»Denkt einmal,« sagte sie zu ihren Knaben, »wie traurig es dem armen

Archambauld geht. Nun werdet ihr recht gut und freundlich zu ihm

sein, so lange er noch hier ist, nicht wahr? -- Ich will heute zum

Besuch zu seiner Mutter gehn und ihr sollt mich begleiten. Möchtet

ihr ihm nicht eine kleine Freude machen und etwas schenken von euren

Spielsachen?« -- Darauf gingen sie in die Stube, wo ihre Zinnsoldaten

waren und nahmen jeder eine Schachtel davon, von den schönsten, und

steckten sie ein; dann, als sie mit ihrer Mutter nach Kurú-Tschesme

gekommen waren, wurde ihnen ganz feierlich zu Mut, denn weil erst

vor kurzem das Leichenbegängnis gewesen, war die Wohnung noch ganz

schwarz ausgeschlagen, und in dem dunklen Salon saß die Witwe,

schwarz angezogen, und neben ihr stand der Archambauld, auch schwarz

gekleidet, und sein hübsches Gesicht war blaß, so daß man die braunen

Augen ganz dunkel darin glänzen sah. Darauf gingen die Knaben auf

ihn zu, und weil sie in ihrer Verlegenheit nicht recht wußten, was

sie sagen sollten, griffen sie gleich in die Tasche und holten ihre

Schachteln mit den Zinnsoldaten hervor, reichten sie ihm hin und

sagten: »Du armer Archambauld, da haben wir dir etwas mitgebracht.«

Und als der Archambauld den Deckel von den Schachteln genommen hatte

und die schönen Zinnsoldaten darin erblickte, die ihm damals so sehr

gefallen hatten, ging ein heller Schein über sein bekümmertes Gesicht,

er lief zu seiner Mutter und zeigte ihr seine Schätze und sagte ganz

selig »~oh Maman -- ils m'en ont fait cadeau~!«[3]

Dann kam er schüchtern, aber mit strahlenden Augen zu den Knaben und

streckte ihnen die Hand hin und sagte »o das -- sein schön -- das sein

sehr schön -- ~oh merci! merci bien~!«[4] Und indem er so sprach,

wurden ihm die Augen feucht, und plötzlich liefen ihm die dicken Tränen

an den Wangen herab, und dann warf er sich den beiden an die Brust,

erst dem einen, dann dem anderen, und umarmte sie und küßte sie und

sagte schluchzend »~ah que Vouz êtes bon! ah comme je Vous aime! ah

comme je Vous aime~!«[5]

Den Knaben aber, die so etwas gar nicht gewöhnt waren, denn mit ihren

deutschen Freunden gaben sie sich die Hand, aber sie küßten sich

mit ihnen nicht, machte es einen ganz wunderbaren Eindruck, als der

schöne, dunkellockige Junge, der so ganz anders aussah als jene, sie so

leidenschaftlich und zärtlich in die Arme schloß und küßte, und als sie

ihn so weinen sahen, wurden sie auch gerührt und fingen auch zu weinen

an.

Inzwischen hatte dann die Witwe mit der Mutter der Knaben gesprochen

und ihr erzählt, daß sie nun mit ihrem Jungen nach Frankreich

zurückkehren würde, aber das würde noch Wochen dauern, denn zunächst

müßte sie ihren Hausstand wieder auflösen, den sie vor kurzem erst

eingerichtet hatte; sodann wollte sie, weil sie arm und die Reise ihr

zu teuer war, das Depeschenbot der französischen Regierung erwarten,

das alle sechs bis acht Wochen von Frankreich nach der Krim und von da

wieder nach Frankreich zurückfuhr, weil sie auf dem freie Fahrt haben

würde. Bis das aber das nächste Mal von Sewastopol wieder herunterkam,

würde es noch lange dauern, weil das letzte erst ganz vor kurzem nach

Frankreich gegangen war.

