Sie hatte sich wieder in die Sophaecke gesetzt und tat, als ob sie

schmollte; aber der Leutnant sah nicht ohne Wehmut, daß die sanften

Augen der jungen Frau mit sehr freundlichem Ausdruck auf der mächtigen

Gestalt ihres Gatten ruhten, der den dampfenden Inhalt seines Glases

noch einmal umrührte, ein paar blaue Ringe aus seiner Zigarre blies,

sich behaglich in seinen Stuhl zurücklehnte und also anhub:

Sie müssen nämlich wissen, lieben Freunde, daß ich eigentlich ein

Taugenichts bin, oder, wenn das zuviel sein sollte, ein Tunichtgut. Es

muß das wohl wahr sein, denn sie haben es mir oft genug gesagt. Als

ich kaum laufen konnte, hat meine Wärterin mich gleichsam zum zweiten

Male mit diesem Namen getauft; ich war noch keine halbe Stunde in der

Klippschule, so hatte mich der Lehrer allen andern Kindern als einen

Taugenichts denunziert; meine liebe selige Mutter hat mich oft mit

Tränen an ihren Busen gedrückt und mich schluchzend gefragt: ob ich

denn gar nicht gut tun wolle? und mein Vater hat mich mehr als ein Mal

in seine Stube kommen lassen und mir lange Reden gehalten, von denen

ich meistens nur das eine verstand: daß ich ein heilloser Taugenichts

sei, dessen späteres Schicksal sein (meines braven alten Vaters) Herz

mit bangster Sorge erfülle.

Sie glauben nicht, wie viel heiße Tränen mich diese düsteren

Prophezeiungen gekostet haben. Ich hatte nämlich dabei stets das

innigste Mitleiden mit mir selber. Ich sah mich selbst in gelb- und

schwarzgestreiftem Anzuge, eine Eisenstange zwischen den Beinen, einen

Besen auf der Schulter, in der Gesellschaft anderer Herren in demselben

Kostüm durch die Straßen meiner Vaterstadt geführt, zum Entsetzen aller

Nachbarsleute und besonders aller Nachbarskinder, die sämtlich klein

und unschuldig geblieben waren, während ich zu solcher Größe des Leibes

und des Lasters heranwuchs; ich sah mich am Galgen hängen, des Nachts

im Mondenscheine, umkrächzt von gefräßigen Raben und Dohlen; ich sah

mich auf das Rad geflochten, dies Bild aber weniger deutlich, weil ich

mir keine rechte Vorstellung von der interessanten Situation machen

konnte. ~Enfin~: ich war innig überzeugt, daß ich dies alles und noch

viel mehr durch meine abgrundtiefe Schlechtigkeit vielfach verdient

hätte, und daß, wenn der Himmel mit seinen Strafgerichten noch immer

zögerte, er dies nur meines Kanarienvogel wegen tue, der ohne mich

verhungern würde. Du lieber Himmel: der Kanarienvogel -- es war ein

hübsches goldgelbes Tierchen mit einer grün-braunen glänzenden Tolle

und besaß meine ganze Liebe -- er verhungerte wirklich, aber nicht ohne

mich, sondern durch mich, und ich denke noch jetzt mit Entsetzen an

die Nacht, die dem Tage folgte, an welchem mein Hänschen zum letzten

Male mit seinen verhungerten Beinchen zum Himmel gezuckt hatte. Ich war

darauf gefaßt, daß der Teufel mich holen würde, und hatte mir ein Gebet

zurecht gemacht, womit ich seine Barmherzigkeit anrufen wollte, und

das, glaube ich: »lieber, lieber Teufel« anfing.

