Alle diese Einzelheiten fielen mir jedoch erst später auf. Anfangs

richtete ich mein ganzes Augenmerk auf die leblose Gestalt, welche

ausgestreckt am Boden lag, den stieren Blick nach der Decke gerichtet.

Es war ein mittelgroßer Mann von etwa vierundvierzig Jahren,

breitschulterig, mit krausem, schwarzem Haar und kurzem Stoppelbart.

Sein Anzug bestand aus Rock und Weste von schwerem Doppeltuch, hellen

Beinkleidern und tadellosem Weißzeug. Auch gehörte ihm wohl der glatt

gebürstete, hohe Hut, den ich neben ihm sah. Er hatte die Arme weit

von sich gestreckt, die Fäuste geballt und die Beine fest übereinander

geschlagen, wahrscheinlich im Todeskampf. In seinen starren Zügen

lag ein Ausdruck des Entsetzens und eines so grimmigen Hasses, wie

ich ihn noch nie zuvor in einem Menschenantlitz erblickt zu haben

glaubte. Dieser bösartige Zug, dazu die niedere Stirn, die breite

Stumpfnase und das vorstehende Kinn, gaben dem Toten ein widerliches,

tierisches Aussehen, das durch seine gekrümmte, unnatürliche Lage

noch abschreckender wurde. Ich habe den Tod schon in mancher Gestalt

gesehen, aber nie hat er mir einen so grauenvollen Eindruck gemacht,

wie in jenem öden Hause der Londoner Vorstadt.

Der Geheimpolizist Lestrade hatte uns an der Stubenthüre empfangen.

„Der Fall wird Aufsehen machen,“ sagte er mit Nachdruck; „ich bin

wahrhaftig kein Neuling mehr, aber etwas Aehnliches habe ich noch nie

erlebt.“

„Wir suchen vergeblich nach einem Aufschluß,“ fiel Gregson ein.

Sherlock Holmes war neben dem Leichnam niedergekniet, den er genau

untersuchte.

„Eine Wunde haben Sie also nicht entdeckt?“ fragte er, auf die

zahlreichen Blutspuren am Fußboden deutend.

„Nein, es ist keine zu finden,“ versicherten beide.

„So rührt das Blut also von einem andern Menschen her, von dem Mörder

vermutlich, wenn nämlich ein Mord verübt worden ist. Der Fall erinnert

mich an Van Jansens Tod in Utrecht im Jahre 1834. Haben Sie den im

Gedächtnis, Gregson?“

„Nein, ich weiß nichts davon.“

„Sie sollten die Geschichte nachlesen. Es giebt nichts Neues unter der

Sonne, alles ist schon dagewesen.“

Während er sprach, fuhren seine geschickten Finger bald hierhin, bald

dorthin; er drückte, befühlte, betastete alle Glieder und zwar mit

solcher Schnelligkeit, daß ich kaum begriff, wie er die einzelnen

Ergebnisse seiner Untersuchung aufzufassen vermochte. Sein Blick trug

dabei denselben geistesabwesenden Ausdruck, den ich schon öfter an

ihm bemerkt hatte. Schließlich roch er an den Lippen des Toten und

betrachtete die Sohlen seiner feinen Lederstiefel.

„Liegt er noch genau so, wie man ihn gefunden hat?“ fragte er.

„Wir haben ihn untersucht, ohne ihn von der Stelle zu bewegen.“

„Gut, dann lassen Sie ihn jetzt nur ins Leichenhaus schaffen. Es ist

nichts Thatsächliches mehr zu ermitteln.“

Eine Tragbahre stand schon in Bereitschaft, und auf Gregsons Ruf

kamen vier seiner Leute herbei. Als sie die Leiche aufluden, um sie

fortzutragen, fiel ein Ring zu Boden und rollte über die Diele.

Lestrade fuhr wie ein Stoßvogel darauf zu, hob ihn auf und betrachtete

ihn mit verblüffter Miene.

