während ich über die Vielseitigkeit dieses Menschen nachdachte, der von
der Natur zum Detektiv bestimmt schien und seine Forschungen mit dem
Eifer eines Kunstliebhabers betrieb.
Fünftes Kapitel.
Wir bekommen Besuch.
Die Anstrengungen des Morgens waren zu groß gewesen für meine schwache
Gesundheit. Ich fühlte mich sehr angegriffen, und sobald Holmes ins
Konzert gegangen war, legte ich mich auf das Sofa, um mich durch einige
Stunden Schlafs zu stärken. An Ruhe war jedoch nicht zu denken, denn
wirre Vorstellungen und Bilder drängten sich unablässig in meinem
aufgeregten Gehirn. Sobald ich die Augen schloß, sah ich vor mir die
verzerrten, pavianähnlichen Gesichtszüge des Ermordeten. Der Eindruck
war so abstoßend, daß ich mich kaum eines Dankgefühls gegen denjenigen
erwehren konnte, der den Unhold aus der Welt geschafft hatte. Mir war
noch nie ein Mensch vorgekommen, dessen Gesicht ein so deutliches
Gepräge von Laster und Bosheit trug. Doch sah ich wohl ein, daß man der
Gerechtigkeit ihren Lauf lassen müsse. Mochte dieser Enoch J. Drebber
noch so verworfen gewesen sein, das rechtfertigte die Missethat, deren
Opfer er war, nicht in den Augen des Gesetzes.
Je mehr ich über die Behauptung meines Freundes nachdachte, daß der
Mann vergiftet worden sei, um so sonderbarer erschien sie mir. Holmes
mußte auf den Gedanken gekommen sein, als er an den Lippen des Toten
roch. Freilich blieb kaum eine andere Annahme übrig -- erdrosselt war
er nicht, eine Wunde ließ sich auch nicht entdecken. Und doch -- wo kam
das Blut her, das auf dem Fußboden verspritzt war? Es schien kein Kampf
stattgefunden zu haben, wenigstens war keine Waffe da, mit welcher
Drebber seinen Angreifer verwundet haben konnte. Holmes hatte sich wohl
schon eine bestimmte Theorie über den ganzen Vorgang gebildet, das
glaubte ich an seinem ruhigen, zuversichtlichen Benehmen zu erkennen.
Auf welche Weise er sich aber die verschiedenen Thatsachen erklärte,
die mir so rätselhaft schienen, ahnte ich auch nicht von ferne.
Es war schon spät, als er zurückkam -- unmöglich konnte er die ganze
Zeit über im Konzert gewesen sein. Das Essen stand bereits auf dem
Tisch, und er nahm sogleich Platz.
„Ein herrlicher Genuß!“ rief er. „Nichts übt doch solchen Zauber auf
den Menschen aus, wie die Tonkunst. -- Aber, was ist unterdessen mit
Ihnen geschehen, Watson? Sie sehen schrecklich angegriffen aus. Hat die
Geschichte in der Brixtonstraße Sie aus dem Gleichgewicht gebracht?“
„Wahrhaftig, ja -- mehr als ich für möglich gehalten hätte. Seit
meinen Erlebnissen in Afghanistan, wo ich meine Kameraden in Stücke
hauen sah, glaubte ich weniger schwach besaitet zu sein.“
„Derartige rätselhafte Vorgänge erhitzen die Einbildungskraft und
erzeugen ein leicht erklärliches Grauen,“ meinte Holmes. „In der
Abendzeitung steht ein ziemlich ausführlicher Bericht über die
Begebenheit, doch freut mich, daß der gefundene Trauring nicht erwähnt
wird.“
„Wieso?“
„Wegen der Anzeige, die ich heute abend in sämtliche Zeitungen habe
einrücken lassen. Hier, lesen Sie.“
Er reichte mir das Blatt und unter der Rubrik ‚Gefunden‘ las ich
folgendes:
„Ein einfacher, goldener Trauring ist heute früh auf der
Brixtonstraße zwischen dem Gasthaus zum ‚Weißen Hirsch‘ und dem
Holland-Hain gefunden worden. Zu erfragen bei Dr. Watson, Bakerstraße
221 ~b~, zwischen 8 und 9 Uhr abends.“
„Sie entschuldigen wohl, daß ich auf Ihren Namen verwiesen habe! Hätte
ich meinen eigenen genannt, ich wäre vor der Einmischung des einen oder