Wenn die Herren mich nun fragen, worin denn eigentlich jene meine

absonderliche Schlechtigkeit bestand, so weiß ich wirklich selbst noch

in diesem Augenblicke keine rechte Antwort darauf zu geben. Daß ich in

der Schule stets da, wo der Bänke letzte sind, mich aufhielt, daß ich

-- und wenn es mein Leben gegolten hätte -- kein lateinisches Exercitium

unter einem Dutzend Fehler machen konnte -- ich muß es einräumen; aber

es gab dümmere und faulere Jungen, die nicht halb so viel Schläge

bekamen und denen kein Mensch prophezeite, daß sie in ihren Schuhen

sterben würden. Von Herzen war ich auch nicht schlecht, ja, ich darf

wohl sagen, ich hatte ein gutes Herz, vielleicht, wie die Welt einmal

geht und steht, ein zu gutes Herz; und mindestens die Hälfte der

unzähligen dummen Streiche, deren ich mich schuldig machte, hatte mir

mein Herz gespielt. Ich kam ohne Jacke nach Hause, weil ich sie einem

zerlumpten Betteljungen, der mich neidisch darauf ansah, geschenkt

hatte; einmal bin ich von einer Droschke übergefahren, damit ein Kind,

das auf der Straße spielte, nicht unter die Räder geriet; ein anderes

Mal wäre ich fast ertrunken, um einen räudigen Hund zu retten, den

sie in den Kanal geworfen hatten; nie habe ich einen Kameraden in der

Klemme stecken lassen, dafür aber oft genug die Schuld anderer -- und

nicht minder die Schläge, um die es sich in letzter Instanz handelte --

auf meinen breiten Rücken genommen. Das klingt nun allerdings fast wie

Prahlerei, Ihr Herren; aber, was kann ich dafür, daß meine Schädelweite

und meine Schulterbreite in keinem proportionalen Verhältnis standen?

»Etwas muß der Mensch sein eigen nennen,« sagt Schiller, und wenn

jemand von der Natur verdammt ist, in einem Extemporale stets die

meisten Fehler zu machen und von jedem Knirps, den er, sozusagen, in

die Tasche stecken kann, übersehen zu werden, fällt er ganz naturgemäß

darauf, sich mit seinem Überfluß an Körperkraft über den Mangel

seiner geistigen Kapazität zu trösten. Und ich war in jener Beziehung

so ausstattet, daß man mich ebenso oft den dicken oder den starken

Gottlieb, auch wohl Goliath, Mammut-Gottlieb und dergleichen, als

den dummen oder den faulen Gottlieb nannte. Diese meine Stärke wurde

neben meiner Gutmütigkeit die zweite Quelle, aus der für mich viel

Unheil, aber auch, wie Sie bald sehen werden, das Heil meines Lebens

geflossen ist. Es war, als ob mich die Natur selbst als die geeignetste

Person zur Ausführung dummer und dümmster Streiche gezeichnet hätte.

Es war, wie in dem Volksliede: »Geh' du voran, du hast hohe Stiefel

an, daß dich der Has' nicht beißen kann.« Und was habe ich im späteren

Leben nicht alles wegen meiner breiten Schultern leiden müssen! Wie

oft bin ich aus den Nähten geplatzt in Zeiten, wo ich nur einen Gott

und einen Rock hatte; wie oft haben sich in Post- und Eisenbahnwagen

meine Nachbarn bitter beklagt, daß ich gut zwei Drittel des für zwei

berechneten Platzes okkupiere; noch vorgestern hat eine kleine Dame,

die im Parquet hinter mir saß, angefangen von der chinesischen Mauer zu

sprechen, weil sie weder rechts noch links an mir vorbeisehen konnte;

ja, sie haben mich seiner Zeit meiner breiten Schultern wegen von der

Schule gewiesen. Die Geschichte ist charakteristisch für den Unstern,

der in früheren Jahren über meinem Haupte stand.

Es war an einem Tage vor den großen Sommerferien, und wir in der Tertia

waren guter Dinge, und weil die Zeit, wo wir noch alle beisammen waren,

nur noch so sehr kurz, so benutzten wir die Zwischenviertelstunde zum

Ausfechten eines alten Haders, wobei es geschah, daß die Partei, zu

der ich gehörte, die andere Partei schließlich zur Tür hinauswarf.

»Gottlieb, du mußt die Tür zuhalten!« hieß es nun von allen Seiten. Ich

stemmte also meine Schultern gegen die Tür und hielt wacker aus, so

stark auch die von außen drängten, und zuletzt, wie in Verzweiflung,

mit den Fäusten gegen die Tür schlugen, während meine Kameraden vor

Freuden über meine Widerstandsfähigkeit wie die Besessenen tobten.

