Wo
ist denn Mama?“
„Fortgegangen. Aber du wirst sie bald wiedersehen, glaube ich.“
„Fort -- sagst du?“ rief die Kleine. „Na, so was -- sonst ging sie nie
zur Tante ’rüber, ohne erst ‚B’hüt Gott‘ zu sagen -- und jetzt ist
sie schon drei Tage weg. -- Mir ist so trocken im Munde. Hast du kein
Wasser oder etwas zu essen?“
„Nein, Herzchen, es ist nichts da. Hab nur noch ein Weilchen Geduld,
dann wird alles gut. Leg dein Köpfchen auf meine Schulter, so, nun
ist’s schon besser. Mir klebt die Zunge am Gaumen, daß ich kaum
sprechen kann, aber ich muß dir doch sagen, wie die Sachen stehen. Was
hast du denn da in der Hand?“
„So was Hübsches, das glänzt und funkelt,“ rief die Kleine, entzückt
zwei Stückchen Glimmerschiefer emporhaltend. „Wenn wir heimkommen,
bring ich sie Bruder Bertel mit.“
„Du wirst bald schöneres Spielzeug kriegen,“ sagte der Mann
zuversichtlich, „wart’ nur noch ein wenig. Aber, was ich dir sagen
wollte -- weißt du noch, wie wir vom Fluß fortzogen?“
„Freilich.“
„Siehst du, wir glaubten, es käme bald ein anderer Fluß -- aber er
kam nicht. Ich weiß nicht, waren die Karten falsch oder der Kompaß,
oder woran lag es. Das Wasser ging uns aus; nur für dich war noch ein
Tröpfchen da -- und --“
„Du konntest dich gar nicht waschen,“ sagte sie, ihm ernsthaft in das
dunkle Gesicht blickend.
„Nein, und auch nicht trinken. Herr Bender sank zuerst um, und dann
der Indianerpeter, dann Frau Gregor, dann Johanny Hones, und dann,
Herzchen, auch deine Mutter.“
„Ist Mutter auch tot?“ Die Kleine verbarg ihr Gesichtchen in der
Schürze und schluchzte bitterlich.
„Ja, alle außer uns beiden. Ich hoffte, in dieser Richtung würde Wasser
zu finden sein, so lud ich dich denn auf die Schulter und wanderte fort
mit dir. Aber es hat nichts genützt und jetzt weiß ich keine Hilfe
mehr.“
Das Kind hörte plötzlich auf zu weinen.
„Du meinst, wir werden auch sterben?“ fragte es, die nassen Augen zu
ihm aufschlagend.
„Dazu wird’s wohl kommen.“
„Warum hast du denn das nicht gleich gesagt?“ rief die Kleine, und
lachte hell auf. „Du hast mich so erschreckt. Natürlich kommen wir
wieder zur Mutter, wenn wir sterben.“
„Du gewiß, Herzchen.“
„Und du auch. Ich will ihr sagen, wie schrecklich gut du gewesen bist.
Sie kommt uns gewiß am Himmelsthor entgegen mit einem großen Krug
Wasser und frisch gebackenen Buchweizenkuchen, heiß und knusperig, wie
sie Bertel und ich gern haben. Wie lange müssen wir noch warten?“
„Ich weiß nicht -- nur kurze Zeit.“ Der Blick des Mannes war nach dem
nördlichen Horizont zugewendet, wo in der blauen Luft drei dunkle
Punkte schwebten, die jeden Augenblick an Umfang zunahmen. Jetzt
erkannte man, daß es drei große Vögel mit braunem Gefieder waren, die
über den Häuptern der Wanderer kreisten und sich dann auf den nächsten
Felsspitzen niederließen. Es waren Bussarde, die Geier des Westens und
Vorboten des Todes.
Die Kleine klatschte in die Hände. „Die können aber schön fliegen,“
rief sie fröhlich. „Sag mal, hat denn der liebe Gott dies Land gemacht?“
„Versteht sich,“ erwiderte ihr Gefährte, verwundert über die Frage.