andern unserer professionellen Dummköpfe nicht sicher gewesen.“
„Wie aber, wenn der Eigentümer sich meldet? Ich habe keinen Ring, den
ich ihm geben könnte.“
„Dafür ist schon gesorgt,“ sagte er, mir einen Ring einhändigend. „Er
gleicht dem andern auf ein Haar und wird dieselben Dienste thun.“
„Wer wird sich denn auf die Anzeige hin melden -- was glauben Sie?“
„Natürlich der Mann mit dem braunen Ueberrock -- unser Freund mit dem
roten Gesicht und dem groben Schuhwerk. Kommt er nicht selbst, so
schickt er einen Spießgesellen.“
„Sollte er nicht Gefahr wittern?“
„Bewahre. Und wenn auch -- meiner Ansicht nach würde er jeder Gefahr
trotzen, um den Ring wieder zu bekommen. Ich denke mir, er hat ihn
verloren, während er sich über Drebbers Leichnam beugte, und es nicht
gleich bemerkt. Erst als er draußen war, entdeckte er seinen Verlust,
und eilte zurück. Da er aber die Thorheit begangen hatte, das Licht
brennen zu lassen, fand er die Polizei bereits an Ort und Stelle. Um
keinen Argwohn zu erregen, verfiel er auf den Ausweg, sich betrunken
zu stellen. Nun versetzen Sie sich einmal in seine Lage. Er überlegt
sich die Sache und hält es nicht für unmöglich, daß er den Ring erst
verloren hat, nachdem er wieder auf der Straße angelangt war. Was ist
natürlicher, als daß er sich in den Abendblättern nach den gefundenen
Sachen umsieht -- er liest unsere Anzeige und ist überglücklich.
Warum sollte er fürchten, in eine Falle zu geraten? Er hat nicht den
geringsten Grund, anzunehmen, daß der Verlust des Rings in Beziehung zu
dem Mord gebracht werden könnte, und wird sein Eigentum abholen wollen.
Noch vor Ablauf einer Stunde kann er hier sein.“
„Und dann?“
„Dann lassen Sie mich nur mit ihm verhandeln -- das ist meine Sache. --
Sind Sie mit Waffen versehen?“
„Ich habe noch einen alten Revolver und einige Patronen.“
„Putzen und laden Sie ihn auf alle Fälle; wir haben es mit einem
verzweifelten Menschen zu thun. Zwar hoffe ich, ihn zu überrumpeln,
aber es ist immer besser, vorbereitet zu sein.“
Ich ging in mein Schlafzimmer und folgte seinem Rat. Als ich mit
der Pistole in der Hand wieder eintrat, fand ich Holmes bei seiner
Lieblingsbeschäftigung -- er kratzte auf der Geige.
„Das Netz zieht sich zusammen,“ sagte er; „eben erhalte ich aus Amerika
eine Antwort auf mein Telegramm. Meine Ansicht über den Fall war ganz
richtig.“
„Ja, was denken Sie denn eigentlich darüber?“ fragte ich eifrig.
Er schien es zu überhören. „Ich muß wirklich meine Violine mit
neuen Saiten beziehen,“ murmelte er vor sich hin. „Wenn der Mensch
kommt,“ fuhr er gelassen fort, „so sprechen Sie mit ihm in Ihrem ganz
gewöhnlichen Ton; sehen Sie ihn auch nicht forschend an, damit er
keinen Verdacht schöpft.“
„Es ist schon acht vorbei,“ sagte ich, meine Uhr herausziehend.
„In wenigen Minuten wird er wohl hier sein. Oeffnen Sie die Thür ein
wenig und stecken Sie den Schlüssel inwendig ins Schlüsselloch. Danke
sehr -- jetzt kann er kommen. Ich glaube gar, da ist er schon.“
Draußen wurde stark an der Klingel gezogen, Sherlock Holmes stand
geräuschlos auf und schob seinen Stuhl näher nach der Thüre hin. Wir
hörten die Dienerin durch den Vorsaal gehen und die Hausthür öffnen.
„Wohnt Doktor Watson hier?“ fragte eine laute, etwas scharfe Stimme;
dann ward die Thür geschlossen, und es kam jemand mit schlürfendem Gang
die Treppe herauf. Verwundert horchte mein Gefährte auf den langsamen,
unsichern Schritt im Korridor; nun wurde leise angeklopft.