»Also nicht wahr,« sagte darauf die Gesandtin zu ihren Knaben, »so

lange der Archambauld noch hier ist, wird er nun, so oft er kann, zu

euch kommen und mit euch im Garten spielen? Und wenn ihr mit dem Ernst

und dem Ferdinand spielt -- so hießen nämlich ihre kleinen deutschen

Freunde aus Bebék -- wird der Archambauld auch immer dabei sein?«

Und weil der Archambauld zwar nicht sehr gut deutsch sprach, es aber

ganz gut verstand, so hatte er verstanden, was die Mutter zu ihren

Knaben sagte, und sah diese mit erwartungsvollen Augen darauf an, was

sie erwidern würden. Die beiden aber, als sie seinen Blick gewahrten,

der so ängstlich an ihnen hing, wurden wieder so gerührt davon, daß sie

beide gleichzeitig mit ausgestreckter Hand auf ihn zugingen und »du

armer Archambauld« sagten. »Komm du nur so oft du kommen willst.« Da

fuhr der Archambauld trotz all' seines Kummers wie ein Bolzen empor,

der von einer Spiralfeder geschleudert wird, und klatschte vor Wonne

in die Hände und lief zu seiner Mutter und küßte sie ins Gesicht, und

dann zu der Mutter der Knaben, und küßte ihr die Hände, »~oh merci

madame, oh bien merci, madame~!«[6], und dann kam er zu den Knaben,

sprang zwischen sie und faßte sie unter die Arme und hing sich in ihre

Arme, so daß er zwischen den beiden wie in einer Schaukel hing, und

schaukelte sich und lachte und freute sich, so daß die beiden, denen

so etwas Übersprudelndes noch nie vorgekommen war, auch zu lachen

anfingen und die Arme höher hoben, damit er besser schaukeln könnte.

Und dann, als sie Abschied nahmen, kamen sie ihrerseits und wurden vor

Verlegenheit ganz rot, indem sie ihn nun ihrerseits küßten, und an der

Art, wie er es erwiderte, merkten sie, daß er nicht nur ein hübscher

Junge, sondern auch ein herziger, lieber Kerl war, und von da an wurden

sie mit dem Archambauld gute, gute Freunde.

Schon am nächsten Tage kam er an, und dann mindestens einen Tag um den

andern, häufig aber auch Tag für Tag, und als er das erste Mal erschien

und den Garten erblickte, der mit seinen Terrassen vor seinen Augen

emporstieg, wurde er ganz starr vor Staunen und sagte: »~mais que c'est

beau! que c'est beau! que c'est beau~!«[7]

Die Knaben ließen ihn eine Zeit lang staunen, denn es machte sie stolz,

daß ihm der Garten ihrer Eltern so gut gefiel, dann aber sagten sie

»jetzt komm -- wir wollen jetzt in den Feigenbaum gehn.«

In dem Garten nämlich stand ein Feigenbaum, ein großer, und das war

ein Baum, wie er herrlicher gar nicht gedacht werden kann. Den Knaben

erschien er beinah wie ein Mensch, ein langmütiger, freigebiger,

gütiger Mensch, so geduldig ließ er sich mit Füßen treten, wenn sie in

seinen Zweigen herumkletterten, so reichlich spendete er zur Zeit, wenn

die Feigen reif wurden, seine Früchte, große grüne Feigen, an deren

jede er, wenn der letzte Augenblick gekommen war, ein Honigtröpfchen

hing, als wollte er andeuten »jetzt müßt ihr pflücken.« Lieber aber,

als die Feigen, hatten die Knaben das Klettern, und dem Archambauld

ging es ebenso. Sobald sie daher an den Baum gelangt waren, ging es mit

einem »hurr« den Baum hinauf, die beiden Knaben voran, hinter ihnen

drein der Archambauld, und da zeigte es sich, was freilich bei seinen

schlanken Gliedern nicht anders zu erwarten war, daß er ein famoser

Kletterer war. Da saßen sie dann, ganz droben im Wipfel, alle drei,

über ihnen rauschte der alte Baum, und wenn sie verstanden hätten,

würden sie gehört haben, wie er zu ihnen sprach: »Habt euch lieb, ihr

kleinen Menschen, wenn die Menschen erwachsen und groß werden, hört die

Liebe zwischen ihnen auf.«

Später dann, als der Ernst und der Ferdinand aus Bebék kamen, wurden

sie mit dem Archambauld bekannt gemacht, und dann zog man zusammen

hinauf in die schöne Gartenwildnis, und dort oben zwischen den Ginster-

und Oleandergebüschen wurde mächtig gespielt. Alle möglichen Spiele:

