6. Geologie -- Viel praktische Erfahrung, aber nur auf besch

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Sherlock Holmes-Serie

Gesammelte Detektivgeschichten

von

Conan Doyle

I.

Sherlock Holmes-Serie I.

Späte Rache

Von

Conan Doyle

Autorisiert

Illustriert von Rich. Gutschmidt

32.-34. Tausend.

[Illustration]

Stuttgart

+Verlag von Robert Lutz+

1907.

Verlags- und Handelsdruckerei Stuttgart, Hans Bleher.

Inhalt.

I. Aus Watsons Erinnerungen.

Seite

1. Kapitel: Sherlock Holmes 7

2. „ Die Kunst der Schlußfolgerung 22

3. „ Brixtonstraße Nummer 3 39

4. „ Was uns John Rance erzählte 59

5. „ Wir bekommen Besuch 73

6. „ Tobias Gregson thut große Thaten 86

7. „ Es kommt Licht in das Dunkel 104

II. Im Lande der Heiligen.

8. Kapitel: Auf der großen Alkali-Ebene 121

9. „ Die Blume von Utah 140

10. „ John Ferrier spricht mit dem Propheten 155

11. „ Eine Flucht auf Leben und Tod 165

12. „ Die Würgengel 184

+Fortsetzung von+ ~Dr.~ +Watsons Erinnerungen+ 201

Aus Watsons Erinnerungen.

Erstes Kapitel.

Sherlock Holmes.

[Illustration]

Im Jahre 1878 hatte ich mein Doktorexamen an der Londoner Universität

bestanden und in Nelley den für Militärärzte vorgeschriebenen

medizinischen Kursus durchgemacht. Bald darauf ward ich dem fünften

Füsilierregiment Northumberland zugeteilt, welches damals in Indien

stand. Bevor ich jedoch an den Ort meiner Bestimmung gelangte, brach

der zweite afghanische Krieg aus, und bei meiner Landung in Bombay

erfuhr ich, mein Regiment sei bereits durch die Gebirgspässe marschiert

und weit in Feindesland vorgedrungen. In Gesellschaft mehrerer

Offiziere, die sich in gleicher Lage befanden, folgte ich meinem

Corps, erreichte dasselbe glücklich in Kandahar und trat in meine neue

Stellung ein.

Der Feldzug, in welchem andere Ehre und Auszeichnungen fanden, brachte

mir indessen nur Unglück und Mißerfolg. Gleich in der ersten Schlacht

zerschmetterte mir eine Kugel das Schulterblatt und ich wäre sicherlich

den grausamen Ghazia in die Hände gefallen, hätte mich nicht Murray,

mein treuer Bursche, rasch auf ein Packpferd geworfen und mit eigener

Lebensgefahr mit sich geführt, bis wir die britische Schlachtlinie

erreichten.

Lange lag ich krank, und erst nachdem ich mit einer großen Anzahl

verwundeter Offiziere in das Hospital von Peshawur geschafft worden

war, erholte ich mich allmählich von den ausgestandenen Leiden; ich

war bereits wieder so weit, daß ich in den Krankensälen umhergehen

und auf der Veranda frische Luft schöpfen durfte. Da befiel mich

unglücklicherweise ein Entzündungsfieber und zwar mit solcher

Heftigkeit, daß man monatelang an meinem Wiederaufkommen zweifelte.

Als endlich die Macht der Krankheit gebrochen war und mein Bewußtsein

zurückkehrte, befand ich mich in solchem Zustand der Kraftlosigkeit,

daß die Aerzte beschlossen, mich ohne Zeitverlust wieder nach England

zu schicken. Einen Monat später landete ich mit dem Truppenschiff

‚Orontes‘ in Portsmouth; meine Gesundheit war völlig zerrüttet, doch

erlaubte mir eine fürsorgliche Regierung, während der nächsten neun

Monate den Versuch zu machen, sie wiederherzustellen.

Verwandte besaß ich in England nicht; ich beschloß daher, mich in

einem Privathotel einzuquartieren. Mein tägliches Einkommen belief

sich auf elf und einen halben Schilling und da ich zuerst nicht sehr

haushälterisch damit umging, machten mir meine Finanzen bald große

Sorge. Ich sah ein, daß ich entweder aufs Land ziehen oder meine

Lebensweise in der Hauptstadt völlig ändern müsse.

Da ich letzteres vorzog, sah ich mich genötigt, das Hotel zu verlassen

und mir eine anspruchslosere und weniger kostspielige Wohnung zu suchen.

Während ich noch hiermit beschäftigt war, begegnete ich eines Tages auf

der Straße einem mir bekannten Gesicht, ein höchst erfreulicher Anblick

für einen einsamen Menschen wie mich in der Riesenstadt London. Ich

hatte mit dem jungen Stamford während meiner Studienzeit verkehrt, ohne

daß wir einander besonders nahe getreten waren, jetzt aber begrüßte

ich ihn mit Entzücken, und auch er schien sich über das Wiedersehen zu

freuen. Bald saßen wir in einer nahen Restauration zusammen bei einem

Glase Wein und tauschten unsere Erlebnisse aus.

„Was in aller Welt ist denn mit dir geschehen, Watson?“ fragte Stamford

verwundert, „du siehst braun aus wie eine Nuß und bist so dürr wie eine

Bohnenstange.“

Ich gab ihm einen kurzen Abriß meiner Abenteuer und er hörte mir

teilnehmend zu.

„Armer Kerl,“ sagte er mitleidig, „und was gedenkst du jetzt zu thun?“

„Ich bin auf der Wohnungssuche,“ versetzte ich; „es gilt die Aufgabe zu

lösen, mir um billigen Preis ein behagliches Quartier zu verschaffen.“

„Wie sonderbar,“ rief Stamford; „du bist der zweite Mensch, der heute

gegen mich diese Aeußerung thut.“

„Und wer war der erste?“

„Ein Bekannter von mir, der in dem chemischen Laboratorium des

Hospitals arbeitet. Er klagte mir diesen Morgen sein Leid, daß er

niemand finden könne, um mit ihm gemeinsam ein sehr preiswürdiges,

hübsches Quartier zu mieten, das für seinen Beutel allein zu

kostspielig sei.“

„Meiner Treu,“ rief ich, „wenn er Lust hat, die Kosten der Wohnung zu

teilen, so bin ich sein Mann. Ich würde weit lieber mit einem Gefährten

zusammenziehen, statt ganz allein zu hausen.“

Stamford sah mich über sein Weinglas hinweg mit bedeutsamen Blicken an.

„Wer weiß, ob du Sherlock Holmes zum Stubengenossen wählen würdest,

wenn du ihn kenntest,“ sagte er.