Endlich wurde mir -- schier zu meinem Erstaunen -- der Druck gegen

meine Schultern zu stark; ich mußte nachgeben, und herein fielen durch

die aufspringende Tür der Schuldiener, der Direktor und mindestens ein

halbes Dutzend Lehrer, mit denen ich während dieser ganzen Zeit zu

tun gehabt hatte. Das Ende können Sie sich denken: ich sollte meine

Dränger recht gut gekannt haben; ich sollte nur dem frechen Übermut,

dem Frevelmut meines bösen, verstockten Herzens gefolgt sein. Es war

der schändlichste Streich, der seit Menschengedenken auf der Schule

vorgekommen war, und ich wurde ~cum infamia~ relegiert.

Mein guter alter Vater war außer sich. In seinen Augen war relegiert

und auf offenem Markte gestäupt und gebrandmarkt werden so ziemlich

dasselbe. Er nannte mich mit Tränen im Auge seinen verlorenen Sohn, und

ich dankte Gott, daß meine Mutter, wenn sie mir doch einmal so früh

entrissen werden sollte, nun schon lange in der schwarzen Erde lag,

und sich über die Schande ihres Sohnes nicht mehr die lieben Augen

auszuweinen brauchte.

Von diesem Augenblick ging es schneller und immer schneller mit mir

bergab, und weniger und immer weniger konnte ich begreifen, weshalb

gerade ich Gottlieb heißen mußte, der ich weder Gott noch den Menschen

lieb zu sein und etwas recht machen zu können schien.

Mein Vater hatte mich zu einem Gutsbesitzer in die Lehre getan, der

ihm als ein exemplarischer Ökonom gerühmt worden war. Ich hätte in

keine schlimmeren Hände fallen können. Herr Bartel war ein gänzlich

unwissender, brutaler Mensch, ein Vieh- und Leuteschinder, ein

kleinlicher Tyrann, der jeden, der es sich gefallen ließ, mit der

Reitpeitsche traktierte. Ich sah das eine Zeitlang, meines Vaters

wegen, geduldig mit an, bis eines schönen Sommermorgens, zur Zeit der

Roggenernte, auf offenem Felde, angesichts des Himmels und sämtlicher

Gutsleute beiderlei Geschlechts, zwischen mir und Herrn Bartel eine

Szene erfolgte, die der genannte Herr schwerlich provoziert haben

würde, wenn er den Ausgang vorhergesehen hätte. Ich höre immer noch

das dreimalige Hurrah, das aus den Kehlen der armen weißen Sklaven

erschallte, als der Elende am Boden lag, und ich nach einigen letzten,

kräftigsten Hieben die Reitpeitsche weit hinein in das blinkende Wasser

des benachbarten Sees schleuderte. Ja, Ihr Herren, das Hurrah tut

mir wohl, so oft ich daran denke, und ich habe mich schon in trüben

Stunden damit getröstet, daß es im Hauptbuche meines Lebens auf der

Kredit-Seite verzeichnet steht, und so eine oder die andere meiner

Dummheiten straflos bleiben wird.

