schlimmer als gar keines. Auch weiß die Polizei vielleicht schon mehr,
als Sie ahnen.‘
„‚Mein Sohn ist völlig unschuldig,‘ beteuerte sie. ‚Wenn ich
seinetwegen besorgt bin, so ist das nur, weil ich fürchte, daß er
in Ihren Augen, und vielleicht in denen anderer Leute, verdächtig
erscheinen könnte. Aber das ist ja undenkbar. Sein vortrefflicher Ruf,
sein Stand, sein ganzes früheres Leben, bürgen dafür, daß er an dieser
gräßlichen That keinen Anteil hat.‘
„‚Sagen Sie mir nur alles, was Sie wissen,‘ bedeutete ich sie; ‚wenn
Ihr Sohn unschuldig ist, hat er nichts zu fürchten.‘
„‚Laß uns allein, Mary,‘ gebot Madame Charpentier. Die Tochter verließ
das Zimmer und die Mutter berichtete nun in heftiger Erregung: ‚Herr
Drebber hat drei Wochen lang bei uns im Hause gewohnt. Vorher war er
mit seinem Sekretär Stangerson auf Reisen; nach den Zetteln an ihren
Koffern zu schließen, kamen sie zuletzt aus Kopenhagen. Stangerson
zeigte sich schweigsam und zurückhaltend, Drebber aber benahm sich
höchst anstößig. Er war ein gemeiner Mensch von rohen Sitten. Gleich am
Abend seiner Ankunft hat er sich sinnlos betrunken und nach zwölf Uhr
mittags sah man ihn selten nüchtern. Im Verkehr mit den Zimmermädchen
war er widerlich frech und vertraulich, ja sogar meiner Tochter Mary
gegenüber erlaubte er sich ein ähnliches Betragen und sprach mehrmals
in einer Weise mit ihr, die sie in ihrer Unschuld zum Glück nicht
verstand. Einmal war er sogar unverschämt genug, sie in meinem Beisein
zu umarmen und zu küssen, so daß sein eigener Sekretär sich ins Mittel
legte und ihm seine Frechheit verwies.‘
„‚Aber warum ließen Sie sich das alles gefallen? Sie hätten doch den
lästigen Menschen los werden können, sobald Sie wollten.‘
„‚Ich weiß wohl,‘ sagte Madame Charpentier errötend; ‚hätte ich ihn nur
gleich am ersten Tage aus dem Hause gewiesen. Allein die Versuchung
war groß. Sie bezahlten mir zusammen vierzehn Pfund die Woche, und ich
hielt es für meine Pflicht, in diesen schlechten Zeiten mir eine solche
Einnahme nicht entgehen zu lassen. Ich bin Witwe und mein Sohn in der
Marine hat viel Geld gekostet. Nach dem letzten Auftritt zögerte ich
aber nicht länger, ihm zu kündigen, das war der Grund seiner Abreise.‘
„‚Nun, und wie wurde es weiter?‘
„‚Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihn glücklich fortfahren sah.
Mein Sohn ist jetzt auf Urlaub hier; ich habe mich jedoch wohlweislich
gehütet, ihm etwas von meinen Unannehmlichkeiten zu sagen, denn er
gerät leicht in Harnisch und liebt seine Schwester zärtlich. Meine
Freude, jenen lästigen Menschen los zu sein, war leider von kurzer
Dauer. Noch war keine Stunde vorbei, so klingelte es heftig und man
sagte mir, Drebber sei wieder da, er habe den Zug versäumt. In stark
berauschtem Zustand erzwang er sich den Eintritt in das Zimmer, wo ich
mit meiner Tochter saß, trat frech vor Mary hin und machte ihr den
Vorschlag, mit ihr zu entfliehen. ‚Sie sind großjährig,‘ sagte er, ‚das
Gesetz hat keine Macht über Sie. Ich besitze Geld die Hülle und Fülle.
