Was wollen Sie, schnarrte der kleine alte Herr, indem er sich auf

seinem Komtorstuhl halb zu mir umdrehte.

Mich ge -- ich wollte sagen gehorsamst; aber weil mir das eine

verächtliche Kriecherei dünkte, so hustete ich blos und sagte dann sehr

kecklich: zu der vakanten Gasdirektorstelle melden.

Sie sind der dreißigste, schnarrte Herr Jäger.

Das schadet nichts, sagte ich.

Wie so?

Einer kann sie doch nur bekommen.

Der alte Herr drehte sich noch einen Zoll weiter auf seinem Stuhle

herum und sah mich noch viel grimmiger an als vorher. Die Augen unter

den buschigen Brauen stachen mich ordentlich, wie Julisonnenschein

vor einem Gewitter; aber ich sagte mir: wenn du jetzt mit der Wimper

zuckst, bist du verloren, und so hielt ich wacker aus und dachte: Blick

Du nur, Alter; der Frack ist freilich geliehen, aber es steckt ein

ehrlicher Kerl darin.

In diesem Augenblick wurde abermals an die Türe geklopft und herein

trat, ohne Herrn Jäger's Antwort abzuwarten, ein Mensch, der mir

doppelt mißfiel, erstens, weil er mich in dem ~tête-à-tête~ mit

Herrn Jäger, das eben interessant zu werden anfing, störte, und

zweitens, weil er eine abscheuliche Physiognomie hatte -- eine rechte

brutale Galgenphysiognomie, die vortrefflich zu seinem untersetzten,

starkknochigen Körper paßte.

Was wollen Sie? schnarrte Herr Jäger.

Das wissen Sie eben so gut wie ich, erwiderte der Eingetretene im

gröbsten Ton. Ich will mein Geld und damit basta.

Ich habe Ihnen bereits geschrieben, weshalb ich Ihnen das nicht geben

kann, sagte Herr Jäger ganz höflich.

Dann soll das Wetter drein schlagen, sagte der Andere.

Das würde Ihnen wenig helfen, erwiderte Herr Jäger. -- Bitte, Herr --?

-- Roland, sagte ich. -- Herr Roland, setzen Sie sich gefälligst etwas,

bis ich diesen Herrn abgefertigt habe.

Ich setzte mich in einiger Entfernung auf einen Stuhl, und das

Gespräch zwischen den beiden Widersachern nahm seinen Fortgang.

Der vierschrötige Kerl war ein Schiffskapitän so und so, der für

das Geschäft Kohlen nach Hamburg gebracht und, wie es schien, über

seinen Kontrakt hinaus Forderungen an die Firma machte. Es war ein

wunderliches Konzert, die Beiden sich streiten zu hören, als wenn in

das Quinquilieren einer schrillen Pfeife die dumpfen und zugleich

harten Töne einer allzustraff gespannten Pauke hereinplatzten. Die

Pauke hielt es aber viel länger aus wie die Pfeife und brüllte zuletzt

so, daß die Fensterscheiben klirrten.

Nun bin ich von Natur kein Freund von Zank und Streit, und gar das

unvernünftige Schreien war mir von jeher verhaßt. Dazu kam, daß der

Kapitän ganz unzweifelhaft im Unrecht war und gegen die klaren,

sachgemäßen Auseinandersetzungen Herrn Jäger's nur Drohungen und

Schimpfreden vorzubringen wußte. Je länger ich den Kerl toben hörte,

desto fataler wurde er mir, und als er dem Herrn Jäger, der doch am

Ende ein alter und ganz offenbar kränklicher, schwacher Mann war, seine

plumpe Faust unter der Habichtsnase schüttelte, die in dem Augenblick

sichtbar vor Furcht erbleichte -- riß mir endlich vollends die Geduld.

