Schadau!« Rasch drängte er mit geschickter Parade die ruchlose Klinge
in die Höhe, und ich stieß dem Buben mein Schwert bis an das Heft in
die Brust. Er stürzte.
Ein rasendes Geheul erhob sich aus der Rotte.
»Weg von hier!« winkte mir der Freund. »Nimm dein Weib auf den Arm und
folge mir!«
Jetzt griffen Boccard und der Schweizer mit Hieb und Stoß das Gesindel
an, das uns von der Türe trennte, und brachen eine Gasse, durch die
ich, Gasparde tragend, schleunig nachschritt.
Wir gelangten glücklich die Treppen hinunter und betraten die Straße.
Hier hatten wir vielleicht zehn Schritte getan, da fiel ein Schuß aus
einem Fenster. Boccard schwankte, griff mit unsicherer Hand nach dem
Medaillon, riß es hervor, drückte es an die erblassenden Lippen und
sank nieder.
Er war durch die Schläfe getroffen. Der erste Blick überzeugte mich,
daß ich ihn verloren hatte, der zweite, nach dem Fenster gerichtete,
daß ihn der Tod aus meinem Reiterpistol getroffen, welches Gaspardes
Hand entfallen war und das jetzt der Mörder frohlockend emporhielt. Die
scheußliche Horde an den Fersen, riß ich mich mit blutendem Herzen von
dem Freunde los, bei dem sein treuer Soldat niederkniete, bog um die
nahe Ecke in das Seitengäßchen, wo meine Wohnung gelegen war, erreichte
sie unbemerkt und eilte durch das abgestorbene Haus mit Gasparde hinauf
in meine Kammer.
Auf dem Flur des ersten Stockwerkes schritt ich durch breite
Blutlachen. Der Schneider lag ermordet, sein Weib und seine vier
Kinder, am Herd in ein Häuflein zusammengesunken, schliefen den
Todesschlummer. Selbst der kleine Pudel, des Hauses Liebling, lag
verendet bei ihnen. Blutgeruch erfüllte das Haus. Die letzte Treppe
ersteigend, sah ich mein Zimmer offen, die halbzerschmetterte Türe
schlug der Wind auf und zu.
Hier hatten die Mörder, da sie mein Lager leer fanden, nicht lange
geweilt, das ärmliche Aussehen meiner Kammer versprach ihnen keine
Beute. Meine wenigen Bücher lagen zerrissen auf dem Boden zerstreut,
in eines derselben hatte ich, als mich Boccard überraschte, den Brief
meines Ohms geborgen, er war herausgefallen und ich steckte ihn zu mir.
Meine kleine Barschaft trug ich noch von der Reise her in einem Gurt
auf dem Leibe.
Ich hatte Gasparde auf mein Lager gebettet, wo die Bleiche zu
schlummern schien, und stand neben ihr, überlegend, was zu tun sei. Sie
war unscheinbar wie eine Dienerin gekleidet, wohl in der Absicht, mit
ihrem Pflegevater zu fliehen. Ich trug die Tracht der Schweizergarde.
Ein wilder Schmerz bemächtigte sich meiner über all das frevelhaft
vergossene teure und unschuldige Blut. »Fort aus dieser Hölle!« sprach
ich halblaut vor mich hin.
»Ja, fort aus dieser Hölle!« wiederholte Gasparde, die Augen öffnend
und sich auf dem Lager in die Höhe richtend. »Hier ist unsres Bleibens
nicht! Zum ersten, nächsten Tore hinaus!«
»Bleibe noch ruhig!« erwiderte ich. »Unterdessen wird es Abend und die
Dämmerung erleichtert uns vielleicht das Entrinnen.«
»Nein, nein,« versetzte sie bestimmt, »keinen Augenblick länger bleibe
ich in diesem Pfuhl! Was liegt am Leben, wenn wir zusammen sterben!