Kümmern Sie sich nicht um die Alte, sondern folgen Sie mir auf der
Stelle; Sie sollen wie eine Fürstin leben.‘ Die arme Mary war zu Tode
erschrocken und wich vor ihm zurück, er aber ergriff sie am Arm, um sie
mit sich fortzuziehen. Ich schrie laut auf vor Angst, und in diesem
Augenblick trat mein Sohn Arthur ins Zimmer. Was weiter geschehen ist,
weiß ich nicht, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und hörte nur
Verwünschungen und ein verworrenes Getöse. Als ich wieder aufzublicken
wagte, stand Arthur, einen Stock in der Hand, lachend an der Thür. ‚Der
saubere Kumpan wird uns voraussichtlich nicht mehr belästigen,‘ sagte
er; ‚ich will mich nur noch überzeugen, was aus ihm geworden ist.‘ Mit
diesen Worten eilte er die Treppe hinunter. Am nächsten Morgen brachte
man uns die Nachricht von Drebbers geheimnisvollem Tode.‘
„‚Um wieviel Uhr ist Ihr Sohn nach Hause gekommen?‘ fragte ich, als
Madame Charpentier mit ihrem Bericht zu Ende war. ‚Das weiß ich
nicht,‘ stammelte sie; ‚er hat sich selbst mit dem Hausschlüssel
hereingelassen.‘
„‚Nachdem Sie zu Bett waren?‘
„‚Ja.‘
„‚Wann begaben Sie sich zur Ruhe?‘
„‚Gegen elf Uhr.‘
„‚So blieb Ihr Sohn also wenigstens noch zwei Stunden fort?‘
„‚Ja.‘
„‚Möglicherweise auch vier oder fünf?‘
„‚Ja.‘
„‚Wo war er inzwischen?‘
„‚Ich weiß nicht,‘ flüsterte sie mit bleichen Lippen.
„Unter diesen Umständen war ich natürlich nicht länger im Zweifel, was
zu thun sei. Ich nahm zwei Polizisten mit, suchte Leutnant Charpentier
auf und ließ ihn festnehmen. Als ich seine Schulter berührte und ihn
ermahnte, uns ohne Widerstand zu folgen, richtete er sich stolz in
die Höhe. ‚Man hegt vermutlich Verdacht, ich sei an der Ermordung des
schurkischen Drebber beteiligt,‘ waren seine ersten Worte. Sie werden
mir zugeben, daß das höchst verdächtig aussah.“
„Versteht sich,“ pflichtete Holmes bei.
„Er hielt den Stock in der Hand, von dem seine Mutter gesprochen hatte,
einen schweren eichenen Knittel.“
„Wie denken Sie sich denn den Verlauf der Sache?“
„Nun, er ist Drebber bis zur Brixtonstraße gefolgt. Dort hat sich ein
neuer Streit zwischen ihnen entsponnen, Drebber hat mit dem Stock
einen Schlag erhalten, wahrscheinlich in die Magenhöhle, der seinen
Tod verursachte, ohne eine Spur zu hinterlassen. In der regnerischen
Nacht war kein Mensch unterwegs, Charpentier konnte daher die Leiche
ungesehen nach dem leeren Hause schaffen. Was aber das Licht betrifft,
das vergossene Blut, die Schrift an der Wand und den Ring, so sind das
wahrscheinlich alles nur Finten, um die Polizei auf eine falsche Fährte
zu locken.“
„Vortrefflich,“ rief Holmes beifällig. „Sie machen wirklich
Fortschritte, Gregson; es kann noch etwas aus Ihnen werden.“
„Ich schmeichle mir, daß ich alles ganz glatt abgewickelt habe,“ sagte
der Polizist voll Selbstgefühl. „Der junge Mann behauptete zwar steif
und fest, er sei Drebber nur eine kurze Strecke weit nachgegangen, dann
habe dieser ihn entdeckt und sei in eine Droschke gestiegen, um ihm
zu entkommen. Auf dem Heimweg wollte er dann einem früheren Kameraden
vom Schiff begegnet sein und einen langen Spaziergang mit ihm gemacht
haben. Als ich aber nach der Wohnung dieses Bekannten fragte, wußte er
sie nicht anzugeben. Wie gesagt, der Fall ist mir ganz klar; es macht
mir nur Spaß, daß Lestrade eine so falsche Spur verfolgt, die zu nichts
führen kann. -- Aber, wahrhaftig, ich glaube, da ist er selbst.“
[Illustration]
Lestrade war wirklich während unseres Gesprächs die Treppe
heraufgekommen und trat jetzt ins Zimmer. Sein für gewöhnlich so
selbstbewußtes Wesen war kaum wieder zu erkennen; seine Mienen waren
verstört, sein sonst so peinlich sauberer Anzug in Unordnung. Er
wollte sich offenbar bei Holmes guten Rat holen; seinen Kollegen da zu
finden, hatte er nicht erwartet. Unschlüssig blieb er mitten im Zimmer
stehen und drehte seinen Hut krampfhaft in den Händen. „Ein höchst
verwickelter, unverständlicher Fall,“ sagte er endlich.