Ich stand auf, ging zur Tür, indem ich ihm pantomimisch zu verstehen

gab: er würde mich sehr verbinden, wenn er uns des Vergnügens seiner

Gegenwart nun enthöbe. Der Kapitän wurde vor Wut ganz dunkelrotbraun

und begann, sich so wahnsinnig zu geberden, daß ich wirklich um den

alten Mann, der bleich und zitternd auf seinem Stuhl saß, besorgt

wurde. Ich faßte also meinen Kapitän um die Schultern, drückte ihm die

Arme fest gegen den Leib, hob ihn in die Höhe und trug ihn, trotzdem

er sich wie ein wildes Tier geberdete, zur Tür hinaus über den Vorsaal

bis an die Treppe. Dort setzte ich ihn wieder hin und beschleunigte

noch in etwas seinen Rückzug die Treppe hinab. Nachdem ich mich sodann

überzeugt hatte, daß er, am Fuße derselben angelangt, sehr schleunig

wieder auf die Beine kommen und unter Flüchen und Drohungen das Haus

verlassen konnte, kehrte ich in das Komtor zurück, machte die Türe

wieder zu und sagte: Ich glaube, wir können jetzt ungestört in unserer

Unterhaltung fortfahren.

Und wenn ich hundert Jahre alt würde, ich werde die Miene, mit welcher

der alte Herr mich jetzt anblickte, nicht vergessen. Der Ärger und der

Schrecken von vorhin mischten sich auf eine so seltsame Weise mit dem

Erstaunen und, ich glaube, der Freude über meine Handlungsweise in dem

schon an sich grotesken Gesicht, daß ich etwas Wunderlicheres in meinem

Leben nicht gesehen habe und wirklich einen Augenblick glaubte, der

alte Herr sei toll geworden. Und plötzlich fing er gar, die kleinen

funkelnden Augen immer fest auf mich gerichtet, an zu lachen, oder ich

müßte eigentlich sagen: zu krähen, denn es war wirklich viel mehr das

Krähen eines ausländischen Vogels, als das Lachen eines christlichen

Europäers. Leider sah ich, oder fühlte ich gar bald, was ihm an meiner

Erscheinung so lächerlich erschien. Der neue Frack des armen Ohnesorge,

dessen Stoff trotz seines Glanzes nicht der allerbeste sein mochte, war

bei der Anstrengung, die es mich denn doch gekostet hatte, den starken

Kerl zu bewältigen, aus allen Nähten geplatzt, und hing, so zu sagen,

eigentlich nur noch in Fetzen auf meinem Leibe. Ich fühlte, daß ich

sehr rot wurde, aber ich war entschlossen, die Sache nicht ernster zu

nehmen, als sie es verdiente.

Entschuldigen Sie, Herr Jäger, sagte ich, meine derangierte Toilette;

aber da ich Ihnen mich selber und nicht meinen Rock anbieten wollte, so

kommt es schließlich auf eins heraus. Kleider machen wohl Leute, aber

keinen tüchtigen Gastechniker.

Sie sind mein Mann; bei Gott, Sie sind mein Mann! rief der Alte, kam

von seinem Stuhl herabgehüpft, gab mir seine kleine magere Hand und

blickte mit einem beinahe zärtlichen Ausdruck zu mir hinauf. -- Wenn

Sie Ihre Sache verstehen, sollen Sie die Stelle haben, so wahr ich

Johann August Jäger heiße.

Ich verstehe meine Sache, Herr Jäger, sagte ich, und ich weiß noch bis

auf den heutigen Tag nicht, woher ich in dem Augenblick den Mut zu

dem zuversichtlichen, großsprecherischen Ton nahm; aus- und inwendig

verstehe ich sie.

Ich glaub's, glaub's, glaube Ihnen auf's Wort; Sie sind ein

Prachtmensch. Setzen Sie sich hier an den Tisch, und nun sagen Sie mir

einmal, wo, wie und was Sie gelernt haben. Was denken Sie z. B. von der

neuen Gasometer-Konstruktion des Mr. Hotwater in Liverpool?

Ich sah aus dieser Frage, daß mein alter Herr selber das Ding sehr

gut verstand. Ich nahm mich also zusammen und setzte ihm auseinander,

weshalb mir die sogenannte neue Erfindung des Mr. Hotwater keineswegs

gefalle, und weshalb ich derselben meine Methode bei weitem vorziehe.

