lassen? Gasparde will sich nicht von ihrem Paten und dieser junge
Berner sich nicht von Gasparde trennen.«
»Ei was,« spottete Herr Montaigne, sich gegen mich verbeugend, »sie
werden, um sich in der Tugend zu stärken, das Buch Tobiä zusammen
lesen!« und den Ton wechselnd, da er mein ernstes Gesicht sah: »Kurz
und gut,« schloß er, »Ihr kommt mit mir, lieber Rat!«
»Ist denn eine Verschwörung gegen uns Hugenotten im Werke?« fragte ich,
aufmerksam werdend.
»Eine Verschwörung?« wiederholte der Gascogner. »Nicht daß ich wüßte!
Wenn nicht etwa eine solche, wie sie die Wolken anzetteln, bevor
ein Gewitter losbricht. Vier Fünfteile einer Nation von dem letzten
Fünfteil zu etwas gezwungen, was sie nicht wollen -- das heißt zum
Kriege in Flandern -- das kann die Atmosphäre schon elektrisch machen.
Und, nehmt es mir nicht übel, junger Mann, Ihr Hugenotten verfehlt Euch
gegen den ersten Satz der Lebensweisheit: daß man das Volk, unter dem
man wohnt, nicht durch Mißachtung seiner Sitten beleidigen darf.«
»Rechnet Ihr die Religion zu den Sitten eines Volkes?« fragte ich
entrüstet.
»In gewissem Sinne, ja,« meinte er, »doch diesmal dachte ich nur an die
Gebräuche des täglichen Lebens: Ihr Hugenotten kleidet Euch düster,
tragt ernsthafte Mienen, versteht keinen Scherz und seid so steif wie
Eure Halskragen. Kurz, Ihr schließt Euch ab, und das bestraft sich in
der größten Stadt wie auf dem kleinsten Dorfe! Da verstehn die Guisen
das Leben besser! Eben kam ich vorüber, als der Herzog Heinrich
vor seinem Palaste abstieg und den umstehenden Bürgern die Hände
schüttelte, lustig wie ein Franzose und gemütlich wie ein Deutscher!
So ist es recht! Sind wir ja alle vom Weibe geboren, und ist doch die
Seife nicht teuer!«
Mir schien, als ob der Gascogner schwere Besorgnis unter diesem
scherzhaften Tone verberge, und ich wollte ihn weiter zur Rede stellen,
als der alte Diener einen Boten des Admirals meldete, welcher mich und
Gasparde unverzüglich zu sich berief.
Gasparde warf einen dichten Schleier über, und wir eilten.
Unterwegs erzählte sie mir, was sie in meiner Abwesenheit ausgestanden.
»An deiner Seite durch einen Kugelregen zu reiten, wäre mir ein
Spiel dagegen!« versicherte sie. »Der Pöbel in unsrer Straße ist
so giftig geworden, daß ich das Haus nicht verlassen konnte, ohne
mit Schimpfworten verfolgt zu werden. Kleidete ich mich nach meinem
Stande, so schrie man mir nach: Seht die Übermütige! Legte ich
schlichtes Gewand an, so hieß es: Seht die Heuchlerin! -- Einen Tag
oder eine Woche hielte man das schon aus; aber wenn man kein Ende
davon absieht! -- Unsere Lage hier in Paris erinnert mich an die jenes
Italieners, den sein Feind in einen Kerker mit vier kleinen Fenstern
werfen ließ. Als er am nächsten Morgen erwachte, waren deren nur noch
drei, am folgenden zwei, am dritten noch eins, kurz, er begriff, daß
sein höllischer Feind ihn in eine Maschine gesperrt hatte, die sich
allmählich in einen erdrückenden Sarg verwandelte.«
Unter diesen Reden waren wir in die Wohnung des Admirals gelangt, der
uns sogleich zu sich beschied.
Er saß aufrecht auf seinem Lager, den verwundeten linken Arm in der
Schlinge, blaß und ermattet. Neben ihm stand ein Geistlicher mit
eisgrauem Barte. Er ließ uns nicht zu Worten kommen.
»Meine Zeit ist gemessen,« sprach er, »hört mich an und gehorcht mir!