„Meinen Sie, Lestrade?“ rief Gregson triumphierend, „das habe ich mir
wohl gedacht. Ist es Ihnen denn gelungen, den Aufenthalt des Sekretärs
Josef Stangerson zu entdecken?“
„Den Sekretär Stangerson,“ erwiderte Lestrade mit tiefem Ernst, „hat
man in Hallidays Privathotel heute früh gegen acht Uhr in seinem
Schlafzimmer ermordet gefunden.“
Siebentes Kapitel.
Es kommt Licht in das Dunkel.
Lestrades furchtbare Mitteilung kam uns so unerwartet, daß wir einige
Zeit brauchten, um uns von dem ersten Schrecken zu erholen. Gregson
war von seinem Sitz in die Höhe geschnellt, und ich starrte schweigend
auf Sherlock Holmes, der mit düster zusammengezogenen Brauen und fest
geschlossenen Lippen dasaß.
„Stangerson gleichfalls,“ murmelte er endlich -- „der Fall wird
verwickelter.“
„Und war schon verwickelt genug,“ sagte Lestrade und nahm mißmutig am
Tische Platz. „Hier wurde wohl Kriegsrat gehalten?“
„Ist denn -- was Sie sagen -- aber auch ganz gewiß wahr?“ stammelte
Gregson.
„Eben komme ich vom Schauplatz der That,“ lautete seines Kollegen
Antwort. „Ich war der Erste, welcher entdeckte, was sich zugetragen
hatte.“
Holmes sah ihn erwartungsvoll an. „Wir haben soeben Gregsons Ansicht
über den Fall gehört,“ äußerte er, „vielleicht wären Sie geneigt, uns
nun auch Ihre Erlebnisse und Thaten zu berichten?“
„Warum nicht?“ versetzte Lestrade; „ich gestehe offen, daß ich der
Meinung war, Stangerson müsse bei Drebbers Ermordung die Hand im
Spiele gehabt haben -- ein Irrtum, von dem ich durch das jüngste
Ereignis gründlich zurückgekommen bin. Vor allem wollte ich ermitteln,
was aus dem Sekretär geworden sei. Man hatte die beiden noch abends
um halb neun zusammen auf dem Eustoner Bahnhof gesehen. Um zwei Uhr
morgens war Drebbers Leiche in der Brixtonstraße aufgefunden worden.
Wo hatte sich Stangerson in der Zeit zwischen 8 Uhr 30 und der Stunde
des Verbrechens aufgehalten? -- das war die Frage. Ich telegraphierte
eine Personalbeschreibung des Mannes nach Liverpool, damit er sich
nicht heimlich auf einem amerikanischen Dampfer einschiffen könne.
Dann erkundigte ich mich nach ihm in allen Hotels und Privatpensionen
in der Nähe des Bahnhofs. Es schien mir wahrscheinlich, daß, wenn die
Reisegefährten sich aus irgend einem Grunde getrennt hätten, Stangerson
zur Nacht im nächsten Hotel einkehren und am andern Morgen Drebber
sicherlich wieder am Bahnhof erwarten würde.“
„Sie werden wohl vorher verabredet haben, an welchem Orte sie sich
treffen wollten,“ warf Holmes ein.
„Wohl möglich,“ meinte Lestrade. „Nun also, den ganzen gestrigen
Abend brachte ich mit fruchtlosen Erkundigungen zu. Heute früh setzte
ich meine Nachforschungen beizeiten fort und kam gegen acht Uhr nach
Hallidays Privathotel in der kleinen Georgstraße. Auf meine Frage,
ob ein Herr Stangerson dort abgestiegen sei, erhielt ich sofort eine
bejahende Antwort. ‚Vermutlich sind Sie der Herr, auf den er schon seit
zwei Tagen wartet,‘ meinte der Portier.
„‚Wo ist er jetzt?‘ fragte ich.