Dabei holte ich ein paar Zeichnungen, in denen ich meine Erfindung

erläutert hatte, aus der Tasche, breitete sie vor Herrn Jäger aus, und

weil mich das Ding selbst interessierte und ich außer meinem ehrlichen

Ohnesorge noch Niemanden gefunden hatte, dem ich mich hätte mitteilen

können, so wurde ich ganz warm in meinem Vortrag und sprach wohl eine

halbe Stunde, während der Alte unaufhörlich nickte und »Hm, hm, ja, ja;

sehr gut; ausgezeichnet« dazwischen murmelte. Dann, weil ich nun gerade

im Zuge war, erzählte ich noch: wer meine Eltern waren, und so in aller

Kürze meine ganzen Schicksale, wobei ich meine Sträflingsperiode zu

erwähnen nicht vergaß. Als ich am Ende war, streckte mir der Alte das

magere Händchen entgegen und sagte: Hier, meine Hand, Herr Roland;

Sie sollen unser Direktor werden; zweitausend Taler jährlich fix,

Dienstwohnung, freie Heizung und selbstverständlich Beleuchtung und

fünf Prozent vom Nettogewinn. Sind Sie zufrieden?

Mir schlug das Herz bis an die Kehle, als ich den alten Herrn so

sprechen hörte. Ich ergriff seine Hand und stammelte, ich wußte

selber nicht was. Ich wußte nur, daß nun die Not zu Ende sei, und daß

Ohnesorge den schönsten Frack haben sollte, den Schneiderhände machen

könnten.

Und nun gehen Sie nach Hause, Herr Roland, sagte der Alte, ziehen Sie

sich einen andern Rock an und kommen Sie heute um fünf wieder her

und speisen Sie mit uns. Ich will Sie meiner Familie vorstellen, und

hernach können wir den Kontrakt unterzeichnen. Aus Ihrer bisherigen

Stellung treten Sie von diesem Augenblick aus. Ich werde sofort an

Ihren Direktor schreiben und ihm die Veränderung, die in unserm

Personale eingetreten ist, notifizieren. Vielleicht brauchen Sie Geld,

junge Leute brauchen immer Geld. Hier sind hundert Taler Avance. Machen

Sie keine Umstände. Hier unten Ihren Namen. Danke! Leben Sie wohl; auf

Wiedersehen; fünf Uhr pünktlich!

Damit entließ mich der Alte; ich verbeugte mich, und dann weiß ich

nicht mehr, wie ich zum Hause hinaus und in Ohnesorge's Wohnung

gekommen bin. Ich weiß nur, daß ich mich in den Armen der treuen Seele

wiederfand, der in einem fort weinte und lachte und dazwischen rief:

Ich hab' es immer gesagt: Sie brauchen ja nur merken zu lassen, daß es

Ihnen Ernst ist -- da geht es ja von selbst.

Nun, ihr Herren, die Fortsetzung und das Ende von der Geschichte, wie

ich um fünf Uhr zu Herrn Jäger kam und Frau Jäger und Fräulein Emmy

Jäger und Herrn Breitkopf und Frau Breitkopf u. Co. vorgestellt wurde,

wie ich bei Tisch neben Fräulein Emmy Jäger saß und nicht wußte, ob

es der Champagner oder Emmy's schöne Augen -- Herr des Himmels, die

Frauen! man braucht blos von ihren Augen zu sprechen, so sperren sie

sie auf. Hast gut geschlafen, Emmy?

Ich habe gar nicht geschlafen, du schlechter Mann, sagte die junge

Frau, die mit ihren schlummerroten Wangen und in ihrer Verlegenheit so

reizend aussah, daß Herr von Berkenfeld sich einen Knopf über der Brust

aufmachen mußte.

Aber Ihr wollt doch unmöglich schon fort, Ihr Herren, sagte Gottlieb.

Der Assessor lachte. Schon? es ist ein viertel auf zwei.

Ach was, sagte Gottlieb; was tut denn das? die Uhr schlägt keinem

Glücklichen.

Herr von Berkenfeld seufzte.

Kommen Sie, Berkenfeld, sagte der Assessor, der schon den Hut in der

Hand hatte; wir können es ja nicht verantworten.

* * * * *

Die beiden Herren standen auf der Straße. Der Mond glitzerte auf den

schneebedeckten Dächern. Eine Nachtdroschke kam langsam dahergeknarrt.

Ich werde die Droschke nehmen, sagte der Assessor. Adieu, Berkenfeld.