„Der Trauring einer Frau -- wie kommt der hierher?“ rief er.

Wir starrten alle nach dem goldenen Reif auf seiner flachen Hand;

welche Braut mochte den am Finger getragen haben?

„Die ohnehin schon verwickelte Angelegenheit wird durch diesen Fund

noch schwieriger,“ bemerkte Gregson.

„Vielleicht vereinfacht er sie auch,“ äußerte Holmes bedächtig.

„Jedenfalls nützt es nichts, den Ring noch länger anzusehen; wir werden

nicht klüger davon. Haben Sie nichts in den Taschen gefunden?“

„Im Flur liegt alles beisammen!“ erwiderte Gregson, „kommen Sie!“ Wir

verließen das Zimmer. „Hier ist der ganze Inhalt,“ fuhr er fort, auf

einen Haufen verschiedener Gegenstände deutend. „Eine goldene Uhr No.

97163 von Barrand in London, eine kurze Uhrkette von massivem Gold, ein

goldener Ring mit dem Freimaurerzeichen; ein Hundekopf mit Rubinaugen

als Vorstecknadel; ein Visitenkartentäschchen von russischem Leder,

auf den Karten steht Enoch J. Drebber aus Cleveland, das stimmt mit

den Zeichen der Wäsche überein. Kein Portemonnaie, aber loses Geld in

der Westentasche im Betrag von sieben Pfund dreizehn Schilling. Eine

Taschenausgabe von Boccaccios Decamerone, auf dem Titelblatt der Name

Joseph Stangerson. Zwei Briefe, einer an E. J. Drebber, der andere an

Joseph Stangerson.“

„Wohin adressiert?“

„An die amerikanische Wechselbank. Beide Briefe kommen von der

Dampfschiffgesellschaft Guion und betreffen die Abfahrt ihres Dampfers

von Liverpool. Offenbar stand der Unglückliche im Begriff, nach New

York zurückzukehren.“

„Haben Sie über jenen Stangerson Erkundigungen eingezogen?“

„Versteht sich,“ versetzte Gregson; „an sämtliche Zeitungen sind

Anzeigen geschickt worden; auch ist einer meiner Leute nach der

Wechselbank gegangen, ich erwarte ihn bald zurück.“

„Haben Sie in Cleveland angefragt?“

„Ja, die Depesche ist heute früh abgegangen.“

„Was war der Wortlaut?“

„Wir gaben einfach die Umstände an und baten um Mittheilung der

einschlägigen Thatsachen.“

„Sie haben nicht etwa über einen Punkt, der Ihnen besonders wichtig

schien, eingehendere Nachricht verlangt?“

„Ich habe nach Stangerson gefragt.“

„Weiter nichts? Liegt nicht eine Thatsache vor, um die sich der ganze

Fall dreht? Wollen Sie nicht noch einmal telegraphieren?“

„Meine Depesche enthielt alles Erforderliche,“ versetzte Gregson in

beleidigtem Ton.

Sherlock Holmes lachte in sich hinein und wollte eben noch eine

Bemerkung machen, als Lestrade, der inzwischen im Zimmer geblieben war,

zu uns in den Flur kam.

„Soeben habe ich eine Entdeckung gemacht, Gregson,“ sagte er, sich

mit selbstgefälliger Miene die Hände reibend. „Hätte ich nicht die

Stubenwände genau untersucht, wir wären schwerlich darauf aufmerksam

geworden.“

Die Augen des kleinen Detektivs funkelten vor innerem Triumph, daß er

seinem Kollegen den Rang abgelaufen hatte. „Kommen Sie,“ sagte er, in

das Zimmer zurückeilend, das uns weit weniger grausig erschien, seit

die Leiche fortgeschafft war; „so, jetzt treten Sie dorthin.“

Er strich ein Schwefelholz an seiner Stiefelsohle an und hielt es gegen

die Wand. In einer Ecke war die Tapete abgerissen und auf dem hellen

Kalkbewurf, der darunter zum Vorschein kam, stand mit großen, blutroten

Buchstaben das Wort

_~Rache~_

zu lesen.

