Wie trug es sich doch zu, daß Greggert, als er auf dem Heimweg war aus

der kleinen Schenke, den Kopf noch tiefer sinken ließ als gewöhnlich;

wie kam es, daß er, im Schlosse eingetroffen, sofort befahl, die Dogge,

das im Osterhafen liegende Privatschiff, solle diese Nacht (die

Flut trat um drei Uhr dreiundvierzig Minuten morgens ein) nach dem

Westerdeiche fahren, und für ihn bereit liegen. Er fügte hinzu, daß er

nach dem Wrack des Drachen hinaus wolle. Gründe pflegte sonst der hohe

Beamte nicht anzugeben.

Am andern Mittag ging er nach dem Westerdeich, und Silk sah ihn kommen.

Und wie er graden Weges auf die kleine Schenke zusteuerte, da lachte

ihr Herz: er kommt um meinetwegen.

Der Staller war in Silks Zimmer getreten; in die Schenkstube ... nun,

das paßte sich auch nicht für ihn.

Er bat Silk, ans Fenster zu treten, und erzählte ihr, auf die See

weisend, von dem gestrigen Unfall; dann mußte sie ihm über die Gegend,

über die Werften, die er doch alle genau kannte, Auskunft geben.

Greggert Meinstorff hatte eine unruhige Nacht, unablässig schritt er in

seinem Zimmer auf und ab und murmelte leidenschaftlich Silks Namen. Die

Liebe hatte ihn mit aller Gewalt gepackt. Noch kämpfte er, ob er wieder

das Wirtshaus mit seiner schönen Insassin besuchen wollte, und schon am

nächsten Tage war er auf dem Wege nach dem Westerdeich. Silk hatte ihn

erwartet. Als sie seine Schritte hörte, ging sie in die Küche. Er trat

in ihr Zimmer, und gleich darauf erschien auch sie in dem Gemache,

als sei plötzlich eine weiße stille Rose aus der Knospe gesprungen.

Der Staller zog sie an sich und küßte sie. Sie wehrte ihm nicht, aber

erwiderte auch nicht seine Liebkosungen.

Schon rauschte die Sense über der zarten Blume: von Mund zu Mund ging

es auf der Insel: der Staller hält es mit Silk Frerksen.

Arme Silk! Was hatte sie nun zu leiden. Aber sie ertrug alles, ertrug

es seinetwegen. Sie wußte, daß auf allen Straßen Aufpasserinnen

standen, daß, wenn Greggert bei ihr war, Lauscher überall wie Schatten

an den Fenstern und Türen standen. Arme Silk!

Auch Greggert fühlte es. Aber wie in einem verzauberten Turm kam er

sich vor, ohne Ausgang mehr in die Welt. Er überschüttete sie mit

Geschenken.

Wie zum Hohn hatte er eines Tages seine Frau mit zu Silk genommen. Er

wollte mit ihr eine Fahrt in See machen. Wie immer, war die eigne Frau

die einzige, die nichts ahnte. Als sie die verwunderten Augen Silks auf

sich gerichtet sah, kam ihr eine Ahnung; aber sie schob sie zurück als

eine Unmöglichkeit.

Als am Abend dieses Tages der Staller Silk besuchte, trat wie eine

heiße Sonne aus weißgeballten Sommerwolken zum erstenmal ihre

Leidenschaft hervor. Hatte sie nie gewagt, seine Liebkosungen zu

erwidern, hatte sie, wenn er sie an sich zog, still den Kopf gesenkt --

heute legte sie wie Schlangen ihre Arme um seinen breiten Nacken und

küßte ihm die Lippen.

[Illustration]

Ehebruch war und ist bis auf den heutigen Tag bei den Nordfriesen etwas

Unerhörtes. Und nun sah die ganze Insel, wußten es die Halligen und das

Festland den Eilanden gegenüber, der Küstenklatsch, daß der Staller in

offnem Ehebruch lebte.

Greggert selbst litt am schwersten darunter -- um seiner schönen

Geliebten willen. Er liebte sie nur um so mehr. Das stille,

geheimnisvolle Mädchen hatte sein ganzes Herz. Ihr öffnete er seine

Seele, bei ihr vergaß er die Sorgen des Tages; zu ihr flüchtete er in

aller Qual des Lebens. Wenn sie neben ihm saß in ihrer ruhigen Weise,

strickend, auf einen Scherz von ihm kurz und eigentümlich lachend; wenn

sie, ohne zu sprechen, an seiner Brust lag, ganz ihm mit aller Seele

ergeben -- das war sein Glück, ein Glück, das er nie gekannt.