„Ist denn irgend etwas an ihm auszusetzen?“

„Das will ich nicht behaupten. Er hat in mancher Hinsicht eigentümliche

Anschauungen und schwärmt für die Wissenschaft. Im übrigen ist er ein

höchst anständiger Mensch, soviel ich weiß.“

„Ein Mediziner vermutlich?“

„Nein -- ich habe keine Ahnung, was er eigentlich treibt. In der

Anatomie ist er gut bewandert und ein vorzüglicher Chemiker. Aber

meines Wissens hat er nie regelrecht Medizin studiert. Er ist überhaupt

ziemlich überspannt und unmethodisch in seinen Studien, doch besitzt er

auf verschiedenen Gebieten eine Menge ungewöhnlicher Kenntnisse, um die

ihn mancher Professor beneiden könnte.“

„Hast du ihn nie nach seinem Beruf gefragt?“

„Nein -- er ist kein Mensch, der sich leicht ausfragen läßt; doch kann

er zuweilen sehr mitteilsam sein, wenn ihm gerade danach zu Mute ist.“

„Ich möchte ihn doch kennen lernen,“ sagte ich; „ein Mensch, der sich

mit Vorliebe in seine Studien vertieft, wäre für mich der angenehmste

Gefährte. Bei meinem schwachen Gesundheitszustand kann ich weder Lärm

noch Aufregung vertragen. Ich habe beides in Afghanistan so reichlich

genossen, daß ich für meine Lebenszeit genug daran habe. Bitte, sage

mir, wo ich deinen Freund treffen kann.“

„Vermutlich ist er jetzt noch im Laboratorium. Manchmal läßt er sich

dort wochenlang nicht sehen und zu anderen Zeiten bleibt er wieder von

früh bis spät bei der Arbeit. Wenn es dir recht ist, suchen wir ihn

zusammen auf.“

Ich willigte mit Freuden ein und wir machten uns sogleich auf den Weg

nach dem Hospital.

„Du darfst mir aber keine Vorwürfe machen, wenn ihr nicht miteinander

auskommt,“ sagte Stamford, als wir in die Droschke stiegen; „ich möchte

dir weder zu- noch abraten.“

„Wenn wir nicht zu einander passen, können wir uns ja leicht wieder

trennen. Deine Vorsicht scheint mir fast übertrieben, es muß noch etwas

anderes dahinter stecken. Heraus mit der Sprache, was hast du gegen den

Menschen einzuwenden?“

„Nichts, gar nichts; er ist nur nach meinem Geschmack seiner

Wissenschaft allzusehr ergeben. -- Das grenzt schon an

Gefühllosigkeit. Ich halte es nicht für undenkbar, daß er einem guten

Freunde eine Priese des neuesten vegetabilischen Alkaloids eingeben

würde -- nicht etwa aus Bosheit, nein, aus Forschungstrieb -- um die

Wirkung genau zu beobachten. Ebenso gern würde er freilich die Probe an

sich selber machen, +die+ Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen.

Ueberhaupt ist Klarheit und Genauigkeit des Wissens seine größte

Leidenschaft; aber zu welchem Zweck er alle seine Studien betreibt,

weiß der liebe Himmel.“

Vor dem Hospital angekommen, stiegen wir aus, gingen ein Gäßchen

hinunter und traten durch eine Thür in den Nebenflügel des weitläufigen

Gebäudes. Hier war mir alles wohl bekannt und ich brauchte keinen

Führer mehr. Es ging die kahle Steintreppe hinauf, durch den langen,

weißgetünchten Korridor, mit den Thüren auf beiden Seiten, an den

sich der niedrige Bogengang anschloß, welcher nach dem chemischen

Laboratorium führte.

In dem großen Saal, den wir betraten, waren sämtliche Tische mit

Retorten, Reagensgläsern und kleinen Weingeistlampen besetzt, während

rings an den Wänden und überhaupt, wohin man blickte, Flaschen von

allen Größen und Formen umherstanden. Wir dachten zuerst, der Raum

sei leer, bis wir an dem andern Ende einen jungen Mann gewahrten,

der, in seine Beobachtungen versunken, über einen Tisch gebeugt dasaß.

Beim Schall unserer Fußtritte blickte er von seinem Experiment auf und

sprang mit einem Freudenruf in die Höhe. „Viktoria, Viktoria,“ jubelte

er, und kam uns, mit der Retorte in der Hand, entgegen. „Ich habe

das Reagens gefunden, das sich mit Hämoglobin zu einem Niederschlag

verbindet und sonst mit keinem Stoff.“

Er sah so glückstrahlend aus, als hätte er eine Goldmine entdeckt.

„Mein Freund, Doktor Watson -- Herr Sherlock Holmes,“ sagte Stamford

uns einander vorstellend.

„Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen,“ erwiderte Holmes

in herzlichem Ton und mit kräftigem Händedruck. „Sie kommen aus

Afghanistan, wie ich sehe.“

Ich blickte ihn verwundert an. „Wieso wissen Sie denn das?“

„O, das thut nichts zur Sache,“ rief er, sich vergnügt die Hände

reibend; „ich denke jetzt nur an Hämoglobin. Sicherlich werden Sie die

Tragweite meiner Erfindung begreifen.“

„Es mag wohl als chemisches Experiment sehr interessant sein, aber für

die Praxis --“

[Illustration]

„Gerade in der Praxis ist es von größter Wichtigkeit für die

Gerichtschemie, weil es dazu dient, das etwaige Vorhandensein von

Blutflecken zu beweisen. -- Bitte, kommen Sie doch einmal her.“ In

seinem Eifer ergriff er meinen Rockärmel und zog mich nach dem Tische

hin, an welchem er experimentiert hatte. „Wir müssen etwas frisches

Blut haben,“ sagte er und stach sich mit einer großen Stopfnadel in

den Finger, worauf er das herabtropfende Blut in einem Saugröhrchen

auffing. „Jetzt mische ich diese kleine Blutmenge mit einem Liter

Wasser -- das Verhältnis ist etwa wie eins zu einer Million -- und die

Flüssigkeit sieht ganz aus wie reines Wasser. Trotzdem wird sich, denke

ich, die gewünschte Reaktion herstellen lassen.“ Er hatte, während er

sprach, einige weiße Krystalle in das Gefäß geworfen und goß jetzt noch

mehrere Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit hinzu. Sofort nahm das

Wasser eine dunkle Färbung an und ein bräunlicher Niederschlag erschien

auf dem Boden des Glases.

„Sehen Sie,“ rief er und klatschte in die Hände, wie ein Kind vor

Freude über ein neues Spielzeug. „Was sagen Sie dazu?“

„Es scheint mir ein sehr gelungenes Experiment.“

„Wundervoll, wundervoll! Die alte Methode, die Probe mit Guajacum

anzustellen, war sehr umständlich und unsicher, die mikroskopische

Untersuchung der Blutkügelchen aber ist wertlos, sobald die Flecken ein

paar Stunden alt sind. Meine Erfindung wird sich dagegen ebenso gut bei

altem wie bei frischem Blut bewähren. Wäre sie schon früher gemacht

worden, so hätte man Hunderte von Verbrechern zur Rechenschaft ziehen

können, die straflos davongekommen sind.“

„Meinen Sie wirklich?“

„Ohne Frage. Bei der Kriminaljustiz dreht sich ja meist alles um diesen

+einen+ Punkt. Vielleicht Monate, nachdem die Missethat begangen ist,

fällt der Verdacht auf einen Menschen, man untersucht seine Kleider und

findet braune Flecke am Rock oder in der Wäsche. Das können Blutspuren

sein, aber auch Rostflecke, Obstflecke oder Schmutzflecke. Mancher

Sachverständige hat sich darüber schon den Kopf zerbrochen und zwar

bloß, weil es an einer zuverlässigen Beweismethode fehlte. Nun man

aber das Sherlock Holmessche Mittel besitzt, ist jede Schwierigkeit

beseitigt.“

Seine Augen funkelten, während er sprach, er legte die Hand aufs Herz

und machte eine feierliche Verbeugung, als sähe er sich im Geist einer

Beifall klatschenden Menge gegenüber.