„‚Oben in seinem Schlafzimmer; er wollte um neun Uhr geweckt sein.‘
„‚Ich möchte ihn sofort aufsuchen.‘
„Mit der Absicht, ihn ganz unvermutet zu überraschen, ließ ich mir von
dem Hausknecht das Zimmer zeigen. Es lag im zweiten Stock am Ende eines
engen Korridors. Nun stellen Sie sich aber mein Entsetzen vor, als ich,
bei der Thür angekommen, bemerkte, daß ein dünner, roter Strom über
die Schwelle rieselte und auf der andern Seite des Ganges eine kleine
Blutlache gebildet hatte. Der Hausknecht, der schon an der Treppe war,
kam auf meinen Schreckensruf zurückgestürzt, er wäre bei dem Anblick
fast umgesunken. Die Thür war von innen verschlossen, doch gelang es
unsern vereinten Kräften, sie aufzusprengen. Drinnen stand ein Fenster
offen, und dicht daneben lag zusammengesunken ein Mann im Nachtgewande.
Er mußte schon seit mehreren Stunden tot sein, denn seine Glieder waren
steif und kalt. Ein Dolchstich war ihm mitten durchs Herz gedrungen.
Nun hören Sie aber noch das Seltsamste von der ganzen Begebenheit: An
der Wand neben der Leiche stand geschrieben -- was glauben Sie wohl?“ --
„Das Wort ‚Rache‘ in Blutbuchstaben,“ sagte Sherlock Holmes, ohne sich
zu besinnen. Mir erstarrte das Blut in den Adern vor Entsetzen.
„Das war es,“ flüsterte Lestrade, und seine Stimme bebte. Eine Weile
sprach keiner von uns ein Wort. Die methodische, und doch völlig
unbegreifliche Weise, auf die der unbekannte Mörder bei seinen
Missethaten verfuhr, erhöhte noch ihren schauerlichen Eindruck. Unter
den Greueln des Schlachtfeldes war ich kaltblütig geblieben, jetzt
zuckte mir jeder Nerv vor Erregung.
„Der Verbrecher ist nicht unbemerkt entkommen,“ fuhr Lestrade fort.
„Ein Milchjunge, der vom Kuhstall nach der Hotelküche ging, sah, daß
an einem offenen Fenster des zweiten Stocks eine Leiter lehnte. Als er
sich verwundert noch einmal umblickte, kam gerade ein Mann die Leiter
herabgestiegen und zwar so ruhig und ohne jede verdächtige Hast, daß
der Junge glaubte, es müsse ein Arbeiter sein, der im Hotel etwas
auszubessern habe. Nach seiner Beschreibung war der Mann groß, rot im
Gesicht und mit einem langen Rock von bräunlicher Farbe bekleidet.
Er hat das Zimmer nicht unmittelbar nach der That verlassen, sondern
sich erst noch im Becken das Blut von den Händen gewaschen und sein
Dolchmesser sorgfältig an den Betttüchern abgewischt.“
Das Aeußere des Mannes war genau so, wie Holmes es früher beschrieben
hatte, doch war keine Spur von Triumph oder Genugthuung in den Zügen
meines Gefährten zu entdecken. „Haben Sie in dem Zimmer nichts
gefunden, was auf die Spur des Verbrechers leiten könnte?“ fragte er
begierig.
„Nicht das geringste. Stangerson trug Drebbers Börse in der Tasche,
doch war das nicht auffällig, da er die Reiseausgaben zu bezahlen
pflegte. Sie enthielt etwa achtzig Pfund, die unberührt geblieben
waren. Auf eine Beraubung hatte man es offenbar nicht abgesehen. In den
Taschen des Ermordeten fanden sich weder Papiere noch Notizen, nur ein
Telegramm, das vor etwa einem Monat in Cleveland aufgegeben worden war
und lautete: ‚J. H. ist in Europa.‘ Der Name des Absenders stand nicht
dabei.“
„Und das war alles?“
„Alles Wichtige. Ein Roman, mit dem sich der Mann in den Schlaf
gelesen, lag auf dem Bett und seine Tabakspfeife daneben auf dem Stuhl.
Auf dem Tisch stand ein Glas Wasser und auf dem Fensterbrett ein
hölzernes Salbenschächtelchen, das mehrere Pillen enthielt.“
Mit einem Ausruf des Entzückens sprang Sherlock Holmes in die Höhe.