Nach dieser Katastrophe wagte ich, wie Sie sich denken können, nicht,

in das väterliche Haus zurückzukehren. Ich drückte mich eine Zeitlang

bei Verwandten herum, bis der Termin kam, wo ich des Königs Rock

anziehen konnte. Ich wurde mit den Kanonen viel besser fertig als mit

den lateinischen Exerzitien, und da mein Hauptmann mich gern hatte

und mein Vater es wünschte, meldete ich mich, als mein Jahr zu Ende

war, zum Weiterdienen und brachte es auch wirklich in verhältnismäßig

kurzer Zeit zum Vize-Feuerwerker. Schon sah ich die Epauletten auf

meinen Schultern blinken, als -- nun, Berkenfeld, Ihren Stand in allen

Ehren, aber mit der militärischen Subordination ist es doch manchmal

ein wunderlich Ding, das einen ehrlichen Kerl zur Verzweiflung bringen

kann. Gerade zu der Zeit wurde ein Bürschchen, mit dem ich zusammen

auf der Schule gewesen war, und das ich oft und oft, ich glaube noch

heute verdientermaßen, durchgeprügelt hatte, aus der Kadettenschule

entlassen, und natürlich -- um das Maß meiner Sünden voll zu machen

-- in meine Batterie eingestellt. Wie viel der neugebackene Leutnant

auf der Kadettenschule gelernt hatte, lasse ich dahingestellt, daß er

aber nichts vergessen hatte, zum wenigsten nichts, was sich auf unser

früheres Verhältnis bezog, wurde mir nur zu bald klar. Der Name tut

nichts zur Sache, Ihr Herren; auch habe ich dem Manne längst vergeben,

und wenn er in diesem Augenblick zur Tür hereinträte, sollte er mir

willkommen sein; aber damals war ich zehn Jahre jünger und dümmer,

vielleicht trieb er es auch gar zu toll; zum wenigsten kam ich nur fünf

Jahre auf Festung, was, wie man mir sagte, unter diesen Umständen ein

ganz unerhörtes Glück zu nennen sei.

Nun: es hat jedes Ding seine zwei Seiten, selbst eine Festungshaft.

Die schlimme und schlimmste Seite war für mich die, daß mein armer

Vater sich über meine Schande gar nicht zu trösten vermochte und

bald darauf, ich fürchte an gebrochenem Herzen, starb. Ich war sein

einziges Kind gewesen, und der Himmel weiß, welche glänzende Zukunft

er für mich erträumt hatte. Er hatte es nie über die Stellung eines

viel gehudelten Subalternbeamten hinausbringen können; ich sollte nun

wenigstens Regierungsrat werden. Er hatte mich sehr geliebt, mein guter

alter Vater, und der größte Kummer meines Lebens ist, daß ich ihm --

der Himmel weiß, wie sehr gegen meinen Willen! -- so viel Kummer habe

machen müssen. Er war vielleicht kein Genie, mein guter alter Vater,

aber ein braver Mann -- Friede seiner Asche!

Ja! und die gute Seite von meiner fünfjährigen Einsperrung? Vielleicht

war ich zu vollblütig, oder mein Blut hatte nicht die rechte Mischung,

oder mußte sich erst zurecht arbeiten, wie ein Wein, den man ein paar

Monate im Keller liegen läßt, bevor man ihn auf Flaschen zieht. So

viel weiß ich, daß in der ersten Zeit mein Blut gar fürchterlich in mir

tobte, so daß ich schier glaubte: ich überlebte es nicht, oder würde

zum wenigsten verrückt werden; aber nach und nach wurde es stiller und

ruhiger in mir, ordentlich sonntäglich still und ruhig, und ich konnte

mich gar nicht so unglücklich fühlen, wie ich es für meine Pflicht

hielt. Wenn ich auch nicht recht begreifen konnte, weshalb ein Mensch,

der sich keines Verbrechens bewußt war, wie ein Verbrecher behandelt

werden müsse, so dachte ich: der liebe Gott werde es wohl wissen; und

wenn der sich nicht um einen armen Schelm bekümmere, so sei es eben

mein Schicksal, und gegen sein Schicksal könne der Mensch nichts.

Und dann war ich ja doch ohne Zweifel sehr leichtsinnig gewesen,

und es fiel mir schwer auf die Seele, wie schlecht ich immer meine

lateinischen Vokabeln gelernt hatte. Zuletzt kam ich auf den Gedanken:

ich müsse meiner Faulheit, meines Leichtsinns und meiner dummen

Streiche wegen fünf Jahre lang nachsitzen. Das tröstete mich ungemein.

Dazu kam, daß man mich auf der Festung sehr, ja, ich kann wohl sagen,

unverdienterweise gut behandelte. Im Anfang hatte ich allerdings meine

Karre schieben müssen, wie die anderen; aber in der wilden Stimmung, in

welcher ich mich damals befand, war das eigentlich ein rechter Segen

für mich, und da ich Kräfte für Drei hatte, so arbeitete ich auch

für Drei. In dieser Station bin ich aber nur wenige Wochen gewesen.