„Er hat Illinois gemacht und Missouri, das weiß ich,“ fuhr das Kind
fort. „Aber diese Gegend ist lange nicht so hübsch, die hat gewiß
jemand anders geschaffen und dabei das Wasser und die Bäume vergessen.“
„Willst du nicht jetzt dein Gebet sagen?“ -- Die Stimme des Mannes
zitterte.
„Soll ich? -- Es ist ja noch nicht Abend.“
„Das thut nichts. Wenn’s auch nicht die richtige Zeit ist, glaub’ nur,
Gott hört dich doch. Sag’ dein Nachtgebet her, wie jeden Abend im
Wagen, als wir über die Prairie fuhren.“
„Warum betest du denn nicht selbst?“ fragte die Kleine verwundert zu
ihm aufschauend.
[Illustration]
„Ich weiß nicht mehr wie -- es ist so lange her, seit ich’s gethan, ich
hab’ die Worte vergessen. Sag’ du sie mir vor und ich bete mit -- noch
ist’s nicht zu spät.“
„Dann mußt du niederknieen und ich auch,“ sagte sie, und breitete den
Shawl auf die Erde. „Du mußt auch die Hände falten -- so -- du wirst
sehen, wie gut das thut.“
Neben einander knieten sie am Boden, das kleine plaudernde Kind und der
wetterharte Wanderer. Ihr Unschuldsblick und sein abgezehrtes Antlitz
waren nach oben gerichtet, zu dem wolkenlosen Himmel. Vor Gottes
Angesicht flehten sie um Gnade und Vergebung. Der Ton seiner tiefen,
rauhen Stimme mischte sich in den hellen Klang der ihrigen. Nachdem das
Gebet gesprochen war, nahmen sie wieder Platz im Schatten der Felswand
und bald schlummerte die Kleine sanft ein, an die breite Brust ihres
Beschützers geschmiegt. Seit drei Tagen und Nächten hatte er sich
weder Ruhe noch Rast gegönnt, auch jetzt wollte er bei ihr wachen,
aber die Natur forderte ihr Recht. Langsam fielen ihm die müden Augen
zu, das Haupt sank ihm auf die Brust, sein grauer Bart mischte sich
mit den blonden Locken des Kindes und beide lagen zusammen in tiefem,
traumlosem Schlummer da.
Wäre der Wanderer noch eine halbe Stunde länger wach geblieben, er
hätte ein seltsames Schauspiel erblickt. An dem äußersten Rande der
großen Alkaliwüste stieg eine Staubwolke auf, die sich zuerst kaum von
dem Dunst der Ferne unterschied, bis sie allmählich höher und breiter
wurde und eine dichte, undurchsichtige Masse bildete. Die Wolke wuchs
und wuchs, bis kein Zweifel mehr war, daß sie nur durch eine ungeheure
sich bewegende Menge Menschen oder Tiere entstanden sein könne. Auf der
Prairie würde man geglaubt haben, eine der großen Büffelherden, die
dort grasen, sei im Anzug, aber hier, in dieser dürren Wüstengegend,
war an dergleichen nicht zu denken. Immer näher an die einsame
Felswand, wo die beiden Verschmachtenden ruhten, kam der Staubwirbel
herangezogen; jetzt unterschied man Fuhrwerke mit leinenem Verdeck, und
die Gestalten bewaffneter Reiter tauchten aus dem Dunst hervor. Es war
eine Karawane, die nach dem Westen wanderte. Welch ein gewaltiger Zug!
-- Als die Spitze desselben das Gebirge erreicht hatte, war am Horizont
das Ende noch nicht abzusehen. Quer durch die weite Ebene erstreckte
sich die lange Linie von Wagen und Karren, Reitern und Fußgängern.
Große Scharen von Frauen schwankten daher unter Lasten, die sie trugen,
und Kinder trabten neben den Fuhrwerken oder guckten unter der weißen
Leinwand hervor. Das konnte kein Trupp gewöhnlicher Auswanderer sein,
es war ein ganzes Nomadenvolk, welches Not oder Verfolgung zwang, sich
eine neue Heimat zu suchen. Lautes Stimmengewirr und Getöse erhob sich
aus der Menschenmenge, dazwischen knarrten die Räder und die Rosse
wieherten. Aber die beiden müden Wanderer oben am Felsenabhang weckte
der Lärm nicht auf.