Endlich war das Gerücht auch Frau von Meinstorff zu Ohren gekommen. Sie

hatte nicht Stolz genug, sich von ihrem Manne zu trennen: in einem

furchtbaren Jähzornausbruch wollte sie ihre Rechte behaupten, und

erreichte nur das Gegenteil.

Die Stellung des Stallers wurde unhaltbarer mit jedem Tage. Er selbst

sah es ein.

Am nächsten Sonntag, als er wie gewöhnlich in seiner Emporloge saß,

fühlte sich ein junger eifriger Geistlicher gemüßigt, das sechste

Gebot in seiner Predigt auseinander zu setzen. Er ging zu Beispielen

über, und nachdem er von David und Bathseba gesprochen, tadelte er

scharf, ohne Namen zu nennen, aber doch für jedermann verständlich, das

offenkundige Verhältnis.

Er hatte schon nach einer Stunde, nachdem die Rede geendigt, vom

Staller den Abschied. Und das war Greggerts Todesstoß.

Am Nachmittage dieses Tages schrieb er einen langen Brief an den

König. Aber hier durfte er kaum Verzeihung hoffen. Er schrieb ihm,

wenn ihm ein natürlicher Sohn geboren würde, diesem seinen Namen geben

zu wollen; er sei der Letzte seines Geschlechtes: es läge eine Art

Berechtigung in seiner Bitte.

Am Abend wurde es stürmisch. Der Staller ging nicht zur Ruhe. Wie in

tödlicher Angst bestieg er öfter den dicken steinernen Turm seines

Hauses. Er fand keine Ruhe, die er sonst gefunden, je stärker der Wind

ihn umsauste und zerzauste.

Als er gegen Morgen, es war eine kalte Märznacht gewesen, noch einmal

den Turm bestieg, bemerkte er im Norden der Insel einen ungeheuern

Feuerschein. Er überzeugte sich bald, daß dieser von der Hallig

Buphever, die durch einen breiten Meeresarm von Schmerhörn getrennt

war, herüberleuchtete. Es mußten dort mehrere Werften brennen.

Plötzlich zitterte er am ganzen Körper, er legte die Stirn gegen den

Wind, er schien zu suchen, und er hatte gefunden. Ruhig stieg er in

sein Arbeitszimmer hinab und kleidete sich zum Weggehen an. In diesem

Augenblick wurde es im Hofe lebendig: der Feuerschein war auch von der

Dienerschaft bemerkt worden.

Beim Weggehen befahl er seinen Leuten, ihn nicht zu begleiten. Der

Wind, geradeaus von Norden kommend, packte ihn; doch er, sich ihm

entgegenstemmend, kämpfte vorwärts. Sein Ziel war das Fährhaus, wo in

einem eingebognen Teil des Steindeiches ein kleiner Hafen lag, in dem

die Bote ruhten, die den Verkehr mit Buphever vermittelten.

Nun stand er auf der Krone des Deiches, ein Turm im Wetter. Seine

Blicke waren nach Süden gerichtet, wo er das Häuschen sah, in dem Silk

wohnte. Eine unbezähmbare Sehnsucht, zu ihr zu eilen, überkam ihn. Aber

er bezwang sich. Mit einem tieftraurigen Blick schied er und stieg

hinunter, dem Fährhause zu.

Niemals erlaubt die Welt _das_ Glück, das Greggert Meinstorff kurze

Zeit besessen hatte.

Am kleinen Hafen war es lebendig. Schiffer, Fischer und alles, was

schwielige Fäuste hatte, war damit beschäftigt, die heftig hin und her

schaukelnden Bote mit soviel Tauwerk, als sie erlangen konnten, an

Ringen und Bohlen zu befestigen. Die wahnsinnig gewordene See erlaubte

nicht, daß auch nur der Versuch gemacht werde, den Buphevenern von

Schmerhörn zu Hilfe zu kommen.

In diesem Augenblick traf der Staller im Hafen ein. Er rief einige

Leute zu sich heran, um mit ihnen über das Feuer zu sprechen. Plötzlich

verlangte er ein Bot: er wolle allein hinüber; keiner solle ihn

begleiten. Alle beschworen ihn, von dem tollkühnen Gedanken abzulassen.