„Herein!“ rief ich.
[Illustration]
Die Thüre ging auf und statt des gewaltthätigen Menschen, den wir
erwarteten, hinkte ein runzliges, altes Mütterchen ins Zimmer, das, wie
von dem plötzlichen Lichtschein geblendet, uns mit matten, glanzlosen
Augen anblinzelte.
Während die Alte stumm vor uns stand, und mit den zitternden Fingern
ängstlich in ihrer Tasche nach etwas zu suchen schien, nahm das Gesicht
meines Gefährten einen so trostlosen Ausdruck an, daß ich Mühe hatte,
meine Fassung zu bewahren. Jetzt zog sie ein Zeitungsblatt heraus und
deutete auf unsere Anzeige.
„Deswegen komme ich, werte Herren,“ sagte sie mit einem tiefen Knix,
„der goldene Trauring in der Brixtonstraße gehört meiner Tochter Sally;
erst seit elf Monaten ist sie verheiratet und wenn ihr Mann nach Hause
kommt -- er ist nämlich Proviantmeister auf einem Uniondampfer -- und
sie hat ihren Ring nicht mehr, da giebt’s ein Donnerwetter. Schon an
guten Tagen ist er sehr kurz angebunden, besonders wenn er getrunken
hat. Das kam nämlich so: gestern abend war sie im Zirkus mit --“
„Ist das der verlorene Ring?“ fragte ich.
„Unser Herrgott sei gepriesen,“ rief die Alte. „Wie wird sich Sally
freuen. Ja, das ist ihr Ring.“
Ich griff nach einem Bleistift: „Wo wohnen Sie?“
„In Houndsditch, Dunkanstraße 13. Ein weiter Weg von hier.“
„Wenn man von Houndsditch in den Zirkus will, kommt man nicht durch die
Brixtonstraße,“ mischte sich hier Sherlock Holmes in das Gespräch.
Die Alte warf ihm einen scharfen Blick aus ihren kleinen,
rotgeränderten Augen zu. „Der Herr hat mich nach +meiner+ Adresse
gefragt. Sally wohnt in Peckham auf dem Mayfield-Platz Nummer 3.“
„Und Sie heißen? --“
„Mein Name ist Sawyer, -- sie heißt Dennis weil sie Tom Dennis
geheiratet hat. Ein wackerer, sauberer Bursche, solange er auf
See ist; kein Proviantmeister gilt mehr bei den Herren von der
Dampfschiffsgesellschaft. Aber, kommt er ans Land, so thun’s ihm die
Weiber an und die Branntweinschenken und --“
„Hier ist Ihr Ring, Frau Sawyer,“ unterbrach ich sie auf ein Zeichen
meines Freundes; „er gehört ohne Zweifel Ihrer Tochter, und ich freue
mich, ihn der rechtmäßigen Eigentümerin zustellen zu können.“
Allerlei Dankesworte und Segenswünsche murmelnd, versenkte die Alte
den Ring in ihre Tasche und schlürfte wieder zur Thüre hinaus und die
Treppe hinunter. Kaum war sie fort, so sprang Sherlock Holmes vom
Stuhle auf und verschwand in sein Schlafzimmer. Eine Minute später
erschien er wieder mit Hut und Ueberrock. „Ich gehe ihr nach,“ sagte
er, „sie muß mit ihm unter einer Decke stecken und wird mir auf meine
Spur verhelfen. Bitte, bleiben Sie auf, bis ich wieder da bin.“
Als Holmes die Treppe hinunter ging, hatte sich die Hausthür eben
hinter der Alten geschlossen. Vom Fenster aus konnte ich sehen, wie sie
sich langsamen, schlürfenden Schrittes entfernte, während ihr Verfolger
auf der andern Straßenseite hinterdrein schlich. „Entweder ist seine
ganze Theorie falsch,“ dachte ich bei mir, „oder es wird ihm jetzt
gelingen, das Rätsel zu lösen.“
Es hätte der Aufforderung, daß ich seine Rückkunft abwarten möchte,
nicht bedurft, denn von Schlaf konnte bei mir keine Rede sein, bis
ich wußte, wie sein Unternehmen abgelaufen wäre. Als er sich auf den
Weg machte, war es fast neun Uhr; ich steckte mir eine Pfeife an und
blätterte in einem französischen Roman. Es schlug zehn, und ich hörte
wie das Dienstmädchen zu Bett ging; um elf Uhr kam die Wirtin durch den
Korridor, um sich zurückzuziehen; erst kurz vor Mitternacht knarrte
drunten der Schlüssel in der Hausthür.