Verstecken und Abschlag, Weißer und Indianer, vor allem aber Erstürmung

von Sewastopol. Und bei all' diesen Spielen der Gewandtesten einer war

der Archambauld. Wenn er so dahin sauste zwischen den Gebüschen, mit

den flatternden Locken, dann sah er aus wie ein befiederter Pfeil,

wenn er zum Sturm auf Sewastopol angelaufen kam, einen Ginsterbusch

oder Oleanderzweig als Waffe schwingend, dann war ein Feuer in ihm,

daß er aussah wie eine hüpfende Flamme. Und dabei so liebenswürdig:

wenn er in der Hitze des Kampfes einen von seinen beiden Freunden --

denn wirkliche Freundschaft hatte er doch nur mit den beiden Knaben

geschlossen -- etwas unsanft getroffen hatte, gleich kam er nachher und

streichelte »~oh mais, cela n'a pas fait mal? n'est ce pas? cela n'a

pas fait mal~?«[8]

Einmal nun hatten sich die Eltern der Knaben für diese und ihre Freunde

ein ganz besonderes Vergnügen ausgedacht: Bivak sollte gespielt werden.

An einem schönen Sommerabend wurde auf der obersten Terrasse des

Gartens, auf der zwei hohe Pinien und ein alter Tamarindenbaum standen,

ein großes Zelt aufgeschlagen, Stroh wurde hineingelegt, und in dem

Zelte sollten sie die Nacht schlafen. Das war nun ein Gaudium für alle,

namentlich aber für den Archambauld, in dem sich das Soldatenblut

schier ungestüm regte. Neben dem Zelte wurden Holzscheite aufgestapelt,

und als es dunkelte, wurden sie angezündet. Das war das Wachtfeuer. In

der Asche des Feuers brieten sie sich Kartoffeln, die sie aßen, soweit

sie nicht verbrannt waren, und dann setzte man sich im Kreise herum,

denn die Freunde aus Bebék hatten noch andere Freunde mitgebracht, und

trank etwas Glühwein und unterhielt sich.

In der Unterhaltung, die sich natürlich um den Krieg drehte, kam es

nun heraus, daß jeder von den Jungen für eines von den kriegführenden

Völkern Partei genommen hatte: da war der eine für die Engländer, der

andere für die Russen, wieder einer für die Franzosen und der andere

für die Türken. Einer -- aber der wurde ausgelacht -- war sogar für

die Tunesen, die am Tage zuvor auf einem türkischen Linienschiff

angekommen waren und mit ihren großen roten Mützen und den wilden

braunen Gesichtern darunter einen graulichen Eindruck gemacht hatten.

Der Archambauld, der zwischen seinen beiden Freunden saß, verhielt sich

dabei ganz still -- auf wessen Seite der stand, nun das brauchte man ja

nicht erst zu fragen. Darauf aber meinte der, welcher für die Russen

war, daß jetzt freilich die Russen ganz allein ständen, aber nächstens

würden die Preußen kommen und ihnen helfen. Als der Archambauld das

hörte, riß er die Augen weit auf, sodaß sich das Feuer in seinen

braunen Augen spiegelte, und legte die Hände auf die Kniee seiner

beiden Freunde und kniff sie leise, als wenn er hätte sagen wollen

»Habt ihr das gehört?« Einer von den Söhnen des deutschen Kaufmanns aus

Bebék aber erwiderte »Nein« -- ihr Vater, der sein Kontor in Stambul

hatte, wäre heut nachmittag nach Haus gekommen und hätte erzählt, jetzt

wäre es entschieden, und die Preußen würden den Russen nicht helfen,

sondern sie würden neutral bleiben. Das bestätigten dann die Knaben,

die von ihrer Mutter dasselbe gehört hatten. Als der Archambauld

das vernahm, seufzte er wie erleichtert auf und legte die Arme um

seine beiden Freunde und sagte leise: »~Ah que c'est bien! que c'est

bien!~«[9]

Nun aber, weil das Feuer heruntergebrannt war, stand alles auf. Einer

von den Jungen, der eine Trommel besaß, trommelte etwas darauf, das

bedeutete den Zapfenstreich, und dann ging alles ins Zelt, um auf dem

Stroh zu schlafen. Der Archambauld wollte natürlich nirgends anders

als bei seinen beiden Freunden schlafen und richtete es so ein, daß

er zwischen ihnen lag, und schob seine Arme unter sie und schmiegte

sich zwischen sie und an sie, und da fühlten sie so recht, was für ein

liebevolles Gemüt in dem Jungen war.