Laß uns geradenwegs auf das nächste Tor zugehn. Werden wir überfallen
und wollen sie mich mißhandeln, so erstichst du mich, und erschlägst
ihrer zwei oder drei, so sterben wir nicht ungerächt. -- Versprich mir
das!«
Nach einigem Überlegen willigte ich ein, da es auch mir besser schien,
um jeden Preis der Not ein Ende zu machen. Konnte doch der Mord morgen
von neuem beginnen, waren doch die Tore nachts strenger bewacht als am
Tage.
Wir machten uns auf den Weg, durch die blutgetränkten Gassen langsam
neben einander wandelnd unter einem wolkenlosen, dunkelblauen
Augusthimmel.
Unangefochten erreichten wir das Tor.
Im Torwege vor dem Pförtchen der Wachtstube stand mit verschränkten
Armen ein lothringischer Kriegsmann mit der Feldbinde der Guisen, der
uns mit stechendem Blicke musterte.
»Zwei wunderliche Vögel!« lachte er. »Wo hinaus, Herr Schweizer, mit
Euerm Schwesterchen?«
Das Schwert lockernd schritt ich näher, entschlossen ihm die Brust zu
durchbohren; denn ich war des Lebens und der Lüge müde.
»Bei den Hörnern des Satans! Seid Ihr es, Herr Schadau?« sagte der
lothringische Hauptmann, bei dem letzten Worte seine Stimme dämpfend.
»Tretet ein, hier stört uns niemand.«
Ich blickte ihm ins Gesicht und suchte mich zu erinnern. Mein
ehemaliger böhmischer Fechtmeister tauchte mir auf.
»Ja freilich bin ich es,« fuhr er fort, da er meinen Gedanken mir im
Auge las, »und bin's, wie mir dünkt, zur gelegenen Stunde.«
Mit diesen Worten zog er mich in die Stube, und Gasparde folgte.
In dem dumpfigen Raume lagen auf einer Bank zwei betrunkene
Kriegsknechte, Würfel und Becher neben ihnen am Boden.
»Auf, ihr Hunde!« fuhr sie der Hauptmann an. Der eine erhob sich
mühsam. Er packte ihn am Arme und stieß ihn vor die Türe mit den
Worten: »Auf die Wache, Schuft! Du bürgst mir mit deinem Leben, daß
niemand passiert!« -- Den andern, der nur einen grunzenden Ton von sich
gegeben hatte, warf er von der Bank und stieß ihn mit dem Fuße unter
dieselbe, wo er ruhig fortschnarchte.
»Jetzt belieben die Herrschaften Platz zu nehmen!« und er zeigte mit
einer kavaliermäßigen Handbewegung auf den schmutzigen Sitz.
Wir ließen uns nieder, er rückte einen zerbrochenen Stuhl herbei,
setzte sich rittlings darauf, den Ellbogen auf die Lehne stützend, und
begann in familiärem Tone:
»Nun laßt uns plaudern! Euer Fall ist mir klar, Ihr braucht ihn
mir nicht zu erläutern. Ihr wünscht einen Paß nach der Schweiz,
nicht wahr? -- Ich rechne es mir zur Ehre, Euch einen Gegendienst zu
leisten für die Gefälligkeit, mit der Ihr mir seinerzeit das schöne
württembergische Siegel gezeigt habt, weil Ihr wußtet, ich sei ein
Kenner. Eine Hand wäscht die andere. Siegel gegen Siegel. Diesmal kann
ich Euch mit einem aushelfen.«
Er kramte in seiner Brusttasche und zog mehrere Papiere heraus.