Du, Gasparde, bist mir durch meinen teuern Bruder blutverwandt. Es
ist jetzt nicht der Augenblick, etwas zu verhüllen, das du weißt und
diesem nicht verborgen bleiben darf. -- Deiner Mutter ist durch einen
Franzosen Unrecht geschehn; ich will nicht, daß auch du unsres Volkes
Sünden mitbüßest. Wir bezahlen, was unsre Väter verschuldet haben.
Du aber sollst, so viel solches an mir liegt, auf deutscher Erde ein
frommes und ruhiges Leben führen.«
Dann sich zu mir wendend, fuhr er fort: »Schadau, Ihr werdet Eure
Kriegsschule nicht unter mir durchmachen. Hier sieht es dunkel aus.
Mein Leben geht zur Neige, und mein Tod ist der Bürgerkrieg. Mischt
Euch nicht darein, ich verbiete es Euch. -- Reicht Gasparde die Hand,
ich gebe sie Euch zum Weibe. Führt sie ohne Säumnis in Eure Heimat.
Verlaßt dieses ungesegnete Frankreich, sobald Ihr meinen Tod erfahrt.
Bereitet ihr eine Stätte auf Schweizerboden; dann nehmt Dienste unter
dem Prinzen von Oranien und kämpft für die gute Sache!« --
Jetzt winkte er dem Greise und forderte ihn auf, uns zu trauen.
»Macht es kurz,« flüsterte er, »ich bin müde und bedarf der Ruhe.«
Wir ließen uns an seinem Lager auf die Kniee nieder, und der Geistliche
verrichtete sein Amt, unsre Hände zusammenfügend und die liturgischen
Worte aus dem Gedächtnisse sprechend.
Dann segnete uns der Admiral mit seiner ebenfalls verstümmelten Rechten.
»Lebt wohl!« schloß er, legte sich nieder und kehrte sein Antlitz gegen
die Wand.
Da wir zögerten, das Gemach zu verlassen, hörten wir noch die
gleichmäßigen Atemzüge des ruhig Entschlummerten.
Schweigend und in wunderbarer Stimmung kamen wir zurück und fanden
Chatillon noch in lebhaftem Gespräche mit Herrn Montaigne.
»Gewonnen Spiel!« jubelte dieser, »der Papa willigt ein, und ich
selbst will ihm seinen Koffer packen; denn darauf verstehe ich mich
vortrefflich.« --
»Geht, lieber Oheim!« mahnte Gasparde, »und macht Euch keine Sorge um
mich. Das ist von nun an die Sache meines Gemahls.« Und sie drückte
meine Hand an ihre Brust. Auch ich drang in den Rat, mit Montaigne zu
verreisen.
Da mit einem Male, wie wir Alle ihm zuredeten und ihn überzeugt
glaubten, fragte er: »Hat der Admiral Paris verlassen?« Und als er
hörte, Coligny bleibe und werde trotz des Drängens der Seinigen
bleiben, auch wenn sein Zustand die Abreise erlauben sollte, da rief
Chatillon mit glänzenden Augen und mit einer festen Stimme, die ich an
ihm kannte:
»So bleibe auch ich! Ich bin im Leben oftmals feig und selbstsüchtig
gewesen; ich stand nicht zu meinen Glaubensgenossen, wie ich sollte; in
dieser letzten Stunde aber will ich sie nicht verlassen.«
Montaigne biß sich die Lippe. Unser Aller Zureden fruchtete nun nichts
mehr, der Alte blieb bei seinem Entschlusse.
Jetzt klopfte ihm der Gascogner auf die Schulter und sagte mit einem
Anfluge von Hohn:
»Alter Junge, du betrügst dich selbst, wenn du glaubst, daß du aus
Heldenmut so handelst. Du tust es aus Bequemlichkeit. Du bist zu träge
geworden, dein behagliches Nest zu verlassen, selbst auf die Gefahr
hin, daß der Sturm es morgen wegfegt. Das ist auch ein Standpunkt, und
in deiner Weise hast du Recht.«
Jetzt verwandelte sich der spöttische Ausdruck auf seinem Gesichte in
einen tief schmerzlichen, er umarmte Chatillon, küßte ihn und schied
eilig.
Der Rat, welcher seltsam bewegt war, wünschte allein zu sein.