Als Holmes bei mir eintrat, sah ich es ihm gleich an, daß er kein
Glück gehabt hatte. Verdruß und heitere Laune stritten in seinen
Gesichtszügen um die Herrschaft, bis schließlich letztere die Oberhand
behielt und er in ein herzliches Gelächter ausbrach.
„Um nichts in der Welt möchte ich, daß die Geheimpolizisten von meinem
Erlebnis Wind bekämen,“ rief er, und sank auf einen Stuhl. „Ich habe
sie so oft gehänselt, daß sie froh wären, sich einmal schadlos halten
zu können. Da ich aber weiß, daß ich ihnen am Ende aller Enden doch den
Rang ablaufe, lache ich trotz alledem.“
„Was ist denn geschehen?“ fragte ich.
„Sie sollen die ganze Geschichte hören, wie wenig sie mir auch zum
Ruhm gereicht: Die Person war erst eine kleine Strecke weit gegangen,
da fing sie an zu hinken und konnte allem Anschein nach nicht mehr
vom Fleck. Sie blieb stehen und winkte eine vorüberfahrende Droschke
herbei. Um die Adresse zu hören, lief ich näher herzu, doch das hätte
ich mir sparen können. ‚Nach Houndsditch, Dunkanstraße 13‘, rief
sie, daß es weithin schallte. Kaum war sie eingestiegen, so sprang
ich hinten auf; das ist eine Kunst, in der jeder Detektiv gründlich
bewandert sein sollte. Fort rasselte die Droschke in gleichmäßiger
Geschwindigkeit. Schon ehe sie das Ende der Fahrt erreichte, war ich
abgesprungen und schlenderte gemächlich die Straße hinunter. Jetzt
hielt der Kutscher, er stieg vom Bock, öffnete die Wagenthür und
wartete. Aber es kam niemand heraus. Als ich näher trat, sah ich ihn
wie wild in der leeren Droschke herumfahren, wobei er die kräftigsten
Verwünschungen hören ließ, die mir je zu Ohren gekommen sind. Von der
Insassin war keine Spur mehr zu sehen, und ich fürchte, er wird lange
auf sein Fahrgeld warten müssen. Das Haus Nummer 13 gehört, wie ich
erfuhr, einem ehrsamen Tapezierer Namens Keswig, von einer Frau Sawyer
oder Frau Dennis aber wußte kein Mensch dort etwas.“
„Sie wollen doch nicht behaupten,“ rief ich starr vor Staunen, „daß das
alte, gebrechliche Weib aus dem Wagen gesprungen ist, während er in
voller Bewegung war, und daß weder der Kutscher noch Sie etwas davon
gemerkt haben?“
„Zum Henker mit dem alten Weibe,“ rief Holmes ärgerlich. „Die alten
Weiber waren +wir+, daß wir uns so anführen ließen. Es muß ein junger,
noch dazu ein sehr gelenkiger Mensch gewesen sein und ein vollendeter
Schauspieler. Die Verkleidung war ganz vorzüglich! Ohne Zweifel hatte
er den Verfolger bemerkt und war auf dies Mittel verfallen, mir zu
entwischen. Es ist ein Beweis, daß der Mann, den wir suchen, nicht so
allein steht, wie ich glaubte, sondern Freunde hat, die sich im Notfall
nicht scheuen, um seinetwillen ein Wagnis zu unternehmen. Nun gehen Sie
aber schnell zu Bett, Doktor, Sie sehen ganz abgemattet aus.“
Ich war in der That todmüde und folgte seinem Rat. Holmes blieb bei
dem glimmenden Feuer sitzen, und noch bis tief in die Nacht hinein
hörte ich die schwermütigen Klänge seiner Geige und wußte, daß er fort
und fort das seltsame Problem in seinem Haupte wälzte, dessen Lösung er
sich nun einmal vorgesetzt hatte.
Sechstes Kapitel.
Tobias Gregson thut große Thaten.