»Seht, als ein vorsichtiger Mann ließ ich mir für alle Fälle von meinem
gnädigen Herzog Heinrich für mich und meine Leute, die wir gestern
Nacht dem Admiral unsre Aufwartung machten,« diese Worte begleitete
er mit einer Mordgeberde, vor der mir schauderte, »die nötigen
Reisepapiere geben. Der Streich konnte fehlen. Nun, die Heiligen haben
sich dieser guten Stadt Paris angenommen! -- Einer der Pässe -- hier
ist er -- lautet auf einen beurlaubten königlichen Schweizer, den
Fourier Koch. Steckt ihn zu Euch! er gewährt Euch freie Straße durch
Lothringen an die Schweizer Grenze. Das wäre nun in Ordnung. -- Was
das Fortkommen mit Euerm Schätzchen betrifft, zu dem ich Euch, ohne
Schmeichelei, Glück wünsche,« hier verneigte er sich gegen Gasparde,
»so wird die schöne Dame schwerlich gut zu Fuße sein. Da kann ich Euch
denn zwei Gäule abtreten, einen sogar mit Damensattel -- denn auch ich
bin nicht ungeliebt und pflege selbander zu reiten. Ihr gebt mir dafür
vierzig Goldgulden, bar, wenn Ihr es bei Euch habt, sonst genügt mir
Euer Ehrenwort. Sie sind etwas abgejagt, denn wir wurden Hals über Kopf
nach Paris aufgeboten; aber bis an die Grenze werden sie noch dauern.«
Und er rief durch das Fensterchen einem Stalljungen, der am Tore
herumlungerte, den Befehl zu, schleunig zu satteln.
Während ich ihm das Geld, fast mein ganzes Besitztum, auf die Bank
vorzählte, sagte der Böhme:
»Ich habe mit Vergnügen vernommen, daß Ihr Euerm Fechtmeister Ehre
gemacht habt. Freund Lignerolles hat mir alles erzählt. Er wußte Euern
Namen nicht, aber ich erkannte Euch gleich aus seiner Beschreibung.
Ihr habt den Guiche erstochen! Alle Wetter, das will etwas heißen. Ich
hätte Euch das nie zugetraut. Freilich meinte Lignerolles, Ihr hättet
euch die Brust etwas gepanzert. Das sieht Euch nicht gleich, doch
zuletzt hilft sich jeder, wie er kann.«
Während dieses grausigen Geplauders saß Gasparde stumm und bleich.
Jetzt wurden die Tiere vorgeführt, der Böhme half ihr, die unter seiner
Berührung zusammenschrak, kunstgerecht in den Sattel, ich schwang mich
auf das andere Roß, der Hauptmann grüßte, und wir sprengten durch den
hallenden Torweg und über die donnernde Brücke gerettet von dannen.
[Illustration]
Zehntes Kapitel.
Zwei Wochen später, an einem frischen Herbstmorgen ritt ich mit
meinem jungen Weibe die letzte Höhe des Gebirgszuges hinan, der die
Freigrafschaft von dem neuenburgischen Gebiete trennt. Der Grat war
erklommen, wir ließen unsre Pferde grasen und setzten uns auf ein
Felsstück.
Eine weite, friedliche Landschaft lag in der Morgensonne vor uns
ausgebreitet. Zu unsern Füßen leuchteten die Seen von Neuenburg, Murten
und Biel; weiterhin dehnte sich das frischgrüne Hochland von Fryburg
mit seinen schönen Hügellinien und dunkeln Waldsäumen; die eben sich
entschleiernden Hochgebirge bildeten den lichten Hintergrund.
»Dies schöne Land also ist deine Heimat und endlich evangelischer
Boden?« fragte Gasparde.
Ich zeigte ihr links das in der Sonne blitzende Türmchen des Schlosses
Chaumont.
»Dort wohnt mein guter Ohm. Noch ein paar Stunden, und er heißt dich
als sein geliebtes Kind willkommen! -- Hier unten an den Seen ist
evangelisches Land, aber dort drüben, wo du die Turmspitzen von
Fryburg erkennen kannst, beginnt das katholische.« --
Als ich Fryburg nannte, verfiel Gasparde in Gedanken. »Boccards
Heimat!« sagte sie dann. »Erinnerst du dich noch, wie froh er an jenem
Abende war, als wir uns zum ersten Male bei Melun begegneten! Nun
erwartet ihn sein Vater vergebens, -- und für mich ist er gestorben.«
Schwere Tropfen sanken von ihren Wimpern.
Ich antwortete nicht, aber blitzschnell zog an meiner Seele die
Geschichte der verhängnisvollen Verkettung meines Loses mit dem
meines heitern Landsmannes vorüber, und meine Gedanken verklagten und
entschuldigten sich unter einander.
Unwillkürlich griff ich an meine Brust auf die Stelle, wo Boccards
Medaille mir den Todesstoß aufgehalten hatte.