„Das hat der Mörder mit seinem eigenen Blut geschrieben,“ fuhr Lestrade

fort, „hier auf der Diele sieht man noch, wo es hinuntergetropft ist.

Einen besseren Beweis, daß kein Selbstmord vorliegt, könnten wir

gar nicht haben. Sehen Sie das abgebrannte Licht auf dem Kaminsims?

Beim Scheine desselben ist das Wort in dieser sonst so dunkeln Ecke

geschrieben worden!“

„Ich habe noch keine Zeit gehabt, mich in dem Zimmer umzusehen,“ sagte

Holmes, ein Vergrößerungsglas und ein Zentimetermaß aus der Tasche

ziehend. „Sie erlauben mir wohl, das jetzt nachzuholen.“

[Illustration]

Geräuschlos ging er in dem Raume hin und her; bald stand er still,

bald kauerte er am Boden, einmal legte er sich sogar mit dem Gesicht

platt auf die Diele. Er war so vertieft in seine Beobachtungen, daß

er unsere Anwesenheit ganz vergessen zu haben schien; auch hielt er

fortwährend leise Selbstgespräche, dazwischen stöhnte er laut oder

pfiff wohlgefällig vor sich hin und feuerte sich durch ermutigende

Ausrufe zu neuer Hoffnung an. Er kam mir vor wie ein edler Jagdhund,

der rückwärts und vorwärts durch das Dickicht springt, vor Begierde

heult und winselt und keine Ruhe findet, bis er die verlorene Fährte

wieder aufgespürt hat. Wohl zwanzig Minuten lang setzte er seine

Untersuchungen fort, maß mit der größten Genauigkeit die Entfernung

zwischen verschiedenen Punkten am Boden, die für mein Auge ganz

unsichtbar waren und dann die Höhe und Breite der Wände. Was er damit

bezweckte, war mir unerklärlich. An einer Stelle las er behutsam ein

Häufchen grauen Staubes von der Erde auf und verwahrte es sorgfältig

in einem Briefumschlag. Zuletzt richtete er sein Vergrößerungsglas auf

das rätselhafte Wort an der Wand und betrachtete jeden Buchstaben aufs

genaueste. Das Ergebnis schien ihn zu befriedigen und er steckte das

Glas wieder ein.

„Man sagt, das Genie sei nichts als unermüdliche Ausdauer,“ bemerkte er

lächelnd; „so falsch das an und für sich auch ist, auf die Arbeit des

Geheimpolizisten läßt es sich doch anwenden!“

Gregson und Lestrade waren dem seltsamen Gebahren des eifrigen

Dilettanten mit neugierigen, aber etwas verächtlichen Blicken gefolgt.

Sie schienen sich nicht klar zu machen, was ich längst wußte, daß

nämlich Sherlock Holmes, selbst bei seinen scheinbar unbedeutendsten

Handlungen, stets ein bestimmtes Ziel fest im Auge behielt.

„Nun, was halten Sie von dem Fall?“ fragten beide jetzt in einem Atem.

„Sie sind auf so gutem Wege, meine Herren,“ erwiderte Holmes nicht ohne

einen leisen Anflug von Spott, „da wäre es die größte Anmaßung von

meiner Seite, wollte ich mich Ihnen zur Hilfe anbieten. Den Ruhm, der

Ihren Verdiensten gebührt, sollen Sie auch allein ernten. Vielleicht

kann ich Ihnen im weiteren Verlauf Ihrer Forschungen noch von Nutzen

sein, dann stehe ich gern zu Diensten. Es wäre mir übrigens doch

erwünscht, wenn ich den Schutzmann sprechen könnte, der die Leiche

gefunden hat. Sagen Sie mir, bitte, wie er heißt und wo er wohnt.“

Lestrade schlug sein Notizbuch auf. „John Rance hat jetzt keinen

Dienst; Sie werden ihn sicher in seiner Wohnung am Kennington Parkthor,

Audley Court No. 46 finden.“ Holmes notierte sich die Adresse.