„Da kann man Ihnen ja Glück wünschen,“ sagte ich, verwundert über

seinen Feuereifer.

„Hätte man die Probe schon letztes Jahr anstellen können,“ fuhr er

fort, „es wäre dem Mason aus Bradford sicherlich an den Hals gegangen;

auch der berüchtigte Müller, sowie Lefevre aus Montpellier und Samson

aus New-Orleans wären überführt worden. Ich könnte Ihnen Dutzende von

Fällen nennen, bei denen meine Erfindung den Ausschlag gegeben hätte.“

„Sie scheinen ja ein wandelnder Verbrecheralmanach zu sein,“ meinte

Stamford lachend; „schreiben Sie doch ein Buch über Kriminalstatistik.“

„Das möchte wohl des Lesens wert sein,“ erwiderte Holmes, der sich

eben ein Pflaster auf den verwundeten Finger klebte. „Ich muß sehr

vorsichtig sein,“ fügte er erklärend hinzu, „denn ich mache mir viel

mit Giften zu schaffen.“ Als er die Hand in die Höhe hielt, sah ich,

daß sie an vielen Stellen bepflastert war und von scharfen Säuren

gefärbt.

„Wir kommen in Geschäften,“ sagte Stamford, und schob mir einen

dreibeinigen Schemel zum Sitzen hin, während er ebenfalls Platz nahm.

„Mein Freund hier sucht eine Wohnung, und da Sie gern mit jemand

zusammenziehen möchten, dachte ich, es wäre Ihnen vielleicht beiden

geholfen.“

Sherlock Holmes ging mit Freuden auf den Vorschlag ein. „Ich habe ein

Auge des Wohlgefallens auf ein Quartier in der Bakerstraße geworfen,

das vortrefflich für uns passen würde,“ sagte er. „Sie haben doch nicht

etwa eine Abneigung gegen Tabaksdampf?“

„O nein, ich bin selbst ein starker Raucher.“

„Das trifft sich gut. Ferner habe ich häufig Chemikalien bei mir

herumstehen, die ich zu meinen Experimenten brauche. Würde Sie das

belästigen?“

„Durchaus nicht.“

„Warten Sie -- was habe ich sonst noch für Fehler? Manchmal bekomme

ich Anfälle von Schwermut und thue dann tagelang den Mund nicht auf.

Sie müssen mir das nicht übel nehmen. Kümmern Sie sich nur dann gar

nicht um mich, und die Anwandlung wird bald vorüber sein. So -- nun

ist die Reihe an Ihnen, mir Bekenntnisse zu machen. Wenn zwei Menschen

zusammen leben wollen, ist es gut, wenn sie im voraus wissen, was sie

von einander zu erwarten haben.“

Ich mußte über diese Generalbeichte lachen. „Ich halte mir einen jungen

Bullenbeißer,“ gestand ich, „und kann keinen Lärm vertragen, weil meine

Nerven angegriffen sind; auch schlafe ich oft in den Tag hinein und

bin überhaupt sehr träge. In gesunden Zeiten fröhne ich noch Lastern

anderer Art, aber für jetzt sind dies die hauptsächlichsten.“

„Würden Sie unter ‚Lärm‘ auch das Spielen auf einer Violine verstehen?“

fragte er besorgt.

„Das kommt auf den Musiker an. Gutes Violinspiel ist ein Genuß für

Götter -- aber schlechtes --“

„Freilich, freilich,“ rief er vergnügt. „Nun, ich denke, die Sache ist

abgemacht -- das heißt, wenn Ihnen das Quartier gefällt.“

„Wann können wir es besichtigen?“

„Holen Sie mich morgen mittag hier ab, dann gehen wir zusammen hin und

bringen gleich alles ins reine.“

„Sehr wohl, also Punkt zwölf Uhr,“ sagte ich, ihm zum Abschied die Hand

schüttelnd.

Wir ließen ihn dort bei seinen Chemikalien und gingen nach meinem Hotel

zurück. „Erklären Sie mir nur,“ wandte ich mich, plötzlich stehen

bleibend, an Stamford, „was ihn auf die Idee gebracht haben kann, daß

ich aus Afghanistan komme?“

Mein Gefährte lachte geheimnisvoll. „Schon mancher hat gern wissen

wollen, wie Sherlock Holmes gewisse Dinge ausfindig macht. Er besitzt

eben eine besondere Gabe.“

„Aha, es steckt ein Rätsel dahinter,“ rief ich belustigt; „das ist

ja höchst interessant. Ich bin dir sehr verbunden für die neue

Bekanntschaft. Das beste Studium für den Menschen bleibt ja doch immer

der Mensch.“

„Studiere ihn nur,“ entgegnete Stamford. „Du wirst dabei manche Nuß zu

knacken finden. Ich wette darauf, er kennt dich bald besser als du ihn.“

An der nächsten Straßenecke verabschiedeten wir uns und ich schlenderte

allein nach Hause.

Zweites Kapitel.

Die Kunst der Schlußfolgerung.

Unsere verabredete Besichtigung des Quartiers in der Bakerstraße Nr.

221~b~ fand am nächsten Tage statt. Es gefiel mir außerordentlich; das

große, luftige Wohnzimmer, welches sich an zwei behagliche Schlafstuben

anschloß, war freundlich möbliert und sehr hell, da es sein Licht durch

zwei große Fenster erhielt. Unter uns beide geteilt, erschien auch der

Preis der Wohnung so gering, daß wir sie auf der Stelle mieteten und

sogleich einzuziehen beschlossen. Noch am selben Abend ließ ich meine

Besitztümer vom Hotel hinüberschaffen und Sherlock Holmes folgte bald

darauf mit verschiedenen Koffern und Reisetaschen. In den ersten Tagen

waren wir eifrig beschäftigt, auszupacken und unsere Sachen auf das

vorteilhafteste unterzubringen. Als dann die Einrichtung fertig war,

begannen wir uns in Ruhe an unsere neue Umgebung zu gewöhnen.