Darauf, als es in dem Zelte schon ganz still zu werden anfing, weil

einige schon eingeschlafen, die anderen im Einschlafen waren, fing

der Archambauld zu flüstern an, so daß seine Freunde merkten, daß er

noch in Gedanken wach gelegen hatte, und sie wurden auch wieder wach.

»~Ecoutez~,«[10] sagte er ganz leise, »ich -- wenn ich werde groß sein

-- werde mich Soldat machen -- ihr auch?«

Darauf erwiderten sie, daß sie gehört hätten, in Preußen müßten alle

Soldat werden.

Nachdem er sodann wieder ein Weilchen geschwiegen hatte, fing er wieder

an und meinte, »aber die Franzosen und die Preußen hätten noch niemals

miteinander gekämpft -- nicht wahr?«

Da mußten nun die beiden Knaben wirklich lachen, und sie taten es so

leise wie möglich, weil sie hörten, wie wenig der Archambauld in der

Geschichte Bescheid wußte, und sie sagten, »aber Archambauld, gewiß

doch, sehr, weißt du denn das nicht?«

»Aber künftig,« fuhr er dann fort, »würden sie es nie wieder tun,

~n'est çe pas~?«[11]

Darauf erwiderten sie, daß sie das auch hofften, denn sie hätten ja die

Franzosen sehr gern, aber wissen könnte man so etwas doch nicht. Da

aber zog sie der Archambauld, der seine Arme unter sie gelegt hatte,

plötzlich beide so an sich, daß ihre Gesichter an seinem Gesicht lagen,

und mit einem Male fühlten sie, daß seine Wangen von Tränen ganz feucht

waren, und hörten, wie er leise schluchzend sagte »~ah que cela ne se

fasse jamais! jamais! jamais~!«[12] Und weil sie nun gar nicht wußten,

was sie darauf sagen sollten, schwiegen sie; der Archambauld wurde auch

still, und bald darauf schliefen sie alle drei ein.

Inzwischen aber war nun die Zeit herangekommen, daß der Archambauld

mit seiner Mutter abreisen sollte. Am letzten Tage kamen sie beide

noch einmal nach Arnautköi, um mit den Knaben und deren Eltern vor der

Abfahrt zu frühstücken. Da saß dann der Archambauld zum letzten Male

zwischen seinen beiden Freunden und sprach kein Wort und war ganz blaß,

und mit den Händen hielt er die Hände seiner Freunde.

Alsdann stiegen alle in den dreirudrigen Kaïk -- so heißen dort die

Ruderbote -- des Gesandten, und fuhren hinaus und da sahen sie auch

schon den französischen Depeschendampfer den Bosporus herunterkommen.

Der Dampfer hielt an, die Passagiere aufzunehmen. Und als nun der

letzte Augenblick da war, umarmte der Archambauld seine beiden Freunde

noch einmal und küßte sie, und die Tränen liefen ihm an beiden Backen

herab und die Stimme brach ihm, weil er so schluchzte.

»Wenn wir -- werden groß sein -- ~peut être que nous nous

reverrons~.[13] -- Wir werden sagen -- Arnautköi -- ~rien que ça,

rien que ça~[14] -- werden wir wissen -- alles -- alles -- alles!«

Dann mußte er mit seiner Mutter die Treppe hinaufsteigen, die man vom

Schiffe herabgelassen hatte; das Gepäck wurde hinaufgegeben. Dann

setzte sich der Dampfer wieder in Gang, und vom Schiffsbord wehte ein

weißes Fähnchen, das war der Archambauld, der mit dem Taschentuch

seinen Freunden Lebewohl winkte, Lebewohl.