An der Spitze der Kolonne ritten etwa zwanzig ernste Männer mit
eisenharten Zügen. Sie waren mit Flinten bewaffnet und in grobe Stoffe
gekleidet. Am Fuß der Felswand machten sie Halt und versammelten sich
zu einem Kriegsrat.
„Die Quellen liegen zur Rechten, meine Brüder,“ sagte ein Mann mit
glattem Gesicht und kurz geschorenem, grauem Haupthaar.
„Ja, rechts von der Sierra Blanca -- das ist auch der Weg nach dem Rio
Grande,“ versetzte ein anderer.
„Fürchtet keinen Mangel!“ rief ein Dritter. „Der Herr ließ einst Wasser
aus dem Felsen fließen; er wird seine Auserwählten auch jetzt nicht
verlassen.“
„Amen, Amen!“ fiel die ganze Schar ein. Eben wollten sie die Wanderung
fortsetzen, als einer der Jüngsten einen Ruf der Überraschung ausstieß
und nach einer Felsklippe deutete, auf welcher sein scharfes Auge etwas
Rotes flattern sah, das sich grell von dem dunkeln Gestein abhob.
Wie auf Kommando faßten alle die Zügel ihrer Rosse fester und nahmen
die Gewehre von der Schulter. Auch galoppierten von hinten neue
Reiterscharen herbei, um den Vortrab zu verstärken. „Die Rothäute!“
schallte es aus aller Munde.
„Es können keine Indianer hier in der Nähe sein,“ sagte der ältere
Mann, welcher den Oberbefehl zu haben schien. An den Pawnees sind wir
schon vorbeigekommen und andere Stämme giebt es hier nicht, bis wir
jenseits der hohen Berge sind.“
„Ich will hinaufsteigen, Bruder Stangerson,“ schlug einer aus der Schar
vor, „und nachsehen, was es bedeutet.“
„Ich auch -- ich auch,“ riefen mehrere Stimmen.
„Laßt eure Pferde unten, wir wollen hier auf euch warten,“ gebot der
Alte. Schnell stiegen die jungen Männer ab, banden ihre Pferde fest und
kletterten die steile Anhöhe hinauf, rasch und geräuschlos, mit der
Sicherheit und Geschicklichkeit geübter Kundschafter. Die Leute in der
Ebene sahen ihre Gestalten, die sich klar gegen den Himmel abhoben, von
Fels zu Fels aufwärts steigen. Jetzt hatten sie die Stelle erreicht. Es
mußte wohl ein seltsamer Anblick sein, der sich ihnen bot -- sie hoben
ihre Arme in die Höhe und gaben auch sonst durch allerlei Zeichen die
höchste Verwunderung zu erkennen.
Auf der Platte, die den Gipfel des kahlen Hügels krönte, erhob sich
ein einziger Felskegel; an diesem lehnte ein Mann mit langem Bart und
verwittertem Gesicht; seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge zeigten,
daß er in festem Schlafe lag. Neben ihm aber, die Ärmchen um seinen
braunen, sehnigen Hals geschlungen, den goldenen Lockenkopf an seine
Brust gebettet, ruhte ein schlummerndes Kind. Die rosigen Lippen der
Kleinen waren halb geöffnet, und um ihre lieblichen Züge spielte ein
friedliches Lächeln.
Drei Raubvögel, die auf der Felsenspitze über ihnen gesessen hatten,
flogen erschreckt auf, als sie der neuen Ankömmlinge ansichtig wurden.
Ihr heiseres Geschrei weckte die Schläfer, die verwirrt um sich
blickten. Der Mann richtete sich schlaftrunken auf und starrte in die
Ebene hinunter, die noch vor kurzem so verödet gewesen war und auf der
es jetzt wimmelte von Menschen und Tieren. „Ein Fieberwahn,“ murmelte
er, die Hand an die Stirn legend. Das Kind stand neben ihm, hielt sich
an seinem Rock fest und sah mit großen, verwunderten Augen umher.