Holmes war ein Mensch, mit dem sich leicht leben ließ, von stillem

Wesen und regelmäßig in seinen Gewohnheiten. Selten blieb er abends

nach zehn Uhr auf, und wenn ich morgens zum Vorschein kam, hatte er

immer schon gefrühstückt und war ausgegangen. Den Tag über war er

meist im chemischen Laboratorium oder im Seziersaal, zuweilen machte

er auch weite Ausflüge, welche ihn bis in die verrufensten Gegenden

der Stadt zu führen schienen. Seine Thatkraft war unverwüstlich, so

lange die Arbeitswut bei ihm dauerte; von Zeit zu Zeit trat jedoch

ein Rückschlag ein, dann lag er den ganzen Tag im Wohnzimmer auf dem

Sofa, fast ohne ein Glied zu rühren oder ein Wort zu reden. Dabei

nahmen seine Augen einen so traumhaften, verschwommenen Ausdruck an,

daß sicher der Verdacht in mir aufgestiegen wäre, er müsse irgend

ein Betäubungsmittel gebrauchen, hätte nicht seine Mäßigkeit und

Nüchternheit im gewöhnlichen Leben diese Annahme völlig ausgeschlossen.

Nach den ersten Wochen unseres Beisammenseins war mein Interesse

für ihn und der Wunsch zu ergründen, welche Zwecke er eigentlich

verfolgte, in hohem Maße gestiegen. Schon seine äußere Erscheinung

fiel ungemein auf. Er war über sechs Fuß groß und sehr hager; sein

scharfkantig vorstehendes Kinn drückte Festigkeit des Charakters

aus, der Blick seiner Augen war lebhaft und durchdringend, außer in

den schon erwähnten Zeiten völliger Erschlaffung, und eine spitze

Habichtsnase gab seinem Gesicht etwas Aufgewecktes und Entschlossenes.

Die Hände schonte er nicht, sie trugen fortwährend Spuren von

Tinten und Chemikalien, auch hatte ich oft Gelegenheit, seine große

Geschicklichkeit bei allen Handgriffen zu bewundern, wenn er mit seinen

feinen physikalischen Instrumenten experimentierte.

Kein Wunder, daß meine Neugier in hohem Grade rege war und ich immer

wieder versuchte, die strenge Zurückhaltung zu durchbrechen, die er in

allem beobachtete, was ihn selbst betraf. Das Geheimnis, welches meinen

Gefährten umgab, beschäftigte mich um so mehr, als mein eigenes Leben

damals völlig zweck- und ziellos war und wenige Zerstreuungen bot. Mein

Gesundheitszustand erlaubte mir nur bei besonders günstiger Witterung

auszugehen, und Freunde, die mich hätten besuchen können, um etwas

Abwechslung in mein einförmiges Dasein zu bringen, besaß ich nicht.

Daß Holmes nicht Medizin studiere, wußte ich aus seinem eigenen

Munde. Auch schien er keinen bestimmten Kursus in irgend einer andern

Wissenschaft durchgemacht zu haben, der ihm auf herkömmliche Weise die

Eingangspforte in die Gelehrtenwelt geöffnet hätte. Trotzdem verfolgte

er gewisse Studien mit wahrem Feuereifer und besaß innerhalb ihrer

Grenzen ein so ausgedehntes und umfassendes Wissen, daß er mich oft

höchlich dadurch überraschte.-- War es denkbar, daß ein Mensch so

angestrengt arbeitete, sich so genau zu unterrichten suchte, ohne einen

bestimmten Zweck vor Augen zu haben? -- Ein planloses Studium ist meist

auch oberflächlich, und wer sich den Kopf mit hunderterlei Einzelheiten

anfüllt, thut dies schwerlich ohne einen triftigen Grund.

Merkwürdigerweise war seine Unwissenheit auf manchen Gebieten ebenso

erstaunlich, als seine Kenntnisse in anderen Fächern. Von Astronomie

und Philosophie z. B. wußte er so viel wie gar nichts. Mußte es mir

schon auffallen, als er sagte, er habe noch nie etwas von Thomas

Carlyle gelesen, so erreichte meine Verwunderung doch den Gipfelpunkt,

als sich zufällig herausstellte, daß er sich über unser Sonnensystem

ganz falsche Vorstellungen machte. Wie in unserem neunzehnten

Jahrhundert irgend ein zivilisiertes menschliches Wesen darüber im

unklaren sein kann, daß die Erde sich um die Sonne dreht, war mir

völlig unbegreiflich.

„Setzt Sie das in Erstaunen?“ fragte er lächelnd. „Nun Sie es mir

gesagt haben, werde ich suchen, es so schnell wie möglich wieder zu

vergessen.“

„Es zu vergessen?!“

„Ja. -- Sehen Sie, meiner Ansicht nach gleicht ein Menschenhirn

ursprünglich einer leeren Dachkammer, die man nach eigener Wahl mit

Möbeln und Geräten ausstatten kann. Nur ein Thor füllt sie mit

allerlei Gerümpel an, wie es ihm gerade in den Weg kommt und versperrt

sich damit den Raum, welchen er für die Dinge braucht, die ihm nützlich

sind. Ein Verständiger giebt wohl acht, was er in seine Hirnkammer

einschachtelt. Er beschränkt sich auf die Werkzeuge, deren er bei der

Arbeit bedarf, aber von diesen schafft er sich eine große Auswahl an

und hält sie in bester Ordnung. Es ist ein Irrtum, wenn man denkt,

die kleine Kammer habe dehnbare Wände und könne sich nach Belieben

ausweiten. Glauben Sie mir, es kommt eine Zeit, da wir für alles

Neuhinzugelernte etwas von dem vergessen, was wir früher gewußt haben.

Daher ist es von höchster Wichtigkeit, daß unsere nützlichen Kenntnisse

nicht durch unnützen Ballast verdrängt werden.“

„Aber das Sonnensystem --“ warf ich ein.

„Was zum Kuckuck kümmert mich das?“ unterbrach er mich ungeduldig. „Sie

sagen, die Erde dreht sich um die Sonne. Wenn sie sich um den Mond

drehte, so würde das für meine Zwecke nicht den geringsten Unterschied

machen.“

Mir schwebte schon die Frage auf der Zunge, was denn eigentlich

seine Zwecke wären, doch behielt ich sie für mich, um ihn nicht zu

verdrießen. Unser Gespräch gab mir indessen viel zu denken, und ich

begann meine Schlüsse daraus zu ziehen. Wenn er sich nur Kenntnisse

aneignete, die ihm für seine Arbeit Nutzen brachten, so mußte man ja

aus den Zweigen des Wissens, mit denen er am vertrautesten war, auf

den Beruf schließen können, dem er sich gewidmet hatte. Ich zählte mir

nun alles auf, was er mit besonderer Gründlichkeit studierte, ja, ich

machte mir ein Verzeichnis von den einzelnen Fächern. Lächelnd überlas

ich das Schriftstück noch einmal, es lautete:

+Geistiger Horizont und Kenntnisse von Sherlock Holmes+.

1. Litteratur -- Mit Unterschied.

2. Philosophie -- Null.

3. Astronomie -- Null.

4. Politik -- Schwach.

5. Botanik -- Mit Unterschied. Wohl bewandert in allen

vegetabilischen Giften, Belladonna, Opium u. drgl. Eigentliche

Pflanzenkunde -- Null.

6. Geologie -- Viel praktische Erfahrung, aber nur auf beschränktem

Gebiet. Er unterscheidet sämtliche Erdarten auf den ersten Blick.