Allein er, den ihn umringenden Kreis durchbrechend, schritt mit

hastigen Schritten auf eins der Bote zu. Die Anwesenden halfen ihm

beim Einsteigen, beim Segelaufsetzen, und bei allen jenen kleinen

Handgriffen, die beim Flottmachen eines Fahrzeuges nötig sind.

Los! schrie der Staller. Und in schiefer Lage, mit Nordnordwest im

Segel, schoß das Bot hinaus. Mit vorgebeugten Leibern, mit starren

Gesichtern schauten ihm die Zurückgebliebenen nach -- nur zwei

Minuten. Der Nachen war gekentert, und eine schwarze Masse, die sich

mehr und mehr vom Kiel entfernte, bald auftauchend, bald verschwindend,

trieb in die See. Doch nicht zu weit. Die Ebbe war im letzten Fallen.

Der Körper Seiner Exzellenz lag in Sand und Schlick und Schlamm auf den

Watten. Schon umkreiste ihn die Raubmöwe, den Kopf mit dem furchtbaren

Schnabel prüfend über ihn gierend.

Der Morgen ahnte herauf. Im Osten zeigte sich ein fahles Rot; vor ihm

her flog ein großer Vogel mit blauen Flügeln, wie ein solcher nie auf

der Insel gesehen worden war, dem Ozean zu, ein eilender Verkünder

der Sonne. Im Westen grollte die Ebbe ab, dumpf, als wenn sie sich

in hunderttausend tiefe Abgründe stürze. Das Meer lag noch dunkel.

Im Norden brannte in schauerlicher Größe die Hallig Buphever. Die

schmutzigen, gelben Triele des in den Rinnen zurückgebliebenen Wassers,

die Watten, die Bänke, die Muschelhaufen, alles war von rotgelben

Tinten übergossen.

Der nächste Wagen war geholt. Die Leute hatten den Staller von den

Watten aufgehoben. Er sah finster aus; Schaum stand ihm vorm Munde. Da

er nur ganze kurze Zeit im Wasser gelegen hatte, so entfernte sich bald

das Häßliche von seinem Körper, das sonst Wellenversunknen eigen zu

sein pflegt.

Auf den Inseln aber und weit im ganzen Lande schwang sich bald von Ohr

zu Ohr: der Staller Greggert Meinstorff ist ertrunken.

[Illustration]

Schon zwei Tage nach dem Tode Greggerts war die Leiche in einem

hölzernen Sarge, nachdem dieser dreimal nach altem friesischen,

aus der Heidenzeit stammenden Gebrauch um die Kirche getragen, vor

den Altar hingesetzt. Nach dem Gottesdienste hatte sich die Menge

entfernt, und nur der Küster und seine Leute ordneten zum andern Morgen

Blumen-Girlanden, stellten die großen Lichter in Bereitschaft, die die

Nacht brennen sollten. Bei Tagesanbruch sollte der Sarg, getragen von

den Angesehensten der Insel, auf ein königliches Schiff gebracht, nach

dem Festlande abgehen, um in der Familiengruft, nachdem ein metallner

Sarg ihn umschlossen, beigesetzt zu werden.

Frau von Meinstorff war noch immer nicht zu sich gekommen. Sie hatte

in wildem Schmerz, als der Staller in die Kirche gefahren werden

sollte, den Sarg umklammert. Mit sanfter Gewalt war sie endlich von den

schwarzen Brettern entfernt worden.

[Illustration]

Die großen Lichter brennen düster; sie knistern durch die

Kirchenstille. Der Deckel der Truhe ist geöffnet: der Staller ruht

feierlich mit über der Brust gekreuzten Händen, seine Augen sind

geschlossen, es ist nichts Finsteres mehr in seinem Antlitz.

Frau von Meinstorff hatte den Küster bestochen, den Deckel zu öffnen:

sie wollte in seiner Begleitung noch einmal ihren Mann diese Nacht

sehen. Der Küster war ein alter, armer, schwacher Mann: er hatte ihren

flehentlichen Bitten nachgegeben.

Die großen Lichter brennen düster; sie knistern. Ein verirrter

Sperling, durch den Lichterschein schwer geängstigt, stößt gegen die

Scheiben, fliegt durch die Gänge, über die Stühle, ruht sich auf dem

Kelche aus. An seine kleine Brust klopft sichtbar das Herzchen.