Den Rettern gelang es schnell, die beiden Wanderer zu überzeugen, daß,
was sie sahen, keine Täuschung ihrer Sinne, sondern Wirklichkeit sei.
Einer der jungen Leute hob das kleine Mädchen auf seine Schulter,
während zwei andere ihrem hageren Gefährten stützend unter die Arme
griffen.
[Illustration]
„Mein Name ist John Ferrier,“ sagte der Gerettete; „ich und die Kleine
hier, wir sind die einzig Ueberlebenden von einundzwanzig Personen.
Alle übrigen sind auf dem Wege vom Süden her vor Hunger und Durst
verschmachtet.“
„Ist es Ihr Kind?“ fragten die, welche ihn führten.
„Ja, mir gehört es,“ rief er mit entschlossener Miene, „ich habe es
gerettet. Von heute an heißt die Kleine Lucy Ferrier und niemand, außer
mir, hat ein Recht an sie. -- Wer seid denn aber ihr?“ fuhr er fort,
seine mannhaften, sonnverbrannten Retter neugierig betrachtend, „das
sind ja ganz endlose Schwärme, die da herangezogen kommen.“
„Fast zehntausend,“ versetzte einer der jungen Leute. „Wir sind die
verfolgten Kinder Gottes, die Auserwählten des Engels Merona.“
„Von dem habe ich noch nie gehört,“ meinte der Wanderer. „Eine schöne
Masse Menschen hat er auserwählt.“
„Scherze nicht über heilige Dinge,“ sagte der andere streng. „Du
siehst vor dir das Volk, welches an die geoffenbarten Schriften
glaubt, die auf goldenen Tafeln dem heiligen Josef Smith in Palmyra
übergeben wurden. Im Staate Illinois in Nauvoo hatten wir unsern
Tempel gegründet. Jetzt sind wir ausgezogen, um vor den gottlosen und
gewaltthätigen Menschen eine neue Zufluchtsstätte zu suchen, und wenn
es auch mitten in der Wüste wäre.“
Die Erwähnung von Nauvoo schien bei John Ferrier eine Erinnerung zu
wecken. „O, jetzt verstehe ich,“ rief er, „seid ihr nicht die Mormonen?“
„Jawohl, die Mormonen sind wir,“ riefen alle einstimmig.
„Und wohin geht ihr?“
„Das wissen wir nicht. Die Hand Gottes führt uns durch unsern
Propheten. Wir bringen euch zu ihm; er muß entscheiden, was mit euch
geschehen soll.“
Sie hatten inzwischen den Fuß des Hügels erreicht, wo die Pilger sie
umdrängten -- bleiche Frauen mit demütiger Miene, muntere, kräftige
Kinder und ernste Männer. Die große Jugend des Mädchens und die
völlige Erschöpfung ihres Begleiters entlockte der Menge Ausrufe der
Verwunderung und des Mitleids. Von neugierigen Scharen geleitet,
schritten die Führer der Geretteten unverweilt vorwärts, bis sie einen
Wagen erreichten, der sich durch besondere Größe und prächtige Zierate
vor allen andern auszeichnete. Auch war er mit sechs Pferden bespannt,
während die andern nur zwei oder höchstens vier hatten. Auf dem
Wagen saß ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit gewaltigem Haupt und
entschlossenem Blick -- der Führer des Volkes. Er las in einem Buch mit
braunem Einband, das er bei dem Herannahen der Menge beiseite legte,
um dem Bericht über das Ereignis ein aufmerksames Ohr zu leihen. Dann
wandte er sich in feierlichem Ton an die beiden Wanderer.
„Wenn wir euch mit uns nehmen sollen,“ sagte er, „so müßt ihr auch
unsern Glauben bekennen. Wir dulden keine Wölfe in unserer Hürde.
Weit besser, eure Gebeine bleichen hier in der Wüste, als daß ihr wie
räudige Schafe die Ansteckung in die ganze Herde traget. Wollt ihr
unter dieser Bedingung mit uns ziehen?“
„Ich ziehe mit, unter jeder Bedingung, die ihr stellt,“ rief Ferrier
mit solchem Eifer, daß die Ältesten ein Lächeln nicht unterdrücken
konnten. Der Anführer allein bewahrte sein ernstes, feierliches Wesen.