Es knisterte in meinem Wams wie Papier; ich zog den vergessenen, noch
ungelesenen Brief meines Ohms heraus und erbrach das unförmliche
Siegel. Was ich las, versetzte mich in schmerzliches Erstaunen. Die
Zeilen lauteten:
»Lieber Hans!
Wenn du dieses liesest, bin ich aus dem Leben oder vielmehr bin
ich in das Leben gegangen.
Seit einigen Tagen fühle ich mich sehr schwach, ohne gerade
krank zu sein. In der Stille leg' ich ab Pilgerschuh' und
Wanderstab. Dieweil ich noch die Feder führen kann, will
ich Dir selbst meine Heimfahrt melden und den Brief an dich
eigenhändig überschreiben, damit eine fremde Handschrift Dich
nicht betrübe. -- Bin ich hinüber, so hat der alte Jochem den
Auftrag, ein Kreuz zu meinem Namen zu setzen und den Brief
zu siegeln. Rot, nicht schwarz. Ziehe auch kein Trauergewand
um mich an, denn ich bin in der Freude. Ich lasse Dir mein
irdisches Gut, vergiß Du das himmlische nicht.
Dein treuer Ohm _Renat_.«
Daneben war mit ungeschickter Hand ein großes Kreuz gemalt. Ich kehrte
mich ab und ließ meinen Tränen ihren Lauf. Dann erhob ich das Haupt
und wandte mich zu Gasparde, die mit gefalteten Händen an meiner Seite
stand, um sie in das verödete Haus meiner Jugend einzuführen.
[Illustration]
[Illustration]
[Illustration]
Ernst v. Wildenbruch:
Archambauld.
[Illustration]
Ernst von Wildenbruch wurde als Sohn des preußischen Konsuls von
Wildenbruch am 3. Februar 1845 in Beiruth in Syrien geboren, und
unter dem tiefblauen Himmel des Orients ist ihm die Kindheit
dahingegangen, zuletzt am Goldenen Horn, als sein Vater zum Gesandten
in Konstantinopel aufgerückt war. Später studierte Wildenbruch in
Deutschland die Rechte, eine Tätigkeit, die durch die Feldzüge von 1866
und 1870 unterbrochen wurde. Als tapferer Offizier hat er an ihnen
teilgenommen und die erfahrenen Eindrücke in seinen ersten gedruckten
Arbeiten niedergelegt: den Heldenliedern »Vionville« und »Sedan«. Früh
aber hatte der Referendar von Wildenbruch auf seinem kleinen Zimmer
zu Frankfurt an der Oder Manuskripte anderer Art im Schubfach liegen,
alles Verse, die niemand druckte, vor allem niemand sprach. Und sie
sollten doch in die Menge klingen, denn es waren fünffüßige Jamben,
Drama auf Drama.
Dann kam dem mehr als dreißig Jahre alten der erste Erfolg mit dem
Trauerspiel »Die Karolinger«; er blieb ihm treu viele Jahre lang,
ebbte dann ein wenig und lebte mit voller Gewalt wieder auf mit dem
großen Doppeldrama »Heinrich und Heinrichs Geschlecht«. Keines dieser
vielen Stücke steht in einer Linie mit dem besten, was Kleist oder
Hebbel schufen. Aber sie sind alle erfüllt von dem Pulsschlag eines
echten Theaterbluts, sie glänzen oft im schillernden Gewande einer
hinreißenden Pathetik und haben (so im »Christoph Marlow«) Untertöne
eines tief lyrischen Empfindens. Mir scheint, Wildenbruch ist für das
Drama hohen Stils das gleiche, wie Anzengruber für das bürgerliche
Drama.