»Verlaßt mich, Schadau!« sagte er, mir die Hand drückend, »und kommt
heute Abend noch einmal vor Schlafengehen.« --
Gasparde, die mich begleitete, ergriff unter der Türe plötzlich das
Reisepistol, das noch in meinem Gürtel stak.
»Laß das!« warnte ich. »Es ist scharf geladen.«
»Nein,« lachte sie, den Kopf zurückwerfend, »ich behalte es als
Unterpfand, daß du uns diesen Abend nicht versäumst!« und sie entfloh
damit ins Haus.
[Illustration]
Achtes Kapitel.
Auf meinem Zimmer lag ein Brief meines Oheims im gewohnten Format, mit
den wohlbekannten altmodischen Zügen überschrieben. Der rote Abdruck
des Siegels mit seiner Devise: ~Pèlerin et Voyageur!~ war diesmal
unmäßig groß geraten.
Noch hielt ich das Schreiben uneröffnet in der Hand, als Boccard ohne
anzuklopfen hereinstürzte.
»Hast du dein Versprechen vergessen, Schadau?« rief er mir zu.
»Welches Versprechen?« fragte ich mißmutig.
»Schön!« versetzte er mit einem kurzen Lachen, das gezwungen klang.
»Wenn das so fortgeht, so wirst du nächstens deinen eignen Namen
vergessen! Am Vorabende deiner Abreise nach Orleans, in der Schenke zum
Mohren, hast du mir feierlich gelobt, dein längst gegebenes Versprechen
zu lösen und unsern Hauptmann Pfyffer einmal zu begrüßen. Ich lud dich
dann in seinem Auftrage zu seinem Namensfeste in das Louvre ein.
Heute nun ist Bartholomäustag. Der Hauptmann hat zwar viele Namen,
wohl acht bis zehn; da aber unter diesen allen der geschundene Barthel
in seinen Augen der größte Heilige und Märtyrer ist, so feiert er als
guter Christ diesen Tag in besonderer Weise. Bliebest du weg, er legte
dir's als hugenottischen Starrsinn aus.« --
Ich besann mich freilich, von Boccard häufig mit solchen Einladungen
bestürmt worden zu sein und ihn von Woche zu Woche vertröstet zu haben.
Daß ich ihm auf heute zugesagt, war mir nicht erinnerlich, aber es
konnte sein.
»Boccard,« sagte ich, »heute ist mir's ungelegen. Entschuldige mich
bei Pfyffer und laß mich zu Hause.«
Nun aber begann er, auf die wunderlichste Weise in mich zu dringen,
jetzt scherzend und kindischen Unsinn vorbringend, jetzt flehentlich
mich beschwörend. Zuletzt fuhr er auf:
»Wie? Hältst du so dein Ehrenwort?« -- Und unsicher wie ich war, ob
ich nicht doch vielleicht mein Wort gegeben, konnte ich diesen Vorwurf
nicht auf mir sitzen lassen und willigte endlich, wenn auch bitter
ungern, ein, ihn zu begleiten. Ich marktete, bis er versprach, in einer
Stunde mich freizugeben, und wir gingen nach dem Louvre.
Paris war ruhig. Wir trafen nur einzelne Gruppen von Bürgern, die sich
über den Zustand des Admirals flüsternd besprachen.
Pfyffer hatte ein Gemach zu ebener Erde im großen Hofe zu Louvre inne.
Ich war erstaunt, seine Fenster nur spärlich erleuchtet zu sehen
und Totenstille zu finden statt eines fröhlichen Festlärms. Wie wir
eintraten, stand der Hauptmann allein in der Mitte des Zimmers, vom
Kopfe bis zu den Füßen bewaffnet und in eine Depesche vertieft, die er
aufmerksam zu lesen, ja zu buchstabieren schien, denn er folgte den
Zeilen mit dem Zeigefinger der linken Hand. Er wurde meiner ansichtig
und, auf mich zutretend, fuhr er mich barsch an:
»Euern Degen, junger Herr! Ihr seid mein Gefangener.« -- Gleichzeitig
näherten sich zwei Schweizer, die im Schatten gestanden hatten. Ich
trat einen Schritt zurück.
»Wer gibt Euch ein Recht an mich, Herr Hauptmann?« -- rief ich aus.