„Nimm ihn mit, Bruder Stangerson,“ befahl er, „gieb ihm Speise und
Trank, dem Kinde auch. Es soll deine Aufgabe sein, ihn in unserer
heiligen Lehre zu unterweisen. -- Doch jetzt haben wir lange genug
gezögert. Vorwärts. Auf nach Zion!“
„Auf, nach Zion!“ riefen die Mormonen im Chor, und der Ruf pflanzte
sich in der langen Karawane von Mund zu Mund fort, bis nur noch ein
dumpfes Gemurmel aus der Ferne herüberklang. Die Peitschen knallten,
die Räder der großen Fuhrwerke setzten sich in Bewegung und bald zog
die ungeheure Schar wieder ihres Weges dahin. Der Aelteste, der die
Sorge für die beiden Verirrten übernommen hatte, führte sie zu seinem
Wagen, wo ihrer schon eine Mahlzeit wartete.
„Ihr dürft hier bleiben,“ sagte er. „In wenigen Tagen werdet ihr euch
von euren Anstrengungen erholt haben. Vergeßt aber nicht, daß ihr euch
von jetzt an zu den Bekennern unseres Glaubens zählt. Brigham Young hat
es gesagt und aus ihm hat die Stimme Josef Smiths geredet, welche die
Stimme Gottes ist.“
Neuntes Kapitel
Die Blume von Utah.
Dies ist nicht der Ort, um die Drangsale und Beschwerden zu schildern,
welche die ausgewanderten Mormonen zu erdulden hatten, bevor sie ihren
neuen Zufluchtshafen erreichten. Von den Ufern des Mississippi waren
sie nach den westlichen Abhängen des Felsengebirges gezogen, und
hatten dabei eine Ausdauer und Zähigkeit bewiesen, die einzig in der
Geschichte dasteht. Gegen reißende Tiere und feindliche Wilde, gegen
allerlei Mühsal, Krankheit, Hunger, Durst und jedes Hindernis, das die
Elemente ihnen in den Weg legten, hatten sie siegreich gestritten,
obwohl unter den Schrecknissen der langen Wanderung auch dem Mutigsten
bange ums Herz geworden sein mochte. Als endlich das weite Thal von
Utah im Sonnenschein zu ihren Füßen ausgebreitet lag, und sie aus
dem Munde des Führers vernahmen, daß es das Land der Verheißung sei,
der jungfräuliche Boden, welcher ihnen auf ewige Zeiten zu eigen
gehören solle, da gab es wohl keinen unter der großen Schar, der nicht
freudig auf die Knie gesunken wäre, um ein Dankgebet für seine Rettung
emporzusenden.
Brigham Young zeigte bald in der Verwaltung der Ländereien ebensoviel
Geschick, als er bei der Führung des Volkes bewiesen. Er ließ
Vermessungen vornehmen und Pläne entwerfen, auf welchen die künftige
Stadt verzeichnet war. Ringsumher wurde Ackerland abgesteckt und jedem,
ohne Rücksicht auf Rang und Stand, zugeteilt. Der Arbeiter erhielt
Beschäftigung in seinem Handwerk, der Handelsmann in seinem Gewerbe.
In der Stadt entstanden wie durch Zauberschlag Straßen und Plätze;
auf dem Lande wurden Bäume gefällt, Wiesen entwässert, eingezäunt
und bepflanzt, so daß schon im nächsten Sommer der goldene Weizen
auf den Feldern wogte. Alles gedieh in der wunderbaren Ansiedlung.
Mitten in der Stadt wurde der große Tempel erbaut, welcher einen
immer erstaunlicheren Umfang annahm. Vom ersten Morgengrauen bis zur
sinkenden Dämmerung waren dort Hammer und Säge unermüdlich beschäftigt,
denn es galt ja, ein Denkmal zu errichten zu Ehren dessen, der sie
durch alle Gefahren sicher geleitet hatte.