Lebewohl -- Abschied fürs Leben. Nicht allzu lange mehr sollte

es dauern, so trug das Meer, das den Archambauld nach Frankreich

zurückgetragen hatte, auch die Knaben nach Deutschland heim. Und dann

kam das Leben, der alte harte Schulmeister, und packte seine Aufgaben

aus, deren erste und schwerste bekanntlich heißt: vergessen, daß man

ein Kind gewesen ist. Da versank das alte Haus in Arnautköi, der Garten

mit seinen Terrassen und seiner schönen Ginster- und Oleander-Wildnis,

der große gütige Feigenbaum -- alles wurde zum Traum, und der Traum

wurde blasser und blasser.

Neue Menschen kamen, neue Gesichter tauchten auf, dafür gingen andere,

alte, liebe Gesichter unter und unter diesen das eine, dessen Erlöschen

der Mensch nicht verwindet, weil, wenn es hingeht, der heilige Mensch

aus seinem Leben geht, das Antlitz der Mutter. Ob der Archambauld vom

Tode der Frau, die auch zu ihm so gütig gewesen war, etwas erfuhr?

Keine Nachricht kam her, keine Nachricht ging hin -- niemand hörte

etwas von ihm und seiner Mutter im fernen Frankreich, so wurde auch

sein Gesicht zum verblassenden Kindheitstraum und ging unter mit all'

den anderen. --

Nach diesem allen aber, beinah zwei Jahrzehnte danach, ergriff die

Weltgeschichte wieder das Wort, um allen, die etwa glaubten, sie wäre

zum Gespenst geworden, zu zeigen, daß sie ein furchtbar lebendiges

Wesen sei. Wieder, wie damals, standen die Franzosen im Feld, aber

nicht wie damals gegen die Russen, sondern gegen die Deutschen und

vor allem gegen die Preußen. Es hatte also nichts geholfen, was der

Archambauld in jener Nacht im Bivakszelt gefleht hatte: »~Ah que

çela ne se fasse jamais!~ Möchte das niemals, niemals geschehen!«

Und während sie damals auf Sewastopol und den Malakoff sturmgelaufen

waren, standen die Franzosen heute, am 18. August 1870, verschanzt und

verbarrikadiert auf den Höhen von Metz, in Saint-Privat, und ließen die

Preußen auf sich anstürmen.

Auf die baumlose Ebene, über welche die Angreifer herauf mußten,

prasselten die Mitrailleusen- und Chassepotkugeln. Es war, als wenn

von droben eine eiserne Wand daherrauschte, die einem den Atem benahm,

bevor sie einen zermalmte. Und sobald eine solche Wand vorübergefegt

war, kam eine zweite, eine dritte, und ohne Aufhören. Man sah nichts

von ihnen, man hörte nur, wie sie heulend, zischend, pfeifend die Luft

vor sich herschoben. Dann vernahm man dumpfes Einschlagen von Kugeln

in menschliche Glieder, gräßliche Schreie, schmetterndes Niederstürzen

von Leibern. Und das alles stundenlang, ohne Pause, ohne Ruhe zum

Atemholen, immer weiter, einen langen, endlos langen Sommernachmittag

lang. Bis daß endlich, allem zum Trotz, das schreckliche Nest, aus dem

die bleiernen Todesvögel geflogen kamen, Saint-Privat, dennoch erreicht

war und die Preußen, soviele von ihnen noch lebten, stürmend darin

eindrangen.

In dem ummauerten Kirchhof standen die letzten Franzosen, und als jetzt

die blut- und schweißbedeckten Gesichter der Preußen über der Mauer

erschienen und die Preußen die Mauer zu übersteigen begannen, drehten

sie die Gewehrkolben nach oben -- »Ergebung! Ergebung!«

An der Spitze der Preußen kam ein Offizier; es war ein noch junger

Mann, sein Rock von Kugeln aufgerissen, er selbst aber unverwundet.

Drüben, unweit der Mauer, an ein Grabkreuz gelehnt, saß der Offizier,

der die Franzosen kommandiert hatte, auch noch ein junger Mann; sein

Gesicht war totenblaß, ein alter Sergeant stand neben ihm und drückte

ihm das Tuch auf die Brust, aus der das Blut quoll.