»Ich bin der Schreiber des Admirals.«
Ohne mich einer Antwort zu würdigen, griff er mit eigner Hand nach
meinem Degen und bemächtigte sich desselben. Die Überraschung hatte
mich so außer Fassung gebracht, daß ich an keinen Widerstand dachte.
»Tut Eure Pflicht!« befahl Pfyffer. Die beiden Schweizer nahmen mich
in die Mitte, und ich folgte ihnen wehrlos, einen Blick grimmigen
Vorwurfs auf Boccard werfend. Ich konnte mir nichts anders denken, als
daß Pfyffer einen königlichen Befehl erhalten habe, mich wegen meines
Zweikampfes mit Guiche in Haft zu nehmen.
Zu meinem Erstaunen wurde ich nur wenige Schritte weit nach der mir
wohlbekannten Kammer Boccards geführt. Der eine Schweizer zog einen
Schlüssel hervor und versuchte zu öffnen, aber vergeblich. Es schien
ihm in der Eile ein unrechter übergeben worden zu sein, und er sandte
seinen Kameraden zurück, um von Boccard, der bei Pfyffer geblieben war,
den rechten zu fordern.
In dieser kurzen Frist vernahm ich lauschend die rauhe, scheltende
Stimme des Hauptmanns: »Euer freches Stücklein kann mich meine Stelle
kosten! In dieser Teufelsnacht wird uns hoffentlich keiner zur Rede
stellen, doch wie bringen wir morgen den Ketzer aus dem Louvre fort?
Die Heiligen mögen mir's verzeihn, daß ich einem Hugenotten das Leben
rette -- aber einen Landsmann und Bürger von Bern dürfen wir von diesen
verfluchten Franzosen auch nicht abschlachten lassen -- da habt Ihr
wiederum Recht, Boccard ...«
Jetzt ging die Türe auf, ich stand in dem dunklen Gelaß, der Schlüssel
wurde hinter mir gedreht und ein schwerer Riegel vorgeschoben.
Ich durchmaß das mir von manchem Besuche her wohlbekannte Gemach, in
quälenden Gedanken auf und nieder schreitend, während sich das mit
Eisenstäben vergitterte, hochgelegene Fenster allmählich erhellte,
denn der Mond ging auf. Der einzige wahrscheinliche Grund meiner
Verhaftung, ich mochte die Sache wenden, wie ich wollte, war und blieb
der Zweikampf. Unerklärlich waren mir freilich Pfyffers unmutige letzte
Worte; aber ich konnte dieselben mißhört haben, oder der tapfere
Hauptmann war etwas bezecht. Noch unbegreiflicher, ja haarsträubend
erschien mir das Benehmen Boccards, dem ich nie und nimmer einen so
schmählichen Verrat zugetraut hätte.
Je länger ich die Sache übersann, in desto beunruhigendere Zweifel und
unlösbarere Widersprüche verstrickte ich mich.
Sollte wirklich ein blutiger Plan gegen die Hugenotten bestehn? War
das denkbar? Konnte der König, wenn er nicht von Sinnen war, in die
Vernichtung einer Partei willigen, deren Untergang ihn zum willenlosen
Sklaven seiner ehrgeizigen Vettern von Lothringen machen mußte?
Oder war ein neuer Anschlag auf die Person des Admirals geschmiedet,
und wollte man einen seiner treuen Diener von ihm entfernen? Aber ich
erschien mir zu unbedeutend, als daß man zuerst an mich gedacht hätte.
Der König hatte heftig gezürnt über die Verwundung des Admirals. Konnte
ein Mensch, ohne dem Wahnsinne verfallen zu sein, von warmer Neigung
zu stumpfer Gleichgültigkeit oder wildem Hasse in der Frist weniger
Stunden übergehn?
Während ich so meinen Kopf zerarbeitete, schrie mein Herz, daß mein
Weib mich zu dieser Stunde erwarte, die Minuten zähle, und ich hier
gefangen sei, ohne ihr Nachricht geben zu können.
Noch immer schritt ich auf und nieder, als die Turmuhr des Louvre
schlug; ich zählte zwölf Schläge. Es war Mitternacht. Da kam mir der
Gedanke, einen Stuhl an das hohe Fenster zu rücken, in die Nische zu
steigen, es zu öffnen und, an die Eisenstäbe mich anklammernd, in die
Nacht auszuschauen. Das Fenster blickte auf die Seine. Alles war still.