„Kommen Sie mit, Doktor,“ rief er mir zu, „wir suchen ihn auf.“ Dann

verabschiedete er sich von den beiden Geheimpolizisten. „Ich will

Sie noch auf einiges aufmerksam machen, was Ihnen vielleicht einige

Mühe ersparen kann,“ sagte er. „Hier ist ein Mord begangen worden; der

Täter ist sechs Fuß groß, im besten Mannesalter, hat verhältnismäßig

kleine Füße, trug Stiefel mit breiten Spitzen und rauchte eine

Trichinopolly-Cigarre. Er kam mit seinem Opfer in einer Droschke

angefahren; von den Hufeisen des Pferdes waren drei alt und das am

linken Vorderfuß neu. Der Mörder hat eine rötliche Gesichtsfarbe und

ungewöhnlich lange Fingernägel an der rechten Hand. -- Das sind nur

ganz unbedeutende Einzelheiten, aber sie könnten Ihnen doch einen

Anhaltspunkt geben.“

Lestrade und Gregson sahen einander ungläubig lächelnd an.

„Wie ist denn der Mann umgebracht worden, wenn ein Mord vorliegt?“

fragte ersterer.

„Vergiftet,“ gab Holmes kurz zur Antwort. Nach diesem kategorischen

Ausspruch entfernte er sich rasch, und seine beiden Nebenbuhler

blickten ihm mit offenem Munde nach.

Viertes Kapitel.

Was uns John Rance erzählte.

Es war ein Uhr, als wir das Haus in der Brixtonstraße verließen, um uns

sofort auf das nächste Telegraphenbureau zu begeben. Holmes schickte

eine lange Depesche ab, dann fuhren wir zusammen nach der Wohnung des

Schutzmanns.

„Man muß sich die Zeugenaussagen womöglich immer aus erster Hand

holen,“ bemerkte er. „Wenn mir der Fall auch im allgemeinen ganz klar

ist, so halte ich es doch für richtig, mich auch von allem übrigen so

viel als thunlich zu unterrichten.“

„Aber Holmes,“ rief ich in höchster Verwunderung, „Sie können doch

unmöglich über alle jene Einzelheiten zu so unumstößlicher Gewißheit

gelangt sein, wie Sie uns glauben machen wollen.“

„Jawohl, jeder Zweifel ist ausgeschlossen,“ entgegnete er. „Als wir

ankamen, war das Erste, was mir auffiel, die doppelte Räderspur einer

Droschke, die bis an das Gitterthor führte. Seit einer Woche hatte es

vergangene Nacht zum erstenmal geregnet, und die tiefen Wagengeleise

konnten erst entstanden sein, nachdem das Erdreich gehörig aufgeweicht

war. Auch die Spuren der Pferdehufe waren erkennbar, drei nur

undeutlich, die vierte klar ausgeprägt, folglich war das Eisen neu. War

die Droschke erst nach dem Regen am Hause vorgefahren und am Morgen

nicht mehr da, wie Gregson versichert, so hatte sie also die beiden

Leute während der Nacht dahin befördert.“

„Das klingt sehr einleuchtend,“ sagte ich; „wie aber konnten Sie auf

das Aeußere des Mannes schließen?“

„Die Größe eines Menschen läßt sich in den allermeisten Fällen nach

seinem Schritt bestimmen. Die Berechnung ist schnell gemacht, aber ich

will Sie nicht mit Zahlen plagen. Ich fand die Schrittweite des Mannes

sowohl draußen im weichen Erdreich als auf der staubigen Stubendiele.