„Das fehlende Glied,“ rief er. „Nun ist der letzte Zweifel gelöst.“
Die beiden Polizisten sahen einander sprachlos vor Erstaunen an.
„Ich halte nunmehr alle scheinbar noch so verwirrten Fäden in meinen
Händen,“ sagte mein Gefährte zuversichtlich. „Einzelheiten sind
natürlich noch unerledigt, aber über die Hauptsache bin ich völlig
im klaren. Von der Zeit an, als Drebber sich von Stangerson trennte,
bis zum Augenblick, da des letzteren Leiche entdeckt wurde, weiß ich
alles, als hätte ich es mit eigenen Augen gesehen. Sie sollen sogleich
einen Beweis davon haben. Könnten Sie wohl die fraglichen Pillen
herbeischaffen?“
„Ich habe sie hier,“ versetzte Lestrade, ein Schächtelchen
hervorziehend, „ich nahm sie an mich, zugleich mit der Börse und dem
Telegramm, um sie der Polizei zu übergeben. Daß ich die Pillen nicht
stehen ließ, war der reinste Zufall, denn ich muß sagen, ich legte
ihnen keine Wichtigkeit bei.“
„Wissen Sie, Doktor,“ wandte sich Holmes zu mir, „ob das gewöhnliche
Pillen sind?“
Sie waren von perlgrauer Farbe, klein, rund und fast durchsichtig, wenn
man sie gegen das Licht hielt. „Nach ihrer Beschaffenheit sollte ich
meinen, daß sie sich in Wasser auflösen würden,“ bemerkte ich.
„Das glaube ich auch,“ sagte Holmes erfreut. „Bitte,“ fuhr er fort,
„schaffen Sie doch einmal den kleinen kranken Dachshund herbei, der
schon lange in einem so traurigen Zustand ist, daß die Wirtin Sie noch
gestern bat, ihn von seinen Qualen zu erlösen.“
Ich brachte das altersschwache Tier in meinen Armen herauf und legte es
auf ein Fußkissen nieder, es atmete schwer und schien bereits in den
letzten Zügen.
„Jetzt schneide ich eine dieser Pillen entzwei,“ sagte Holmes, sein
Taschenmesser herausziehend; „eine Hälfte bleibt zu späterer Verwendung
in der Schachtel, die andere thue ich mit einem Theelöffel voll Wasser
in dieses Weinglas. Sie sehen, der Doktor hat recht, sie löst sich
schon auf.“
„Das mag sehr interessant sein,“ ließ sich Lestrade in spöttischem Ton
vernehmen, „nur begreife ich nicht, was es mit Stangersons Tode zu thun
haben soll.“
„Geduld, mein Freund, Geduld; Sie werden es bald erfahren. Jetzt gieße
ich noch etwas Milch dazu, um es schmackhaft zu machen.“
Er hatte den Inhalt des Weinglases in einen Napf ausgeleert und der
Hund leckte die Flüssigkeit bereitwillig auf. Wir saßen schweigend im
Kreise und erwarteten eine überraschende Wirkung, welche, nach Holmes
wichtiger Miene zu urteilen, bald eintreten sollte. Aber es geschah
nichts dergleichen. Der Hund lag auf dem Kissen ausgestreckt, sein
Zustand war unverändert.
Mein Freund hatte die Uhr herausgezogen, und wie eine Minute nach
der andern erfolglos verstrich, nahm sein Gesicht einen immer
kummervolleren Ausdruck an. Er preßte die Lippen zusammen, trommelte
mit den Fingern auf dem Tisch und verriet auf jede Weise die größte
Ungeduld. Seine Gemütsbewegung war so unverkennbar, daß er mir
aufrichtig leid that, während die beiden Polizisten schadenfroh
lächelten und ihm den offenbaren Mißerfolg von Herzen zu gönnen
schienen.
„Es kann kein zufälliges Zusammentreffen sein,“ rief er endlich, vom
Stuhl aufspringend; „das ist unmöglich, völlig unmöglich. Die nämlichen
Pillen, deren Anwendung ich in Drebbers Fall vermutete, werden nach
Stangersons Tode wirklich gefunden -- und doch haben sie keine Wirkung.