Und was ich sagen wollte, Berkenfeld: geben Sie die kleine Roland

auf; Sie blamieren sich, Mann, und Roland ist nicht der gutmütige,

einfältige Tropf, für den wir ihn anfänglich in unserm blasierten

Hochmut hielten. Ich sage Ihnen, Berkenfeld: ich habe heute Abend alle

Achtung vor dem Roland bekommen.

Denken Sie etwa, ich nicht? rief der Leutnant; Emmy ist entzückend,

~rosa bella senza spine~,[15] göttlich; aber Sie haben Recht: ~lasciate

ogni speranza voi ch'entrate~.[16]

Und er deutete auf die Tür des Hauses, das sie soeben verlassen.

Es wird das auch wohl das Gescheiteste sein, sagte der Assessor, indem

er in die Droschke stieg.

Der Leutnant blickte noch einmal wehmütig nach den Fenstern hinauf und

murmelte, während er die Straße hinabging:

Beneidenswerter Mensch: Zweitausend jährlich, fünf Prozent vom

Nettogewinn, Schwiegervater Millionär, das reizende Weib -- und welch'

horribel breite Schultern der Mann hat; aber ich will ihn nicht

unglücklich machen.

Anmerkungen.

[15] Eine schöne Rose ohne Dornen.

[16] Wenn Ihr eintretet, so lasset alle Hoffnung draußen.

[Illustration]

Detlev von Liliencron:

Greggert Meinstorff.

[Illustration]

Detlev von Liliencron wurde am 3. Juni 1844 in Kiel geboren und

ist am 22. Juli 1909 zu Alt-Rahlstedt gestorben. Seine Knabenjahre

gingen einsam dahin. Im Garten, im Feld und Holz umherzustreifen,

sich dort seinen Träumereien zu überlassen, war seine Lust. Seiner

Neigung folgend wurde er Soldat und kostete das fröhliche, schneidige

Leutnantsleben mit »seinen Freuden, seinen Rosentagen, seinem scharfen

Pflichtgefühl« in vollen Zügen. In drei Schlachten und in fünfzig

Gefechten kämpfte er, und zweimal ward er verwundet. Nachdem er seinen

Abschied genommen, wurde er später Hardesvogt auf der nordfriesischen

Insel Pellworm. Hier ward ihm das Meer lieb und vertraut und gab ihm

Stoff zu einer Fülle seiner schönsten Gedichte und Geschichten.

Er war schon in der Mitte der Dreißiger, als er sein erstes Gedicht

schrieb. »Durch Zufall veranlaßt,« sagt er selbst, doch es ist derselbe

Zufall, der die Linde im Juni blühen, der den Quell nach langem,

unterirdischem Lauf ans Tageslicht springen läßt. Von innigster Liebe

zur Natur durchdrungen, von reicher Erfahrung des Lebens erfüllt, gibt

er in seinen Gedichten die Frische der Natur, die Kraft des Lebens

wieder. So wurden sie ein starker Damm gegen die saft- und kraftlose

Modelyrik der achtziger Jahre.

Liliencron besitzt eine Anschauungskraft sondergleichen. Er beschreibt

nicht, er schildert nicht; so wie er es im Leben gesehen, zeigt er es

uns, in Licht und Luft und Farbe mit allen Einzelheiten. Das offenbart

sich am klarsten in seinen »_Kriegsnovellen_«, der reifsten poetischen

Frucht des deutsch-französischen Krieges, wie sich die machtvolle

Phantasie des Dichters nirgends gewaltiger zeigt, als in seinem großen

Epos »_Poggfred_«.

Kann man den Poggfred als das poetische Tagebuch des Dichters

bezeichnen, so ist der »_Mäcen_« sein prosaisches. Auch darin wie

in seinen Dramen, seinen Romanen: »_Breide Hummelsbüttel_«, »_Mit

dem linken Ellenbogen_«, »_Leben und Lüge_« sowie in den kleineren

Erzählungen der Sammelbände »_Aus Marsch und Geest_«, »_Roggen und

Weizen_«, »_Könige und Bauern_« schimmert überall das Persönliche

hindurch. Gewöhnlich beginnt er die Erzählung mit scheinbar

Nebensächlichem, stellt Ort und Zeit und Gelegenheit mit breitester

Behaglichkeit vor Augen, um darauf mit einem Sprung uns mitten in das

Ereignis und in höchste Spannung zu versetzen. Dann ein Blick ins

Menschenleben, ins Menschenherz -- und er läßt uns allein. Aber was

wir da miterlebt, zittert in uns nach; wir fühlen, daß ein Schicksal

vorübergerauscht ist. Solche Gestalten wie der Staller _Greggert

Meinstorff_, wie die schöne, blasse, stille Silk, ihr Lieben und ihr

Leiden prägen sich auf immer der Seele ein. Auch in dieser kleinen

Erzählung offenbart sich uns der große Dichter.