Von Ausgängen zurückgekehrt, weiß er nach Stoff und Farbe der

Schmutzflecke auf seinen bespritzten Beinkleidern die Stadtgegend von

London anzugeben, aus welcher die Flecken stammen.

7. Chemie -- Sehr gründlich.

8. Anatomie -- Genau, aber unmethodisch.

9. Kriminalstatistik -- Erstaunlich umfassend. Er scheint alle

Einzelheiten jeder Greuelthat, die in unserem Jahrhundert verübt

worden ist, zu kennen.

10. Ist ein guter Violinspieler.

11. Ein gewandter Boxer und Fechter.

12. Ein gründlicher Kenner der britischen Gesetze.

Weiter las ich nicht; ich zerriß meine Liste und warf sie ärgerlich ins

Feuer. „Wie kann der Mensch behaupten, daß es einen Beruf giebt, in dem

sich alle diese verschiedenartigen Kenntnisse verwerten und unter einen

Hut bringen lassen,“ rief ich. „Es ist vergebliche Mühe, dies Rätsel

lösen zu wollen.“

Holmes’ Fertigkeit auf der Violine war groß, aber ganz eigener Art, wie

alles bei diesem ungewöhnlichen Menschen. Gelegentlich spielte er mir

wohl des Abends von meinen Lieblingsstücken vor, was ich verlangte; war

er aber sich selbst überlassen, so ließ er selten eine bekannte Melodie

hören. Er lehnte sich dann in den Armstuhl zurück, schloß die Augen und

fuhr mechanisch mit dem Bogen über das Instrument, welches auf seinen

Knieen lag. Die Töne, die er dann den Saiten entlockte, waren stets der

Ausdruck seiner augenblicklichen Empfindung, bald leise und klagend,

bald heiter, bald schwärmerisch. Ob er dabei nur den wechselnden Launen

seiner Einbildung folgte oder durch die Musik die Gedanken, welche

ihn gerade beschäftigten, besser in Fluß bringen wollte, vermochte

ich nicht zu sagen. Ich hätte sicherlich gegen seine herzzerreißenden

Solovorträge Einspruch erhoben, allein, um mich einigermaßen für

die Geduldsprobe zu entschädigen, die er mir auferlegte, endigte er

gewöhnlich damit, daß er rasch hintereinander eine ganze Reihe meiner

Lieblingsmelodien spielte und das versöhnte mich wieder.

[Illustration]

In der ersten Woche bekamen wir keinen Besuch, und ich fing schon an

zu glauben, mein Gefährte stehe ebenso allein in der Welt, wie ich

selber. Bald stellte sich jedoch heraus, daß er viele Bekannte hatte

und zwar in allen Schichten der Gesellschaft. Der kleine Mensch mit dem

blaßgelben Gesicht, der einer Ratte ähnelte und mir als Herr Lestrade

vorgestellt wurde, kam im Lauf von acht Tagen mindestens drei- oder

viermal. Eines Morgens erschien ein elegant gekleidetes junges Mädchen,

das über eine halbe Stunde dablieb. Am Nachmittag desselben Tages

fand sich ein schäbiger Graubart ein, der wie ein jüdischer Hausierer

aussah und hinter dem ein häßliches, altes Weib hereinschlürfte. Bei

einer späteren Gelegenheit hatte ein ehrwürdiger Greis eine längere

Unterredung mit Holmes und dann wieder ein Eisenbahnbeamter in Uniform.

Jedesmal, wenn sich einer dieser merkwürdigen Besucher einstellte,

bat mich Holmes, ihm das Wohnzimmer zu überlassen, und ich zog mich

in meine Schlafstube zurück. Er entschuldigte sich vielmals, daß

er mir diese Unbequemlichkeit auferlege. „Ich muß das Zimmer als

Geschäftslokal benützen, die Leute sind meine Klienten.“

Auch diese Gelegenheit, mir Aufschluß über sein Thun zu verschaffen,

ließ ich aus Zartgefühl ungenützt vorübergehen. Mir widerstand es, ein

Vertrauen zu erzwingen, das er mir nicht von selbst entgegenbrachte,

und schließlich bildete ich mir ein, er habe einen bestimmten Grund,

mir sein Geschäft zu verheimlichen. Daß ich mich hierin getäuscht

hatte, sollte ich indessen bald erfahren.

Am vierten März -- der Tag ist mir im Gedächtnis geblieben -- war ich

früher als gewöhnlich aufgestanden und fand Sherlock Holmes beim

Frühstück. Mein Kaffee war noch nicht fertig, und ärgerlich, daß

ich warten mußte, nahm ich ein Journal vom Tisch, um mir die Zeit

zu vertreiben, während mein Gefährte schweigend seine gerösteten

Brotschnitten verzehrte.

Mein Blick fiel zuerst auf einen Artikel, der mit Blaustift

angestrichen und ‚Das Buch des Lebens‘ betitelt war. Der Verfasser

versuchte darin auseinanderzusetzen, daß es für einen aufmerksamen

Beobachter von Menschen und Dingen im alltäglichen Leben unendlich

viel zu lernen gäbe, wenn er sich nur gewöhnen wollte, alles, was ihm

in den Weg käme, genau und eingehend zu prüfen. Die Beweisführung

war kurz und bündig, aber die Schlußfolgerungen schienen mir weit

hergeholt und ungereimt, das Ganze eine Mischung von scharfsinnigen

und abgeschmackten Behauptungen. Ein Mensch, der zu beobachten und

zu analysieren verstand, mußte danach befähigt sein, die innersten

Gedanken eines jeden zu lesen und zwar mit solcher Sicherheit, daß es

dem Uneingeweihten förmlich wie Zauberei vorkam.

„Das Leben ist eine große, gegliederte Kette von Ursachen und

Wirkungen,“ hieß es weiter; „an einem einzigen Gliede läßt sich das

Wesen des Ganzen erkennen. Wie jede andere Wissenschaft, so fordert

auch das Studium der Deduktion und Analyse viel Ausdauer und Geduld;

ein kurzes Menschendasein genügt nicht, um es darin zur höchsten

Vollkommenheit zu bringen. Der Anfänger wird immer gut thun, ehe er

sich an die Lösung hoher geistiger und sittlicher Probleme wagt, welche

die größten Schwierigkeiten bieten, sich auf einfachere Aufgaben

zu beschränken. Zur Uebung möge er zum Beispiel bei der flüchtigen

Begegnung mit einem Unbekannten den Versuch machen, auf den ersten

Blick die Lebensgeschichte und Berufsart des Menschen zu bestimmen.

Das schärft die Beobachtungsgabe und man lernt dabei richtig sehen und

unterscheiden. An den Fingernägeln, dem Rockärmel, den Manschetten,

den Stiefeln, den Hosenknieen, der Hornhaut an Daumen und Zeigefinger,

dem Gesichtsausdruck und vielem andern, läßt sich die tägliche

Beschäftigung eines Menschen deutlich erkennen. Daß ein urteilsfähiger

Forscher, der die verschiedenen Anzeichen zu vereinigen weiß, nicht zu

einem richtigen Schluß gelangen sollte, ist einfach undenkbar.“

„Was für ein thörichtes Gewäsch,“ rief ich, und warf das Journal auf

den Tisch; „meiner Lebtag ist mir dergleichen nicht vorgekommen.“

Sherlock Holmes sah mich fragend an.