Der Festungs-Gouverneur, Hauptmann von Eisenfresser, der trotz seines

grimmigen Namens ein gar gütiger, lieber Herr war, mußte wohl recht

warm für mich gesprochen haben. Die Ketten wurden mir abgenommen,

und ich durfte in dem Festungsbureau als Schreiber arbeiten. Da bin

ich denn die ganze übrige Zeit gewesen, und weil ich mich, schon aus

purer Dankbarkeit gegen den edlen Mann, der ein wirklicher Edelmann

war, wacker hielt und eine recht gute Hand schrieb -- das Einzige, was

ich auf der Schule ohne Anstrengung gelernt hatte -- wurde ich bald

Privatsekretär, so zu sagen, meines Gönners und so freundlich von ihm

und seiner ganzen Familie behandelt, daß ich eigentlich nur noch dem

Namen nach ein Sträfling war. Herr von Eisenfresser nahm sich meiner

noch weiter an. Er machte die merkwürdige Entdeckung, daß ich nicht

blos schreiben, sondern auch rechnen konnte, ja, daß ich, wie er sagte,

ein entschiedenes Talent für die Mathematik habe. Ich lachte darüber

zuerst ganz despektierlich; aber da er selbst ein ausgezeichneter

Mathematiker und sehr stark im Beweisen war, so bewies er mir, daß

er recht hatte. Mir war dabei ganz wunderlich zu Mute. Ich bekam zum

ersten Male eine Art Respekt vor mir selber, aber einen noch viel

größeren Respekt vor meinem Wohltäter, und als ich bald darauf eine

leidlich schwere Aufgabe, die er mir gestellt hatte, ganz richtig löste

und er mir auf die Schulter klopfte und sagte: Sehen Sie, Roland, daß

Sie das ganz gut begreifen können -- da habe ich helle Freudentränen

geweint und dem guten Manne aus tiefinnerster Dankbarkeit die Hände

geküßt.

Er tat noch mehr für mich.

Gerade in dieser Zeit wurde in der Zitadelle ein kleiner Gasometer

aufgestellt. Herr von Eisenfresser leitete die Arbeiten selbst und ließ

mich in seinem Bureau nicht allein sämtliche Anschläge und Zeichnungen

anfertigen, sondern stellte mich auch als Aufseher bei dem Bau an, so

daß ich das Theoretische und Praktische der Sache mit seiner Hilfe

gründlich kennen lernte. Das kann Ihnen für Ihre Zukunft sehr nützlich

werden, lieber Roland, sagte er oft, wenn er auf den Bau kam und mir,

um mir seine Zufriedenheit zu erkennen zu geben, auf die Schultern

klopfte.

Er liebte meine Schultern, der brave Herr. Sie waren so breit, und die

seinen so sehr schmal. Es tut einem wohl, Sie anzusehen; man atmet

ordentlich leichter, meinte er manchmal, und dabei lächelte er stets so

freundlich und so traurig zugleich. Ich glaube, ich hätte mein Herzblut

für ihn hingeben können, aber es würde ihm doch nichts geholfen haben.

Er starb an der Schwindsucht -- in meinen Armen, ein paar Wochen, bevor

ich meine fünf Jahre nachgesessen und aus dem Karzer entlassen wurde.

Da war ich nun wieder auf freien Füßen, und, weiß es Gott, ich

sehnte mich oft genug noch nach meinem Gefängnis und meinem gütigen

Kerkermeister zurück. Die Welt kam mir sehr weit und, trotz all'