Tags darauf waren alle Zeitungen voll von dem ‚Brixton-Geheimnis‘,
wie sie es nannten. Viele brachten außer einem langen Bericht noch
Leitartikel darüber. Sie erzählten mancherlei, was mir neu war, und ich
bewahre in meiner Brieftasche eine ganze Sammlung von Ausschnitten und
Auszügen über den Fall. Das Wesentlichste lasse ich hier folgen:
Der ‚Daily Telegraph‘ behauptete, daß die Verbrecherchronik nur wenige
Tragödien aufzuweisen habe, die von so seltsamen Umständen begleitet
seien. Der deutsche Name des Opfers, der Mangel jedes Beweggrunds,
die furchtbare Schrift an der Wand, ließen deutlich erkennen, daß die
That im Auftrag der Revolutionspartei begangen worden. Die Sozialisten
besäßen weitverzweigte Verbindungen in Amerika, wahrscheinlich habe der
Ermordete eines ihrer ungeschriebenen Gesetze übertreten und sei dafür
zum Tode verurteilt worden. Der Artikel schloß damit, die Regierung zu
ermahnen, sie möge ein wachsames Auge auf die Ausländer haben, die nach
England kämen.
Der ‚Standard‘ klagte, dergleichen Gewaltthätigkeiten seien die
traurigen Früchte einer freisinnigen Regierung, welche die Massen
aufsässig mache und alle Autorität untergrabe. „Der Verstorbene,“ hieß
es weiter, „ein Herr aus Amerika, hielt sich längere Zeit in London
auf, und zwar in der Privatpension von Madame Charpentier in Torquay
Terrace, Camberwell. Er reiste in Begleitung seines Privatsekretärs
Joseph Stangerson. Letzten Dienstag, den 4. des Monats, verabschiedeten
sich beide von ihrer Wirtin und fuhren nach dem Eustoner Bahnhof,
mit der ausgesprochenen Absicht, den Schnellzug nach Liverpool zu
benützen. Auch wurden sie dort noch zusammen im Wartesaal gesehen. Von
da ab fehlen jedoch alle Nachrichten über sie, bis zu dem Augenblick,
als Drebbers Leichnam, wie bereits mitgeteilt, in einem leeren Hause
der viele Meilen vom Eustoner Bahnhof entfernten Brixtonstraße
gefunden wurde. Wie er dorthin gekommen ist, und auf welche Weise
ihn sein Verhängnis ereilt hat, sind Fragen, die für jetzt noch in
undurchdringliches Dunkel gehüllt sind. Was aus Stangerson geworden
ist, weiß man nicht. Wir freuen uns, zu hören, daß die Herren Gregson
und Lestrade mit der Erforschung des Falles betraut worden sind und
erwarten zuversichtlich, daß es diesen wohlbekannten Geheimpolizisten
bald gelingen wird, die rätselhafte Angelegenheit aufzuklären.“
‚Daily News‘ versicherte, es läge ohne allen Zweifel ein politisches
Verbrechen vor. Dies werde sich bald genug herausstellen, wenn
der Aufenthaltsort des Sekretärs Stangerson ermittelt sei und man
Genaueres über die Lebensgewohnheiten des Ermordeten erfahren habe.
Von wesentlicher Bedeutung sei es, daß man bereits wisse, in welcher
Pension er sich aufgehalten, eine Kunde, die man einzig und allein dem
Scharfsinn und der Thatkraft des Geheimpolizisten Gregson verdanke.
Diese und ähnliche Artikel, welche ich mit Sherlock Holmes zusammen
beim Frühstück las, schienen ihn sehr zu belustigen.
„Sagte ich Ihnen nicht, daß Lestrade und Gregson unter allen Umständen
Kapital aus der Sache herausschlagen würden?“
„Das kommt doch noch sehr auf den Ausgang an,“ meinte ich.
„Bewahre, der ist dabei höchst gleichgültig. Wird der Mann gefangen, so
geschieht es infolge ihrer Bemühungen, gelingt es ihm zu entkommen, so
thut er es trotz ihrer Bemühungen. Die Anerkennung fehlt ihnen nie, sie
mögen anstellen, was sie wollen.“
„Was geht denn da vor, was soll der Lärm bedeuten? Hören Sie nur,“ rief
ich, als sich in diesem Augenblick im Hausflur und auf der Treppe das
Stampfen vieler Füße vernehmen ließ und dazwischen die unwillige Stimme
unserer Wirtin.