„Sie haben den Artikel angestrichen,“ fuhr ich fort, „und müssen ihn

also gelesen haben. Daß er geschickt abgefaßt ist, will ich nicht

bestreiten. Mich ärgern aber solche widersinnige Theorien, die daheim

im Lehnstuhl aufgestellt werden und dann an der Wirklichkeit elend

scheitern. Der Herr Verfasser sollte nur einmal in einem Eisenbahnwagen

dritter Klasse fahren und probieren, das Geschäft eines jeden seiner

Mitreisenden an den Fingern herzuzählen. Ich wette tausend gegen eins,

er wäre dazu nicht imstande.“

„Sie würden Ihr Geld verlieren,“ erwiderte Holmes ruhig. „Was übrigens

den Artikel betrifft, so ist er von mir.“

„Von Ihnen?“

„Ja; ich habe ein besonderes Talent zur Beobachtung und

Schlußfolgerung. Die Theorien, welche ich hier auseinandersetze und

die Ihnen so ungereimt erscheinen, finden in der Praxis ihre volle

Bestätigung, ja, was noch mehr ist -- ich verdiene mir damit mein

tägliches Brot.“

„Wie ist das möglich?“ fragte ich unwillkürlich.

„Mein Handwerk beruht darauf. Ich bin beratender Geheimpolizist --

wenn Sie verstehen, was das heißt -- vielleicht bin ich der einzige

meiner Art. Es giebt hier in London Detektivs die Menge, welche teils

im Dienst der Regierung stehen, teils von Privatpersonen gebraucht

werden. Wenn diese Herren nicht mehr aus noch ein wissen, kommen sie

zu mir, und ich helfe ihnen auf die richtige Fährte. Sie bringen

mir das ganze Beweismaterial, und ich bin meist imstande, ihnen mit

Hilfe meiner Kenntnis der Geschichte des Verbrechens den rechten

Weg zu weisen. Die Missethaten der Menschen haben im allgemeinen

eine starke Familienähnlichkeit unter einander und wenn man alle

Einzelheiten von tausend Verbrechen im Kopfe hat, so müßte es wunderbar

zugehen, vermöchte man das tausend und erste nicht zu enträtseln.

Lestrade ist ein bekannter Detektiv. Er hat sich kürzlich mit einer

Falschmünzergeschichte herumgequält und mich deshalb so häufig

aufgesucht.“

„Und die andern Leute?“

„Sie kamen meist auf Veranlassung von Privatagenten. Jeder von ihnen

hat irgend eine Sorge auf dem Herzen und holt sich Rat bei mir.

Sie erzählen mir ihre Geschichte und hören auf meine erklärenden

Bemerkungen und dann streiche ich mein Honorar ein.“

„Können Sie wirklich, während Sie ruhig auf Ihrem Zimmer bleiben,

die verwickelten Knoten lösen, welche die andern nicht zu entwirren

vermögen, selbst, wenn sie mit eigenen Augen gesehen haben, wo sich

alles zugetragen hat?“

„Das habe ich oft gethan; es ist bei mir eine Art innerer Eingebung.

Liegt ein besonders schwieriger Fall vor, so besehe ich mir den

Schauplatz der That wohl auch einmal selbst. Ich habe so mancherlei

Kenntnisse, die mir die Arbeit wesentlich erleichtern. Meine große

Uebung in der Schlußfolgerung, wie sie jener Artikel darlegt, ist für

mich zum Beispiel von hohem praktischem Wert. Mir ist die Beobachtung

zur zweiten Natur geworden. Als ich Ihnen bei unserer ersten Begegnung

sagte, Sie kämen aus Afghanistan, schienen Sie sich darüber zu

verwundern.“

„Irgend jemand muß es Ihnen gesagt haben.“

„Bewahre; ich wußte es ganz von selbst. Da mein Gedankengang meist

sehr schnell ist, kommen mir die Schlüsse in ihrer Reihenfolge kaum

zum Bewußtsein. Und doch steht alles in logischem Zusammenhang.

Ich folgerte etwa so: Der Herr sieht aus wie ein Mediziner und hat

dabei eine soldatische Haltung. Er muß Militärarzt sein. Die dunkle

Gesichtsfarbe hat er nicht von Natur, denn am Handgelenk ist seine

Haut weiß, also kommt er geradeswegs aus den Tropen. Daß er allerlei

Beschwerden durchgemacht hat, zeigen seine abgezehrten Wangen; sein

linker Arm muß verwundet gewesen sein, er hält ihn unnatürlich steif.

In welcher Gegend der Tropen kann ein englischer Militärarzt sich

Wunden und Krankheit geholt haben? -- Versteht sich in Afghanistan. --

In weniger als einer Sekunde war ich zu dem Schluß gelangt, der Sie in

Erstaunen setzte.“

„Wie Sie die Sache erklären, scheint sie sehr einfach. In Büchern liest

man wohl von solchen Dingen, aber daß sie in Wirklichkeit vorkämen,

hätte ich nicht gedacht.“

„Wenn es nur noch Verbrechen gäbe, zu deren Entdeckung man besonderen

Scharfsinn braucht,“ fuhr Holmes mißmutig fort. „Ich weiß, es fehlt

mir nicht an Begabung, um meinen Namen berühmt zu machen. Kein Mensch

auf Erden hat jemals so viel natürliche Anlage für mein Fach besessen

oder ein so tiefes Studium darauf verwendet. Aber was nützt mir das

alles? Die Missethäter sind sämtlich solche Stümper und ihre Zwecke so

durchsichtig, daß der gewöhnliche Polizeibeamte sie mit Leichtigkeit zu

ergründen vermag.“

Es verdroß mich, ihn mit solcher Selbstüberschätzung reden zu hören. Um

der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, trat ich ans Fenster.

„Was mag wohl der Mann da drüben suchen?“ fragte ich, auf einen

einfach gekleideten, stämmigen Menschen deutend, welcher sämtliche

Häusernummern auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu mustern

schien. Er hielt einen großen, blauen Umschlag in der Hand und hatte

offenbar eine Botschaft auszurichten.

„Sie meinen den verabschiedeten Marinesergeanten?“ fragte Sherlock

Holmes.

Ich machte große Augen. „Er hat gut mit seiner Weisheit prahlen,“

dachte ich bei mir; „wer will ihm denn beweisen, daß er falsch geraten

hat?“

In dem Augenblick hatte der Mann, den wir beobachteten, unsere Nummer

erblickt, und kam rasch quer über die Straße gegangen. Gleich darauf

klopfte es laut an der Haustüre unten, man vernahm eine tiefe Stimme

und dann schwere Schritte auf der Treppe.

Der Mann trat ein.

„Für Herrn Sherlock Holmes,“ sagte er, meinem Gefährten den Brief

einhändigend.