Außerdem konnte ich noch die Probe anstellen: Wer auf eine Wand

schreibt, thut dies unwillkürlich in der Höhe seiner Augen. Die Schrift

aber ist gerade sechs Fuß hoch über dem Boden. Sie sehen, es war

kinderleicht.“

„Aber sein Alter?“

„Nun, wenn ein Mann ohne Mühe fünftehalb Fuß weit ausschreiten kann,

ist er schwerlich schon sehr altersschwach. So breit war nämlich die

Pfütze auf dem Gartenweg, über die er weggeschritten ist. Die feinen

Lederstiefel waren am Rande hingegangen, die grobe Fußbekleidung mit

den breiten Spitzen aber darüber weggeschritten. Ein Geheimnis ist

gar nicht dabei; alles beruht auf den Grundsätzen der Beobachtung und

Schlußfolgerung, die ich in meiner Abhandlung auseinandergesetzt habe.

-- Macht Ihnen sonst noch etwas Kopfzerbrechen?“

„Die Fingernägel und die Trichinopolly-Cigarre.“

„Der Mann hatte den langen Nagel seines Zeigefingers in Blut getaucht

und damit an die Wand geschrieben. Die Buchstaben waren wie eingekratzt

in den Kalkbewurf. Auf der Diele fand ich etwas verstreute Asche, die

dunkel und flockig aussah und nur von einer Trichinopolly-Cigarre

herrühren konnte. Ueber Cigarrenasche habe ich ganz besondere Studien

gemacht, ja sogar einen Aufsatz geschrieben; ich schmeichle mir, jede

Sorte Cigarren- oder Tabaksasche auf den ersten Blick zu erkennen.

Gerade in solcher speziellen Kenntnis zeigt sich der Unterschied

zwischen dem wahrhaft gebildeten Detektiv und der Sorte, zu welcher die

Gregson und Lestrade gehören.“

„Aber die rötliche Gesichtsfarbe?“

„Das war eine etwas kühne Folgerung, über die ich bei dem jetzigen

Stand der Dinge noch keinen Aufschluß geben kann, obgleich ich

überzeugt bin, daß ich recht habe.“

Ich faßte mir unwillkürlich mit der Hand an die Stirn. „Es schwirrt

mir förmlich im Kopfe,“ rief ich, „je mehr ich über die Angelegenheit

nachdenke, um so rätselhafter erscheint sie mir. Wie kamen die beiden

Männer -- wenn es ihrer zwei waren -- in das leere Haus? Was ist aus

dem Kutscher geworden, der sie gefahren hat? Wie konnte der eine den

andern zwingen, Gift zu nehmen? Woher stammen die Blutspuren? Was

bewog den Mörder zu seiner That, da er keinen Raub beabsichtigte?

Welcher Frau hat der Trauring gehört? Warum schrieb der Missethäter

das Wort Rache an die Wand, bevor er die Flucht ergriff? -- Daß jemand

imstande sein sollte, alle die Thatsachen in Einklang zu bringen, geht

wahrhaftig weit über mein Verständnis.“

Mein Gefährte lächelte beifällig.

„Sie haben sämtliche Schwierigkeiten unserer Lage kurz und bündig

zusammengefaßt,“ sagte er. „Ueber die Hauptsache bin ich zwar im

reinen, aber manches ist noch unaufgeklärt. Die Schrift, auf deren

Entdeckung Lestrade so stolz war, ist meiner Meinung nach nur eine

Kriegslist, um die Polizei auf falsche Fährte zu locken, als sei

die That im Auftrag einer geheimen Gesellschaft von irgend einem

Sozialisten ausgeführt worden. -- So -- nun wissen Sie aber genug über

den Fall, Watson, ich werde mich hüten, Ihnen noch mehr zu verraten.