„Das ist die kleine Detektivmannschaft aus der Bakerstraße,“ sagte
mein Gefährte mit lächelnder Miene, und ehe ich mich’s versah, kam
ein halbes Dutzend der schmutzigsten und zerlumptesten Gassenjungen
hereingepoltert, die ich je im Leben zu Gesicht bekommen habe.
„Achtung!“ rief Holmes im Kommandoton, und die sechs schmutzigen Bengel
standen in Reih und Glied wie wohldressierte Soldaten. „Künftig schickt
ihr Wiggins allein herauf, um Bericht zu erstatten; ihr andern wartet
unten auf der Straße! -- Habt ihr sie gefunden, Wiggins?“
„Nee,“ lautete die Antwort, „gefunden haben wir se nich.“
„Das dachte ich mir wohl. Sucht nur weiter, bis ihr sie findet; hier
ist euer Geld.“ Er händigte jedem der Buben einen Schilling ein. „Jetzt
fort mit euch, und bringt mir das nächstemal bessern Bescheid.“
[Illustration]
Auf seinen Wink machten sie rechtsumkehrt, und polterten wieder die
Treppe hinunter. Gleich darauf hörte man sie schon unten auf der
Straße durcheinander gröhlen und schreien.
„Jeder einzige von den kleinen Halunken bringt mehr vor sich als ein
Dutzend Polizisten,“ bemerkte Holmes. „Die Leute haben gleich ein
Schloß vor dem Mund, sobald sich nur ein Beamter von fern blicken läßt.
Diese Schlingel kommen aber überall hin und hören alles. Sie sind glatt
wie Aale und schlau wie Füchse, es fehlt ihnen nur die Disziplin.“
„Betrifft denn der Auftrag, den Sie ihnen gegeben haben, den
Brixton-Fall?“
„Ja, es handelt sich um einen Punkt, über den ich Gewißheit haben muß.
Die werden sie mir verschaffen -- es ist nur eine Frage der Zeit. --
Aber, holla! jetzt werden wir Neuigkeiten zu hören bekommen. Eben
steuert Gregson mit vollen Segeln die Straße herunter. Er strahlt
förmlich vor Glückseligkeit. Richtig, er will zu uns -- da ist er
schon.“
Es ward heftig an der Hausglocke gezogen, und gleich darauf kam der
blonde Detektiv die Treppe heraufgesprungen, immer drei Stufen auf
einmal, und platzte in unser Wohnzimmer.
„Wünschen Sie mir Glück, werter Freund,“ rief er, Holmes eifrig die
Hand schüttelnd; „ich habe jetzt Licht in die Sache gebracht -- alles
liegt klar zu Tage.“
Ein düsterer Schatten glitt über die ausdrucksvollen Züge meines
Gefährten. „Glauben Sie die rechte Spur gefunden zu haben?“ fragte er.
„Die rechte Spur? Was denken Sie -- ich habe den Verbrecher schon
hinter Schloß und Riegel.“
„Wer ist es denn?“
Gregson warf sich stolz in die Brust. „Arthur Charpentier,
Unterleutnant bei der königlichen Marine,“ rief er, sich die
fleischigen Hände reibend.
Sherlock Holmes atmete sichtlich erleichtert auf.
„Setzen Sie sich, und hier ist eine Cigarre. Wir sind sehr gespannt zu
hören, wie Sie es angefangen haben. Ist Ihnen vielleicht ein Glas Grog
gefällig?“
„Habe nichts dagegen,“ versetzte der Detektiv; „wer solche
Anstrengungen durchgemacht hat, wie ich in den letzten Tagen, bedarf
wohl einer Erfrischung. Besonders die geistige Ermüdung war übergroß.
Sie werden das verstehen, Herr Holmes, denn auch Sie arbeiten mit dem
Kopfe.“
Gregson hatte im Lehnstuhl Platz genommen, und begann mit Wohlgefallen
seine Cigarre zu rauchen. Plötzlich schlug er sich mit der Hand auf das
Knie und brach in ein schallendes Gelächter aus.