Hamburg.

J. Loewenberg.

[Illustration]

Greggert Meinstorff.

Greggert (Gregorius) Meinstorff war zu Ende des achtzehnten

Jahrhunderts Staller (Vizekönig) der friesischen Inseln. Ihm stand

sogar in seinem Bezirk bei zum Tode Verurteilten das Begnadigungsrecht

zu, das in den andern Provinzen nur vom Könige ausgeübt wurde. Ein

strenger, aber durchaus gerechter Herr, wurde er auf seinen Inseln

gefürchtet und geachtet; die Liebe seiner »Untertanen« (wenn je die

freien Friesen dies Wort zuließen und zulassen) hatte er nicht.

Tauchte er auf der ihm als Wohnsitz angewiesenen reichen Marschinsel

Schmerhörn mit seinen breiten Schultern und seinen sechs Fuß aus

den die Klinkersteige und Muschelwege zu beiden Seiten begleitenden

Schilfhalmen hervor, so machten die ihm Entgegenkommenden Kehrt; auf

den Fennen und Weiden versteckten sich die Bauern und Knechte hinter

Pflug und Vieh, um ihn nicht grüßen zu müssen. Zu den Hofbesitzern

kam er nicht, öffentliche Termine, wie es noch damals, als Rest

der Thinggerichte, Sitte war, hielt er nicht, für keinen war er zu

sprechen, Alles mußte schriftlich und durch »untertänigste Supplik«

abgefertigt werden. So kam es, daß er fremd auf seinen Inseln war,

wenn er sich auch andrerseits bis ins Kleinste von den Vorfällen und

Ereignissen durch seine Unterbeamten unterrichten ließ.

Greggert Meinstorff, aus einem alten holsteinischen Geschlecht, das

seine Zweige weit in andre Länder getrieben, war der letzte seines

Hauses. Er hatte eine Dame aus dem Landesadel geheiratet und lebte mit

dieser seit elf Jahren in kinderloser Ehe. Daß er keine Nachfolger

hatte, machte ihn finster und schwermütig. Die Ehe war nicht glücklich.

Wenn auch beide übereinstimmten in unermeßlichem Adelsstolz, so wußte

sonst Frau von Meinstorff in keiner Weise ihren Mann zu nehmen. Er,

der ruhige, scheinbar kalte Verstandesmensch, dem jedes Aufwallen und

Schütteln des Herzens unverständlich war, hatte Tag für Tag den Jähzorn

seiner Frau zu beklagen, der oft alle Grenzen überschritt; das machte

sie ihm widerwärtig.

Mit der Zeit entfernten sie sich immer mehr von einander. Freilich,

eins bemerkte er nicht: daß ihn seine Frau anbetete. Zeigte sie ihm

auch nicht ihr Herz, blieb sie kalt und kühl, wenn sie nicht an ihren

bösen Erregtheiten litt, so ließ doch ihr Auge nicht von ihm, wenn sie

ihn heimlich verfolgen konnte. Alle die kleinen Aufmerksamkeiten, die

sie ihm bereitete, bemerkte er niemals. So ging er schroff und hart,

sie nur als ein schweres, unbequemes Anhängsel betrachtend, mit ihr

durchs Leben.

Nur für _einen_ Gegenstand zeigte der Staller lebhaftes Interesse;

nur bei _einer_ Sache hellte sich das finstre Gesicht auf, konnte er

freundlicher werden, sprach er einmal ein freundliche Wort: wenn er als

Kapitän auf seinem Schiffe stand. Mit den beiden königlichen Jachten,

die ihm zur Verfügung gestellt waren, und mit seinen beiden eignen,

ewerartig gebauten Schiffen, von denen das eine die Dogge, das andere

der Drache hieß, fuhr er so oft wie angängig auf der tückischen Nordsee

umher. Vielleicht hatte ers von seinen Ahnen: die Meinstorffs waren

arge Seeräuber in früheren Jahrhunderten gewesen.