Und nun begab sich etwas Merkwürdiges:

Indem sich Angreifer und Verteidiger, Sieger und Besiegte einen

Augenblick lautlos, keuchend gegenüberstanden, trat der preußische

Offizier auf den jungen Franzosen drüben zu, der ihn nicht kommen sah,

weil er die Augen geschlossen hatte, überhaupt nichts mehr von allem

zu hören und zu sehen schien, weil er mit dem Tode rang. Wie jemand,

der sich fragt »ist er's?« sah der Preuße dem anderen ins Gesicht, dann

beugte er sich über ihn und sagte ihm ein Wort. Und als es der Franzose

nicht mehr zu hören schien, wiederholte er das Wort ganz laut, so laut

er konnte, und es war ein Wort, das weder seine Leute, noch die des

Sterbenden verstanden, weil es nicht deutsch war und nicht französisch

-- »Arnautköi!«

Als der Sterbende das Wort vernahm, taten seine Augen sich auf, große,

braune, schöne Augen, ein Ausdruck ging über sein bleiches Gesicht, wie

ein fragendes Staunen, wie ein letzter, verschwimmender Erdengedanke.

Er richtete den Blick auf den Preußen, seine Lippen bewegten sich, als

wollte er etwas sagen, aber sprechen konnte er nicht mehr. Er ließ das

Haupt sinken, daß es an der Brust des andern lag, und in den Armen des

jungen Preußen starb der junge Franzose.

Das alles war so wunderbar anzusehen, daß beide Parteien, Preußen und

Franzosen, wie gebannt standen. Einen Augenblick war schweigender

Frieden über der blutigen Stätte, wie wenn ein Rauschen gekommen wäre

-- niemand hätte sagen können, woher -- beinahe wie das Rauschen eines

Baumes aus weiter, weiter Ferne, wie wenn eine Stimme gesprochen hätte

-- niemand hätte sagen können, wer da sprach -- »Liebt euch, ihr

Menschen, ihr Menschen, habt euch lieb.«

Anmerkungen.

[1] Oh wie sie -- ge--purzelt sind -- sagt man so?

[2] Ja ja, man sagt so.

[3] Oh Mama -- die haben sie mir geschenkt!

[4] Dank, vielen Dank!

[5] Ach, wie Ihr gut seid! wie ich Euch lieb habe! wie ich Euch

lieb habe!

[6] Oh, ich danke Ihnen, gnädige Frau, ich danke Ihnen vielmals!

[7] Wie ist das aber schön! wie schön! wie schön!

[8] Es hat aber doch nicht weh getan? Nicht wahr? es hat nicht

weh getan?

[9] Ach, das ist gut! Das ist gut!

[10] Hört!

[11] Nicht wahr?

[12] Ach, möchte das niemals, niemals geschehen!

[13] werden wir uns vielleicht wiedersehen.

[14] weiter nichts, weiter nichts.

[Illustration]

Friedrich Spielhagen:

Breite Schultern.

[Illustration]

Friedrich Spielhagen wurde am 24. Februar 1829 zu Magdeburg geboren,

studierte in Berlin, Bonn und Greifswald Jurisprudenz, Philosophie und

Philologie, war eine Zeitlang als Hauslehrer tätig und widmete sich

bald ausschließlich dem literarischen Berufe. Seinen Ruhm begründete

er durch seinen Roman »Problematische Naturen«, der bereits alle

Eigentümlichkeiten der Spielhagenschen Kunst zeigte: eine kunstgerecht

aufgebaute, spannende und ereignisreiche Handlung, leidenschaftlich

bewegte, interessante Charaktere, das echte Pathos eines ritterlichen

Mannes, eine Fülle geistvoller, horizontreicher Ideen und vornehme

Behandlung der Sprache. Wie die Ereignisse jenes Romans sich auf dem

Hintergrunde der 48er Revolutionsbewegung abspielen, so hat Spielhagen

auch später mit Vorliebe zum Hintergrund seiner erzählenden Schöpfungen

politische und soziale Kämpfe gewählt, die er von einem konsequent

freisinnigen Standpunkte aus beleuchtet. Sein bestes Werk neben den

»Problematischen Naturen« ist die »Sturmflut«; aber auch »Hammer und

Amboß«, »In Reih und Glied«, »Was die Schwalbe sang«, »Uhlenhans«,

»Selbstgerecht« und die herrliche Novelle »Quisisana« sind in hohem

Grade lesenswert.