der unzähligen Menschen, sehr öde vor. Es kümmerte sich keiner

um mich. Mein Vater war tot, und so arm gestorben, wie er gelebt

hatte. Meine Verwandten wollten von dem entlassenen Sträfling nichts

wissen und verleugneten mich, wenn ich ihnen in den Weg kam, was

ich natürlich so selten wie möglich tat. Ich kann wohl sagen, daß

es mir eine Zeit lang recht herzlich schlecht ging und daß ich

es für ein großes Glück hielt, als es mir endlich gelang, in der

Gasanstalt hier eine Unteraufseherstelle zu erhalten. Ich hatte den

Monat fünfzehn Taler. Sie können sich denken, wie weit ich damit bei

meinem Appetite reichte! Oder vielmehr: Sie können es sich nicht

denken. Ihr Herren seid in der Fülle des Glückes groß geworden und

habt keine Ahnung davon, wie jemandem zu Mute ist, wenn ihm der Genuß

in so spärlichen Rationen zugemessen wird. Und dann, war mein Vater

auch nur Rechnungsrevisor gewesen, so war er doch ein Gentleman und

hatte mich als Gentleman erzogen, ja, im Anfang vielleicht ein wenig

verzogen. Meine Mutter war eine gebildete, feine Frau, und meine

Eltern hatten sich stets in Kreisen bewegt, die eigentlich schon über

der Sphäre ihrer gesellschaftlichen Stellung lagen. Ich hatte, bei

allem meinem Leichtsinn und wilden Wesen, dennoch den Geschmack meiner

Eltern für gute Formen und vielleicht auch etwas von dem Ehrgeize

meines Vaters geerbt; und wenn jemand bei solchen Ansprüchen in einer

Dachkammer wohnt, in einer Garküche vorletzten Ranges unter Bedienten,

Zettelträgern, Wagenschiebern und ähnlicher ganz ehrenwerter, aber

nicht immer ganz feiner Gesellschaft seine Diners und Soupers einnimmt

und gezwungen ist, in einer beschmutzten Bluse oder, noch schlimmer,

in einem schäbigen Rock, den er beim Trödler kaufte, über die Straße

zu gehen -- so hat das seine Unbequemlichkeiten, wie ich Sie aus

jahrelanger intimster Erfahrung versichern kann.

Indessen war auch diese Zeit für mich nicht verloren. Ich lernte

mein Fach von allen Seiten und auch von denen kennen, welche nur der

eigentliche Arbeiter zu sehen bekommt; dabei trieb ich, schon aus

Pietät für das Andenken meines lieben verstorbenen Wohltäters, meine

mathematischen Studien eifrig fort, und mit Hilfe derselben und

meiner täglichen praktischen Übung kam ich auf gewisse Entdeckungen in

der Konstruktion der Öfen und der Behandlung des Coaks, die ich für

Verbesserungen hielt und die sich in der Folge wirklich als solche

bewährt haben. Das alles machte mich nun natürlich ein wenig übermütig,

und ich fing an, mich mit Plänen zu tragen, wie ich aus dieser meiner

abhängigen untergeordneten Stellung in eine Position gelangen möchte,

in der ich meine Entdeckungen verwerten könnte, und die überhaupt des

Sohnes meines Vaters würdiger wäre. Sie müssen nämlich wissen, daß

mich das Andenken an meinen guten alten Vater, der in Herzeleid über

mich zur Grube gefahren war, fortwährend verfolgte und daß ich die

Empfindung nicht los werden konnte: er werde sich noch im Grabe freuen,

wenn ich es trotz alledem in der Welt zu etwas Ordentlichem brächte.

So vergingen fünf Jahre, und ich fing nachgerade an, darüber ungeduldig

zu werden, daß ich noch immer in meiner Dachkammer wohnte. Da wurde die

Gasdirektorstelle hier vakant, und die Gesellschaft forderte befähigte

Bewerber auf, sich zu melden. Es war am 21. Januar, also gerade heute

vor einem Jahr, als ich die Anzeige las, und weil just mein dreißigster

Geburtstag war, so hielt ich das für ein gutes Zeichen und sagte zu

mir: »Courage, Gottlieb, jetzt oder nie!« Und es tat Not, daß bei

der ganzen Sache so ein günstiges Omen war, sonst hätte ich doch am

Ende den Mut nicht gehabt. Sie wissen, daß mit dieser Stelle zugleich

die eines technischen Ober-Direktors für die sämtlichen vierzig

Gasanstalten, welche die Gesellschaft bereits gegründet hat, verbunden

ist. -- Ich mußte also Vorgesetzter meines eigenen bisherigen Direktors

werden, und das alles aus der Position eines Unteraufsehers, die ich

nach wie vor einnahm. Ihr Herren müßt zugeben, daß die Sache einen

etwas tollen Anstrich hatte. Aber es war im Januar des vorigen Jahres

sehr kalt; durch die Ritzen meiner Dachstube pfiff der eisige Wind;

mich fror und hungerte wechselweise gar erbärmlich, und wenn der Teufel

damals auf mich geboten hätte, ich glaube, er hätte mich billig haben

können.