„Es ist wirklich zu komisch,“ rief er, „daß Lestrade, der Narr, der für
so ungeheuer klug gilt, sich ganz und gar auf dem Holzweg befindet. Er
hat es auf den Sekretär Stangerson abgesehen, der doch so unschuldig an
dem Verbrechen ist, wie ein neugeborenes Kind. Sicherlich hat er ihn
jetzt schon dingfest gemacht.“ Und wieder wollte er sich vor Lachen
ausschütten.
„Wie haben Sie denn aber die richtige Spur gefunden?“ fragte Holmes.
„Ich will Ihnen alles erzählen. Es bleibt natürlich ganz unter uns,
Doktor Watson. Die erste Schwierigkeit, die es zu überwinden galt, war,
Kenntnis von Drebbers Vorleben in Amerika zu erlangen. Mancher würde
gewartet haben, bis Antwort auf seine Anzeige kam, oder irgend jemand
ihm von selbst Mitteilungen machte. Aber das ist nicht Tobias Gregsons
Art und Weise. Erinnern Sie sich an den Hut, der neben dem Toten auf
dem Boden lag?“
„Gewiß; aus dem Geschäft von John Underwood & Söhne, Camberwell-Straße
129.“
Gregson machte ein höchst verblüfftes Gesicht. „Haben Sie das wirklich
auch bemerkt? Sind Sie da gewesen?“
„Nein!“
„Das wundert mich. Mein Grundsatz ist, keine Gelegenheit unbenützt
vorbeigehen zu lassen, wie geringfügig sie auch erscheint.“
„Für einen großen Geist ist selbst das Kleinste von Bedeutung,“
bemerkte Holmes salbungsvoll.
„Ich ging also zu Underwood,“ fuhr Gregson fort, „und fragte ihn, ob er
kürzlich einen Hut, wie ich ihn beschrieb, verkauft habe. Er schlug in
seinen Büchern nach und fand sogleich, was ich wollte. Der Hut war an
einen Herrn Drebber nach Madame Charpentiers Pension in Torquay Terrace
geschickt worden. So bekam ich seine Adresse.“
„Schlau, sehr schlau,“ murmelte Sherlock Holmes.
„Nun suchte ich Madame Charpentier auf, die ich sehr blaß und
angegriffen fand. Auch ihre Tochter, ein ungewöhnlich hübsches Mädchen,
war zugegen; sie hatte rotgeweinte Augen, und als ich sie anredete,
bebten ihre Lippen. Das entging mir nicht, und ich witterte gleich
Unrat. Sie kennen das Gefühl, Holmes, wenn man plötzlich auf die
richtige Spur gerät, es fährt einem durch alle Glieder.
„‚Haben Sie schon etwas von dem rätselhaften Tode des Herrn Drebber aus
Cleveland gehört, der bei Ihnen gewohnt hat?‘ fragte ich.
„Die Mutter nickte bloß, sie schien außer stande, einen Laut
hervorzubringen, die Tochter aber brach in Thränen aus. Kein Zweifel,
die beiden wußten Näheres über die Sache.
„‚Um welche Zeit verließ Herr Drebber Ihr Haus, um sich auf die
Eisenbahn zu begeben?‘ fuhr ich in meinem Verhör fort.
„‚Um acht Uhr,‘ erwiderte sie, ihre Aufregung mühsam bezwingend. ‚Herr
Stangerson, sein Sekretär, sagte, es gäbe zwei Züge, einen um 9,15 und
einen um 11 Uhr. Er wollte mit dem ersten abreisen.‘
„‚Und haben Sie ihn seitdem nicht mehr gesehen?‘
„Bei dieser Frage wurde die Frau leichenblaß, und es dauerte mehrere
Sekunden, bevor sie das einzige Wort: ‚Nein!‘ hervorstieß. Ihre Stimme
klang leise und unnatürlich.
„‚Mutter,‘ sagte die Tochter nach einem Augenblick tiefster Stille,
‚laß uns dem Herrn gegenüber aufrichtig sein. Aus einer Unwahrheit
kann nie etwas Gutes kommen: Ja, wir haben Herrn Drebber noch einmal
wiedergesehen.‘
„‚Verzeih dir Gott,‘ rief Frau Charpentier, und sank händeringend auf
einen Stuhl. ‚Du hast deinen Bruder ums Leben gebracht.‘
„‚Arthur würde selbst wollen, daß wir die Wahrheit sagten,‘ entgegnete
sie mit Festigkeit.