Spielhagens Bedeutung liegt im allgemeinen weniger in der kleinen

Erzählung als im weit ausladenden Roman und in der Novelle, die

er ebenfalls breit anlegt und die bei ihm gewöhnlich einen Umfang

annimmt wie bei den Neueren ein Roman. Seinen gewandten, vielseitigen

und vornehmen Geist und seine Erzählerkunst zeigen aber auch seine

kleineren Schöpfungen, und unter diesen haben wir »Breite Schultern«

gewählt, weil sie vom Ruhm und Segen der Arbeit, auch der schweren

körperlichen Arbeit spricht und weil die Bücher unserer Stiftung ja vor

allem hinausgehen sollen zu den Werktätigen und Mühseligen.

O. E.

[Illustration]

Breite Schultern.

Aber ihr wollt doch unmöglich schon fort, Ihr Herren? sagte Gottlieb.

Es ist hohe Zeit, sagte der Assessor Stricker, sich erhebend und die

Spitzen seiner schlanken Finger mehrmals auf einander drückend.

Die gnädige Frau hat ganz zweifellos schon einige Male leise gegähnt,

sagte der Leutnant von Berkenfeld, mit einem Blick zärtlichen Vorwurfes

nach der jungen Dame in der Sophaecke.

Nonsens, sagte Gottlieb; Emma ist munter wie eine Lerche. Sehen Sie

doch nur die Augen! Geh', Emmy, hol' uns noch ein wenig Zucker, Kind!

Die junge Frau erhob sich aus ihrer Ecke und ging nach dem Buffet, das

im Hintergrunde des großen und stattlichen Gemaches stand.

Tut den Frauen gut, so eine kleine Motion, sagte Gottlieb mit leiserer

Stimme; schlafen sonst gar zu leicht ein. Merkwürdig, wie man bei

gutem Grog und guten Zigarren einschlafen kann! Aber die Weiber, die

Weiber! es ist ein Jammer mit den Weibern! Es fehlt ihnen allen so der

rechte Sinn für die tiefe Poesie, die aus einem beinahe leeren Glase

heraufblinkt; sie haben kein Herz dafür, keine Seele, keine Eingew--

Was schwätzest du da wieder einmal, du alter, schlechter --

breitschultriger Mann, sagte Emmy, indem sie die Zuckerschale auf

den Tisch stellte und ihrem Gatten dabei einen leisen Schlag auf die

vornübergebeugten, in der Tat ungewöhnlich breiten Schultern gab.

Schilt nur nicht auf meine Schultern, Emmy, sagte Gottlieb; du weißt,

daß du es einzig und allein meinem breiten Rücken verdankst, wenn du in

diesem Augenblick nicht mehr Fräulein Emmy Jäger, von der Firma Jäger,

Breitkopf u. Co., sondern Frau Gas-Direktorin Roland bist.

Ah bah! sagte Emmy.

Aber, Emmy, du kannst doch nicht leugnen, daß ohne meine Schultern --

Gottlieb, du bist unausstehlich, sagte Emmy, indem sie einen schwachen

Versuch machte, beleidigt auszusehen.

Sie machen uns in der Tat neugierig, sagte der Assessor Stricker, der

sich längst wieder gesetzt hatte.

Was ist's mit Ihren Schultern, Roland? sagte der Leutnant von

Berkenfeld.

Nichts ist, gar nichts; sagte die junge Frau eifrig; Gottlieb ist ein

Schwätzer, ein Fanfaron, ein Renommist --

Nein, das geht zu weit! Ihr Herren, jetzt sollt ihr selber hören und

urteilen, ob diese kleine, ein halbes Jahr alte Frau hier berechtigt

ist, mich, ihren lebenslänglichen Gatten, mit solchen Ehrentiteln zu

schmücken; und ob ich die Bescheidenheit verletze, wenn ich behaupte,

daß ich nicht meinem Witz, nicht meinen Kenntnissen, nicht meiner

Liebenswürdigkeit, sondern einzig und allein diesen meinen breiten

Schultern und den Armen, die daran hängen, mein einträgliches Amt und

meine unverträgliche Frau verdanke.

Lassen Sie uns hören! sagte der Assessor.

Die gnädige Frau gibt Ihnen die Erlaubnis, sagte der Leutnant.

Meinetwegen, sagte Emmy.

Novellenbuch, 1. Band · 第 6 / 9 段