Aus der Loge des Stallers, in der sie sich versteckt hatte, tritt Silk

hervor. Das volle, schöne, lange Haar ist aufgelöst und hängt wirr um

das süße, blasse Gesicht. Sie schleppt sich mühsam an den Sarg und

fällt an ihm nieder. Die linke Hand versucht sich an seinem Rande

aufzuhelfen. Sie sinkt zurück. Ihre schwere Stunde ist gekommen. Sie

schenkt dem Toten einen Sohn. Aber das Kind, der letzte Meinstorff,

stirbt bei der Geburt ... und auch die Mutter schließt die lieben,

treuen Augen für immer ...

Die großen Lichter brennen düster; sie knistern durch die

Kirchenstille. Der Sperling flattert noch immer in Todesangst umher.

Die Haupttür wird aufgeschlossen; und mit weitgeöffneten Augen, mit auf

die Brust gepreßten Händen, in tiefe Trauer gekleidet, tritt Frau von

Meinstorff ein. Der alte, schwache, grauhaarige Küster nimmt alle seine

Kraft zusammen, um die Unglückliche zu stützen.

Es ist noch dunkel. Ferne brennen die Lichter; die großen

Messingleuchter sind blank geputzt ... Langsam, langsam ... nun

bleibt das Paar stehen ... wieder einen Schritt vorwärts ... langsam,

langsam ...

Da! Mein Gott, mein Gott!

Ein einziger, gellender Schrei klingt durch die schweigenden, hohen

Hallen. Frau von Meinstorff stieß ihn aus.

Entsetzt ist der Sperling auf das große, schlechtgeschnitzte Kruzifix

geflogen. Der Christus scheint zu leben. Von der stirnumstrickenden

Dornenkrone blutet es; und eine liebe, unsäglich liebe Stimme spricht

schwer vom Kreuze herunter:

»Wer aber nicht gesündigt, der werfe den ersten Stein auf sie.«

Der alte, schwache, grauhaarige Küster hat die Edelfrau in einen Stuhl

gelegt. Dann ist er auf die Kniee gesunken und betet; und dann singt

er laut den ersten besten Vers aus dem Gesangbuch, der ihm gerade

einfällt. Er ist aus einem Erntedanklied:

Wir preisen dich, o Herre Gott,

Für allen deinen Segen.

Er singt ihn näselnd, als gelte es den Anfang, um die Gemeinde dann mit

einfallen zu lassen.

[Illustration]

Frau von Meinstorff lebte noch lange Jahre auf dem Gute ihres Bruders.

Sie ist bis an ihren Tod verwirrten Sinnes geblieben.

[Illustration]

[Illustration]

[Illustration]

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Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.

Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung.

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Die Stiftung ist ein rein gemeinnütziges Unternehmen unter Ausschluß

aller privaten Erwerbsinteressen. Ihr Zweck ist, »hervorragenden

Dichtern durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des

deutschen Volkes zu setzen« und durch Verbreitung guter Bücher der

schlechten Literatur den Boden abzugraben. Seit dem Jahre 1903 verteilt

sie alljährlich an eine stetig wachsende Zahl von Volksbibliotheken

sorgfältig ausgewählte Zusammenstellungen guter volkstümlicher Bücher.

Bis Ende 1909 wurden 245.954 Bücher an Volksbibliotheken verteilt.

Die Auflage der von der Stiftung herausgegebenen Sammlungen

»Hausbücherei« und »Volksbücher« betrug bis Oktober 1910: 1.220.000

Exemplare.

Abzüge des _Werbeblatts_, des letzten Jahresberichts, auch des

Aufrufs und der Satzungen usw. werden von der Kanzlei der Deutschen

Dichter-Gedächtnis-Stiftung in Hamburg-Großborstel gern unentgeltlich

übersandt.

Die Stiftung erbittet jährliche oder einmalige Beiträge. _Für Beiträge

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Heft 27. _H. Villinger_: Leodegar, der Hirtenschüler. Mit Ill. v. H.

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Heft 29. _Richard Huldschiner_: Fegefeuer. Mit Buchschmuck v. H.

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Heft 30. _Franz Grillparzer_: Weh dem, der lügt. 132 S. Geh. 25, geb.

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Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die

Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Wiederholte

Anführungszeichen an neuen Absätzen innerhalb der wörtlichen Rede

wurden entfernt.

Novellenbuch, 1. Band · 第 9 / 9 段