Wie läßt sich das erklären? -- Daß meine ganze Schlußfolgerung falsch
gewesen sein soll, ist undenkbar. Aber der elenden Kreatur dort merkt
man gar nichts an.“
Er ging aufgeregt im Zimmer hin und her; plötzlich stieß er einen
Jubelruf aus: „Ich hab’s, ich hab’s!“ Er griff nach der Schachtel,
schnitt die andere Pille entzwei, löste sie auf, goß Milch dazu und
ließ sie von dem Hunde auflecken. Kaum hatte das arme Geschöpf sie mit
der Zunge berührt, als ein krampfhaftes Zucken durch seine Glieder
ging, dann lag es starr und leblos da, wie vom Blitz getroffen.
Sherlock Holmes atmete tief auf und trocknete sich den Schweiß von
der Stirn. „Es war unrecht, daß ich mich so leicht irre machen ließ,“
sagte er. „Wenn eine Thatsache durchaus nicht zu meinen Folgerungen
passen will, hat sich noch regelmäßig herausgestellt, daß es damit eine
besondere Bewandtnis hat. Eine der beiden Pillen enthielt das tödliche
Gift, die andere war völlig unschädlich. Das hätte ich wissen müssen,
bevor mir noch die Schachtel zu Gesicht kam.“
[Illustration]
Wie seltsam mir auch seine letzte Behauptung klang, so lag doch
der tote Hund als bester Beweis für ihre Richtigkeit vor uns. Ganz
allmählich begannen sich die Nebel zu zerstreuen, die mir das
Verständnis verhüllten, und es dämmerte in mir eine Ahnung von dem
Zusammenhang der Dinge.
„Das alles erscheint Ihnen nur deshalb so sonderbar,“ fuhr Holmes fort,
„weil Sie gleich zu Anfang die einzig richtige Spur, welche deutlich
vorlag, nicht erkannt haben. Ich hatte das Glück, von vornherein darauf
zu verfallen und alle späteren Ereignisse haben nur dazu gedient, mich
in meiner ursprünglichen Vermutung zu bestärken, sie waren die logische
Folge derselben. So kam es, daß alles, was den Fall in Ihren Augen
verdunkelte, mir neues Licht brachte und meine Annahmen bestätigte.
Außergewöhnliche Umstände bieten keineswegs immer die schwierigsten
Rätsel; vielmehr sind die scheinbar alltäglichsten Verbrechen oft am
geheimnisvollsten, weil wir ohne besondere Anhaltspunkte zu keinen
neuen Schlüssen gelangen können. Die Lösung unseres Falles würde sehr
fraglich sein, wenn man den Leichnam einfach auf der Straße gefunden
hätte. Die merkwürdigen Nebenumstände erschweren die Nachforschung
nicht, im Gegenteil, sie erleichtern dieselbe.“
Gregson hatte der langen Auseinandersetzung mit wachsender Ungeduld
zugehört; endlich bezwang er sich nicht länger.
„Wir geben ja gern zu, Herr Holmes,“ sagte er, „daß Sie ein
ungewöhnlich schlauer Mensch sind und Ihr ganz besonderes Verfahren
haben. Aber mit Theorien kommt man hier nicht weit. Es handelt sich
darum, den Mörder festzunehmen. Was +ich+ in dieser Sache gethan habe,
scheint sich als Mißgriff herauszustellen, denn den zweiten Mord kann
der junge Charpentier nicht begangen haben. Lestrade seinerseits
glaubte jenem Stangerson nachspüren zu müssen und auch er war
augenscheinlich auf falscher Fährte. Nach Ihren Winken und Andeutungen
scheinen Sie mehr von der Sache zu wissen als wir. So gehen Sie doch
einmal heraus mit der Sprache, und sagen Sie uns, wer das Verbrechen
begangen hat.“
„Gregson hat ganz recht,“ nahm Lestrade das Wort. „Wir haben uns
bis jetzt beide vergeblich bemüht, dahinter zu kommen, und wenn Sie
wirklich, wie Sie behaupten, alle Beweise in Händen haben, so hoffe
ich, Sie werden nicht länger zögern, uns reinen Wein einzuschenken.“
„Das Wichtigste scheint mir doch, den Mörder unschädlich zu machen,“
fiel ich ein, „damit er nicht noch mehr Unthaten begehen kann.“
So von allen Seiten gedrängt, schien Holmes unentschlossen, was er thun
solle. Mit gerunzelten Brauen, den Kopf auf die Brust gesenkt, schritt
er im Zimmer auf und ab, wie seine Gewohnheit war, wenn es eine große
Entscheidung galt. Plötzlich blieb er uns gegenüber stehen.