Mit dem Ansehen eines Taschenspielers ist es aus, sobald er sein

Kunststück einmal erklärt hat, und wenn ich Ihnen mein Verfahren allzu

genau beschreibe, werden Sie mich in kürzester Frist für einen höchst

alltäglichen Menschen halten.“

„Bewahre,“ rief ich, „das wird nie geschehen. Sie haben die

polizeiliche Forschung auf die Höhe der Wissenschaft erhoben und bis zu

einer Vollkommenheit gebracht, wie sie bisher unerreicht war.“

Mein Gefährte wurde rot vor Freude über mein Urteil, das ich im Tone

aufrichtigster Ueberzeugung aussprach. Schon früher hatte ich bemerkt,

daß er für jedes Lob, welches man seiner Kunst zollte, empfänglich war,

wie eine jugendliche Schönheit, deren Reize man bewundert.

„Etwas will ich Ihnen doch noch sagen,“ rief er; „die feinen

Lederstiefel kamen mit dem groben Schuhwerk in derselben Droschke

angefahren und schritten zusammen höchst freundschaftlich den Gartenweg

hinunter, wahrscheinlich sogar Arm in Arm. Im Hause gingen sie im

Zimmer hin und her, oder richtiger gesagt: die feinen Lederstiefel

standen still und das grobe Schuhwerk ging auf und ab und geriet dabei

mehr und mehr in Leidenschaft. Das war in dem Staub, der auf der Diele

lag, an den immer länger werdenden Schritten deutlich zu erkennen.

Dabei sprach der Mann unaufhörlich, sein Zorn steigerte sich zur Wut

und dann beging er die Unthat. Mehr weiß ich jetzt selbst noch nicht;

das übrige beruht größtenteils auf bloßer Vermutung; doch ist immerhin

ein guter Grund gelegt, auf dem sich sicher weiter bauen läßt. -- Ich

darf mich übrigens jetzt nicht lange aufhalten, denn ich will heute

nachmittag noch in Halles Konzert gehen, um die Neruda spielen zu

hören.“

Die Droschke war während unseres Gesprächs durch zahllose düstere

Gäßchen und enge Straßen gefahren; in der allerschmutzigsten und

trübseligsten Stadtgegend hielt der Kutscher plötzlich still. „Da

drüben ist Audley Court,“ sagte er, auf eine Reihe räucheriger

Backsteinhäuser deutend. „Ich will hier warten, bis Sie wieder

herauskommen.“

Audley Court bot wenig Anziehendes. Eine schmale Gasse führte auf einen

großen, gepflasterten Hof, der rings von ärmlichen Wohnhäusern umgeben

war. Nach No. 46 suchend, gingen wir an Scharen schmutziger Kinder

vorbei und krochen unter aufgehängter, mißfarbener Wäsche durch, bis

wir auf einem kleinen Messingschild den Namen ‚Rance‘ bemerkten.

Der Schutzmann hatte sich nach dem Nachtdienst zu Bette gelegt und wir

wurden gebeten, in dem kleinen Wohnzimmer ein wenig zu warten. Bald

darauf kam Rance zum Vorschein, mißmutig, daß man ihn im Schlaf gestört

hatte. „Ich habe doch schon auf dem Bureau Bericht erstattet,“ brummte

er verdrießlich.

[Illustration]

Holmes zog ein Goldstück aus der Tasche und drehte es nachlässig

zwischen den Fingern.

„Wir wünschten den Sachverhalt aus Ihrem eigenen Munde zu hören, wenn

Sie nichts dagegen haben,“ sagte er verbindlich.

Der goldene Talisman verfehlte seine Wirkung nicht. „Ich werde Ihnen

mit Vergnügen sagen, was ich weiß,“ beeilte sich Rance zu erwidern.

„Gut, dann erzählen Sie mir bitte, wie sich alles zugetragen hat.“

Der Schutzmann nahm auf dem alten Roßhaarsofa Platz und legte die

Stirn in bedächtige Falten. „Ich will beim Anfang beginnen,“ sagte er.