Und ebenso wie Anzengruber die volle Meisterschaft, die ihn zu den
ersten gesellt, im Roman, in der Prosadichtung erreichte, so fand
Wildenbruch sein Höchstes in der Novelle. Die »Franceska von Rimini«
hat in dem Sturmgang ihrer Leidenschaft schlechthin kein Seitenstück in
der deutschen Dichtung. Und viele andere Arbeiten stehn ihr nahe, wenn
sie sie schon nicht erreichen. »Neid«, »Vizemama«, »Kindertränen« will
ich nennen. Was diese drei Werke besonders verbindet, ist die heiße
Liebe zum Kinde, das innige Erfassen seiner Art und oft auch seiner
Tragik, das Wildenbruch eine ganz besondere Stellung in der Literatur
der Gegenwart gibt. Auch die kleine Erzählung »Archambauld« läßt diesen
Zug erkennen. Und indem sie vom Bosporus auf das Schlachtfeld von St.
Privat führt, ist sie zugleich gewissermaßen symbolisch für die Art
dieses deutschen Poeten, den ein seltsames Geschick unter Palmen zur
Welt kommen ließ. In Berlin ist er am 15. Januar 1909 -- uns viel zu
früh -- gestorben und seinem Wunsche gemäß in Weimar, nahe der Gruft
Schillers und Goethes, bestattet worden.
_Heinrich Spiero._
[Illustration]
Archambauld.
Ein Blatt vom Lebensbaum.
Arnautköi (sprich Arnautkjö) -- wer von denen, die dieses lesen, kennt
den Ort? Denen, die ihn nicht kennen, darf man raten: seht ihn Euch an,
er verdient's.
An der breiten, prachtvollen Wasserstraße, die Marmara-Meer und
Schwarzes Meer verbindet, am Bosporus ist er gelegen, auf der
europäischen Seite, halbwegs zwischen dem Goldenen Horn, dem Hafen
Stambuls, in dem die Moscheen sich spiegeln, mit ihren Minarets, und
Terapia, wo die Botschafter der Großmächte ihre Sommer-Residenzen
hatten und auch heute noch haben. Das Ufer gegenüber ist die Küste
Asiens.
Die Küste Asiens -- das wollte den Söhnen des preußischen Gesandten,
der mit seiner Familie in Arnautköi wohnte, damals noch kleinen Buben,
anfänglich schwer in den Sinn: Asien -- das hatten sie von ihrem
Hauslehrer gelernt, war doch ein anderer Erdteil -- einem anderen
Erdteile muß man doch ansehn, daß es eben ein anderer ist -- und nun
sah dieses Asien eigentlich nicht ein bißchen anders aus, als das
Europa, darin sie wohnten.
Von ihrem Hauslehrer aber, der ein Erwecker junger Seelen war, wußten
sie nicht nur, daß das Land da drüben Asien hieß, sondern auch, was
dieses Asien einstmals für einen finsteren Schatten auf Europa geworfen
hatte: da erzählte er ihnen von dem großen Perser-Könige Darius, der
vor mehr als zweitausend Jahren gelebt hatte und mit einem Heere von
vielen hunderttausend Mann über den Bosporus gezogen war, um sich die
Völker von Europa zu unterwerfen.
Unweit Arnautköi, etwas mehr dem Schwarzen Meere zu, ist eine Stelle,
wo der Bosporus sich verengt. Alte Wachttürme, von irgend einem alten
Sultan erbaut, stehen dort. Rumili-Hissar heißt der Ort. Da führte er
sie auf Spaziergängen hin und erklärte ihnen, daß, wenn jemand eine
Brücke über ein Wasser schlägt, er danach ausschaut, wo das Wasser
am schmalsten ist, und daß also zweifelsohne hier die Stelle sei, wo
einstmals König Darius von Asien nach Europa herübergekommen war. Da
war es den Knaben, indem sie seinen Worten lauschten und auf das Meer
hinuntersahen, auf dem jetzt keine Brücke mehr lag, als würden die
uralten Dinge noch einmal lebendig, als hörten sie das Stampfen der
unzähligen Schritte, unter denen die Brücke sich bog, das Schnauben
der Rosse, das Rasseln von Wagen, und die Weltgeschichte stieg vor
ihnen auf wie eine ungeheuere, gespenstische Gestalt.