Schon wollte ich wieder ins Gemach herunterspringen, als ich meinen
Blick noch über mich richtete und vor Entsetzen erstarrte.
Rechts von mir, auf einem Balkon des ersten Stockwerks, so nahe,
daß ich sie fast mit der Hand erreichen konnte, erblickte ich, vom
Mondlicht taghell erleuchtet, drei über das Geländer vorgebeugte,
lautlos lauschende Gestalten. Mir zunächst der König mit einem Antlitz,
dessen nicht unedle Züge die Angst, die Wut, der Wahnsinn zu einem
Höllenausdruck verzerrten. Kein Fiebertraum kann schrecklicher sein als
diese Wirklichkeit. Jetzt, da ich das längst Vergangene niederschreibe,
sehe ich den Unseligen wieder mit den Augen des Geistes -- und ich
schaudere. Neben ihm lehnte sein Bruder, der Herzog von Anjou, mit
dem schlaffen, weibisch grausamen Gesichtchen, und schlotterte vor
Furcht. Hinter ihnen, bleich und regungslos, die Gefaßteste von Allen,
stand Katharina die Medicäerin mit halbgeschlossenen Augen und fast
gleichgültiger Miene.
Jetzt machte der König, wie von Gewissensangst gepeinigt, eine
krampfhafte Geberde, als wollte er einen gegebenen Befehl zurücknehmen,
und in demselben Augenblicke knallte ein Büchsenschuß, mir schien im
Hofe des Louvre.
»Endlich!« flüsterte die Königin erleichtert, und die drei
Nachtgestalten verschwanden von der Zinne.
Eine nahe Glocke begann Sturm zu läuten, eine zweite, eine dritte
heulte mit; greller Fackelschein glomm auf wie eine Feuersbrunst,
Schüsse knatterten, und meine gespannte Einbildungskraft glaubte
Sterbeseufzer zu vernehmen.
Der Admiral lag ermordet, daran konnte ich nicht mehr zweifeln. Aber
was bedeuteten die Sturmglocken, die erst vereinzelt, dann immer
häufiger fallenden Schüsse, die Mordrufe, die jetzt von fern an mein
lauschendes Ohr drangen? Geschah das Unerhörte? Wurden alle Hugenotten
in Paris gemeuchelt?
Und Gasparde, meine mir vom Admiral anvertraute Gasparde, war mit dem
wehrlosen Alten diesen Schrecken preisgegeben! Das Haar stand mir zu
Berge, das Blut gerann mir in den Adern. Ich rüttelte an der Türe aus
allen Kräften, die eisernen Schlösser und das schwere Eichenholz wichen
nicht. Ich suchte tastend nach einer Waffe, nach einem Werkzeuge, um
sie zu sprengen, und fand keines. Ich schlug mit den Fäusten, stieß mit
den Füßen gegen die Türe und schrie nach Befreiung -- draußen im Gange
blieb es totenstill.
Wieder schwang ich mich auf in die Fensternische und rüttelte wie ein
Verzweifelter an dem Eisengitter, es war nicht zu erschüttern.
Ein Fieberfrost ergriff mich und meine Zähne schlugen auf einander.
Dem Wahnsinne nahe warf ich mich auf Boccards Lager und wälzte mich in
tötlicher Bangigkeit. Endlich, als der Morgen zu grauen begann, verfiel
ich in einen Zustand zwischen Wachen und Schlummern, der sich nicht
beschreiben läßt. Ich meinte mich noch an die Eisenstäbe zu klammern
und hinaus zu blicken auf die rastlos flutende Seine. Da plötzlich
erhob sich aus ihren Wellen ein halbnacktes, vom Mondlichte beglänztes
Weib, eine Flußgöttin, auf ihre sprudelnde Urne gestützt, wie sie in
Fontainebleau an den Wasserkünsten sitzen, und begann zu sprechen. Aber
ihre Worte richteten sich nicht an mich, sondern an eine Steinfrau,
die dicht neben mir die Zinne trug, auf welcher die drei fürstlichen
Verschwörer gestanden.