Ebenso gut aber wie zum Teufel, dachte ich, könne ich auch auf das

Komtor der Firma Jäger, Breitkopf u. Co. gehen und mich als Kandidaten

für die erledigte Stelle präsentieren.

Die Sache war aber nicht ganz so leicht, wie sie aussah. Zuerst war

Gefahr im Verzuge, denn ich wußte, daß sich bereits binnen der drei

ersten Tage zweiundzwanzig Bewerber gemeldet hatten; und doch konnte

ich vor dem nächsten Sonnabend, wo ich nach der Morgenwache einen

freien Nachmittag hatte, meinen Posten nicht verlassen. Sodann

fehlte es mir gänzlich an einer Garderobe, die für den feierlichen

Akt berechnet gewesen wäre. Mit den Stiefeln und der Wäsche ging

es ungefähr, auch ein paar schwarze Beinkleider fanden sich, die

ihren Zweck zu erfüllen versprachen, wenn ich die Nähte mit Tinte

nachschwärzte. Eine weiße Weste kaufte ich mir merkwürdig billig bei

meinem Antipoden, einem Trödler, der fünf Stock unter mir im Keller

desselben Hauses wohnte. Es fehlte jetzt nur noch an einem Frack, und

den lieh mir mein damaliger Kollege und jetziger Ober-Aufseher und

hoffentlich lebenslänglicher Freund, Hans Ohnesorge, der vor vierzehn

Tagen Hochzeit gemacht hatte und im Vollbesitze eines neuen, vor

Neuheit, wie mir schien, geradezu strahlenden Fracks war.

Hans Ohnesorge, sagte ich, als er mich am Sonnabend Mittag ablöste und

ich den Frack, den er mir, in ein Tuch geschlagen, mitgebracht hatte,

im Gasometergebäude anprobierte, Hans Ohnesorge, ich kann nicht dafür

stehen, daß ich Ihnen nicht die Nähte an den Ärmeln oder gar den ganzen

Rücken herausplatze.

Immer d'rauf, Herr Roland, sagte Hans Ohnesorge; wenn Sie die Stelle

bekommen, können Sie mir ja einen andern schenken, und wenn Sie die

Stelle nicht bekommen -- aber das ist ja gar nicht möglich! Ein Mann

wie Sie braucht ja nur merken zu lassen, daß es ihm Ernst ist, da geht

es ja von selbst.

Hans Ohnesorge, müssen Sie wissen, hielt mich so ziemlich für den

größten Mann meines Jahrhunderts. Ich war ihm sein Held, sein Ideal;

und wenn ich gesagt hätte: Hans Ohnesorge, ich bin entschlossen, Kaiser

von Fez und Marokko zu werden, er würde gesagt haben: Immer d'rauf,

Herr Roland; das ist Ihnen ja eine Kleinigkeit.

Nun, Ihr Herren, ich lachte freilich über die treuherzige Einfalt des

guten Gesellen, aber so ganz geheuer war mir denn doch nicht, als ich

in dem engen Frack vor dem Komtor von Jäger, Breitkopf & Co. stand und

erst leise, dann lauter und zuletzt sehr laut anklopfte.

Herein, sagte endlich eine scharfe Stimme. Ich glaubte anfänglich, es

habe irgendwo in der Nähe eine Tür geknarrt, aber es war wirklich eine

Menschenstimme gewesen, und so trat ich denn ein.

In dem großen Zimmer befand sich in diesem Augenblick -- es war nämlich

schon etwas spät geworden und die Komtoristen waren zum Essen gegangen

-- niemand Geringeres, als -- na, Ihr Herren, meine Frau ist glücklich

in ihrer Ecke eingeschlafen, und so kann ich Ihnen ~sans gêne~ sagen,

wie mein würdiger Schwiegervater ausschaut, wenn man ihn zum ersten

Male -- besonders in der Stunde vor Tisch, wo er hungrig und beißig

ist, sieht: wie das Titelkupfer auf dem englischen Punch ohne den Mops

und den Höcker, aber noch ein wenig grimmiger -- ja, wie er mir an dem

Mittag vorkam, ganz außergewöhnlich, und so zu sagen: polizeiwidrig

grimmig und menschenbeißig.

Novellenbuch, 1. Band · 第 7 / 9 段