Eines Tages aber, als sie von solchem Spaziergang nach Haus kamen,
sollten sie erfahren, daß die Weltgeschichte kein Gespenst, sondern
etwas Lebendiges ist und mit den Menschen weiterlebt: an dem Tage
nämlich war zu ihrem Vater, dem preußischen Gesandten, ein Besuch
gekommen, ein russischer General, der hieß Menschikoff, zu dem sie in
das Zimmer geführt wurden, weil er ihnen die Hand geben wollte. Und als
er das Haus wieder verlassen hatte, nahm ihre Mutter sie bei Seite,
und das Gesicht ihrer Mutter, das sonst immer heiter war wie das einer
mutigen Frau, war voller Sorge, und sie sagte: »Es wird einen Krieg
geben, einen furchtbaren, zwischen den Russen und den Türken, die
Engländer werden kommen und die Franzosen, und mit den Türken gegen die
Russen kämpfen.« Und wie sie ihnen gesagt hatte, so geschah es, und
nun, Wochen und Wochen, Monate und Monate lang kamen die Kriegsschiffe
der Engländer und Franzosen, riesige Drei-Decker, denn eiserne Schiffe
gab's damals noch nicht, vom Marmara-Meere heran, um nach dem Schwarzen
Meer zu fahren. Und weil das Elternhaus der Knaben unmittelbar am Ufer
des Meeres lag, so zogen all' die mächtigen Fahrzeuge unmittelbar an
ihnen vorüber. Da standen sie dann und rissen die Augen auf, wenn sie
die Schiffe flimmern und leuchten sahen von den unzähligen Soldaten,
mit denen sie gefüllt waren, englischen Soldaten in roten Röcken,
französischen in blauen Röcken und roten Hosen, und wenn sie die
Soldaten auf den Schiffsborden sitzen sahen und in den Strickleitern
bis zu den Raaen der Maste hinauf. Und wenn sie sich erkundigten,
wohin diese Männer alle zogen, schlug der Lehrer ihnen den Atlas auf,
zeigte ihnen eine Halbinsel im Schwarzen Meere, die Krim, und auf der
Halbinsel eine große russische Festung, Sewastopol, und diese Festung
zu belagern und zu erstürmen, dahin zogen alle diese Männer.
Nun aber weiß jedermann, daß man zu einer Belagerung nicht nur
Menschen, sondern auch Kanonen und Werkzeuge aller Art braucht. Um
solches anzufertigen, wurden im Rücken der abziehenden Heere in
Konstantinopel und an den Ufern des Bosporus Werkstätten angelegt,
und eine solche Werkstätte der Franzosen befand sich ganz nah vom
Elternhause der Knaben, in dem neben Arnautköi gelegenen Orte
Kurú-Tschesme. An der Spitze dieser Werkstätte standen französische
Offiziere, Artilleristen und Ingenieure, und unter diesen befand sich
einer, der war ein Elsässer von Geburt. Diese Offiziere nun, höflich
und gesellig, wie Franzosen es sind, machten Besuch im Hause des
preußischen Gesandten, ihres Nachbarn, und waren liebenswürdige Leute
und immer freundlich zu den Knaben. Als man aber zu merken anfing, daß
die Russen Sewastopol nicht so leichten Kaufes herzugeben, vielmehr es
zu verteidigen gedachten auf Blut und Knochen, und daß der Krieg lange,
vielleicht sehr lange dauern würde, ließen sie, soweit sie verheiratet
waren, ihre Familien aus Frankreich nachkommen.
Verheiratet aber war von den Offizieren nur der eine, der elsässische
Ingenieur, und nach einiger Zeit kam also dessen Frau in Kurú-Tschesme
an und brachte ihren Jungen mit. Das war ihr und ihres Mannes einziges
Kind und hieß Archambauld.
Bald darauf erschien dann die Frau Ingenieur mit ihrem Jungen und
machte Besuch im Hause des Gesandten, und dabei lernten die Knaben
den Archambauld kennen, einen schönen, schlanken, dunkellockigen
Jungen mit großen braunen Augen, und erfuhren, daß er gerade so alt
war wie sie. Anfänglich aber waren sie beiderseits etwas verlegen,
denn der Archambauld sprach hauptsächlich französisch, und zwar auch
ein wenig deutsch, aber nicht sehr gut, die Knaben aber hauptsächlich
deutsch, und zwar auch ein wenig französisch, aber nicht sehr gut.