»Schwester,« frug sie aus dem Flusse, »weißt vielleicht du, warum sie
sich morden? Sie werfen mir Leichnam auf Leichnam in mein strömendes
Bett, und ich bin schmierig von Blut. Pfui, pfui! Machen vielleicht die
Bettler, die ich abends ihre Lumpen in meinem Wasser waschen sehe, den
Reichen den Garaus?«
»Nein,« raunte das steinerne Weib, »sie morden sich, weil sie
nicht einig sind über den richtigen Weg zur Seligkeit.« -- Und ihr
kaltes Antlitz verzog sich zum Hohn, als belache sie eine ungeheure
Dummheit ...
In diesem Augenblicke knarrte die Türe, ich fuhr auf aus meinem
Halbschlummer und erblickte Boccard, blaß und ernst, wie ich ihn noch
nie gesehen hatte, und hinter ihm zwei seiner Leute, von welchen einer
einen Laib Brot und eine Kanne Wein trug.
»Um Gotteswillen, Boccard,« rief ich und stürzte ihm entgegen, »was ist
heute Nacht vorgegangen? ... Sprich!«
Er ergriff meine Hand und wollte sich zu mir auf das Lager setzen. Ich
sträubte mich und beschwor ihn zu reden.
»Beruhige dich!« sagte er. »Es war eine schlimme Nacht. Wir Schweizer
können nichts dafür, der König hat es befohlen.«
»Der Admiral ist tot?« frug ich, ihn starr ansehend.
Er bejahte mit einer Bewegung des Hauptes.
»Und die andern hugenottischen Führer?«
»Tot. Wenn nicht der eine oder andere, wie der Navarrese, durch
besondere Gunst des Königs verschont blieb.«
»Ist das Blutbad beendigt?«
»Nein, noch wütet es fort in den Straßen von Paris. Kein Hugenott darf
am Leben bleiben.«
Jetzt zuckte mir der Gedanke an Gasparde wie ein glühender Blitz durchs
Gehirn, und alles andere verschwand im Dunkel.
»Laß mich!« schrie ich. »Mein Weib! mein armes Weib!«
Boccard sah mich erstaunt und fragend an. »Dein Weib? Bist du
verheiratet?«
»Gib Raum, Unseliger!« rief ich und warf mich auf ihn, der mir den
Ausweg vertrat. Wir rangen miteinander, und ich hätte ihn übermannt,
wenn nicht einer seiner Schweizer ihm zu Hilfe gekommen wäre, indeß der
andere die Türe bewachte.
Ich wurde auf das Knie gedrückt.
»Boccard!« stöhnte ich. »Im Namen des barmherzigen Gottes -- bei Allem,
was dir teuer ist -- bei dem Haupte deines Vaters -- bei der Seligkeit
deiner Mutter -- erbarm' dich meiner und laß mich frei! Ich sage dir,
Mensch, daß mein Weib da draußen ist -- daß sie vielleicht in diesem
Augenblicke gemordet -- daß sie vielleicht in diesem Augenblicke
mißhandelt wird! Oh, oh!« -- und ich schlug mit geballter Faust gegen
die Stirn.
Boccard erwiderte begütigend, wie man mit einem Kranken spricht: »Du
bist von Sinnen, armer Freund! Du könntest nicht fünf Schritte ins
Freie tun, bevor dich eine Kugel niederstreckte! Jedermann kennt dich
als den Schreiber des Admirals. Nimm Vernunft an! Was du verlangst, ist
unmöglich.« --
Jetzt begann ich, auf den Knieen liegend, zu schluchzen wie ein Kind.
Noch einmal, halb bewußtlos wie ein Ertrinkender, erhob ich das Auge
nach Rettung, während Boccard schweigend die im Ringen zerrissene
Seidenschnur wieder zusammenknüpfte, an der die Silbermünze mit dem
Bildnis der Madonna tief niederhing.
»Im Namen der Muttergottes von Einsiedeln!« -- flehte ich mit
gefalteten Händen.
Jetzt stand Boccard wie gebannt, die Augen nach oben gewendet und etwas
murmelnd wie ein Gebet. Dann berührte er das Medaillon mit den Lippen
und schob es sorgfältig wieder in sein Wams.
Noch schwiegen wir Beide, da trat, eine Depesche emporhaltend, ein
junger Fähndrich ein.