Ich ergriff die günstige Gelegenheit, um Holmes von seiner Einbildung

zu heilen. An +die+ Möglichkeit hatte er wohl nicht gedacht, als er den

raschen Schuß ins Blaue that. „Darf ich Sie wohl fragen, was Sie für

ein Geschäft betreiben?“ redete ich den Boten freundlich an.

„Dienstmann,“ lautete die kurze Antwort. „Uniform gerade beim Schneider

zum Ausbessern.“

„Und früher waren Sie --“ fuhr ich mit einem schlauen Blick auf Holmes

fort.

„Sergeant bei der leichten Infanterie der königlichen Marine. -- Keine

Rückantwort? -- Sehr wohl. Zu Befehl.“

Er schlug die Fersen aneinander, erhob die Hand zum militärischen Gruß

und fort war er.

[Illustration]

Drittes Kapitel.

Brixtonstraße Nummer drei.

Dieses neue Beispiel von der praktischen Anwendbarkeit der Theorien

meines Freundes überraschte mich höchlich und flößte mir großen Respekt

vor seiner Beobachtungsgabe ein. Zwar wollte mich ein leiser Argwohn

beschleichen, ob die Sache nicht doch am Ende ein zwischen den beiden

abgekartetes Spiel sei, aber welchen möglichen Zweck hätte das haben

können? -- Als ich mich nach Holmes umwandte, hatte er eben den Brief

durchgelesen und starrte mit ausdruckslosem Blick, wie geistesabwesend,

vor sich hin.

„Wie in aller Welt haben Sie denn das wieder erraten?“ fragte ich.

„Erraten -- was?“ rief er gereizt auffahrend.

„Nun, daß der Mann ein abgedankter Marinesergeant war.“

„Jetzt ist keine Zeit zu Spielereien,“ stieß er in rauhem Ton hervor,

fuhr aber gleich darauf lächelnd fort: „Entschuldigen Sie meine

Grobheit, Sie haben meinen Gedankengang unterbrochen; doch, das

schadet vielleicht nichts. -- Also Sie haben wirklich nicht sehen

können, daß der Mann Sergeant in der Marine gewesen ist?“

„Wie sollte ich?“

„Es scheint mir doch sehr einfach. Freilich ist es nicht leicht zu

erklären, wie ich zur Kenntnis solcher Thatsachen komme. Daß zweimal

zwei vier ist, leuchtet jedem ein, forderte man Sie aber auf, es zu

beweisen, so würden Sie es schwierig finden. Schon über die Straße

hatte ich den blauen tätowierten Anker auf der Hand des Mannes

gesehen und die See gewittert; zudem bemerkte ich seine militärische

Haltung und das verriet mir den Marinesoldaten. Er trug den Kopf hoch

und schwang seinen Stock mit Selbstbewußtsein und einer gewissen

Befehlshabermiene; dabei trat er fest und würdevoll auf und war ein

Mann in mittleren Jahren -- natürlich mußte er Sergeant gewesen sein.“

„Wunderbar!“ rief ich.

„Höchst alltäglich,“ versetzte Holmes, doch sah ich ihm am Gesicht an,

daß er sich geschmeichelt fühlte. „Eben noch behauptete ich,“ fuhr er

fort, „es gäbe keine geheimnisvollen Verbrechen mehr zu enträtseln. Das

scheint ein Irrtum gewesen zu sein -- hiernach zu urteilen.“ Er schob

mir den Brief hin, welchen der Dienstmann gebracht hatte.

„Wie schrecklich,“ rief ich, ihn überfliegend.

„Es klingt allerdings etwas ungewöhnlich; wären Sie so gut, mir den

Brief noch einmal vorzulesen?“

Der Brief lautete wie folgt:

„+Lieber Herr Holmes!+

Heute nacht hat sich in der Brixtonstraße Nummer 3 ein schlimmer Fall

zugetragen. Unser Posten sah dort auf seinem Rundgang gegen zwei

Uhr einen Lichtschimmer, und da das Haus unbewohnt ist, schöpfte er

Verdacht. Er fand die Thür offen und in dem unmöblierten Vorderzimmer

den Leichnam eines gutgekleideten Herrn am Boden liegen. Enoch J.

Drebber, Cleveland, Ohio U. S. A. stand auf den Visitenkarten, die er

in seiner Brusttasche trug. Eine Beraubung ist nicht erfolgt und die

Todesursache noch unermittelt, denn es finden sich zwar Blutspuren im

Zimmer, aber keine Wunde an dem Toten. Wir wissen nicht, wie er in

das leere Haus gekommen sein kann, und die ganze Angelegenheit ist

uns ein Rätsel.

Wären Sie geneigt, vor zwölf Uhr den Schauplatz zu besichtigen, so

finden Sie mich dort. Ich lasse alles ~in statu quo~ bis zu Ihrer

Ankunft. Sind Sie verhindert zu kommen, so werde ich Ihnen alle

Einzelheiten berichten, und Sie thäten mir einen großen Gefallen,

wenn Sie mir Ihre Ansicht mitteilen wollten.

Ihr ergebener Tobias Gregson.“

„Gregson ist der schlauste Fuchs in der ganzen Polizeimannschaft,“

bemerkte mein Freund. „Er und Lestrade sind rasch und thatkräftig, aber

durch nichts aus dem einmal hergebrachten Geleise zu bringen; dabei

sind sie einander fortwährend in den Haaren und sind eifersüchtig wie

zwei gefeierte Ballschönheiten. Wenn sie etwa beide auf dieselbe Fährte

kommen, giebt es einen Hauptspaß.“

Die behagliche Ruhe, mit der er sprach, schien mir unbegreiflich. „Es

ist doch sicherlich kein Augenblick zu verlieren,“ rief ich; „soll ich

Ihnen eine Droschke holen?“

„Noch weiß ich gar nicht, ob ich hingehen werde. Ich habe gerade einen

Anfall von Trägheit und dann bin ich der faulste Kerl unter der Sonne;

ein andermal kann ich freilich flink genug bei der Hand sein.“

„Aber dies ist doch gerade ein Fall, wie Sie ihn sich gewünscht haben.“

„Jawohl; aber was kommt schließlich dabei heraus, liebster Freund?

Gelänge es mir auch, den Knoten zu lösen, so würden doch Gregson,

Lestrade und Co. sich alles auf ihr Konto schreiben. Das hat man davon,

wenn man kein Angestellter ist.“

„Aber er bittet ja um Ihre Hilfe.“

„Ja, er weiß, daß ich mehr verstehe als er, und giebt das mir gegenüber

auch zu; doch würde er sich lieber die Zunge abbeißen, als vor einem

Dritten meine Ueberlegenheit anzuerkennen. Wir wollen uns die Sache

indessen doch ansehen. Ich übernehme sie vielleicht auf eigene Faust.

Dann kann ich die beiden wenigstens auslachen, wenn ich auch sonst

nichts davon habe. Also vorwärts!“

Er fuhr rasch in seinen Ueberzieher und ging so geschäftig hin und her,

daß ich wohl sah, die gleichgültige Stimmung war bei ihm vorüber und

seine volle Thatkraft zurückgekehrt.

„Wo ist Ihr Hut?“ fragte er.