Sobald er sein Schiff betrat, war der ganze Mann verändert: die

schwerfällige, starke Riesenfigur streckte und reckte sich: die

traurigen, zu Boden blickenden Augen wurden lebhaft, weit und feurig;

seine Stimme klang hell und scharf. Spritzte ihm der Gischt übers

Gesicht, fiel der salzige Schleier wieder ab, lachte er. Als sei er

erlöst aus schwerem Bann, so ganz wurde sein Wesen ein andres, wenn

die Kommandeurflagge beim ersten Schritt, den er aufs Verdeck tat, am

Topmast gehißt ward.

Auf einer dieser Fahrten, die er bis nach Helgoland, das ebenfalls

unter seiner Verwaltung stand, und weiter auszudehnen pflegte, kreuzte

er zu eigensinnig gegen einen immer stärker werdenden Westwind. Sein

langer rötlicher Schnurrbart lag fest bis zu den Ohren an den Backen.

Endlich drehte er bei und raste nun mit vollgefaßten Segeln auf die

Küste seiner Residenzinsel Schmerhörn zu. Die Ebbe war bedeutend im

Fallen. Doch er, Flut und Ebbe verstehend und kennend, irrte sich

diesmal in seinen Berechnungen: der Drache stieß mit hartem Knirschton

auf eine Bank, und gleich die nächste See stürzte über die Jacht, Alles

mit sich fortreißend, was sie erreichen konnte. »In die Wanten!« schrie

Greggert. Und hier hielten er und seine Leute sich mit der Kraft, die

die Todesgefahr einem jeden gibt. Mehr und mehr sank die Ebbe, und

nach einer Stunde schon konnten alle von dem arg mitgenommenen Schiff

auf den bloßgelegten Sand springen und nach halbstündiger Wandrung den

Deich ersteigen.

Selbst der stahlgebaute Staller bedurfte eines Ausruhens, und so ging

er mit der Mannschaft in ein nahgelegenes Wirtshaus, das, armselig

genug, auf einer Werft zwischen Tagelöhnerwohnungen unmittelbar am

Westerdeich seinen bescheidenen Giebel zeigte.

Es gehörte dem alten blinden Frerk Tadema Frerksen, der sich, nachdem

er als holländischer See-Kapitän ein beträchtliches Vermögen erworben

und durch eine Fehlspekulation wieder verloren, auf seine Heimatinsel

zurückgezogen hatte, um den Rest seines Lebens sich kümmerlich

durchzubringen.

Die Wirtschaft führte seine Tochter Silk, die, auf Java geboren, wo

ihre Mutter am Fieber gestorben, schon als Kind mit ihm hatte auf allen

Meeren herumfahren müssen. Als er vor acht Jahren sein Geld eingebüßt,

hatte Silk das sechzehnte Jahr erreicht. Seit der Zeit führte sie den

Vorsitz in der kleinen Schenke.

Eine eigentümliche Schönheit war Silk. Viele behaupteten, sie wäre

nicht die Tochter der Frau Frerk Tadema Frerksens, sondern das Kind

einer Javaneserin, die der Kapitän längere Zeit an Bord gehabt. Und

wunderbar war allerdings das Gemisch von Friesin und mongolischer

Rasse in dem Mädchen. Von reizender, schlanker Gestalt, zeigten sich

in dem blassen, schmalen Gesichtchen zwei ein wenig nach der graden

Nase schief liegende, dunkelbraune Augen, die wie zwei schwarze Monde

zwischen den weißen Liderwolken lagen; aber nur ein Streifen war von

den Monden zu sehen. Das Haar hatte die echt flachsköpfig friesische

Farbe und lag glatt zu beiden Seiten.