„Meine Dienstzeit ist von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Um

elf Uhr war eine Schlägerei im ‚Weißen Hirsch‘, aber sonst fiel zuerst

nichts Besonderes vor während meiner Runde. Gegen ein Uhr fing es an

zu regnen, und etwas nach zwei Uhr kam ich die Brixtonstraße hinunter,

um zu sehen, ob dort alles ruhig wäre. Keine Seele traf ich unterwegs,

die Gegend war wie ausgestorben, nur ein paar Droschken kamen an mir

vorbeigerasselt. Eben dachte ich daran, daß ein Schluck heißer Grog zur

Magenstärkung wohl angebracht wäre -- da sah ich einen Lichtschimmer

in dem gewissen Hause. Nun wußte ich genau, daß da niemand wohnt, denn

der Besitzer läßt die Abzugsröhren nicht nachsehen, obgleich der letzte

Mieter am Typhus gestorben ist. Na, wie ich das Licht sehe, denke ich

gleich, daß etwas nicht geheuer sein muß. Als ich an die Thüre kam --

--“

„Sie sind stehen geblieben und nach dem Gartenthor zurückgegangen --

aus welchem Grunde?“ fragte Holmes.

Rance fuhr zusammen und riß die Augen weit auf.

„Woher wissen Sie denn das?“ stammelte er. „Freilich that ich es,

denn, sehen Sie, als ich an die Hausthür kam und alles so still und

unheimlich war, fiel mir ein, daß wir doch eigentlich unser zwei sein

sollten, und so ging ich zurück, um zu sehen, ob nicht vielleicht ein

Kamerad mit seiner Laterne des Weges käme. Furcht kenne ich wahrhaftig

nicht, aber wenn es etwa der verstorbene Mieter war, der dort umging,

so hätte ich gern Gesellschaft gehabt.“

„War denn gar niemand auf der Straße?“

„Kein Mensch, Herr; nicht einmal ein verlaufener Hund. Ich nahm mich

zusammen, ging wieder an die Thür und stieß sie auf. Drinnen war alles

still; ich trat in das Zimmer, aus dem der Lichtschein gekommen war.

Auf dem Kaminsims stand ein rotes Wachslicht -- es flammte hell auf und

da sah ich -- --“

„Ich weiß schon, was Sie gesehen haben. Sie sind mehrmals rings um das

Zimmer gegangen, dann bei dem Leichnam hingekniet, haben versucht, die

Küchenthür zu öffnen und dann -- --“

Rance schnellte wie besessen von seinem Sitz in die Höhe. „Von wo aus

haben Sie mich belauscht? Sie müssen doch irgendwo versteckt gewesen

sein, sonst könnten Sie das nicht alles wissen.“

Mein Gefährte zog seine Visitenkarte heraus und reichte sie dem

Schutzmann. „Denken Sie nur nicht, daß ich der Mörder bin und Sie mich

festnehmen müssen,“ sagte er lachend. „Ich bin nicht der Wolf, sondern

nur einer von den Spürhunden, wie Ihnen die Herren Gregson und Lestrade

bestätigen werden. Aber, nur weiter -- was thaten Sie zunächst?“

„Ich ging hinunter auf die Straße,“ sagte Rance, der wieder Platz

genommen hatte, aber noch immer verwundert dreinschaute. „Auf das

Alarmzeichen, das ich mit meiner Pfeife gab, kamen drei von den

Kameraden herbeigelaufen.“

„War die Straße noch immer leer?“

„Ja oder nein, wie man’s nimmt.“

„Was soll das heißen?“

Der Schutzmann verzog das Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen. „Na,“

sagte er, „als ich aus dem Gartenthor trat, lehnte ein Mensch am

Gitter, der aus vollem Halse etwas von ‚Kolumbias neuem Sternenbanner‘

oder dergleichen sang. Ich hab’ in meinem Leben schon manchen gesehen,

der zu schwer geladen hatte, aber ein Betrunkener, wie der Kerl, ist

mir noch nicht vorgekommen. Er hätte mir keine Hilfe leisten können,

hielt er sich doch kaum selber auf den Füßen.“

[Illustration]

„Wie sah denn der Mann aus?“ fiel ihm Holmes ins Wort.