»Im Namen des Königs und auf Befehl des Hauptmanns,« sagte er, »nehmt
zwei Eurer Leute, Herr Boccard, und überbringt eigenhändig diese Ordre
dem Kommandanten der Bastille.« -- Der Fähndrich trat ab.
Jetzt eilte Boccard, nach einem Augenblicke des Besinnens, das
Schreiben in der Hand, auf mich zu:
»Tausche schnell die Kleider mit Cattani hier!« flüsterte er. »Ich will
es wagen. Wo wohnt sie?«
»Isle St. Louis.«
»Gut. Labe dich noch mit einem Trunke, du hast Kraft nötig.«
Nachdem ich eilig meiner Kleider mich entledigt, warf ich mich in die
Tracht eines königlichen Schweizers, gürtete das Schwert um, ergriff
die Hallebarde, und Boccard, ich und der zweite Schweizer, wir stürzten
ins Freie.
[Illustration]
Neuntes Kapitel.
Schon im Hofe des Louvre bot sich meinen Augen ein schrecklicher
Anblick. Die Hugenotten vom Gefolge des Königs von Navarra lagen hier,
frisch getötet, manche noch röchelnd, in Haufen übereinander. Längs der
Seine weiter eilend begegneten wir auf jedem Schritte einem Gräuel.
Hier lag ein armer Alter mit gespaltetem Schädel in seinem Blute,
dort sträubte sich ein totenblasses Weib in den Armen eines rohen
Lanzenknechts. Eine Gasse lag still wie das Grab, aus einer andern
erschollen noch Hilferufe und mißtönige Sterbeseufzer.
Ich aber, unempfindlich für diese unfaßbare Größe des Elends, stürmte
wie ein Verzweifelter vorwärts, so daß mir Boccard und der Schweizer
kaum zu folgen vermochten. Endlich war die Brücke erreicht und
überschritten. Ich stürzte in vollem Laufe nach dem Hause des Rats,
die Augen unverwandt auf seine hochgelegenen Fenster geheftet. An
einem derselben wurden ringende Arme sichtbar, eine menschliche
Gestalt mit weißen Haaren ward hinausgedrängt. Der Unglückliche, es war
Chatillon, klammerte sich einen Augenblick noch mit schwachen Händen an
das Gesims, dann ließ er es los und stürzte auf das Pflaster. An dem
Zerschmetterten vorüber erklomm ich in wenigen Sprüngen die Treppe und
stürzte in das Gemach. Es war mit Bewaffneten gefüllt, und ein wilder
Lärm erscholl aus der offenen Türe des Bibliothekzimmers. Ich bahnte
mir mit meiner Hallebarde den Weg und erblickte Gasparde, in eine Ecke
gedrängt und von einer gierigen, brüllenden Meute umstellt, die sie,
mein Pistol in der Hand und bald auf diesen, bald auf jenen zielend,
von sich abhielt. Sie war farblos wie ein Wachsbild, und aus ihren weit
geöffneten blauen Augen sprühte ein schreckliches Feuer.
Alles vor mir niederwerfend, mit einem einzigen Anlaufe, war ich an
ihrer Seite und »Gott sei Dank, du bist es!« rief sie noch und sank mir
dann bewußtlos in die Arme.
Unterdessen war Boccard mit dem Schweizer nachgedrungen. »Leute!«
drohte er, »im Namen des Königs verbiete ich euch, diese Dame nur mit
einem Finger zu berühren! Zurück, wem sein Leben lieb ist! Ich habe
Befehl, sie ins Louvre zu bringen!«
Er war neben mich getreten, und ich hatte die ohnmächtige Gasparde in
den Lehnstuhl des Rats gelegt.
Da sprang aus dem Getümmel ein scheußlicher Mensch mit blutigen
Händen und blutbeflecktem Gesichte hervor, in dem ich den vervehmten
Lignerolles erkannte.
»Lug und Trug!« schrie er, »das, Schweizer? -- Verkappte Hugenotten
sind's und von der schlimmsten Sorte! Dieser hier -- ich kenne dich
wohl, vierschrötiger Halunke -- hat den frommen Grafen Guiche gemordet,
und jener war dabei. Schlagt tot! Es ist ein verdienstliches Werk,
diese schurkischen Ketzer zu vertilgen! Aber rührt mir das Mädel nicht
an -- die ist mein!« --
Und der Verwilderte warf sich wütend auf mich.