Ein eigentümlich Ding! Alle die zahlreich ihr gemachten Anträge hatte

sie abgeschlagen. Stumm, lautlos die Gäste bedienend, saß sie die

übrige Zeit und strickte und nähte den ganzen Tag. Die Wirtschaft war

wenig besucht, und so wurde es einsamer und einsamer um sie her. Umgang

hatte sie nicht. Von den jungen Mädchen der Insel wurde sie gemieden,

wie sie diese mied. Glitt sie mit ihren stillen Schritten an den

Werften vorüber, ohne rechts und ohne links zu schauen, dann folgten

ihr die Augen der Männer und in Haß die Blicke aller Weiber. Diese,

ohne Ausnahme, waren einig, daß Silk eine schlechte Person sei, die

ihre Männer behexe, und daß es ja auch von der »Heidin« nicht anders zu

erwarten sei.

Und nun saß die schöne Silk dem allmächtigen Staller gegenüber.

Dieser hatte in einem geschnitzten Sessel mit dunkelroten samtnen

Kissen (sie waren Strandgut) Platz genommen. Silk hatte ihm warmes

Getränk gebracht, hatte ihm in ihrer ruhigen Weise den Schemel zurecht

geschoben, und dann, sich mit ihrer Arbeit ihm gegenübersetzend,

auf die sie züchtig die Augen senkte, ihm gelassen auf seine Fragen

geantwortet. Ihre Antworten aber begleitete sie mit dem Aufheben der

oberen weißen Wolken, daß die schwarzen kleinen Vollmonde sekundenlang

ihn mit ihrer Nachtpracht beschienen.

Und die schöne, blasse, stille Silk saß dem allmächtigen, riesigen,

breitschultrigen Staller Greggert Meinstorff gegenüber.

Der Staller blieb nicht lange. Er gab dem Mädchen für die Zehrung ein

Goldstück, das sie, ohne Dank, als selbstverständlich von einem so

hohen Herrn, annahm. Als Greggert, aus der Haustür tretend, seinen

Heimweg antrat, sah ihm Silk nach, bis er verschwunden war.

Und es waren seltsame Gedanken, mit denen sie ihn begleitete. Er, den

sie seit Jahren im tiefsten Herzen trug, den sie nicht hoffen durfte zu

sprechen, hatte ihr gegenüber gesessen, mit ihr gesprochen. Sie hatte

eigentlich nur Sonntags in der alten Kirche »Zu unserer lieben Frauen

auf dem Pferde« ihn beobachten können. Nicht aus Überzeugung, sondern

um »denen Untertanen« ein gutes Beispiel zu geben, ging der Staller

fast jeden Sonntag zum Gottesdienst. Dann stand Silk, nach friesischer

Sitte, vor der Kirchtür. Sie wartete dort, bis er kam. Im Sommer, wenn

die Wege gut waren, fuhr er mit sechs Pferden, Läufer voraus, Lakaien

stehend auf der Rückseite, in schneller Gangart heran. Nur er, neben

dem Könige, hatte im ganzen Lande das Recht, mit Sechsen zu fahren.

Im Gotteshause hatte sie ihren Platz dem wappenreichen Gestühle des

Stallers gegenüber. Sie konnte ihn genau beobachten. Über dem Eingange

der reich geschnitzten Loge war das Allianzwappen angebracht. Der

Meinstorffsche aufrecht schreitende Panther mit dem güldnen Krönlein,

und der Pogwischsche Wolf, der mit weit heraushängender Zunge gierig

die Vorderpfoten auf einen Bauernzaun legt. Echt feudale Wappen!

Aber Silk hörte nicht auf die Worte des Seelsorgers, sie träumte und

verzehrte sich in unbewußten, heißen Gluten. In ihrer kindlichen

Einfalt bat sie den lieben Gott, er möge es bewerkstelligen, daß der

ihr gegenübersitzende Staller einmal vor ihr zu Füßen falle, einmal

ihr, wie sie wußte, daß es in der hochstehenden Gesellschaft üblich

sei, die Hand küsse.

Allmählich schlichen sich in die kindlich-törichten Gedanken andre,

herzliche. Silk wußte, wie jeder auf der Insel, wie unglücklich der

Staller und seine Frau miteinander lebten: wenn sie dem ernsten, so

trübe ausschauenden Manne etwas Liebes tun könnte, ihm irgend eine

Freude bereiten! Aber Greggert war nicht gekommen, um ihr die Hände zu

küssen. Er hatte sie nie bemerkt, auch in der Kirche nicht.

Und nun war er doch bei ihr gewesen. Ob er wieder kommen würde? --

Novellenbuch, 1. Band · 第 8 / 9 段