„Es wird kein Mord mehr verübt werden, darüber können Sie außer Sorge
sein,“ sagte er mit Bestimmtheit. „Sie fragen mich nach dem Namen
des Verbrechers -- den kenne ich. Ja, was noch mehr ist, ich hoffe,
in kürzester Frist ihn selbst in die Hände zu bekommen. Alle meine
Vorkehrungen zu dem Zweck sind getroffen, aber die Ausführung erfordert
große Umsicht, denn wir haben es mit einem kühnen Menschen zu thun,
der zum Aeußersten entschlossen ist. Auch fehlt es ihm nicht an einem
Gehilfen, der ebenso verschlagen ist wie er selbst -- davon habe ich
Beweise. Solange der Mann nicht ahnt, daß man ihn beobachtet, ist
es möglich, seiner habhaft zu werden. Schöpfte er aber auch nur den
geringsten Argwohn, so würde er einen andern Namen annehmen und unter
den vier Millionen Einwohnern dieser großen Stadt spurlos verschwinden.
Ich möchte Sie beide nicht kränken, doch scheint mir, daß die Polizei
jenem Manne gegenüber machtlos ist. Ich habe Sie deshalb auch nicht um
Ihre Hilfe angegangen, und will lieber Tadel und Verantwortlichkeit
allein tragen, wenn die Sache mißlingt. Jedenfalls verspreche ich,
Ihnen Weiteres mitzuteilen, sobald ich überzeugt bin, daß meine Pläne
nicht mehr gefährdet werden können.“
Die beiden Polizisten schienen durch diese Versicherung nicht sehr
befriedigt und überhaupt wenig erbaut von dem abfälligen Urteil meines
Gefährten. Gregson wurde rot bis zu den Schläfen und Lestrades Augen
funkelten vor Aerger und Neugier. Sie fanden jedoch keine Zeit, ihrem
Herzen Luft zu machen, denn in diesem Augenblick klopfte es an der
Thür, und der Häuptling der zerlumpten Freiwilligenschar, der junge
Wiggins, erschien in höchsteigener, unansehnlicher Person.
„Ich wollte nur melden, Herr,“ sagte er, eine stramme Haltung
annehmend, „daß ich die Droschke gebracht habe; sie hält unten.“
„Bravo,“ rief Holmes beifällig. Er holte ein Paar stählerne
Handschellen aus der Kommodenschublade. „Sehen Sie nur, wie die Feder
zuschnappt, in einem Augenblick sitzen sie fest. Warum führt man
eigentlich diese Sorte nicht bei der Polizei ein?“
„Das alte Muster erfüllt seine Zwecke gut genug,“ versetzte Lestrade;
„die Hauptsache bleibt immer, den Mann zu haben, dem man sie anlegen
soll.“
„Freilich, freilich,“ bestätigte Holmes lächelnd. „Höre Wiggins, bitte
doch einmal den Droschkenkutscher heraufzukommen, er soll mir bei dem
Gepäck behilflich sein.“
Es überraschte mich, daß mein Gefährte im Begriff schien, eine Reise
anzutreten, denn er hatte davon nichts gegen mich erwähnt. Im Zimmer
stand ein kleiner Handkoffer, den er jetzt hervorzog und zuzuschließen
begann. Er war noch damit beschäftigt und kniete am Boden, als der
Droschkenkutscher eintrat. „Können Sie mir vielleicht hier den Riemen
fester schnallen, Kutscher,“ sagte er, ohne den Kopf umzuwenden.
Der Mensch trat verdrossen hinzu und streckte die Hände nach dem Riemen
aus. Man vernahm einen scharfen, metallenen Klang und im nächsten
Augenblick sprang Sherlock Holmes rasch in die Höhe.
„Meine Herren,“ rief er mit blitzenden Augen, „hier stelle ich Ihnen
Jefferson Hope vor, den Mörder von Enoch Drebber und Joseph Stangerson.“