„Wünschen Sie denn, daß ich mitkomme?“

„Ja, wenn Sie nichts Besseres vorhaben.“

Schon im nächsten Augenblick saßen wir in einer Droschke und fuhren mit

Windeseile nach der Brixtonstraße.

Es war ein bewölkter, nebliger Morgen, alle Häuser lagen in einen

Schleier gehüllt, von derselben grauen Schmutzfarbe wie die Straßen.

Jetzt ließ die Laune meines Gefährten nichts mehr zu wünschen übrig;

er sprach mit großer Zungengeläufigkeit über Cremoneser Geigen und den

Unterschied zwischen einer Amati und einer Stradivarius. Ich verhielt

mich ziemlich still; das trübe Wetter und das traurige Geschäft,

welches wir vorhatten, drückten auf mein Gemüt.

„Es scheint, daß Sie sich in Ihren Gedanken gar nicht mit der Sache

beschäftigen, um die es sich handelt,“ unterbrach ich Holmes endlich in

seinen musikalischen Auseinandersetzungen.

„Noch fehlen mir alle Einzelheiten,“ erwiderte er; „es ist ein großer

Irrtum, sich eine Theorie zu bilden, ehe man sämtliches Beweismaterial

in Händen hat; das beeinflußt das Urteil.“

„Sie werden bald genug Gelegenheit bekommen, Ihre Beobachtungen

anzustellen,“ sagte ich; „hier sind wir schon in der Brixtonstraße und

das dort muß das Haus sein, wenn ich nicht sehr irre.“

„Kein Zweifel. -- Halt, Kutscher, halt! --“ Wir waren noch eine

ziemliche Strecke entfernt, doch bestand er darauf, daß wir ausstiegen

und das letzte Ende zu Fuß zurücklegten.

Das Haus Nummer 3 machte einen düstern, unheimlichen Eindruck. Es

gehörte zu einer Gruppe von vier Gebäuden, die etwas abseits von der

Straße lagen; zwei waren bewohnt, zwei standen leer. An den trüben

Fensterscheiben der letzteren fielen nur hier und da die angeklebten

Zettel in die Augen, auf denen ‚Zu vermieten‘ stand. Jedes der Häuser

hatte ein kleines Vorgärtchen, mit wenigen kränklichen Pflanzen auf den

Beeten; mitten hindurch führte ein schmaler mit Kies bestreuter Pfad

von gelblichem Lehm, der durch die Regengüsse der vergangenen Nacht

völlig aufgeweicht worden war. Eine drei Fuß hohe Backsteinmauer, die

ein hölzernes Gitter trug, bildete die Einfassung des Gartens. Am

Gitterthor lehnte ein handfester Polizist, von einer Schar Neugieriger

umringt, die ihre Hälse reckten und sich vergeblich abmühten, zu sehen,

was drinnen im Hause vorging.

Ich hatte erwartet, Sherlock Holmes würde sich sofort hineinbegeben,

um seine Untersuchungen zu beginnen. Nichts schien ihm jedoch ferner

zu liegen. Mit einer Gelassenheit, welche mir unter den obwaltenden

Umständen unnatürlich erschien, schlenderte er vor dem Hause auf

und ab, den Blick bald auf den Boden gerichtet, bald in die Luft,

bald wieder nach dem Gitterzaun oder den gegenüberliegenden Häusern.

Nach einer Weile betrat er den Kiesweg, das heißt, er ging auf dem

Grasstreifen neben dem Pfad, die Augen forschend zur Erde gesenkt.

Zweimal blieb er lächelnd stehen und ein Ausruf der Befriedigung

entfuhr ihm. Es waren zwar viele Fußspuren in dem nassen Lehmboden

eingedrückt, sie konnten jedoch von den Polizisten herrühren, die

gekommen und wieder gegangen waren. Wie mein Gefährte hoffen konnte, da

noch etwas Wesentliches zu entdecken, begriff ich nicht; allein nach

den Proben seiner Beobachtungskunst, die ich schon von ihm erhalten

hatte, mußte ich mir sagen, daß er ohne Zweifel vieles sah, was mir

gänzlich verborgen blieb.

An der Hausthüre kam uns ein großer, blasser, flachshaariger Mann mit

einem Notizbuch entgegen. Er eilte auf Holmes zu und schüttelte ihm mit

großer Wärme die Hand. „Sehr freundlich von Ihnen, daß Sie kommen,“

sagte er, „alles ist noch ganz unberührt geblieben.“

„Nur nicht der Fußweg,“ erwiderte mein Freund. „Wäre eine Büffelherde

drübergelaufen, sie hätte ihn kaum mehr zertrampeln können. Natürlich

haben Sie erst genaue Beobachtungen angestellt, Gregson, bevor Sie das

zuließen.“

„Ich hatte drinnen im Haus zu viel zu thun,“ sagte der Detektiv

ausweichend. „Mein Kollege Lestrade ist hier; ich dachte, er würde sich

darum kümmern.“

Holmes zog die Augenbrauen spöttisch in die Höhe und sah mich an.

„Wo zwei Männer wie Sie und Lestrade an Ort und Stelle sind, hat ein

Dritter nicht mehr viel zu suchen,“ bemerkte er.

Gregson schmunzelte selbstgefällig, und rieb sich die Hände. „Wir haben

gethan, was wir konnten; aber es ist ein wunderlicher Fall -- ich kenne

ja Ihre Vorliebe für dergleichen.“

„Sind Sie in einer Droschke hergekommen?“

„Nein, ich nicht.“

„Aber Lestrade?“

„Der kam auch zu Fuß.“

„So? -- Dann können wir wohl das Zimmer besehen.“

Wie das zusammenhing, war mir nicht recht ersichtlich, auch Gregson

machte ein verwundertes Gesicht, während er Holmes in das Haus folgte.

Ein sehr staubiger, gedielter Korridor führte nach Küche und

Speisekammer, rechts und links befanden sich noch zwei Thüren. Die eine

mochte wohl wochenlang nicht geöffnet worden sein, die andere führte

in das Zimmer, wo die geheimnisvolle Missethat verübt worden war.

Holmes trat dort ein, und ich begleitete ihn, von unheimlichen Gefühlen

ergriffen, wie sie die Gegenwart des Todes uns einzuflößen pflegt. Das

große, viereckige Gemach sah noch geräumiger aus, weil keine Möbel

darin standen. Die grelle Tapete an den Wänden war hie und da mit

Schimmel überzogen, an einigen Stellen hing sie in Fetzen herunter, so

daß der helle Kalkbewurf zum Vorschein kam. Der Thüre gegenüber befand

sich ein großer, offener Kamin mit einem Gesims, an dessen einer Ecke

ein rotes Wachslichtstümpchen klebte. Das einzige Fenster, welches

den Raum erhellte, war mit einer Schmutzkruste überzogen, die nur ein

mattes, ungewisses Licht hindurchließ. Die düstere, graue Beleuchtung

paßte so recht zu der dicken Staubschicht, welche auf der Zimmerdiele

lagerte.

[Illustration]

Späte Rache · 第 1 / 10 段