Darum beschränkten sie sich zunächst darauf, ihm ihre Spielsachen zu
zeigen, namentlich ihre Zinnsoldaten, von denen sie viele besaßen,
und als der Archambauld die sah, leuchteten ihm die Augen, denn
Spielsachen besaß er überhaupt nicht viele, hier aber in dem fernen,
fremden Lande natürlich fast gar keine. Dann spielten sie mit ihm,
indem sie ihre Zinnsoldaten aufbauten, in zwei feindlichen Parteien
einander gegenüber, und Papierkugeln drehten und auf beide Seiten des
Tisches traten, jeder hinter eine Partei, und die Gegenpartei mit
den Papierkugeln beschossen. Das machte ihnen allen dreien -- denn
der Knaben waren zwei, und mit Archambauld waren sie drei -- großes
Vergnügen, und wenn dem Archambauld ein guter Wurf gelungen war, daß
recht viel Zinnsoldaten umfielen, schrie er vor Vergnügen laut auf »~oh
comme ils sont~ -- ge--purzelt -- ~est ce qu'on dit comme cela~?«[1]
Alsdann lachten die beiden und sagten »~oui, oui, on dit comme
cela~.«[2]
Trotzdem, wie gesagt, kamen sie zu dem kleinen Franzosen in kein
rechtes Verhältnis, denn lieber und bequemer war es ihnen, mit ihren
deutschen Freunden zu verkehren, das waren die Söhne eines deutschen
Kaufmanns, die mit ihren Eltern in Bebék wohnten, dem Nachbarort von
Arnautköi, auf der anderen Seite von Kurú-Tschesme. Mit denen kamen sie
in jeder Woche mehrere Male zusammen, sei es, daß sie zu ihnen nach
Bebék gingen, oder daß diese sie in Arnautköi besuchten; und jedesmal,
wenn letzteres geschah, wurde hinausgezogen in den Garten, der hinter
dem Hause lag, und dann wurde alles Mögliche vorgenommen. Der Garten
nämlich war wunderschön, er stieg an den Uferhöhen in Terrassen empor;
diese Terrassen waren durch steinerne Treppen mit einander verbunden.
Da konnte man laufen und springen. Außerdem standen große Bäume in
dem Garten, da konnte man klettern. Am schönsten aber war er ganz
droben, wo er den Kamm der Höhe erreichte, da ging er in eine Art von
Wildnis über, eine Wildnis von Oleander- und Ginstergebüsch. Zwischen
den Büschen standen Kastanien und Pinien. Mit den Kastanien konnte
man sich Schlachten liefern; die Pinienäpfel konnte man am Feuer, das
man sich selbst mit knisterndem Ginster anzündete, rösten und die
wohlschmeckenden Kerne daraus hervorholen und essen. O ja, das war ein
Leben!
Nun aber geschah etwas Merkwürdige und Trauriges: der elsässische
Ingenieur, der Vater des Archambauld, ging eines Tages ganz plötzlich
mit Tode ab. Er war ein Mann in den kräftigsten Jahren, in voller
Gesundheit gewesen; niemand hatte etwas davon gehört, daß er krank
geworden sei -- also woher der plötzliche Tod? Seine Kameraden, die
französischen Offiziere, machten nachdenkliche Gesichter und sprachen
von der Sache mit einem Ausdruck, als wenn sie hätten sagen wollen,
»sprecht nicht zuviel davon«. Allmählich nämlich verbreitete es sich,
daß der Mann durch eigene Hand ums Leben gekommen war. Was ihn dazu
getrieben hatte, erfuhr man nicht, und hat es bis heute nicht erfahren.
Das war nun ein schwerer Schlag für seine Frau, die jetzt als Witwe
mit ihrem Jungen in dem fernen, fremden Lande saß, und ihr einziger
Trost im Unglück war es, daß sie die Frau des preußischen Gesandten in
der Nähe hatte, die sich ihrer annahm, wie eben nur eine gute, kluge,
starke Frau sich des bedrängten Mitmenschen annehmen kann.