Den Schutzmann schien die unnütze Frage zu verdrießen. „Es war eben

ein sinnlos betrunkener Mensch,“ sagte er, „den wir hätten auf die

Polizeiwache bringen müssen, wären wir nicht anderweitig beschäftigt

gewesen.“

„Aber Sie werden doch sein Gesicht, seinen Anzug gesehen haben,“ rief

Holmes ungeduldig.

„Natürlich -- Murcher und ich mußten ihm ja unter die Arme greifen, um

ihn aufzurichten. Ein langer Kerl mit rotem Gesicht, um das Kinn ein

Tuch gewickelt und --“

„Schon gut -- was ist denn aus ihm geworden?“

„Was weiß ich! wir hatten ohnehin genug zu thun. Er wird schon den Weg

nach Hause gefunden haben, da können Sie ganz ruhig sein.“

„Wie war er denn angezogen?“

„Er trug einen braunen Ueberrock.“

„Hatte er eine Peitsche in der Hand?“

„Eine Peitsche -- bewahre!“

„Die muß er zurückgelassen haben,“ murmelte Holmes. „Kam nicht gleich

darauf eine Droschke gefahren?“

„Nein.“

Mein Gefährte nahm seinen Hut zur Hand. „Hier, das Goldstück ist

für Sie, Rance,“ sagte er; „aber ein andermal seien Sie nicht ganz

so kopflos. Ich fürchte, Sie bringen es sonst Ihr Lebtag zu nichts

Rechtem und Sie hätten sich doch letzte Nacht mit Leichtigkeit Ihre

Beförderung zum Sergeanten verdienen können. Statt dessen haben Sie den

Mann entwischen lassen, nach welchem wir suchen und der den Schlüssel

zu dem ganzen Geheimnis in Händen hält. Wozu noch lange hin und her

streiten -- es verhält sich so, wie ich Ihnen sage, verlassen Sie sich

darauf. Kommen Sie, Watson, wir wollen gehen.“

Der Schutzmann machte zwar ein ungläubiges Gesicht, aber man sah, die

Sache war ihm nicht ganz geheuer. Wir ließen ihn verblüfft stehen und

gingen unserer Wege.

„Der Hans Narr,“ rief Holmes ärgerlich, als wir wieder in der Droschke

saßen, um nach Hause zu fahren. „Ein Glück sondergleichen fällt ihm

ungesucht in den Schoß und er versteht nicht, es festzuhalten.“

„Sind Sie Ihrer Sache aber auch ganz gewiß?“ fragte ich. „Rances

Beschreibung des Betrunkenen paßt zwar im allgemeinen zu Ihrer

Vorstellung von dem zweiten Menschen, der in das Geheimnis verwickelt

ist, aber was sollte ihn wieder nach dem Hause zurückgeführt haben? Das

sieht nicht aus, als wäre er der Verbrecher.“

„Der Ring, Freund, der Ring -- den wollte er holen. Wenn wir kein

anderes Mittel finden, ihn zu fangen, müssen wir den Ring als Köder

brauchen. Ich sage Ihnen, Doktor, er geht mir ins Netz, ich habe

ihn sicher. Und Ihnen verdanke ich das alles. Hätten Sie mir nicht

zugeredet, ich wäre um die schönste Gelegenheit gekommen, meine

Kriminalstudien zu vervollständigen. -- Jetzt aber, erst zum Lunch

und dann ins Konzert. Die Neruda hat einen famosen Ansatz und spielt

köstlich. Wie geht doch das kleine Ding von Chopin, das ich von ihr

gehört habe? Tra--la--lira--lira--la.“

Späte Rache · 第 2 / 10 段